Posts mit dem Label Spiel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Spiel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Überblendung: Spiele

Illustration aus Shaun Tans Ein neues Land

Gestern haben wir mit diesem Bild die absurderweise als ein Kinderspiel dargestellte beklemmende Einwanderungsgeschichte illustriert. Aber man kann nichts absurder als die Wirklichkeit erfinden. Mit solchem Bild wurde schon vor fast hundert Jahren ein echtes Kinderspiel illustriert.

Chemischer Krieg. Sowjetisches Brettspiel von A. V. Kuklin. Staatlicher Verlag, 1925
Siehe unseren Post über die frühen sowjetischen Brettspiele für Kinder

Spiel



Karpatt, Un jeu (A game). From the CD Sur le quai (2011)

Maman m’a montré un jeu quand j’étais tout p’tit
Tu vas voir c’est très marrant on va changer d’pays
Chez nous c’est pas facile, notre cabane est en bois
On va prendre un bateau y a pas d’place pour papa
C’était très rigolo les gens jouaient à tomber dans l’eau
Je sais qu’ils faisaient semblant, je l’sais j’suis pas idiot
Mama hat mir ein Spiel gezeigt, als ich klein war:
du wirst’s sehen, es ist ganz lustig, wir werden Land wechseln
bei uns ist es nicht einfach, unsere Bude ist aus Holz
wir nehmen ein Boot, es gibt keinen Platz für Papa.
Es war sehr lustig, die Leute spielten in Wasser fallen
aber ich weiß, sie fingierten nur, ich bin nicht dumm.


Maman m’a montré un jeu quand j’avais mal au ventre
Tu vas voir c’est très marrant on va jouer à attendre
Quand on s’ra arrivé tu mangeras tout les jours
On gagnera plein d’argent pour faire venir papa un jour
De l’autre côté d’la mer, on a couru sur une plage
Y avait les sirènes de police on s’est caché sous les branchages
Mama hat mir ein Spiel gezeigt, als ich Bauchweh hatte
du wirst’s sehen, es ist ganz lustig, wir spielen Warten,
als wir ankommen, wirst du jeden Tag essen
wir werden eine Menge Geld gewinen, werden auch Papa kommen lassen.
Auf der anderen Seite des Meeres liefen wir an die Küste
es gab Polizeisirenen, wir versteckten uns unter den Zweigen.


Maman m’a montré un jeu faut s’trouver un abri
Tu vas voir c’est très marrant on va camper la nuit
Y avait plein d’gens comme nous qui jouaient à cache-cache
On s’est fait une cabane dans un tuyau avec des vaches
Et puis toute la journée on attendait près des feux rouges
On lavait les voitures toutes les voitures avant qu’elles bougent
Mama hat mir ein Spiel gezeigt, wir müssen ein Asyl finden
du wirst’s sehen, es ist ganz lustig, wir werden in der Nacht lagern.
Es gab viele Menschen wie uns, die Verstecken spielten,
wir machten uns eine Bude auf einem Field mit Kühen.
Dann warteten wir den ganzen Tag an der roten Ampel
wir mussten alle Autos abwaschen, bevor sie sich bewegen.


Maman m’a montré un jeu faut s’trouver d’l’argent
Tu vas voir c’est très marrant faut tendre la main aux gens
Elle rentrait pas souvent, elle travaillait le soir
Elle se faisait très belle pour attendre sur un trottoir
Moi j’aimais pas trop ça quand elle montait dans les voitures
Avec des gars bizarres qui lui faisaient des égratignures
Mama hat mir ein Spiel gezeigt, wir müssen Geld finden
du wirst’s sehen, es ist ganz lustig, du musst nur die Hand aufhalten.
Sie kehrte selten zurück, sie arbeitete in der Nacht
sie hat sich schön gemacht und wartete auf dem Fußsteig.
Ich mochte es nicht, wenn sie in die Autos einstieg
mit seltsamen Kerlen, die ihr Kratzer machten.


Maman m’a montré un jeu faut s’trouver des papiers
Tu vas voir c’est très marrant on va jouer à s’cacher
Les flics nous on trouvé ils ont cogné sur nos têtes
Je savais bien qu’c’était qu’un jeu alors j’ai pas fait la mauviette
J’ai pas pleuré quand on nous a attaché dans l’fond d’un avion
J’ai compris qu’on avait gagné au grand jeu de l’immigration
Mama hat mir ein Spiel gezeigt, wir müssen Papiere finden
du wirst’s sehen, es ist ganz lustig, bis dann spielen wir Verstecken.
Die Polizisten fanden uns, stießen uns vor den Knopf.
Ich wußte, dass es nur ein Spiel war, ob ich es ausstehe
so habe ich nicht geweint, wenn sie uns in Flugzeug geschnallt haben,
ich wußte, dass wir gewannen das große Spiel der Immigration.


Die große Reise


„C’est de Paris la ville incomparable… Aus Paris, der unvergleichlichen Stadt läuft die große Reise ab, die durch alle großen Städte Europas fährt.“

Der mitteleuropäische Spieler guckt natürlich sofort an die Mitte der Karte… wo sich die Dinge furchtbar verwickelten. Ungarn scheint mit einem Vorlegemesser geformt worden sein, sein nördlicher Nachbar heißt Österreich statt Tschechoslowakei, während sein südlicher Nachbar ein großes unbenanntes Land ist, mit einem kleinen Serbien und Montenegro in der unteren Ecke.


Es braucht Zeit zu realisieren, dass dieses großes unbenanntes Land mit den slawonischen Pferden, dem bosnischen Wein, den Siebenbürger Zigeunermusikern, den österreichischen und galizischen Kiefern und dem Karpatenwolf ein und dasselbe Reich ist.

Die ursprünglichen dünnen Grenzen und farbigen Länder der von Léon Saussine, dem führenden Pariser Spielerzeuger an der Wende des Jahrhunderts veröffentlichen Karte vertreten Europa vor dem Ersten Weltkrieg, etwa zwischen 1908 (Bosnien ist bereits Teil von Österreich) und 1913 (die Sandžak ist noch Teil der Türkei). Jedoch scheint es so, dass das Spiel sich nicht ganz verkauft hat, offenbar weil die Spieler auf massive, staatlich finanzierte echte große Reisen in der ganzen Europa fuhren. Und als die friedliche Zeit der Brettspiele wiederkam, die Franzosen, wie in der Realität, hatten die Karte neu zu zeichnen.

„Wenn der Spieler eine Hauptstadt betretet, muss er dort bleiben, biss alle anderen Spieler noch einmal wieder werfen, denn man zum Besuch einer solchen wichtigen Stadt Zeit widmen muss.“

Die doppelte Anzahl von Hauptstädten wahrnehmbar verlangsamt die Fortschritte auf der Karte, ebenso wie in der Realität.

„Der Spieler, der es nicht sofort sagen kann, zu welchem Land die betreffende Hauptstadt gehört, wird drei Punkte verlieren. Zum Beispiel, bei dem Betreten Punkt Nummer 3: London ist die Hauptstadt von den Britischen Inseln, und so weiter, in allen Hauptstädten.“

Dass heißt, die Einwohner von Paris, der unvergleichlichen Stadt gaben sich eine schwere Lektion mit der Umgestaltung Europas und der Vermehrung der osteuropäischen Kleinstaaten. Kein Wunder, wenn in jener glücklicheren westlichen Hälfte des Kontinents, die die bunten dicken neuen Grenzen so auffällig entbehrt, Dialoge dieser Art sogar zehn Jahre später bemerkt wurden:

„Und wo leben diejenige Ungarn?
In Ungarn. Zwischen Österreich, Rumänien, der Tschechoslowakei und Jugoslawien.
Aber ich bitte Sie!… Diese Länder wurden von Shakespeare erfunden.“

Antal Szerb: The Pendragon Legend, 1934

„Der Weg kann nach Wunsch mit dem Fahrrad oder Automobil zurückgelegt werden.“

Der mitteleuropäische Spieler denkt mit Wehmut an die glücklichere westliche Hälfte des Kontinents, wo nach der großen Katastrophe musste man nicht alles von Null anfangen, Heimat oder Sprache wechseln, jahrelang in Waggonen wohnen, sondern nahm man erst die Vorkriegs-Brettspiele heraus, malte die neuen Grenzen auf, und dann ging alles auf seiner eigenen Weise, mit dem Fahrrad oder Automobil.

„Der Gewinner ist derjeniger, wer den großen Kreis zurücklegend zunächtst in Paris wiederkehrt. Der Gewinner bekommt alles.“