Zeichen


Tiflis ist eine Stadt, die an der Kreuzung von Kulturen und Welten liegt, zwischen West und Ost, und vielleicht sollte man auch sagen, zwischen Nord und Süd. Lange waren ihre mächtigen Nachbarn nach dieses Land gierig, und lange haben sie versucht, hier festen Boden zu fassen. Deshalb wurde Tiflis im Verlauf ihrer langen Geschichte vielmals bestürmt, zerstört, und wieder aufgebaut.

Wenn man in der Alstadt bummelt, kann dafür viele Beweise finden, aber die Gebäude – mit der Ausnahme einiger bemerkenswerten historischen Bauten, meistens Kirchen – sind größtenteils neu, sie wurden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gebaut. Die schönste und eindruckvollste Struktur der Stadt ist das Netzwerk von kleinen Straßen, die durch Vierteln von baufälligen Gebäuden leiten, wo die Reparaturen, wenn man überhaupt darum kümmert, eine entschiedene improvisierte Qualität haben.

Diese fast zufällige Einstellung spiegelt sich auch auf den Wänden der Gebäude, die dieses Spinnennetz von Gässchen zieren. Sie sind auffällig nicht nur wegen der Fülle ihrer handschriftlichen Zeichen, sondern auch wegen der Art, wie sie in verkürzter Form auf die tief geschichtete und multiethnische Geschichte dieser alten Stadt andeuten. Schreiben, Einkratzungen und Signalen in mindestens drei Buchstaben, und sogar noch mehr Sprachen begleiten den Passanten auf jeder Straße, wo die Grundstücksentwickler noch nicht festen Boden gefassen haben.

Es scheint eine feine Erscheinung, fast ätherisch, und zu zerbrechlich dazu, dass man es für langdauernd halten könnte. An jeder Ecke erwartet man, dass die Geister aus dem Halbdunkel vortreten. Aber Tiflis entwickelt sich rasant, und wie lange noch diese malerische Viertel dauern werden, mit ihren schattenhaften und romantischen Schauplätzen, wo schwarz gekleidete alte Leute auf den ungepflasterten steilen Straßen heraufsteigen, im Staub Knaben spielen, und faule Katzen in der Sonne baden, kann sich jeder vorstellen.


Ensemble Soinari: Nobody refused. Von der CD Idjassi (2005)


marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks marks


Der armenische Iran, von Tabriz bis Jolfa


Earlier:
Armenian monasteries in Iran
Armenian cemetery in Julfa
Ich kam in Tabriz in den späten Nachmittag. In der Nähe der Blauen Moschee traf ich das Mädchen, die für eine Woche mein Gastgeber wird. Eingewickelt in ihrer schwarzer islamischer Kleidung, sie war frankophon, lebendig, bereit zur Diskussion und erkenntnisfroh. Zusammen mit ihr und ihrem Freund, einem launischen Teenager durchstreiften wir Tabriz im Sonnenuntergang. Ich weiß schon nicht, wie sie über die Armeniern von Tabriz sprechen begann: sie sind Christen, die sollten mich interessieren. Ja, sie sind viele, nein, sie kennt sie nicht, ja, sie haben Schulen und Gemeinschaftshäuser, sogar Kirchen. Wer weiß, vielleicht sollte man in Tabriz armenisch lernen.

So, die Kirchen.

Sie wurde begeistert. Ja, es gibt Kirchen, aber sie weiß nicht genau, wo. Nein, sie war noch nie dort, sie weiß nicht, wie eine Kirche aussieht, und außerdem dachte sie, dass als Muslim wäre es ihr verboten, eine Kirche zu betreten. Allerdings, sagt ihr Freund, bezieht sich dieses Verbot auf mich nicht… aber zu diesem Zeitpunkt war es schon dunkel. Sie fragten die Ladenbesitzer der Gegend. Ja, die Kirche ist dort versteckt, in jenem Block von Häusern. Wir mußten viele kleinen Gassen durchbrechen, eine Sackgasse durchstreifen, und wir waren da. Ein Tor, eine Gegensprechanlage, eine lange Diskussion. Der Wächter, der den Tor für uns öffnet, wirft einen Blick auf das in Tschador gehüllte Mädchen, und lässt sie als erste ein: „wer könnnte dich sehen?“ Gebäud auf dem Hof, mit geschlossenen Fenstern, er muss die Ketten von dem Tür abnehmen – die Kirche ist nur zu Weihnachten und Ostern offen. Es ist eine neue Kirche, leer und hässlich, aber es gibt dort der Wächter, der uns erzählt, die wachsende Erregung, die Fragen, die Hände, die herausreichen und sich drücken, die Danksagung.

persarm1 persarm1 persarm1 persarm1 persarm1

Als sie am Abend ihrer Mutter erzählt, wie sie mit mir in der Nacht zum Besuch der armenischen Kirche ging, die sich im Labyrinth der Gassen versteckte, in einem geschlossenen Hof hinter den hohen leeren Wänden, und wie der Wächter ihr die Bilder erklärte, die vier Evangelisten, Christus am Kreuz im Chor, die Grabsteine mit ihren langen Epitaphien an den Seitenwänden, und wie wir drei mit dem alten Wächter im Halbdunkel der Kirche gesprochen haben, ihre Mutter hat ihr herzlich gratuliert.

Danach gingen wir mit ihrem Vater, um andere armenische Kirchen zu besuchen in den Bergen, weit weg von den Augen der Welt. Auch er wollte eine Kirche sehen.

persarm2 persarm2 persarm2 persarm2

Von Tabriz wir fuhren nach Jolfa, an der Grenze zu Nachitschewan, eine aserbaidschanische Enklave zwischen Armenien und dem Iran. Auf der anderen Seite des Flusses Araz – der alten Araxes – liegt eine kahle Hügellandschaft, rote Erde, und in der Mitte, ein hellblauer Berg, wie ein Kegel. Dies ist Ilandag, der Schlangenberg, ein riesiger blauer Zahn, der die Landschaft Nachitschewans dominiert. Wahrscheinlich ein Vulkan, von dem gesagt wird, dass die Arche Noah angeschlagen wurde, während sie in der Sündflut driftete. Es ist von weitem zu sehen. Ich war nicht in Nachitschewan, ich bewunderte ihn nur von der iranischen Seite des Araz, der hier ein Grenzfluß ist. Auf der anderen Seite, am Fuße der roten Felsen, ein Eisenbahn, Baracken, und Wachtürme.



Und es gab auch andere Wachtürme entlang der Grenze, und Flakbatterien, und staubige und unrasierte Soldaten, die in ihren vergessenen Festungen langweilten an beiden Ufern des Araz. Einmal hielten wir, um Fotos von der Landschaft auf der anderen Seite des Flusses zu machen, von den zerrissenen roten und braunen und rosa und weißen Bergen, und dem Ilandag in der Ferne. Eine laute Stimme aufgellte aus einem kleinen Bastion, fast vom Ufer des Araz, „verboten“, sagte die Stimme. Keine Bilder dann, so sitzen wir zurück ins Auto, gehen hundert Meter weiter, und nach der Wende halten wir wieder. Der Winkel is not so gut, aber keine Soldaten in Sicht. Später sind wir angehalten. Die beiden Soldaten sind jung und lustig, wir können nicht weiterfahren, sie sagen, es gibt eine chemische Verunreinigung. Unmöglich, wirklich gefährlich. Sepideh und ihr Vater versuchen, sie zu überzeugen, wir kamen von so weit (vor allem ich), und alles vergebens, was für eine Schande. Die Soldaten bücken, um mich zu sehen, und sie empfehlen uns, mit ihrem Vorgesetzten zu sprechen. Wir fahren ab. Ein Feldweg, ein Betonkubus mit Stacheldraht unter einer sengenden Sonne. Unter einer Tamariske, ein gelber Hund beobachtet mich, ohne sich zu bewegen, als ich annähere. Im Hintergrund der Araz, das sich bewegende grüne Wasser, die roten Berge, und der graublaue Ilandag. Stickige Luft, blendendes Licht, Wärme. Noch nicht die schreckliche Hitze der Wüste, die kommt erst später, aber in diesem Augenblick schien diese die heißeste Hitze, die ich ertragen könnte.

Der Vorgesetzte kommt aus dem Betonkubus aus, zieht den Stracheldraht zurück, und kommt zu uns. Eine müde Grimasse auf seinem jungen Gesicht, seine Augen blicken an mich von der Seite. Ein gut aussehender blonder Junge, der sich in seinem Wachposten langweilt. Er hört unsere Bitte an, zuckt mit den Schultern, und zieht einen Stift aus der Tasche. Er zeichnet einen Pass mit feinen Arabesken in der Handfläche des Fahrers, gerade auf der Haut. Wir passieren die Absperrung. Ein paar Hundert meter weiter wird der Weg neuasphaltiert – das muss es sein, die chemische Verunreinigung.

Nach diesem beginnt die kurvenreiche Straße zwischen den Felsen, sie steigt auf, dann steigt sie entlang eines steilen Hangs ab, mit dem grünen Fluss weit unten. Die Felsen sind kahl, lila und orange, mit gelben Büschen betupft. Der Fahrer verlangsamt und weist auf einen Steinhaufen auf einem Hügel. Diese sind die Überreste einer kleinen Kirche, die Kirche der Hirten, Kelisâ-ye Chupân, 1518 gegründet.

persarm3 persarm3 persarm3 persarm3

Zehn Kilometer weiter, in einem Ort, der plötzlich zu einer Oase wird, eine Gruppe von Bäume steht in einem Hain. Wir kamen zu einer der schönsten armenischen Kirchen von Iran, die befestigte Kloster von St. Stepanos. Das Tal ist menschenleer, niemand hat hier seit Jahrhunderten gelebt. Einmal streckte sich Armenien von hier bis zum Van-See, Tabriz war sein letzter Punkt nach Osten, und Jolfa eine wichtige Station auf der Seidenstraße, eine Stadt von geschätzten Handwerker und Händler. In der Renaissance hatte Jolfa Handelsvertreter sogar in Amsterdam.


Doch zwischen den Persern, den Russen und den Türken geklemmt, konnte die Region nicht für immer außerhalb der Konflikte bleiben, die den Kaukasus durch Jahrhunderte aufwühlten. Und in 1606, als Shah Abbas den Bau Isfahans begann, lud er die Handwerker Jolfas, um dort niederzulassen und zu Baumeister der Stadt zu werden – und am Ende siedelte er die gesamte Bevölkerung Jolfas nach Isfahan. Im Ersten Weltkrieg war das Gebiet unter osmanischer Kontrolle, und nach 1915 versuchten die Türken, alle Spuren der armenischen Präsenz zu löschen. Keine Dörfer haben überlebt, nur ein paar Kirchen. Die einzigen Überreste Jolfas in der vorliegenden Enklave Nachitschewan, ein armenischer Friedhof mit fast zehntausend geschnitzten Grabsteinen aus der Zeit vor dem 17. Jahrhundert wurde 2005 vollständig von der aserbaidschanischen Armee zerstört. Oder besser gesagt, in den Worten von Aliyev, Präsident von Aserbaidschan, „kein armenischer Friedhof wurde zerstört, da gab es nie irgendwelche Armenier in Nachitschewan“.

persarm4 persarm4 persarm4 persarm4 persarm4

Das Kloster St. Stepanos wurde vermutlich vor dem 7. Jahrhunder gegründet. Die Tradition bindet es zum Apostel Bartholomäus. Es nimmt eine Fläche von 70 × 50 Meter, mit einem hohen Festungsmauer und kreisförmigen oder halbrunden Türmen umgeben. Es hat zwei Innenhöfe, der eine vor der Kirche, der andere im Klostergebäude. Der Glockenturm wurde in der Nähe der südlichen Kirchenwand gebaut. Die kürzlich renovierte Kirche hat einen kreuzförmigen Grundriss mit drei Apsiden und einem kunstvoll geschnitzten Außen, die verschiedene Einflüsse zeigt, einschließlich die der seldschukischen Kunst, deren Wiederbelebung war charakteristisch für die armenische Renaissance während der Safawiden-Periode im 17. Jahrhundert.

persarm5 persarm5 persarm5 persarm5 persarm5 persarm5 persarm5 persarm5 persarm5 persarm5 persarm5 persarm5 persarm5 persarm5 persarm5 persarm5 persarm5

Der Ort war nicht ganz verlassen, alle Türen waren offen, die Wächter lächelnd und gesprächig, und die sehr wenigen Touristen neugierig und aufmerksam. Nur Iraner. Oder vielleicht Armenier. Ja, der Wächter war zu stolz auf das Fachwissen der armenischen Handwerker, um nicht einer ihrer Nachkommer zu sein.


Überblendung: „...cor meum vigilat“


Die Darstellung, die wir hier sehen, ist jedenfalls ein weiteres Beispiel für das verborgene Leben der Bilder, das Aby Warburg so sehr beeindruckte, dass er stellte es als ein eigenes Phänomenon, Pathosformel genannt, in seiner Studie von 1905 über Dürers Beziehung zur klassischen Antiquität. Es handelt sich über ein mehr oder weniger unbewusstes Überleben von expressiven Bildformeln, das hier in der Form der aus dem Herzen des Wachmannes ausgießenden Strahlen Gestalt nimmt.



Die beiden Türen sind nur ein paar Meter voneinander entfernt in der Alstadt von Palma. Die erste ist in der carrer del Call, gegenüber dem the Restaurant „Las Olas“. Die andere an der Ecke von carrer de Sant Alonso und Santa Clara.

Carrer de Pont i Vich

Die Herz-Jesu-Plaketten mit der Großbuchstabenaufschrift „BENDECIRÉ” („Ich werde segnen“) * waren einmal anwesend auf fast alle Türen der Stadt. Heute nur wenige überleben auf den Innentüren, die direkt zu den Wohnungen öffnen. Auf der Straßenfront nur einige verfallende Beispiele sind überlassen. Ihr Platz wird durch dem neuen Bildtyp besetzt, dessen Anwesenheit an einer monatlichen Gebühr gebunden ist.


Claudio Monteverdi: Sacred Music. Roberto Gini, Lavinia Bertotti & Ensemble Concerto. „Ego dormio et cor meum vigilat“ (Ich schlafe, aber mein Herz liegt wach)

Des Sultans neue Kleider

Kemal Atatürk in Janitscharen-Uniform

Vor kurzem haben wir über das unruhige Schicksal der türkischen Übersetzung von Der Kleine Prinz geschrieben. In der Episode über die Entdeckung des Asteroiden B-612 des Kleinen Prinzes stellt Saint-Exupéry mit der Geschichte der türkischen Astronomen dar, wie sehr die Kleider machen Leute in den Augen der Erwachsenen:

„Doch zum Glück für den Asteroiden B-612, erließ der türkische Diktator ein Gesetz, welches seine Untergebenen unter Androhung des Todes zwang, ab sofort europäische Kleidung zu tragen. Also hielt der Astronom seinen Vortrag im Jahre 1920 erneut, gekleidet in imposanter Aufmachung und voller Eleganz. Diesmal wurde sein Bericht von jedermann akzeptiert.“

Der „türkische Diktator“ ist natürlich Kemal Atatürk, dessen Ehre ist vom Gesetz vorgeschrieben. Deshalb krümmten sich hin und her die türkischen Übersetzer für siebzig Jahre, um die Gesetzverletzterformel umzugehen. Einmal übersetzten sie es als „ein großer Führer der Türken“, dann als „ein türkischer Führer, der keinen Widerspruch ertrug“, bis die neue türkische Ausgabe in diesem Januar, am siebzigsten Todestag des Autors schließlich die genaue Übersetzung veröffentlicht hat. Diese wurde jedoch von keinem geringeren als von der Gewerkschaft der türkischen Bildungs- und Wissenschaftsarbeiter zensuriert, die es erfordern, das Buch, das das verbotene Wort enthält, aus der Liste der vom Ministerium für Bildung für die Schulen empfohlenen Bücher zu entfernen.

Die Geschichte ist jedoch noch nicth zu Ende.

Die Geschichte ist zu Ende. Sultan Mehmed VI Vahideddin verlässt Konstantinopel, 1922

Der Post wurde von uns im russischsprachigen Blog Dmitri Tschernisews, Ответы на незаданные вопросы übernommen, wo der Text Saint-Exupérys natürlich aus der russischen Übersetzung angeführt wurde:

„К счастью для репутации астероида В-612, турецкий султан велел своим подданным под страхом смерти носить европейское платье. В 1920 году тот астроном снова доложил о своем открытии. На этот раз он был одет по последней моде, – и все с ним согласились.“

„Zum Glück für den Asteroiden B-612, erließ der türkische Sultan ein Gesetz, welches seine Untergebenen unter Androhung des Todes zwang, europäische Kleidung zu tragen. Also hielt der Astronom seinen Vortrag im Jahre 1920 erneut, gekleidet nach der neuesten Mode – und alle waren mit ihm einverstanden.“


Die Übersetzung wurde in den 1950er Jahren durch der hervorragenden Nora Gal gemacht (wenn Sie sich erinnern, haben wir ihre Gedenktafel an der Wand ihres Geburtshauses während unserer Odessa-Tour gesehen. Warum hat sie den „türkischen Diktator“ mit „türkischen Sultan“ ersetzt? Vielleicht, um nicht die Empfindlichkeit der türkischen Völker der Sowjetunion zu verletzen? Zu dieser Zeit, um der Deportation der Meskheti-Türken und Krimtataren war dies kein relevanter Aspekt. Oder um Saint-Exupérys Fehler zu korrigieren? In der Tat war 1920 noch der Sultan auf Macht im Osmanischen Reich. Aber wenn dies ihre Absicht war, so hat sie einen anderen Fehler in den Text gepflanzt. Der Sultan hatte ja keinen Grund, im Jahre 1920 das zu befehlen, wofür Atatürk im Jahre 1925 viel mehr Grund gehabt hat. Es wäre einfacher gewesen, den fiktiven Vortrag des fiktiven Astronomen nach 1925 zu übertragen. Es ist wahr, dass denn die Übersetzung vom Originaltext offenbar abgewichen hätte.

Manchmal ist es einfach unnötig, sich über das im Originaltext versteckte unlösbare Problem Gedanken zu machen. Man muß es einfach übersetzen, wie es ist.

Kleine Prinzen

Ceci n’est pas une pipe

…ceci est une korn.

“Bretagne. Die Pfeife ist gut nur wenn sie gut brennt.” Collection Villard, Quimper. Aufgabestempel 5. 7. 1910

Die keltischen Sprachen erreichten ihre größte geographische Ausdehnung nicht in der Antike, vor der römischen Eroberung, sondern, wie Peter Burke schreibt, im Zeitalter der großen Entdeckungen. Am Beginn des 16. Jahrhunderts dienten auf den englischen und französischen Schiffen des Atlantiks vor allem Matrosen von den keltischen Küsten, aus Wales und Bretagne, damit Walisisch und Bretonisch waren die gemeinsamen Matrosensprachen am nördlichen Teil des Ozeans, vom Ärmelkanal bis zu den karibischen Inseln.

Die bretonischen Seefahrer unter französischer Flagge erreichten auch die fernen brasilianischen Küste, und sie brachten zum ersten Mal den Tabak nach Europa, zusammen mit seinem ursprünglichen indianischen Namen: betum. Das Wort wurde aus dem Bretonisch ins Französisch übertragen: pétun, pétuner, ʻTabak, rauchen’. Allerdings wurde es archaisch geworden, und heute nur noch die bretonische Sprache bewahrt das ursprüngliche indianische Wort: butun, butunad. Das Wort tobacco und seine Varianten in den modernen europäischen Sprachen, die die spanischen Sprachforscher der Renaissance aus den karibischen indianischen Sprachen ableiteten, kam in der Tat von dem mittelalterlichen arabischen tabbaq, ʻArzneikraut’ ins Spanisch in der Form tabaco bereits im 15. Jahrhundert, und ging auf dem umgekehrten Weg nach Amerika. Als Nicolás Monardes schreibt in seinem Joyful Newes Oute of the Newe Founde Worlde, von John Frampton 1577 ins Englisch übersetzt:

„Many haue giuen it [tobacco] the name, Petum, whiche is in deede the proper name of the Hearbe, as they whiche haue traueiled that countrey can tell.“

„Viele nennen [den Tabak] petum, das in der Tat der ursprüngliche Name dieses Krautes ist, wie es jeder sagen kann, der in jenem Land schon gereist hat.“


Der Gebrauch von Tabak wurde erstmals 1525 in der Bretagne und in ganz Europa dokumentiert. Die erste Tabakmanufaktur wurde hier, im Hafen von Morlaix, gefunden, wo die aus dem neuen Kontinent eingeführten und fals Heilpflanze verwendeten Tabakblätter getrocknet und dann in karottenförmige Stäbchen – auf Französisch carotte, im modernen Bretonisch karot – gerollt wurden. Die „Karotten”, die noch auf den Ladenschildern der Tabakladen der Bretagne sichtbar sind, wurden dann mit Messer geschnitten, als es für die Pfeife oder zum Kauen erforderlich war. Die Pfeife selbst wurde ursprünglich von Schafshorn gemacht, und nach ihre Trichterform (cornet) wurde es in Bretonisch korn gehießen.

„Darf ich dich stören?“ – „Natürlich.“ – „Gib mir meine Tabakkarotte [tabac en carotte], bitte, lass mir meine Pfeife stopfen.” Rauchende Frau in Morlaix. Artaud et Nozais, Nantes

Während im Zeitalter der Renaissance und Barock ist Rauchen in vielen Teilen Europas „vergeschlechtlicht“, zu einem ausschließlich männlichen Vergnügen geworden, in der Bretagne blieb es die Mittel zur Dämpfung von Müdigkeit und Hunger für beide Geschlechter, wie auch in seiner ursprünglichen Heimat. Die französischen Fotografen, die am Ende des 19. Jahrhunderts das Land durchstreichten, um ethnographische Bilder zu machen, varen ganz gefangengenommen vom Anblick der Preife rauchenden alten bretonischen Frauen, die dann zu unentbehrlichen Genrefiguren solcher Postkartenserien wie La Brettagne Pittoresque oder Types Bretons wurden. Jetzt hat philaevrand eine schöne Auswahl aus seiner Sammlung an dem zu den alten französischen Postkarten gewidmeten Cparama forum veröffentlicht.


Klervi Rivière – Marie-Aline Lagadic: Labousig ar hoad. Eine bretonischsprachige gwerz – Ballad – über einen Seemann, der ein Mädchen einlädet, zusammen mit ihm nach England zu überschiffen, aber sie lehnt in ab. Von der CD Femmes de Bretagne (Die Frauen der Bretagne, 1996).

korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn


Die Postkarten mit identifizierbaren Orten auf der Karte der Bretagne

Noruz am Kotti


Noruz, 21 März, Neujahr in Persien und in den Nachbarländern:
Happy New Year, Persia
Noruz in der Altstadt von Baku
A rich Noruz table
Equinox
Children’s paintings for Noruz
The return of Noruz
Das Kottbusser Tor ist das Zentrum der fast hunderttausend Kurden in Berlin. Hier ist das kurdische Kultur- und Hilfsverein und die kurdische Bibliothek, und die surrealistischen Hochhäusern rund um den Platz sind bewohnt von einem erheblichen Zahl von Kurden, dessen Aktivisten protestieren gegen die hohen Mieten in der am Platz aufgestellten Holzbude. Es ist daher klar, dass sie auch die Noruz-Feier hier veranstalten mit Tanz und Scheiterhaufen, dessen Maßstab zu der Berliner Bedingungen gezähmt wurde.

Laut dem im kurdischen Restaurant Şehr-i Simit, also Brezelstadt ausgehängten Anschlag beginnt die Feier um fünf Uhr, aber schon um vier gibt es viele Leute auf dem Platz. Im Nieselregen wärmen sie sich mit dem von den Aktivisten angebotenen Tee, und nehmen am Gesellschaftsleben teil. Dann um halb fünf tritt jemand zum Laptop auf dem Lautsprecher, der aus einem Ölfaß gebastelt wurde, und startet die bereits zusammengestellten Tracklist. Dröhnende kurdische Musik füllt den Platz aus. Die Gruppen lösen sich schnell auf, die Leute stehen im Kreis. Es beginnt der Tanz, der bis spät in die Nacht fortgesetzt wird.


Sedigh Tarif & Kamkars Ensemble: Golah golah. Von der CD Kordaneh (2011).

newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti newrozamkotti


Der Duft von Noruz


Noruz, 21 März, Neujahr in Persien und in den Nachbarländern:
Happy New Year, Persia
A rich Noruz table
Equinox
Children’s paintings for Noruz
The return of Noruz
Die großen Feste der Kindheit haben ihre eigene Düfte, die in der Lage sind, die Bilder der Feier zusammenzufassen und auch nach vielen Jahren in allen Einzelheiten auszuwickeln. Weihnachten hat den Duft von Harz und von brennenden Wunderkerzen, Oster hat den Duft von Jasmin und mit dem Geruch des Rieselregens und der nassen Erde gemischem Weihrauch. Aber was für einen Duft haben die Feste, daran wir als Kinder nie teilgenommen haben? Was für einen Duft hat Noruz?

Noruz hat einen stechenden Rauchgeruch, der Rauch der Bratanstalten und der Rauch der auf den Plätzen und Innenhöfen zum nächtlichen Feuerspringen gelegenen Scheiterhaufen. Einen kühlen Kellergeruch, als wir uns auf dem Weg zum festlichen Abendessen durch die engen Gassen der Altstadt von Baku durchschlagen. Den Duft von Honig, Safran und Sultaninen.


Habil Aliyev (Kamantsche): Bayati Shiraz. Von der CD Kaman Möcüzesi (2002)

bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz bakunoruz