Posts mit dem Label französisch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label französisch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Ceci n’est pas une pipe

…ceci est une korn.

“Bretagne. Die Pfeife ist gut nur wenn sie gut brennt.” Collection Villard, Quimper. Aufgabestempel 5. 7. 1910

Die keltischen Sprachen erreichten ihre größte geographische Ausdehnung nicht in der Antike, vor der römischen Eroberung, sondern, wie Peter Burke schreibt, im Zeitalter der großen Entdeckungen. Am Beginn des 16. Jahrhunderts dienten auf den englischen und französischen Schiffen des Atlantiks vor allem Matrosen von den keltischen Küsten, aus Wales und Bretagne, damit Walisisch und Bretonisch waren die gemeinsamen Matrosensprachen am nördlichen Teil des Ozeans, vom Ärmelkanal bis zu den karibischen Inseln.

Die bretonischen Seefahrer unter französischer Flagge erreichten auch die fernen brasilianischen Küste, und sie brachten zum ersten Mal den Tabak nach Europa, zusammen mit seinem ursprünglichen indianischen Namen: betum. Das Wort wurde aus dem Bretonisch ins Französisch übertragen: pétun, pétuner, ʻTabak, rauchen’. Allerdings wurde es archaisch geworden, und heute nur noch die bretonische Sprache bewahrt das ursprüngliche indianische Wort: butun, butunad. Das Wort tobacco und seine Varianten in den modernen europäischen Sprachen, die die spanischen Sprachforscher der Renaissance aus den karibischen indianischen Sprachen ableiteten, kam in der Tat von dem mittelalterlichen arabischen tabbaq, ʻArzneikraut’ ins Spanisch in der Form tabaco bereits im 15. Jahrhundert, und ging auf dem umgekehrten Weg nach Amerika. Als Nicolás Monardes schreibt in seinem Joyful Newes Oute of the Newe Founde Worlde, von John Frampton 1577 ins Englisch übersetzt:

„Many haue giuen it [tobacco] the name, Petum, whiche is in deede the proper name of the Hearbe, as they whiche haue traueiled that countrey can tell.“

„Viele nennen [den Tabak] petum, das in der Tat der ursprüngliche Name dieses Krautes ist, wie es jeder sagen kann, der in jenem Land schon gereist hat.“


Der Gebrauch von Tabak wurde erstmals 1525 in der Bretagne und in ganz Europa dokumentiert. Die erste Tabakmanufaktur wurde hier, im Hafen von Morlaix, gefunden, wo die aus dem neuen Kontinent eingeführten und fals Heilpflanze verwendeten Tabakblätter getrocknet und dann in karottenförmige Stäbchen – auf Französisch carotte, im modernen Bretonisch karot – gerollt wurden. Die „Karotten”, die noch auf den Ladenschildern der Tabakladen der Bretagne sichtbar sind, wurden dann mit Messer geschnitten, als es für die Pfeife oder zum Kauen erforderlich war. Die Pfeife selbst wurde ursprünglich von Schafshorn gemacht, und nach ihre Trichterform (cornet) wurde es in Bretonisch korn gehießen.

„Darf ich dich stören?“ – „Natürlich.“ – „Gib mir meine Tabakkarotte [tabac en carotte], bitte, lass mir meine Pfeife stopfen.” Rauchende Frau in Morlaix. Artaud et Nozais, Nantes

Während im Zeitalter der Renaissance und Barock ist Rauchen in vielen Teilen Europas „vergeschlechtlicht“, zu einem ausschließlich männlichen Vergnügen geworden, in der Bretagne blieb es die Mittel zur Dämpfung von Müdigkeit und Hunger für beide Geschlechter, wie auch in seiner ursprünglichen Heimat. Die französischen Fotografen, die am Ende des 19. Jahrhunderts das Land durchstreichten, um ethnographische Bilder zu machen, varen ganz gefangengenommen vom Anblick der Preife rauchenden alten bretonischen Frauen, die dann zu unentbehrlichen Genrefiguren solcher Postkartenserien wie La Brettagne Pittoresque oder Types Bretons wurden. Jetzt hat philaevrand eine schöne Auswahl aus seiner Sammlung an dem zu den alten französischen Postkarten gewidmeten Cparama forum veröffentlicht.


Klervi Rivière – Marie-Aline Lagadic: Labousig ar hoad. Eine bretonischsprachige gwerz – Ballad – über einen Seemann, der ein Mädchen einlädet, zusammen mit ihm nach England zu überschiffen, aber sie lehnt in ab. Von der CD Femmes de Bretagne (Die Frauen der Bretagne, 1996).

korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn korn


Die Postkarten mit identifizierbaren Orten auf der Karte der Bretagne

Der Blick der Statuen


In der Zeit der Gegenreformation, in der Champagne des 16. Jahrhunderts wurde es zur Gewohnheit, in den Kirchen Statuen zu errichten: viele, sehr realistische und komplett farbige Statuen – lebende Statuen, sozusagen. In Troyes, der Ort einer der wichtigsten Messen Europas, die zahlreichen Kirchen, jede mit ihren eigenen Zünften und Bruderschaften, hatten viele Steinfiguren, im Chor, an der Basis der Bogen, oder vom Gewölbe des Presbyteriums hinunterblickend.


Die meisten ihrer Bildhauer bleiben unbekannt. In der Regel haben sie ihre Werke nicht signiert, und ihre Verträge mit ihren Auftraggebern sind verschwunden. Es bleiben nur die Statuen, die noch heute still und aufmerksam in den Kirchen stehen. In Chaource, in der Nähe von Troyes, ist die Kirche mit mehr als hundert Statuen von einer hervorragenden Qualität eingerichtet. Und hier hat der Meister von Chaource eine der schönsten Grablegungen Europas hinterlassen.

frenchstatues1 frenchstatues1 frenchstatues1

Man geht jenseits der großen Grisaille-Fenster des Jüngsten Gerichts, dann fünf Schritten unten. Der Ort ist eigentlich keine Krypta, noch eine Seitenkapelle, noch ein Grab – aber er sieht aus wie einer. Man steigt ein paar Schritte ins Zwielicht, fast in die Dunkelheit.

In die Dunkelheit eingetreten, bevor wir die Gruppe der Grablegung erblicken, weichen wir zurück angesichts der zwei steinernen Wachen, die auf beiden Seiten der Tür stehen.

frenchstatues2 frenchstatues2 frenchstatues2 frenchstatues2 frenchstatues2 frenchstatues2

Die Wachen. Überlebensgroß, ihre Augen sind voller Angst. Seit 1515 beobachten sie, was sie nicht glauben, vor dem Einschlafen und Erwachen bei der Auferstehung. Seit 1515 stehen sie dort in ihren Renaissance-Kostümen, mit Speeren in der Hand.

Dann, als unsere Augen sich zum Halbdunkel gewöhnen, treten wir vor. Hier sind Nikodemus, die Jungfrau Maria, Johannes, Maria Salome und Maria Magdalena mit einer Vase voll mit Parfüm, Maria Kleophas, und Joseph von Arimathäa an den Füßen Christi. Und der Körper aus weißem Stein, völlig glatt von Jahrhunderten von Gestreichel. Alle Figuren sind größer als wir, eben genug, um uns in der Lage der Demut zu halten, während sie unaussprechlich menschlich sind. Die geduldigen und aufmerksamen Hände aus Stein pausen für einen Moment vor dem Schließen der Leichentuch. Und die Augen aus Stein schauen ohne Überquerung unseres Blickes, denn sie beobachten, was niemand je gesehen hat, und in ihrem Erstauen, dass sie es sehen, wenden sie sich wieder zu ihren eigenen Gedanken.

Hier, im Schatten begegnet man den Gedanken, er wartete für uns seit 1515, und man fühlt sehr klein vor ihm.

frenchstatues3 frenchstatues3 frenchstatues3 frenchstatues3 frenchstatues3 frenchstatues3 frenchstatues3 frenchstatues3 frenchstatues3

Nach Mekka über Paris

Iskander auf Pilgerfahrt nach Mekka. Firdausi, Schahname, persische Manuskript, 1440, f. 342, BnF

– Und warum fahren Sie nicht nach Mekka?
Stehend vor dem breiten Modell der Großen Moschee von Mekka, ich schaue auf sie. Das Paar, das im Halbdunkel der Ausstellung „Hadsch, die Pilgerfahrt nach Mekka“ des Institut du monde arabe von Paris vor mir steht, lächelt mir zu.


– Es ist eine außergewöhnliche Erfahrung, wir haben schon dreimal gemacht… all jene Leute aus der ganzen Welt, jene Brüderlichkeit, jener Frieden, den man anderswo nicht finden kann… Wirklich, Sie sollten dorthin fahren, jeder kann doch das tun, wissen Sie…
Ein Bild fällt mir ein, das Bild der Autobahn, wo die Straßen sich trennen – gerade weiter Mekka, für die Muslime, und für die Nicht-Muslime, nächste Ausfahrt rechts.
– Ich glaube nicht, dass ich es kann…
Sie zögern. Und mit einem Seufzer:
– Ach, ja, man muss Muslim sein…
Die Frau lächelt an mich wie an ein unwissendes Kind, während ihr Mann setzt es mit sanfter Stimme fort:
– Aber wissen Sie, es ist sehr einfach. Eine einfache Formel zu sagen, nichts mehr, keine Vorstudien, keine Zeremonie… Für Sie, eine Historikerin, zu sagen dass Muhammad ein Prophet war… es ist eine historische Wahrheit, oder? Für Sie wäre es nicht schwierig…
Eine einfache Formel. Eine Formalität, so zu sagen.
Ich denke an Richard Burton, der Mekka 1853 als afghanisches Arzt verkleidet besuchte. Sicherlich ist kein Zeitalter einfach, aber 2014 scheint mir nicht das einfachste Jahr für solche Pilgerfahrt.

Karte, Türkei, 1650, Leiden, Universitätsbibliothek

Nein, diese Reise war nie einfach. Und trotzdem gab es immer europäische Reisenden, die während den Jahrhunderten die heiligen Stätten des Islams besuchten, beschrieben, erfassten, zeichneten und fotografierten.

Alain Manesson Mallet, Description de l’univers contenant les différents systèmes du Monde, les cartes générales et particulières de la géographie ancienne et moderne, les plans et profils des principales villes et des autres lieux plus considérables de la terre, avec les portraits des souverains qui y commandent, leurs blasons, titres et livrées, et les mœurs, religions, gouvernements et divers habillements de chaque nation…, 1683, BnF. Auf dieser Ansicht von Jerusalem sind die Pilgern im Vordergrund in der Haltung der Anbetung dargestellt.

hajj1 hajj1 hajj1 hajj1 hajj1 hajj1 hajj1 hajj1 hajj1 hajj1 hajj1 hajj1 hajj1 hajj1 hajj1 hajj1 hajj1

Um nach Mekka zu gelangen, mussten diese Reisenden schlau sein, die Fallen vermeiden, Konversion vortäuschen, sich manchmal verkleiden, wie Ali Bey el Abassi, der 1807 über seine Reisen im Institut de physique von Paris einen Vortrag gab.

Rapport fait à la classe des sciences physiques et mathématiques de l’Institut par le chevalier Badía, contenant un précis de ses voyages Afrque et en Asie

Domingo Badía y Leblich wurde 1767 in Barcelona geboren. Er reiste zwischen 1803 und 1807, dann 1817-1818 in Afrika und im Nahen Osten. Als Muslim unter dem Namen Ali Bey el Abassi verkleidet, besuchte er Marokko zum ersten Mal 1803 mit Unterstützung der spanischen Staatssekretärs Manuel Godoy, mit dem Ziel der Eroberung des Königreichs für Spanien. Er schaffte es, sowohl den Sultan Moulay Sliman als die Vorstände der religiösen Orden zu irreführen. Als er schon spürte, dass seine Popularität in Marokko so groß wurde, dass er in der Lage war, den Sultan zu stürzen und die Macht zu ergreifen, verlor er die Unterstützung der spanischen Behörden. Er entschied sich dann, auf sein eigenes Konto eine Pilgerfahrt nach Mekka zu unternehmen.
In der heiligen Stadt wurde er mit Ehren empfangen, dank der von ihm erfundenen Genealogie, die seine Abstammung von der renommierten Abbasiden-Dynastie ableitete.

Ali Bey El Abassi (Domingo Badía y Leblich) (1766-1818), Voyages d’Ali Bey El Abbassi en Afrique et en Asie pendant les années 1803, 1804, 1805, 1806 et 1807, illustrations de Achille-Etna Michallon, (1796-1822), Didot (Paris), 1814. Die folgenden Bilder, sowie das Porträt stammen aus dem gleichen Buch.

Nach seiner Rückkehr in Europe, als Spanien von Frankreich besetzt war, und Napoleon seinen Bruder Joseph Bonaparte auf dem spanischen Thron erhob, trat der zum Domingo Badía zurückverwandelte Ali Bey el Abassi in französischen Dienst. Nach 1808, der Rückzug der Armee Napoleons, als er in Spanien für Verräter gehalten war, wurde Badía nach Paris in Exil gezwungen. Dort veröffentlichte er 1814 unter seinem Pilgersnamen die Erzählung seiner Reise nach Marokko und den Orient. Geschrieben auf Französisch und reich bebildert, wurde das Buch schnell auf Englisch, Deutsch und Italienisch übersetzt – aber nie auf Spanisch.

hajj2 hajj2 hajj2 hajj2 hajj2 hajj2 hajj2 hajj2 hajj2 hajj2 hajj2 hajj2 hajj2 hajj2 hajj2 hajj2 hajj2 hajj2 hajj2 hajj2 hajj2 hajj2 hajj2

*

Aber die Europäer spielten eine besondere Rolle in der Geschichte der Hadsch nicht nur als abenteuerliche Teilnehmer, sonder auch als Verträter der Behörden gegenüber der muslimischen Bevölkerung, vor allem die Französen in Nordafrika. Seit der napoleonischen Ära bemühten die französische Administratoren in Ägypten, die Pilgerfahrt zur gleichen Zeit zu erleichtern und zu kontrollieren, um damit die Zusammenarbeit der örtlichen Honoratioren sich zu gewinnen.

Brief von General Menou aus dem Hauptquartier von Kairo an den Konsul der Französischen Republik in Marokko, in dem er versichert dem Sultan die Sicherheit der Reise nach Dschidda über Alexandria, 1800.

Der Aufstieg des Imperialismus in den muslimischen Gebieten im neunzehnten Jahrhundert transformierte grundlegend den Kontext der Pilgerfahrt, und stellte die heilige Stätte des Islams ins Zentrum des internationalen Interesses. Nach der Eroberung von Algerien im Jahre 1830 hatte Frankreich „muslimische Untertanen“, deren religiöses Leben Teil der öffentlichen Politik wurde. Nach 1871 fühlten die französischen Kolonialverwalter eine große Versuchung, die Pilgerfahrt einfach zu verbieten. Im Klima des vorherrschenden Antiklerikalismus nach der Rückkehr der Republik in Frankreich erschienen die muslimischen Praktiken rückständig und abergläubisch. Wenn sie schon die Hadsch nicht vollständig verhindern konnten, zu mindestens versuchten sie, sie durch die Ausstellung von Reisegenehmigungen, die Kontrolle der Reise über Land und Meer, und die Stärkung der Gesundheitsüberwachungsmaßnahmen zu regulieren. So bieteten die Epidemien in Hedschas oder auch in Indien (Cholera-Pandemie im Jahr 1865, und dann zwischen 1883 und 1896, Pestepidemie im Jahr 1899) eine Gelegenheit zum Verbot der Pilgerfahrt für einige Jahre, und zur Einführung der „Pilgerfahrt-Büchlein“, eine Art von Gesundheits-Pässe für Pilgern.

Verbot der Pilgerfahrt für das Jahr 1899, Gouvernement général de l’Algérie.

Korrespondenz betreffend die Quarantäne für Pilger auf der Rückkehr von Mekka durch den Suez-Kanal, unterschrieben vom Sanitätsoffizier Adrien Proust, Vater des Schriftstellers

Als der Koran die Abreise zur Pilgerfahrt an drei Arten von Freiheit knüpft, die persönliche Freiheit, die Bewegungsfreiheit, und die finanzielle Unabhängigkeit, dass heißt, der Besitz der erforderlichen Sachmittel, betrachteten die Kolonialbehörden diese Anforderungen als Bedingungen für die Gewährung der Passe. Damit bestrebten sie, die Bewegung jener Armen zu verhindern, die sich durch Bettelei auf der Straße der Hadsch aufhielten, und die sie oft mit den „Illegalen“ – oder wie wir heute in Frankreich sagen würden, die „sans-papier“ – verwechselten.
Die nachfolgende Reiseerlaubnis an eine Frau „mit einer Tätowierung auf dem Gesicht“ als besonderes Merkmal beruft sich auf die Bonität des Familienoberhaupts und seine Verpflichtung zur Erstattung an die Kolonialbehörden der Kosten der eventuellen Rückführung.


Dieser Antrag Abdel Kaders fordert vom Präsidenten der Republik Jules Grévy die Erlaubnis zur öffentlichen Geldsammlung in Algerien für den Bau eines Brunnens in Mekka, 1881.

Die die kolonialen Eroberung begleitende Verbesserung der Verkehrsmittel kehrte die Umstände der Reise nach Mekka um. Die in Ägypten in den 1850er Jahren gegründete Eisenbahn beförderte die Pilger zum Roten Meer, woher sie ihre Reise mit Dampfschiff folgten, dessen Verkehr durch die Eröffnung des Suezkanals im Jahre 1869 weiter erhöht wurde. An der Wende des Jahrhunderts, als Reaktion auf den wachsenden westlichen wirtschaftlichen Einfluss, entschieden sich die osmanischen Behörden, eine Eisenbahnlinie von Damaskus nach Mekka, die sogenannte Hedschasbahn zu bauen. Die ausschließlich durch muslimisches Kapital finanzierte und von deutschen Ingenieuren gebaute Linie wurde 1908, im Jahr der jungtürkischen Revolution abgeschlossen, und fand bald Erfolg.

Die Deutsche Baghdad-Bahn, um 1908.

Karte der Damaskus-Mekka-Eisenbahnlinie, Ägypten, 1905

Eine Station der Hedschasbahn

Auf dem Meer bieteten die britische und französische Unternehmen unmittelbaren Seeverbindung von allen Häfen in Nordafrika, Kleinasien und der syrischen Küste nach Alexandria oder Port Said, woher die Pilger durch den Kanal oder auf Eisenbahn die Stadt Suez, den Haupthafen für Dschidda erreichten.

hajj3 hajj3 hajj3 hajj3 hajj3 hajj3 hajj3

Das Paradoxe dieses Aufblühens des gut kontrollierten Transports war, dass es den Strom der Pilger nach ein für Nicht-Muslimen verbotene Gebiet förderte. Die Kolonialmächte beobachten mit Besorgnis, als die Massen von Pilgern ins geschlossenen Gebiet der heiligen Stätten eintreten, wo sie wahrscheinlich gegenüber ihrer Macht feindliche Ideen begegnen, die sie bei ihrer Rückkehr mitbringen und verbreiten werden.

Oder viellecht werden sie nur Souvenirs, die ersten Produkte der Tourismusindustrie in der Entstehung mitbringen?

Zwölf Ansichten von Moscheen auf dem Pilgerweg, einschließlich Mekka, Medina und Jerusalem. Indien, 19. Jh.

Gegenüber der See


Kiesel auf den Gräbern.
Spielzeuge eines Kindes, Spielzeuge aus Stein.
Ein Zug, ein Flugzeug, ein Auto. Nizza, Endstation. Nice, Nizza, Niza, Nica, Nissa, Ніцца, Ηίκαια, Nicea, Nicaea, Nisa, Ницца. Sie träumten von der Riviera, und dann, einen Tag bekamen sie ihre Pässe, erhielten ihr Visum, sie konnten ihre Fahrkahrte kaufen, und voilà, man packt die Kinder, das Kindermädchen, die Großmutter, die ledige Tanten, den schwindsüchtigen Onkel, das Hund, die Papagei und die Hausmagd auf. Man zieht in Frankreich, man schickt die Kinder in die Schule, man arbeitet, man arbeitet noch mehr, man erhaltet die Einbürgerung, man tut seinen Militärdienst, man stirbt für Frankreich.

Man stirbt.
Der jüdische Friedhof von Nizza erstreckt sich seit fast einundhalb Jahrhundert auf dem Burgberg, gegenüber der See.
Auf den Gräbern, alte, gebräunte, gelöschte, gewaschte Fotos, lächelnde oder nackdenkliche oder schwere oder stolze Gesichter.

nice1 nice1 nice1 nice1 nice1 nice1 nice1 nice1 nice1 nice1 nice1 nice1

Sie wurden geboren in Kiew, in Warschau, in Kischinjow, in Mariupol, in Cherson, in Odessa oder in Nikolajew, in Kaunas, in Berlin, in St. Petersburg, in Lemberg, in Radautz in Bukowina, heute Rădăuți in Rumänien, auch in Algerien, in Oran oder in Constantine, in Taganrog, in Konstantinopel oder in London, auch in Rangun in Birma, oder in Kairo. In Johannesburg.


Sie starben in Nizza, oder in Menton, oder manchmal mehr weit entfernt, aber ihre Familien haben sie zurückbringen gelassen, zu den Ihren, zur Sonne über der See.

nice2 nice2 nice2 nice2 nice2 nice2 nice2 nice2 nice2 nice2 nice2 nice2 nice2 nice2 nice2 nice2 nice2 nice2 nice2

In den dunklen Jahren, die hier weniger dunkel waren als anderswo, einige starben sehr weit, nach Osten. Von ihnen sind nur ein par Zeilen zu ihr Gedächtnis geblieben.



Einige Steine überraschen uns mit ihrer archaischen Typographie. In der Tat, man zog hier die alten Gräber des früheren jüdischen Friedhofs um, der unter dem Hügel lag. Der älteste Stein stammt aus 1540. Auf anderen Steinen spiegeln die ergrünten Buchstaben die Unzahl der einmal lebendigen Sprachen: Französisch, Hebräisch, Polnisch, Italienisch, Russisch mit alter Rechtschreibung, Englisch, Deutsch. Und, graviert, alle diese gelöschten Buchstaben, vergessenen Wörter.

nice3 nice3 nice3 nice3 nice3

Allmächlich verschwinden die Steine unter den Füßen der Passanten, die sich erinnern. Drunten, unter den Bäumen, die blendend blaue See.

nice4 nice4 nice4 nice4 nice4


Postkarte mit unbekannten Kindern


Familienalbum:
Alba, 1867
Hong Kong, 1897
Marseille, 1900
Paris, 1904
Valenciennes, 1918
Buenos Aires, 1930
Dies ist kein Foto aus dem Album, sondern ein von diejenigen, die ich in der Schachtel gefunden habe. Ein Foto mit einem Stempel darauf, und mit einem Brief auf der Rückseite.

Es ist unmöglich, das Datum des Stempels zu entziffern, aber aus dem Inhalt des Briefes kann man sich vorstellen, das es kurz nach der Geburt meiner Großtante geschrieben wurde – sagen wir, 1904.

Ich weiß auch nicht, wo das Bild aufgenommen wurde, so ist meine Rekonstruktion vielleicht nicht mehr als bloße Phantasie.

Sagen wir, dass ich einen Platz gefunden habe, der vor mehr als einem Jahrhundert dieser Ort gewesen sein konnte.

Ein Ort, der heute verlassen ist, in der Tat verlassen seit dem Tod des alten Schmiedes vor dreißig Jahren. Seine Witwe hat dann das Haus und die Werkstatt geschlossen, und ging weg.


Kann der Schmiede eines der Kinder auf dem Bild gewesen sein? Nein, er war zu jung dazu als er starb, er konnte nicht vor 1910 geboren sein. Vielleicht wird er der Sohn eines der Männer sein, die hier an uns lächeln.

Und die beiden kleinen Mädchen, geboren um 1900?
Ich weiß nichts von ihnen.


Aber es gibt Geschichten über zwei solche kleine Mädchen im Dorf, zwei verwaiste Schwestern, die mit der Unterstützung des Fürsorgevereins aufgewachsen wurden. Sie haben nie geheiratet, blieben Diener bis zu ihrem Tod. Die ältere, nur um ein Jahr, hieß Luise, die jüngere Blanche.
Ich kennte nur Blanche als ich ein Kind war. Louise war schon seit Jahren tot, aber mein Vater erinnerte sich noch daran, wie sie ihn als kleinen Knaben verfolgte, und ihn in einem Wutausbruch mit Brennnesseln peitschte. Die Blanche, die ich kennte, war eine große, wilde Frau mit einem Knoten von weißem Haar und einer Schubkarre voller Wäsche, die für sich sprach. Sie hatte einen alten, müden schwarzen Hund, und sie schrie immer auf ihn in den Dorfgassen: „Allez viens, Gamin!“ – „Komm, Bub!“
Eine sehr beängstigende alte Dame – aber auch sie muss vor langer Zeit ein Kind gewesen sein, wie jeder andere. Einen Tag, als sie aus der Waschküche kam, traf sie meine Mutter auf der Straße, und, obwohl sie mit niemandem sprach, griff sie in ihren Korb ein, zog ein Bündel von Zwiebeln aus, und gab es meiner Mutter. „Nimm, es ist deines”, sagte sie. Ich hoffe, das für jenes Bündel von Zwiebeln bekam sie eine kleine, ruhige Ecke im Himmel.

Was die verlassene Werkstatt betrifft, vermute ich, das sie ist dieselbe, als auf der Postkarte. Der Handwerker war ein bescheidener Eisenarbeiter, der Eisentore, Dachrinnen, Gitter, Ketten und Spannstangen für die Maurer und Zimmerleute des Dorfes fertigte – einige von diesen, an die Wand gelehnt, warten immer noch, verwendet zu werden. Und hinter den staubigen Fenstern erscheint die Werkstatt ruhig, gespenstisch ruhig, mit allen jenen Maschinen, die darauf warten, die Arbeit wieder zu beginnen.

frenchalbum1 frenchalbum1 frenchalbum1 frenchalbum1 frenchalbum1