Ostern in Lwiw



Die orthodoxe Kirche in Lemberg wurde zu Ehren der Dormitio der Jungfrau Maria (Uspeńska/Успенська) errichtet, aber in der Stadt ist sie als „die walachische Kirche“ (Wołoska/Волоська) bezeichnet, weil seine erste Version wurde zwischen 1547 und 1549 vom moldauischen Fürsten Alexandru Lăpușneanu finanziert. Nachdem sie 1571 niederbrannte, wurde sie von 1574 an in der vorliegenden Form von der religiösen Bruderschaft der orthodoxen Kaufleute der Stadt, die Uspenska Orthodoxe Bruderschaft wieder aufgebaut.

Die Bruderschaft, die auch die orthodoxe Druckerei und Schule der Stadt betätigte, wurde in der 1530er Jahren von den ruthenischen, griechischen und moldauischen Kaufleuten von Lwów gegründet, um sich besser einerseits gegen die Assimilationsversuche des Patriarchen von Moskau (die Kirche der späteren Ukraine war zu dieser Zeit von Moskau unabhängig, und direkt dem Patriarchen von Konstantinopel untergeordnet) und andererseits der Bestrebungen der polnischen katholischen Kirche zu verteidigen, die 1596 einen großen Teil der orthodoxen in eine von Rom abhängige griechisch-katholische Kirche konvertierte. Die Hauptschirmherr der Kirche war ebenfalls ein moldauischer Fürst, Ieremia Movilă, der Vater des Metropoliten von Kiew Petro Mohyla, der, als wir darüber schon geschrieben haben, sich um die Schaffung einer westlich gebildeten ruthenischen orthodoxen Kirche bemühte, und dessen einzigartige Experiment nur durch die Russifizierungsmaßnahmen von Peter der Großen unterbrochen wurden.

Es ist deshalb kein Wunder, dass sich die Erscheinung der Kirche vom russischen Kirchenmodell unterscheidet. Sein fünfundsechsig Meter hoch Glockenturm, der nach seinem Erbauer, der kretische Kaufmann Konstantinos Korniaktos als Korniakt-Turm genannt wurde, erinnert italienische Renaissance-Stadttürme, und auch seine Schnitzereien Renaissance-Muster folgen. Im Einklang mit den früheren Bestrebungen nach Unabhängigkeit gehört sie heute wieder der autonomen Ukrainischen Orthodoxen Kirche, die dreimal, 1921, 1942 und 1990 wiederaufstand, und die auf den Druck des Moskauer Patriarchats immer noch nicht von den anderen orthodoxen Kirchen anerkannt ist.

woloska1 woloska1 woloska1 woloska1 woloska1 woloska1 woloska1 woloska1 woloska1 woloska1 woloska1

Am Karfreitagsnachmittag ist das Grab des am Kreuz gestorbenen Christus, in den Seitenkapellen der orthodoxen und griechisch-katholischen Kirchen errichtet, und wird durch die ganze Nacht von den Gläubigen in langen Schlangen besucht. Am nächsten Tag gehen alle Familien der Stadt in ukrainischen Trachten zu Fuß ins Freilichtsmuseum der russinischen Holzkirchen, wo die Lebensmittel, die si in kleinen Körben mitbringen, von morgens bis abends gesegnet wird. Dieses gesegnete Essen wird am Sonntag Morgen, nach der Nacht der Auferstehungsmesse und Prozession von den Familien gegessen. Man kann gesegnete Kuchen und Eier sogar am Buffet des Hotels finden.


Segen der Lebensmittel im Freilichtsmuseum von Lemberg, 11. April 2015.


woloska2 woloska2 woloska2 woloska2 woloska2 woloska2 woloska2 woloska2 woloska2 woloska2 woloska2 woloska2 woloska2 woloska2 woloska2 woloska2 woloska2 woloska2 woloska2 woloska2

Die Leute beginnt sich in der orthodoxen Kirche um halb zwölf zu versammeln. Sie verbreiten Teppiche auf den Steinboden, und verteilen die Prozessionsfahnen. Die Zeremonie beginnt kurz vor Mitternacht am heiligen Grab, wo der Schleier mit der Darstellung des toten Christus wird bald aufgehoben, und hinter der Ikonostase gebracht. Um Mitternacht verkünden sie inmitten großes Jubels die Auferstehung Christi, und eine Prozession läuft ab durch die Straßen von Lemberg. Wir kehren zum Haupteingang zurück, der nur einmal im Jahr – genau jetzt – geöffnet ist auf Antrag des Patriarchen, der die gute Nachricht bringt. Wir fahren zu Hause um ein Uhr, aber auf dem lokalen TV kann ich sehen, dass die Messe dauert bis vier Uhr morgens.


Orthodoxe Prozession und Auferstehungshymne, Lemberg, 11. April 2015.

woloska3 woloska3 woloska3 woloska3 woloska3 woloska3 woloska3 woloska3 woloska3 woloska3 woloska3 woloska3 woloska3 woloska3 woloska3 woloska3 woloska3 woloska3 woloska3

Armenisches Ostern


Das Licht strömt in Strahlen in die armenische Kathedrale von Lemberg. Die Kirche wurde 1362 von Armenier aus dem Krim nach dem Vorbild der mittelalterlischen armenischen Kirchen etwa dreitausend Kilometer vom alten Armenien gegründet, seine Wände sind von Jugendstilfresken in der Art von Klimt auf der Bestellung des armenisch-katholischen Erzbischofs Józef Teodorowicz vom in Russland geborenen und in Frankreich emigrierten polnischen Freiheitskämpfer und jüdischen Maler Jan Henryk de Rosen ausgeschmückt. Dies ist Lemberg.

Die Enthauptung Johannes des Täufers, Detail

Ein schöner Mann mit einem klugen Lächeln tretet an uns heran. „Wir Armenier feiern Ostern nicht jetzt, sondern eine Woche zuvor, wie Sie. Allerdings singe ich Ihnen ein von unseren Osterliedern. Es handelt vom Licht, das in die Dunkelheit des Grabes eindringt. So wie jetzt in die Kirche.“



Tadeos Gevorgyan, Lemberg

Am Ende des Gesanges zeigt er eine CD. „Armenische Liturgie, eine Aufnahme unseres Kirchenchors. Die Soli sind vom Dekan der Kirche, ein Mitglied der Oper gesungen.“ „Um nicht unbescheiden zu sein“, fügt er mit einem schelmischen Lächeln hinzu. „Und wir werden auch morgen während der Messe singen, kommen Sie und hören Sie zu.“

Später, im Gespräch über die armenische Gemeinschaft von Lemberg reflektiert er auf seine Vorstellung: „Ich bin oft hier, um mit den Besuchern zu sprechen. Ich finde es wichtig, dies zu tun, damit sie eine Beziehung zu unserer Gemeinde und unserer Kirche haben.“

armenian armenian armenian armenian armenian armenian armenian armenian armenian armenian armenian armenian armenian armenian armenian armenian

Weißes Ostern

Fröhliches Ostern! („Weißes Ostern in Rußland“, 1942. Aus der Sammlung von János Fellner)

Das Land der vergessenen Lieder


Reiters in traumhaften Landschaften, Menschen, die einen Ochsen zur Kirchentor führen, mit brennenden Kerzen auf seinen Hörnern, junge Mädchen singen alte Lieder mit nach innen gerichteten Blick. Und Türme überall, in Gruppen oder allein, geschlossene, dunkle Türme. Aaron Huey kommt seit sechszehn Jahren zu Swanetien zurück, seit dreizehn Jahren fotografiert er diese Region. Zehn seiner Fotos wurden in der Ausgabe von Oktober 2014 der National Geographic als Illustrationen zum schönen Essay Brook Larmers über Swanetien, aber in seinem Portfolio hat er fünf Mal mehr.


Chanters of St. Panteleimon: Aslanuri Mravaljmier. Begrüßungssong

svan1 svan1 svan1 svan1 svan1 svan1 svan1 svan1 svan1 svan1 svan1 svan1 svan1 svan1


„Im Laufe der Geschichte wüteten Araber, Mongolen, Perser und Osmanen in Georgien, einer Nahtstelle zwischen Europa und Asien. Die Heimat der Swanen jedoch, ein schmaler Streifen Land in den Schluchten des Kaukasus, blieb unbesiegt, bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Russen die Kontrolle übernahmen. Die Abgeschiedenheit hat Swanetiens Kultur geprägt und ihm seine historische Bedeutung gegeben. Wenn im Tiefland Gefahr drohte, schickten die Menschen ihre Ikonen und Preziosen zur Verwahrung hinauf in die Bergkirchen, die selbst reich ausgestattet waren. Swanetien wurde zur Schatzkammer Georgiens.

Vor allem aber bewahrten sie hinter dem Schutzwall der Berge eine noch viel ältere Kultur: ihre eigene. Schon im 1. Jahrhundert v. Chr. beschrieb der griechische Geograph Strabon die Swanen, die manche für die Nachkommen sumerischer Sklaven halten, als unerschrockene Krieger. Als sie im 5. oder 6. Jahrhundert erstmals mit dem Christentum in Berührung kamen, war ihre Identität schon fest geformt – mit einer eigenen Sprache, einer eigenen Musik und einem komplizierten Kodex von Ritterlichkeit, Rache und Gemeinschaftsjustiz.

Die schmucklosen Häuser der Dörfer Oberswanetiens ducken sich im Schatten von insgesamt 200 steinernen Wehrtürmen. Diese Bergfriede, zumeist zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert gebaut, sind das sichtbarste Zeichen einer lebenden Kultur, die auf wundersame Weise die Zeiten überdauert hat. In diesen Dörfern, die zu den höchstgelegenen und einsamsten im Kaukasus zählen, haben die Menschen ihre Traditionen genauso verbissen verteidigt wie ihre jeweilige Familienehre. »Swanetien ist ein lebendes Volkskundemuseum«, sagt Richard Bærug, ein norwegischer Akademiker und Hotelbesitzer, der sich um den Erhalt des Swanischen bemüht, einer schriftlosen Sprache. »Nirgendwo sonst gibt es einen Ort, wo noch die Bräuche und Rituale des europäischen Mittelalters gepflegt werden.«“



Zedashe Ensemble: Raidio. Song für Stieropfer


svan2 svan2 svan2 svan2 svan2 svan2 svan2 svan2 svan2 svan2 svan2 svan2 svan2 svan2

„Kaldani steht für das Überleben der swanischen Kultur – und auch dafür, wie bedroht sie ist. Der alte Mann ist einer der Letzten, die noch fließend Swanisch sprechen. Er ist auch einer der letzten Dorfschlichter, die bei Streitigkeiten gerufen werden, vom Diebstahl bis zur Blutrache. In Swanetien galt einst die Pflicht zur Verteidigung der Familienehre. Es gab so viele Dauerfehden, dass Experten davon ausgehen, dass die Wehrtürme nicht nur zum Schutz vor Angreifern und Lawinen gebaut wurden.

In den Wirren nach dem Zerfall der Sowjetunion lebte die Blutrache verstärkt wieder auf. »Ich hatte keine ruhige Minute mehr«, erzählt Kaldani. Meist handelte er einen Blutpreis aus (20 Kühe für einen Mord), und manchmal ließ er die Familien, die sich bekriegten, auch in der Kirche auf eine Ikone schwören und aneinander ein Taufritual vollziehen. »Das sorgt dafür, dass die nächsten zwölf Generationen keine Fehde mehr anfachen werden.«“



Mzetamze Ensemble: Iavnana. Heilsong


svan3 svan3 svan3 svan3 svan3 svan3 svan3 svan3 svan3 svan3 svan3 svan3 svan3 svan3

„Das Lied von Liebe und Rache beginnt leise, nur eine Stimme folgt der uralten Melodie. Andere fallen ein, und eine dichte Folge aus Harmonien und Gegenmelodien baut sich auf, wird immer intensiver, bis sie sich in einer einzigen Note von absoluter Klarheit auflöst. Es ist eine der ältesten polyphonen Musiken der Welt, eine komplexe Form, die aus zwei oder mehr gleichzeitigen Melodielinien besteht und um Jahrhunderte älter ist als das Christentum in Swanetien. Doch an diesem Herbstnachmittag ist niemand in dem ungeheizten Raum älter als 25.

Als die Probe vorbei ist, strömen die Musiker hinaus auf den Stadtplatz von Mestia, lachen, werfen einander Luftküsse zu – und tippen auf ihrem Mobiltelefon herum. »Wir sind alle bei Facebook«, sagt die 14-jährige Mariam Arghwliani, die im Jugendensemble »Laguscheda« antike Saiteninstrumente spielt, darunter eine L-förmige swanische Holzharfe. »Aber das heißt noch lange nicht, dass wir unsere Tradition vergessen.« Trotzdem wäre ihr Talent vielleicht untergegangen, wäre da nicht das Jugendprogramm gewesen, das der charismatische Kulturaktivist Pater Giorgi Tschartolani vor 13 Jahren auf den Weg brachte.

Tschartolani sitzt auf dem Friedhof seiner Kirche und erinnert sich an die postsowjetische Zeit, als die nach sieben Jahrzehnten kommunistischer Unterdrückung ohnehin geschwächte Kultur Swanetiens erneut in Gefahr geriet. »Das Leben war brutal«, sagt er und streicht über seinen langen Bart. Der Priester nickt in Richtung der Grabsteine; auf einigen sind Bilder der Männer eingraviert, die bei Fehden getötet wurden. »Die Dörfer starben aus, und unsere Kultur verschwand allmählich. Etwas musste geschehen.« Sein Programm, in dem Hunderte Schüler und Schülerinnen traditionelle Musik und Tanz lernen, war »ein Licht in der Dunkelheit«“.


Das Lagusheda Ensemble in Stary Sącz, Poland, am 1. Juni 2014

In dem von der National Geographic zusammengestellten Video spricht Aaron Huey über wie er Swanetien als Student und Backpacker kennenlernte, wie er bei einer Familie blieb, die ihn „adoptierten“, und wie er sich in dieses Land und diese Menschen verliebte, damit er in der Lage geworden ist, solche intime Bilder von ihnen zu machen.


„Das erste Mal, als ich nach Swanetien fuhr, habe ich nicht geplant, nach Swanetien zu fahren. Ich war auch kein Fotograf noch, ich war nur ein Backpacker. Aber dies war die Geschichte, die mich einen Fotograf gemacht hat. Ich traf einen deutschen Sprachwissenschaftler, der mir von einem Ort erzählt hat, wo die Leute noch eine Sprache sprechen, die nie geschrieben worden war, und der von 4-5 Tausende Meter hoch Gipfeln umgeben war. So hat mir dieser deutsche Sprachwissenschaftler eine Karte auf einer Serviette gezeichnet, die ich in mein Tagebuch eingezeichnet habe, und am nächsten Morgen setzte ich mich auf den Weg. Auf dem langen Busfahrt in die Berge, nach etwa zwei Stunden drehte sich eine Frau um, und sagte: „Wohin gehst du?“ Ich sagte ihr, dass wenn das Bus am Ende der Straße anhaltet, wird ich ablagern. „Nein, Kind. Bitte tu das nicht.“ Und sie nahm mich mit ihr, und sie nahm mich zu einer Hochzeit.

Diese Geschichten sind nicht nur darum, hübsche Fotos zu machen. Wir erzählen die Geschichten eines ganzen Volkes. Also, wenn wir die Geschichte recht erzählen, wir erhalten diese Dinge. Das ist unsere Aufgabe, diese Poesie zu bewahren. So viele Menschen haben noch nie von Swanetien, dieser Region von Georgien, und dieses Volk, die Swanen gehört, vielleicht ist dies das einzige, was sie jemals über dieses Volk lesen werden. Und ich denke, das ist es, was ich jetzt in allen meinen Projekten suche.“


Zwischen Ritual und Theater: die Berikaoba

Keenoba/Berikaoba in der Stadt Suram, die in der Regel am ersten Tag der Karwoche stattfindet. Postkarte vom Anfang des 20. Jahrhunderts aus Georgien

Während ihrer georgischen Rundfahrt wurde das Auto der zwei Entdecker von río Wang im Provinz Kakheti, entlang des Flusses Alazani von seltsamen Figuren angehalten, die bunte Kleidung und Masken trugen. Diese Maskerade war die Belebung einer der berühmtesten und ältesten georgischen Volksbräuche, die Berikaoba (ბერიკაობა).

toll toll toll toll toll toll toll toll toll toll toll

Der Name kommt vom kartvelischen Ber (ბერ), ʻKind’, und direkt von Berika (ბერიკა), ʻgeorgische Theatermaske’, versehen mit dem Suffix -oba (ობა), die eine Aktion signalisiert. Seine Geburt reicht zu den alten Fruchtbarkeits- und Widergeburtsfesten, sowie zum Kult der heidnischen Götter kviria und Telef zurück. Die typischen Themen der Berikaoba breiten vom explizit Erotischen durch die politische Satire zum sozialen Protest.

Eine ähnliche Tradition war die Keenoba (ყეენობა, von ʻKhan’), die Satire gegen die fremden Eroberer Georgiens und die Bürokratie der russischen Zaren. Dieses Thema war besonders beliebt in Tiflis am Ende des 19. Jahrhunderts.

Keenoba auf der Meidan von Tiflis. Illustration aus Летопись Грузии (Выпуск 1), 1913, bearbeitet von B. Esadze

Lado Gudiashvili: Keenoba, 1937, auf der gleichen Meidan

berikaoba berikaoba berikaoba berikaoba berikaoba
Darstellungen der Keenoba vom armenischen naiven Maler der alten Tiflis, Vagharshak Elibekyan

Keenoba am Anfang des 20. Jahrhunderts in Tiflis, auf Golovin (heute Rustaveli) Avenue

Die Schauspieler der Berikaoba, genannt Berikas werden von verschiedenen Spielstrukturen unterstützt, die sich über viele Generationen entwickelt haben, und von dem etwa hundert in schriftlicher Form erhalten wurden. Die Berikaoba-Aufführungen waren überwiegend antiklerikal in der Natur, und gegen die Macht der Großgrundbesitzer gerichtet. Die typischen Berikaoba-Masken sind der Bräutigam, die Braut, der Heiratsvermittler, der Richter, der Arzt, der Priester, das Schwein, die Ziege, der Bär, und dergleichen.

„Während der Aufführung kommt zu Licht, was normalerweise versiegelt und der alltäglichen Beobachtung und Argumentation unzugänglich ist, und in der Tiefe des soziokulturellen Lebens liegt. – Dilthey deutet darauf, dass Ausdruck von ausdrücken, das heißt, ʻausstießen’ oder ʻauspressen’ kommt, […] Die aufgeführte Erfahrung ist ein Prozess, der „herausspresst“, und dadurch zum „Ausdruck“ wird, der die Vorstellung krönt.“ (Turner * 1986:36)

Mit der Maskerade initiieren die Akteure ein Spiel der Identitäten, das ihnen ermöglicht, durch die Verkleidung mehrere Identitäten gleichzeitig zu tragen.

gudiashvili gudiashvili gudiashvili
Lado Gudiashvili: Illustrationen zu D. Rukhadzes Berikaoba, 1966




Die Berikaoba wird durch mehrere Akteure – ausschließlich von Männern – aufgeführt. Die meisten von ihnen tragen aus Tierleder hergestelle Masken mit zusätzlichen Ergänzungen: Schwanze, Federn, Hörner, Kürbismasken, sowie Bändern und Glocken, um den Spektakel zu erhöhen. Das Fest beginnt mit der Versammlung der Dorfbwohner, die die Akteure der Berikaoba auswählen. Die Prozession der Berikas, begleitet vom Klang der Dudelsäcke (stviri, სტვირი), geht von Tür zu Tür, um dan vom Wirt angebotenen Wein, Honig, Mehl, Fleisch und andere Lebensmitteln zu sammeln. Die Hauptfiguren der Prozession sind die „Braut“, die sogenannte Kekela (კეკელა), und der „Bräutigam“, der nach einer Reihe von Versuchen überredet Kekela, sie zu heiraten. Die Hochzeit wird durch das Auftreten eines „Tatars“ unterbrochen, das ein deutlicher Hinweis auf die jahrhundertelangen Invasionen Georgiens von seinen gewaltigen muslimischen Nachbarn ist. Der „Tatar“ tötet den „Bräutigam“, und die Leute versuchen, Kekela zu trösten, und versprechen ihr, einen besseren Mann für sie zu finden. Während die Berikas versuchen, den Bräutigam mit Heilwasser, Kräutern und Mineralien zu auferwecken, verbreitet sich die Nachricht über die Entführung von Kekela. Das bringt schließlich den Bräutigam wieder zum Leben. Er jagt die Entführer und befreit seine Braut. Die Aufführung endet mit einem langen Fest, die traditionelle Supra.

Traditionelle Keenoba-Spieler. Foto von A. Ajvazov, 1890, von hier

Prinz Ilja Tschawtschawadse, der „Gründervater“ des modernen Georgiens hat auch an einer Keenoba-Feier 1893 teilgenommen.

Detaillierte Beschreibungen der Berikaoba sind in literarischen Werken seit dem 17. Jahrhundert zu finden. Berikaoba-Spiele finden in der Regel am Ostern und an anderen religiösen Feiertagen, Hochzeiten und ähnlichen Anlässen statt. Die einzige obligatorische Regel des Spiels ist, dass die Rollen nur von Menschen ausgeführt werden können. Die Berikaoba folgenden Lieder und Musik werden Berikuli (ბერიკული) genannt. Diese Tradition hat bis zum Ende des 19. Jahrhunderts übergelebt.

Doch, wie unsere Forscher erleben könnten, lebt die Tradition immer noch, insbesondere unter jungen Menschen, als eine Erfahrung der von Turner angeführten „anderen Zeit“ und „neuen Identitäten“, oder einfach als eine Form der Unterhaltung.

Mittelalterliche Berikaoba-Szene in der Festung von Gremi (die wir werden auch besuchen), von einem alten georgischen Film. Zur modernen Masken der Berikaoba siehe dieses Video.

Armenische Bilder, 1977


Wir müssen nicht Gábor Illés unseren Lesern vorstellen. Diejenigen, die mit uns reisen, kennen ihn gut von den Tours von río Wang, und diejenigen, die uns nur lesen, von seinen fantastischen Fotos, die er regelmäßig in den Berichten „Zusammen in…“ nach unseren Reisen veröffentlicht (hier gesammelt). Dies ist sein erster unabhängiger Post hier in río Wang, der beweist, dass er vor 38 Jahren ebenso guter Fotograf war, wie heute. Historische Bilder aus der ehemaligen Provinz eines verschwundenen Imperiums.

In einem Post von 2013 (Armenia – stops, movement, colors) hat Catherine ein deprimierendes Bild über den aktuellen Stand der Dinge in Armenien gemalt. Vor allem über die „Städte der Täler“, die im 19. Jahrhundert der Industialisierung geopfert, und im 20. Jahrhundert endgültig vom Kommunismus und Stalinismus an den Rand gedrängt wurden. Sie kontrastiert sie mit den „Hügeln mit Blick auf die Täler“, wo einmal Dörfer und Kirchen lebten, die „ihre Türe den Passanten, den Reisenden, den Wanderer geöffnet haben“.

Und trotzdem, um einen positiven Schlußwort zu haben, schließt sie den Post mit dem Foto (von etwa 1910) einer jungen armenischen Frau in festlichem Kleid, stehend in einer frischen Frühlingsumgebung, mit diesem Satz: „Frühling kommt bestimmt schon bald.“

Ich  kann mit ihr nicht streiten.

Entweder mit der Diagnose, oder mit der Tatsache, dass es immer Hoffnung gibt.

Ich bin dem Schicksal dankbar, dass ich 1977 einen langen Monat in Armenien verbringen konnte. Der Anlass wurde von einem Jugendaustauschlager angeboten, damals sehr verbreitet unter den Länder des sozialistischen Blocks. Bis jetzt habe ich es geschafft, die meisten der damals aufgenommenen dreihundert Farbdias zu digitalisieren, und mit einer großen Freude vertraue ich dem Wirt dieses Blogs an, sie in einen Fotopost zusammenzusetzen.

Ich fühle, dass meine vor 38 Jahren aufgenommenen Fotos den Post von Catherine unterstützen. Die überwiegende Mehrheit von ihnen stellen die Klöster dar, die seit Jahrhunderten oder mehr als tausend Jahren im Hochland standen, die unglaublich aufwendigen Kreuzsteine, und die wunderschöne armenische Landschaft. Und es ist kein Zufall, dass fast keine Stadt (keine moderne Stadt) darunter erscheint. Ist dies der Fall, denn ist es eher für die Zwecke der Kontrast (ein Abschreckungsbeispiel).

Keiner von uns hatte einen Plan darüber, was in diesem Land zu sehen. Damals, nicht wahr, gab es kein Internet, kein Lonely Planet. Um ehrlich zu sein, hätten wir auch nicht erwarten sollen, dass wir reisen können. Wir waren jung, wir hatten fast kein Geld, und im Hinblick auf die sowjetischen Gesetze der Zeit hätten wir ohne einer Sondererlaubnis nicht einmal nach außerhalb der Stadt ausgehen. Es stellte sich heraus, dass Trampen sehr gut funktioniert, und dass es praktisch keine Kontrolle gab. Von Sewan (unsere Stadt) und Eriwan könnten wir jeden Punkt des Landes, und sogar Tiflis in Georgien erreichen.

In Bezug auf die Ziele verließen wir uns – neben unserer Instinkte und natürlich vielem Glück – auf die dort gekauften Postkarten, auf denen fantastische historische Kirchen lockten uns zu mehr und mehr Abenteuer an. Im Laufe der Zeit hat ein Poster mit dem Titel „Illustrated Guide-Map of Historical Architectural Monuments of Soviet Armenia“ zu unserer Bibel geworden, das die ungefähre Position der wichtigsten Monumente darstellte.

Was die Bilder belangt, hatte ich nur ein 50mm Kit Objektiv zu meiner Practica Super TL, und das Rohmaterial wurde auf 7 oder 8 Rollen ostdeutschen Orwo-Diafilm begrenzt.

Viele Fotos würden natürlich eine Geschichte brauchen, aber jetzt lassen wir die Bilder für sich zu sprechen.

Gábor

Hasmik Harutyunyan: Nazani. Vom Album Armenia Anthology.

Die Gipfel des Kaukasus aus dem Flugzeug Kiew-Eriwan

arm1 arm1 arm1 arm1 arm1 arm1 arm1 arm1 arm1 arm1 arm1 arm1 arm1 arm1 arm1 arm1 arm1 arm1 arm1 arm1 arm1 arm1 arm1 arm1

Über die Berge im Norden von Sewan

arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2 arm2


arm3 arm3 arm3 arm3 arm3 arm3 arm3 arm3 arm3 arm3 arm3 arm3 arm3 arm3 arm3 arm3 arm3 arm3 arm3 arm3 arm3 arm3 arm3


arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4 arm4

Hovhannavank (siehe auch hier und hier)

arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5 arm5

Landschaft in der Nähe von Geghard

arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6 arm6


Karte der armenischen Klöster mit armenischem und englischem Text
Unten: Die fotografierten Klöster auf der heutigen Karte