Türkische Kaffeeabende

Gül Baba Straße, Budapest, von hier

Wenn von den ungarisch-türkischen Beziehungen und den gemeinsamen Elementen der Vergangenheit der beiden Nationen die Rede ist, werden die meisten Ungarn sicherlich zwei Dinge erinnern: die Zeit der osmanischen Herrschaft (1526-1686), und die legendäre türkische Gastfreundschaft, mit der die ungarischen Kardeșler (Brüder) in den ganzen Türkei vom Basaar von Istanbul bis Antalya empfangen werden.

Damit beenden sich aber die ungarisch-türkischen Beziehungen nicht. Sie reichen viel weiter, sowohl in Raum und Zeit. Ihre erste Zeitperiode, lange vor der Ankunft der ungarischen Stämme ins Karpatenbecken rund 896, ist nicht nur durch das schon erwähnte sprachliche Erbe bestätigt, sondern auch durch die von Béla Bartók und, in jüngerer Zeit, von János Sipos geforschten Gemeinsamkeiten unserer Volksmusik. Diese musikalische Parallelen wurden eindrucksvoll für ein breiteres Publikum von der marokkanisch-ungarischen Volkssänger Majda Mária Guessous. vermittelt.


Das von Béla Bartók in Osmaniye gesammelte türkische Vokslied „Kurt paşa çıktı Gozan'a“ (Kurt Pascha zieht in Kozan ein), und seine ungarische Version, die von Zoltán Kodály in Hontfüzesgyarmat gesammelt wurde: „Üveg az ablakom, nem réz“ (Mein Fenster ist Glas, nicht Kupfer), aufführt von Majda Mária Guessous. Siehe hier das Video.

Dieses orientalische Erbe steht in scharfem Kontrast zu den hundertfünfzig Jahren der osmanischen Herrschaft, deren indirekte Wirkung ist noch zu spüren, und die, streng genommen, ein bißchen früher begann und ein bißchen später endete, als es in der öffentlichen Meinung lebt: das frühere mit der zweiten, und diesmal erfolgreichen Belagerung von Belgrad im Jahre 1521, und das letztere mit dem Friede von Passarowitz in 1718, der die osmanischen Herrschaft auch im letzten Gebiet des historischen Ungarns, im Banat von Temesch beendete. Und die Zeitrahmen der direkten Beziehungen können noch weiter verbreitet werden, von den ersten militärischen Kontakten in den 1370er Jahren, und der anschließenden Entwicklung des südlichen Festungssystems, bis zum „letzten ungarisch-türkischen Krieg“, der 1791 beendet wurde.

Die Erinnerung an den Feindseligkeiten wurde im 19. Jahrhundert zunehmend durch einer neuen pro-türkischen Annäherung überschrieben, nicht unabhängig von der zeitgenössischen Politik (wie wir es auch in Verbindung mit Sándor Kégls persische Reise erwähnt haben.), als ein neues Kapitel des Nationalismus und der Suche nach die historischen Wurzeln der Nation. Diese Suche, sowie der beliebte Orientalismus des 19. Jahrhunderts wurden zur Quelle der kräftigen ungarischen Orientalistik. Es ist interessant, dass, obwohl die während der zentralasiatischen Reisen von Ármin Vámbéry gesammelten Kenntnisse für die Idee des Panturanismus einen Anstoß gaben, diese war nie so stark in Ungarn, wie in Finnland oder Japan, wo sie große Popularität genoß (der finlandische panturanische Verband hatte vierzigtausend Mitglieder vor dem Krieg), oder in der Türkei, wo es für eine Weile die offizielle Ideologie war.


Dies und vieles mehr wurde von Pál Fodor, Turkologist und Historiker, Generaldirektor des Instituts für Geschichte der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in seinem Vortrag „Ungarn und Türken in den Augen voneinander“ dargestellt. Der Vortrag wurde am 3 December in der Serie der Türkischen Kaffeeabende im Bobula-Palast des Yunus Emre Enstitüsü, das nach dem türkischen Sufi-Mystiker und Dichter genannte türkische Kulturinstitut veranstaltet.


Die jetzt vier Jahre alte Serie begann in vorbildlicher Weise als Bürgerinitiative. Ildikó Rüll und Ágnes Tóth, die Anglistik und Internationale Studien absolviert haben, organisieren sie von Monat zu Monat mit großer Begeisterung und Liebe für die türkische Kultur. Dank zu ihrer Anstrengung hat die Serie zum Flaggschiff des türkischen Kulturinstituts geworden. Vor der Vorlesung haben wir mit ihnen über die Kaffeeabend gesprochen, und Ágnes Tóth, die in der Zwischenzeit ist zu einer Vollzeit-Mitarbeiterin des Instituts geworden, äußerte auch über seine Betätigung.

Ágnes Tóth

Wann wurde das Institut gegründet, und welche sind seine Hauptziele und Programme?

Ágnes Tóth: Das Institut wurde offiziell im September 2013 eröffnet, aber wir hatten schon vorher eine Reihe von kulturellen Programmen organisiert. Die Kaffeeabende waren das erste Programm, das man in diesem Gebäude veranstaltet hat. Wir haben auch andere regelmäßige monatliche Veranstaltungen, wie die türkischen Filmabende, oder die „Yunus Emre-Gespräche“, nur in Türkisch. Wir haben auch einige Sonderereignisse, und nehmen an solchen populären Programmen wie die Nacht der Museen Teil, aber wir wollen auch mit anderen Veranstaltungsorten und akademischen Institutionen zusammenarbeiten. Im März hatten wir einen „Gül Baba Tag“, an dem wir mit der Ungarischen Akademie der Wissenschaften eine gemeinsame Konferenz sowie ein Konzert veranstaltet haben. Darüber hinaus unterrichten wir auch Türkisch. Vielleicht weichen wir von den anderen ähnlichen Institutionen darin ab, dass unsere Sprachlehrer sind ausschließlich Türken. Ja, jetzt haben wir auch einen ungarischen Lehrer, aber er hat auch in der Türkei gelernt, und wir fordern unsere Lehrer, akademische Qualifikationen an türkischen Universitäten und Diplom in türkischer Sprache und/oder Literatur zu haben.

Wie seht ihr, wie ist die Altersstruktur des Publikums an den Kaffeeabenden und anderen Veranstaltungen des Instituts?

Á. T.: Das hängt wirklich von den Programmen an. Zum Beispiel, die Filmabende werden von vielen jungen Leuten besucht, aber das Publikum der Kaffeeabende ist variabel, von den Studenten bis Leute in den siebziger Jahren. Ebenso haben wir im Tanzhaus und an den Sprachkursen Gymnasialschüler und Leute über siebzig. Es ist also sehr vielfältig. Natürlich versuchen wir, auch die junge Generationen zu erreichen, aber wir wollen nicht die wissenschaftlichen Themen zurückdrängen. Im Bereich der Musik wollen wir auch ein breites Spektrum aufweisen, von den Klassikern über Volksmusik bis Jazz. Wir haben schon alle Arten von Konzerten gehabt.

Wie haben sich die Kaffeeabende begonnen? Wie ist die Idee gekommen?


Ildikó Rüll

Ildikó Rüll: So Ági wie ich lebten in der Türkei, wir beide sind in seine Kultur verliebt, und beide kam nach Hause sehr begeistert, und waren auf der Suche nach Gelegenheiten, um diese Kultur auch zu Hause zu treffen. Wir trafen uns an einem dieser Ereignisse, und wir beschlossen, etwas regelmäßiges zu organisieren. Dies ist, wie die Kaffehausgespräche an jedem ersten Mittwoch veranstaltet wurden. Wir wollten einen unverbindlichen Gesprächsabend aufzustellen, jedes Mal ein Thema von dieser riesigen, kulturell vielfältigen Palette auswählend, dazu wir einen Experte einladen, aber wir bitten ihn, das Thema in nur 30 Minuten vorzustellen, und der Rest ist durch den Fragen des Publikums strukturiert, so dass diese Abende sind meist sehr interaktiv. Ich erinnere mich, wir begannen mit acht Teilnehmern, auf der Galerie eines kleinen Teehauses sitzend, es war sehr gemütlich. Später wurde das Gerücht verbreitet, jeder hat mehr Menschen eingeladen, wir wanderten von Ort zu Ort, und seit dem vergangenen Februar sind wir ständig hier. Das Institut war damals noch nicht offiziell eröffnet, aber wir waren froh, weil dies ist der beste Ort für diese Reihe, und sie waren auch froh, denn diese ist immer die Hauptveranstaltung des Instituts. Wir freuen uns, dass wir es geschafft haben, in vier Jahren eine ziemlich gute Basis zu ausgestalten. Wir sehen viele Stammgesichter, eine Gemeinschaft wurde gebildet, und wir auch lernen viel von dieser Nächten, weil keiner von uns ein Expert der Turkologie ist. Die Themen folgen unseren Interessenkreis, aber das Publikum kann auch Themen vorschlagen.

Á. T.: Und es ist auch wichtig, zu welchem Thema wir einen Redner finden, weil es gibt eine Vielzahl von Themen, die uns interessieren, aber es gibt keinen Expert darin.

Warum genau die türkische Kultur?

Á. T.: Wir selbst wissen noch nicht die Antwort auf diese Frage. (lacht)

I. R.: Ich pflegte zu sagen, dass es gibt Dinge, die man muss nicht unbedingt rational erklären.

Á. T.: Wir haben keine Familienbeziehungen. Unsere Story war einfach, dass wir beide nach Türkei furehn, und uns in sie verliebten. Ich war dort zunächst an einer Sommeruniversität, die von einer Studentenorganisation veranstaltet wurde. Es war denn, dass ich mich in das Land verliebte, und seitdem versuche ich, so oft wie möglich wiederzukehren.

I. R.: Und mein erstes Mal war eine private Reise. Vielleicht ist das, warum die türkischen Kaffeeabende so erfolgreich sind, weil wir es in einem anderen Licht betrachten, in der Tat ist jeder ein Außenseiter. Deshalb wollen wir unverbindliche Gespräche veranstalten, die bewusst von den akademischen Vorlesungen abweichen. Am Anfang sagen wir immer, dass es keine schlechten Fragen gibt, und jeder kann irgendwas fragen, und zu allem Bemerkungen haben. Oder wenn jemand denkt, dass er oder sie nur an den türkischen Kunsthandwerk interessiert ist, aber nicht an der Geschichte, dann nach ein paar Veranstaltungen können wir ihm zeigen, dass Geschichte und Literatur auch interessant sein kann, so können wir das Blickfeld derjenigen verbreiten, die sich bereits an den Themenkreis auf einer bestimmten Ebene interessiert waren.

Weißt ihr, wie viel ihr in der Türkei bekannt seid?

Á. T.: Nachrichten über das Institut erscheinen regelmäßig in der Türkei, denn es gibt eine Reihe von türkischen Nachrichtenagenturen, dessen Vertreter regelmäßig zu unseren Veranstaltungen kommen. Der erste Geburtstag des Instituts war zum Beispiel in der Türkei sehr stark angekündigt, aber ich weiß nicht, ob auch die Kaffeabende erwähnt wurden.

I. R.: Ich glaube, noch nicht, aber zum Glück in Ungarn sprechen immer mehr Leute über uns, und wir sind sehr froh, weil dies ist als eine Bürgerinitiative begonnen, hinter uns war niemand. Dies ist ein good news story, wie man eine solche Veranstaltung in Zusammenarbeit mit anderen starten kann.

Es war sicher nicht einfach, es zu finanzieren, vor allem am Anfang…

Á. T: Ja, zunächst gingen wir zu Orten, wo wir keine Miete bezahlen mussten, und wir haben immer eine Schokolade auf unser eigenes Geld für den Redner gekauft, die, nebenbei bemerkt, vorlesen ganz ohne Bezahlung. Und dann, als das Ereignis wuchs, mussten wir größere Orte finden, wo wir Miete, und auch für die Technologie, die Beschallung, den Projektor bezahlen mussten. Wir lösten dies, indem wir mehrere türkische Geschäftsläute aufsuchten – nicht nur einen Sponsor, da auf diesesr Weise hätten sie uns wahrscheinlich nicht unterstützt, aber einen anderen Person jeden Monat, der die kleine Mietegebühr für uns bezahlte, und im Gegenzug haben wir sein Logo dargestellt und ihren Namen verkündet. Aber es gab auch einige Gelegenheiten, bei denen wir keinen Sponsor finden konnten, dann sammelten wir Spenden. Wie auch Ildi sagte, wir hatten viele wiedrkehrenden Gäste, die wussten, dass wir schon seit vielen Jahren an dieser Reihe arbeiten, und dass wir es wirklich liebten. Wir haben eine kleine Schachtel am Eigang gestellt, und wir haben gesagt, dass wenn ihnen der Abend gefallen ist, sie sollten mit einer kleinen Spend dazu beitragen…

I. R.: …und in der Tat, jeder trug mit fünfzig Cent, ein Euro bei, damit wir die Summe für die nächste Miete gesammelt haben. So konnten wir die nächste Gelegenheit mit ihnen und für sie organisieren.

Wie habt ihr die Sponsoren gewählt? Habt ihr beispielweise versucht, einen Sponsor zu finden, der mit dem Thema des Abends in Verbindung stand?

Á. T.: Nein, wir suchten sie auf nur auf der Grundlage der Bekanntschaft.

I. R.: Da es wir beide neben unserer Hauptarbeit taten, es war nicht so bewusst auf einer thematischen Linie organisiert. Jetzt, als Ági im Institut arbeitet, versuchen wir, auch die Kaffeeabende zu den sich jeden Monat oder zwei Monate ändernden Themen des Instituts zu anpassen.

Was sind eure Pläne für die Zukunft? Plant ihr auch andere Programme, zum Beispiel Stadtführungen mit Schwerpunkt auf den osmanischen Monumenten von Budapest?

Á. T.: Die regelmäßigen Veranstaltungen des Instituts gehen weiter, und wir werden sicherlich an der Nacht der Musen teilnehmen. Wie bisher, werden wir versuchen, ein spezielles Thema für jeden Monat zu finden. Die nächste Mai wird beispielweise etwas Besonderes sein, denn wir konzentrieren auf die Gastronomie, es wird traditionelle Frühstücken, Abendessen, Kochkurse geben.

I. R.: Viele Leute kommen zu uns, und sagen, wie gut es wäre, wenn wir thematische Stadtrundfahrten organisierten, so dass wir denken darüber. In Wirklichkeit hängt alles von unseren Ressourcen an, ob wir auch auf dies konzentrieren können, und genug Energie haben, um es zu organisieren. Aber es wäre sehr gut, jetzt, wenn eine Gemeinschaft bereits durch die Kaffeeabende geschafft wurde, an der wir schon bauen können.


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Fotos des Abends von Dániel Végel auf der Facebook Site des Yunus Emre Budapest

Rosa Postkarten 8.


[11. Dezember 1914.]
Name des Absenders: K. Timó, Budapest, 1. Infanterie-Regiment
Adresse des Absenders: 9. Marschkompanie, 2. Zug

Adresse: An das geehrte Fräulein Antónia Zajác
III. Bezirk, Kis Korona Straße 52.
Budapest



Mein lieber Sohn,
Jetzt bin ich voll in grau ausgestattet. Heute, am Freitag mittags werde ich nach Érd marschieren. Vielleicht werde ich am Sonntag nach Hause kommen.
Nächste Woche marschiere ich los.
Wenn ich am Sonntag nicht nach Hause komme, dann komm du am Montag Mittag. Ich werde für dich am Tor warten, aber am Hintertor, mein Vater weiß, wo er ist.
Gott sei mit dir. Umarmungen und Küsse, Károly
Grüße an die Leute in der Werkstatt, auch dem alten Mann, und deiner Mutter und Schwestern.



Vorige Briefe (in grau auf der Karte angegeben):

Budapest, 2. Dezember 1914
Budapest, 28. November 1914
Budapest, 27. November 1914
Budapest, 18. November 1914
Budapest, 27. Oktober 1914
Debrecen, 25. September 1914
Szerencs, 28. August 1914
[Wie auch immer wenden wir die Karte, es atmet eine unausgesprochene Verzweiflung. Für den grauen Soldat der grauen Truppe, die in der nächsten grauen Tagen losmarschieren wird, gibt es keine wirkliche Hoffnung, zu Weichnachten zu bleiben. Wenn sie bis dann mindestens ein paar Mal sich treffen könnten! Nachdem kann nur der göttliche Eingriff und Glück helfen, nach so vielen Schrecken und Angst einander wieder zu sehen.


In Bezug auf das, was einer in dieser grauen Uniform an der Front erwarten soll, kann man die Artikel des Kriegsberichterstatters der Pesti Napló lesen. Es bedarf keiner besondren Phantasie.]

Der Winterkrieg. „Die frühen Erwartungen an eine schnelle Beendigung des Krieges wurden nicht erfüllt… Aber unsere Soldaten werden nicht mehr im Winter als im Sommer leiden. Es ist wahr, dass das Leben eines Soldaten ist nicht bloßer Genuß, aber schließlich sind unsere Junge auf dem Schlachtfeld, und nicht in einem Luxushotel…“

Späti


Ein intelligenter, schöner Mann über einem dicken Buch gesessen bei später Stunde in der Goldschmiede an der Via delle Coppelli. Hier beginnt der Roman.

Regen in Rom


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Rosa Postkarten 7


Name des Absenders: Károly Timó, 1. Ungarische Köngliche Infanterie-Regiment
Adresse des Absenders: 9. Ersatzkompanie, 2. Zug

Adresse: An das geehrte Fräulein Antónia Zajác
III. Bezirk, Kis Korona Straße 52.
Budapest



am 2. December
Mein lieber Sohn.
Ich bin gerade von Szt.Lőrinc, aus der Übung gekommen. Es war ziemlich anstrengend, als ich auch die Ausrüstung mitbringen musste. Wir haben schon auch geschossen. Man sagt, dass wir auch Weihnachten hier verbringen werden, wenn nichts passiert, als wir die Graue [Uniform] nur am 15. bekommen werden. Wie geht es dir? Ich fühle mich gut, ich vermisse nur den schmu-Ju. Du kennst ihn, nicht wahr? Heute wollte ich nach Hause kommen, aber das Ausgehen wurde der ganzen Kompanie verboten, als es einen Kasernenarrest gab. Aber am Sonntag werde ich kommen, wenn möglich. Wenn nicht, dann so, wie wir es letzte Woche vereinbart haben, dass heißt, komm um fünf, aber zuerst schau auf uns.

Wie geht es deiner Mutter? Ist sie bereits besser?
Es gibt keine Nachrichten mehr, so schließe ich meine Zeilen.
Küsse und Umarmungen von deinem liebenden Károly.
Grüße an deine Mutter, Veronika und Mariska.
Sei gut, du M-us.


Vorige Briefe (in grau auf der Karte angegeben):

Budapest, 28. November 1914
Budapest, 27. November 1914
Budapest, 18. November 1914
Budapest, 27. Oktober 1914
Debrecen, 25. September 1914
Szerencs, 28. August 1914
„Dieser Tag ist ein Fest“
[Die vage und unbegründete Gerüchte nur steigern die Unsicherheit der Soldaten. Wenn sie am 15. Dezember die Graue, dass heißt, die für die Front bereite Marschuniform bekommen, dann wird es schon nicht genug Zeit geben, um vor Weihnachten abzumarschieren. Oder, im Gegenteil, es gibt genügend Zeit, um vor Weihnachten an die Front geliefert zu werden.

An der Nordfront gelingt es vielleicht, die russischen Truppen langsam über den Kamm der Karpaten zurückzudrängen. Deshalb warten sie immer noch in der Kaserne, wenn auch in der Graue, und hoffen insgeheim, dass die zur Auffüllung des 1sten Ungarischen Königlichen Regiments ausgebildeten Ersatzkompanien, Marschzüge, Marschkompanien, Landsturmbataillone, und die anderen, für die Zivilbevölkerung unlösbaren Einheiten noch bis Weihnachten in Budapest bleiben werden.

Nach so langer Zeit ist es schwierig, herauszufinden, was diese liebevolle Abkürzungen bedeuten. Wir werden nicht einmal versuchen.


Und schließlich ein Foto, auch vom Boden des Schuhkartons. Es stellt die in der Abschied am Ende der Postkarte genannten: nach links, die immer kranke Mutter, und nach rechts, Antónia (Janka). Die beiden Mädchen in der Mitte sind Mariska und Veronika (oder umgekehrt?)]

Nächste Postkarte: 11 Dezember 1914

Samtener Jahrestag


In fast allen osteuropäischen Ländern war 2014 das fünfundzwanzigste Jahr. Am 9 November fiel die Berliner Mauer, und am 17. November begann auf dem Prager Wenzelsplatz die Massenproteste, die ein Generalstreik geworden war, und bis zum Ende des Monats die tschechoslowakische kommunistische Führung stürtzte.


Gedenkfeiern haben während der ganzen Woche in Prag stattgefunden. Vor allem auf dem Wenzelsplatz, wo am Montag, 17 November sich Tausende versammelten (und auch gegen Präsident Miloš Zeman protestierten), und wo an der Statue des Heiligen Wenzels und am Jan Palach Denkmal unuterbrochen Kerzen beleuchtet werden.

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In der Wochenzeitung Respekt wurde ein Auswahl der Bilder veröffentlicht, die Karel Cudlín, ehemaliger persönlicher Fotograf von Präsident Václav Havel vor 25 Jahren gemacht hatte.

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Die enge Verknüpfung der Ereignisse von 1989 wird durch die Ausstellung des Nationaldenkmals auf dem Vítkov-Hügel illustriert, die darstellt, wie die nach Prag geflogenen Ostdeutschen im September 1989 erlaubt wurden, nach Westen weiterzufahren. Zusammen mit der ungarischen Grenzöffnung trug es zum Fall der Berliner Mauer bei, das dann zum Erfolg der Proteste von Prag beiwirkte.

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Die Buchhandlungen sind mit Biographien und Fotoalben von Václav Havel überschwemmt worden. In der Lucerna, die repräsentative Kulturpassage und Filmpalast neben dem Wenzelsplatz wurde ein einwöchiges „Filmfestival der Freiheit“ veranstaltet, das mit der feierlichen Premiere des ersten Films über Präsident Havels Leben, Život podle Václava Havla, „Das Leben nach Václav Havel“ endete. Der in Zusammenarbeit des Tschechischen Fernsehens und des französisch-deutschen Senders Arte realisierte Film wurde von Andrea Sedláčková von zweihundert Stunden von Dokumentarfilmen und mehreren Familienfotos zusammengesetzt. Er verfolgt Havels Leben von seiner Kindheit – und sogar vom Leben seiner Großeltern – sorgfältig ausgewogen und geschminkt, von jedem störenden Element gereinigt und geglättet. Der Film, der nach seiner eher negativen, aber tatsächlichen Rezension „für die Schulen, für das Jubiläum und für das ausländische Publikum“ verfertigt wurde, bietet eine kanonisierte Biographie des großen Präsidenten für die Nachwelt an. Es ist kein Zufall, dass die Filmvorführung in der Lucerna stattfand, die vom Großvater der Präsidenten, Vácslav Havel – ein führender Bauunternehmer von Prag am Anfang des 20. Jahrhunderts – erbaut wurde, und jetzt im Besitz Havels zweiten Ehefrau, Dagmar Havlová ist (dessen Verdienste sind im Film ordnungsgemäß hervorgehoben). Von nun an wird dies die Vergangenheit.

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Möwe


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Spurensicherung


Ich kaufte dieses Foto auf dem Mauerflohmarkt als Erinnerung, fünfundzwanzig Jahre nach der Eröffnung des Mauers, und … Jahre vor der Schließung des Flohmarkts.

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Der Blick der Statuen


In der Zeit der Gegenreformation, in der Champagne des 16. Jahrhunderts wurde es zur Gewohnheit, in den Kirchen Statuen zu errichten: viele, sehr realistische und komplett farbige Statuen – lebende Statuen, sozusagen. In Troyes, der Ort einer der wichtigsten Messen Europas, die zahlreichen Kirchen, jede mit ihren eigenen Zünften und Bruderschaften, hatten viele Steinfiguren, im Chor, an der Basis der Bogen, oder vom Gewölbe des Presbyteriums hinunterblickend.


Die meisten ihrer Bildhauer bleiben unbekannt. In der Regel haben sie ihre Werke nicht signiert, und ihre Verträge mit ihren Auftraggebern sind verschwunden. Es bleiben nur die Statuen, die noch heute still und aufmerksam in den Kirchen stehen. In Chaource, in der Nähe von Troyes, ist die Kirche mit mehr als hundert Statuen von einer hervorragenden Qualität eingerichtet. Und hier hat der Meister von Chaource eine der schönsten Grablegungen Europas hinterlassen.

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Man geht jenseits der großen Grisaille-Fenster des Jüngsten Gerichts, dann fünf Schritten unten. Der Ort ist eigentlich keine Krypta, noch eine Seitenkapelle, noch ein Grab – aber er sieht aus wie einer. Man steigt ein paar Schritte ins Zwielicht, fast in die Dunkelheit.

In die Dunkelheit eingetreten, bevor wir die Gruppe der Grablegung erblicken, weichen wir zurück angesichts der zwei steinernen Wachen, die auf beiden Seiten der Tür stehen.

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Die Wachen. Überlebensgroß, ihre Augen sind voller Angst. Seit 1515 beobachten sie, was sie nicht glauben, vor dem Einschlafen und Erwachen bei der Auferstehung. Seit 1515 stehen sie dort in ihren Renaissance-Kostümen, mit Speeren in der Hand.

Dann, als unsere Augen sich zum Halbdunkel gewöhnen, treten wir vor. Hier sind Nikodemus, die Jungfrau Maria, Johannes, Maria Salome und Maria Magdalena mit einer Vase voll mit Parfüm, Maria Kleophas, und Joseph von Arimathäa an den Füßen Christi. Und der Körper aus weißem Stein, völlig glatt von Jahrhunderten von Gestreichel. Alle Figuren sind größer als wir, eben genug, um uns in der Lage der Demut zu halten, während sie unaussprechlich menschlich sind. Die geduldigen und aufmerksamen Hände aus Stein pausen für einen Moment vor dem Schließen der Leichentuch. Und die Augen aus Stein schauen ohne Überquerung unseres Blickes, denn sie beobachten, was niemand je gesehen hat, und in ihrem Erstauen, dass sie es sehen, wenden sie sich wieder zu ihren eigenen Gedanken.

Hier, im Schatten begegnet man den Gedanken, er wartete für uns seit 1515, und man fühlt sehr klein vor ihm.

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