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Der hebräische Seemann


Pola ist eine charmante Kleinstadt auf der istrischen Halbinsel, in der tiefen Bucht der Adria. Sie hat ein römisches Amphitheater und ein Siegestor, einen mittelalterlichen Hauptplatz und ein Renaissance-Rathaus, eine venezianische Festung, eine Markthalle aus der Zeit der Monarchie, und ein permanent geschlossenes archäologisches Museum. Und vor hundert Jahren hatte sie auch einen Militärhafen.

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Die Karte von Pola aus dem Baedeker Österreich-Ungarns von 1910. In hoher Auflösung hier. Durch einen Klick auf einen beliebigen Punkt können Sie die alten Postkarten durchblättern.

Die österreichische Marine wahlte 1859 den Hafen von Pola als ihre Hauptbasis und das Zentrum des Schiffbaus aus. So blieb es bis zum 31. Oktober 1918, dem letzten Tag des Krieges, wenn einige von D’Annunzio inspirierten italienischen Offiziere führten die spektakulärste Heldentat der italienischen Marine aus, und sprengten in die Luft im Hafen von Pola das Kriegsschiff Viribus Unitis, das Flaggschiff der Monarchie. Der einzige Schönheitsfehler des Unternehmens war, dass die Helden wussten nicht, dass der Krieg schon vorbei war, und das Schiff dem neu gegründeten südslawischen Staat übergeben geworden war, dessen vierhundert Schiffsmänner bei der Explosion starben.

Dies zeigt auch, dass die Mannschaft der Flotte immer multi-ethnisch war, wie die Monarchie selbst. Heute fühlen insbesondere die Tschechen eine Sehnsucht nach das erste und letzte Meer ihrer Geschichte – wenn wir dasjenige nicht zählen, das Shakespeare gab ihnen –, und im letzten Jahr gedachten sie mit einer großen Ausstellung und einigen Memoiren der tschechischen und mährischen Schiffsleute der Monarchie, worüber wir bald berichten werden. Nach den Statistiken erfüllten sie und die Deutschen meist technische und organisatorische Aufgaben, die Mehrheit der Kanoniere waren ungarisch, während die Matrosen meist italienisch und kroatisch. Aber wir wissen auch über russinische, polnische und rumänische Schiffsleute, und um die Jahrhundertwende dienten auch vier jüdischen Seeoffizieren in Pola. Allerdings gab es nur einen hebräischen Seemann in der Monarchie: Aurél Göndör, der populäre Komiker von Budapest.



Aurél Göndör: Héber tengerész (Der hebräische Seemann), um 1909

Tudja rólam mindenki, hogy nem vagyok merész
Leider mégis vagyok én egy héber tengerész.
Tauli * lettem, be is hívtak engemet Pólába
S ott tartottak tengerésznek ebbe a gúnyába

Refr:
Hej, mondd Lipi, hitted-e, hogy tengerész leszel
Hogy életedben a hajón szolgálatot teszel
No de sebaj, nem busulok, sorsom bár nehéz:
Én vagyok az egyedűli Jordán-tengerész.

Hogyha már a kegyetlen sors engem idetett,
Ó, Jehova, hallgasd meg az én kérésemet:
Zsidó vagyok, vitorlázom sima Adrián,
Add meg nékem, Jordán vizén legyek kapitány.

Refr, azzal az utolsó sorral:
…én vagyok az egyedűli zsidó tengerész.

Hogyha járnak dühös szelek, s minden háborog
A hajó kész ringlispíl, amely forog-forog.
Én áthajlok a korláton, s mérgem kiadom
Fájó lelkem ott kóvályog zsidó piacon (?)

Refr:
…én vagyok az egyedűli Jordán-tengerész.

Én Istenem, hogy hiányzik a hajón a nő.
Éjjel csupa tűz a testem, és a fejem fő.
A tengertől ovakodjék Izráel szent népe:
Csak álmában áll előtte Vénusz asszonyképe.

Refr:
Lipi, Lipi, ne busulj, ha letelik időm
Hazamegyek, szabad leszek, lesz is szeretőm
Szőke-barna, mindenfajta, zsidó-keresztény,
Minden leány így kiált: Lipi derék legény!
Jeder weiß dass ich nicht abenteuerlich bin,
Leider bin ich trotzdem ein hebräischer Seemann.
Ich war tauli, * also wurde ich in Pola gebracht,
und dort als Seemann in dieser Uniform gehalten.

Refrain:
Hei, Lipi, hast du jemals gedacht, ein Seemann zu sein?
dass du jemals auf einem Schiff dienen werdest?
Es mach nichts, auch wenn dein Schicksal ist schwer:
Ich bin der einzige Jordan-Seemann.

Wenn der grausame Schicksal mich einmal hier brachte,
ach, Jehova, höre meine Bitte:
Ich bin ein Jude, ich segele auf der glatten Adria,
lass mich aber einmal Kapitän auf dem Jordan sein.

Refrain, mit dem letzten Vers:
…Ich bin der einzige jüdische Seemann.

Wenn böse Winde kommen, und alles aufwirbeln,
ist das Schiff ein Karusell, das immer nur umdreht.
Ich beuge mich über das Geländer, ich gieße meinen Zorn aus,
und meine Seele irrt auf dem jüdischen Markt um.

Refrain:
…Ich bin der einzige Jordan-Seemann.

Ach mein Gott, wie vermisse ich die Frauen auf dem Schiff!
In der Nacht ist mein Körper und Kopf all Feuer.
Behüte sich das heilige Volk von Israel vom Meer
wo man sieht die schöne Venus nur in Träumen.

Refrain:
Lipi, Lipi, es macht nichts, deine Zeit wird vorbei sein
Ich gehe nach Hause, ich werde viele Liebhaber haben.
Blondinen, Brunetten, alle Art, Juden und Christen,
alle Mädchen schreien: Lipi ist ein tapferer Bursche!

Ich bin nicht ganz sicher, wie ich „Jordan-Seemann” schreiben soll. Es kann kein Volksname (”jordanische Seemann“) sowie „hebräisch“ und „jüdisch“ sein. Der Autor konnte offensichtlich nicht das jordanische Königreich im Auge haben, das erst 1946 unabhängig wurde, und mit dem er sich onehin nicht identifiziert hätte. Vielleicht stellt er sich lieber als Matrose auf dem Jordan dar, wie er es auch in seinem Gebet bittet. Dieser Hinweis zeigt die post quem des Liedes, die Jahrhundertwende, wenn sowohl der Zionismus als der Sänger ihre ersten großen Erfolgen erzielten. Und die Tatsache, dass er sein Verlangen nach christliche Frauen offen verkünden kann, zeigt auf eine traurige ante quem, die er glücklicherweise nicht erlebte. Er starb 1917, noch vor der Auflösung der österreichisch-ungarischen Pola.

Ist es vielleicht er, Aurél Göndör, am Ausgang in Pola? (Fortepan)

…und im Dienst?

Die um 1909 veröffentlichte Grammophonscheibe wurde zusammen mit vielen anderen Scheiben Auréls Göndör vom Gramofon Online digitisiert. Und jetzt das Ungarische Jüdische Museum und Archiv von Budapest feiert mit sie ihre Zentenarausstellung, die morgen, Samstag Abend um 20:155 geöffnet wird. Wir empfehlen den Besuch allen unseren Lesern. Mazel tov!


Der Krieg von unten gesehen


„Der Krieg von unten gesehen“, schrieben wir gestern vor den Bericht über die Konferenz, die sich mit der Beziehung zwischen der Front und dem Hinterland, den Soldaten und ihren Familien, der Selbstorganisation der lokalen Gemeinschaften, die Kriegspostkarten und so weiter beschäftigte. Der Krieg wird jedoch wirklich von unten, aus einer echten grassroots perspective durch die Gefallenen gesehen. Sie wurden mit einem ungewöhnlichen Denkmal in der sardinischen Stadt Orgòsolo gedacht.


Die Wände von Orgòsolo wurden seit den 1960 Jahren von Wandbilder – von überraschend guter Qualität – eingerichtet, und von hier verbreiteten sie in die anderen Städten Sardiniens. Doch während in den anderen Orten man malt in den Regel traditionelle Szenen und Figuren an den Wänden der Häuser, die Mehrheit der Fresken in Orgòsolo sind politische Protestgemälden. Orgòsolo, im Herz der Barbagia, die geschlossene, archaische Bergregion Sardiniens, ist seit jeher das Zentrum des sardischen Unabhängigkeit und des Widerstands gegen die als Eindringling betrachtete italienische Macht. Es war vor allem so in den 1960er und 1970er Jahren, wenn sie die traditionelle Hirtenkultur gegen die staatliche Landenteignung verteidigten. Die ersten Wandbilder, über die wir im Detail in einem separaten Post schreiben werden, waren Ausdruck dieses Widerstands.


Das Wandbild in Frage schmückt die Ecke der Via Cadorna. General – unter Mussolini, Marschall – Luigi Cadorna war der Oberbefehlshaber der italienischen Armee im Ersten Weltkrieg. In der siegreichen Italien wurden viele Straße nach ihm benannt. Allerdings ist die Meinung der Historiker über ihn nicht so günstig. Laut David Stevenson war er „einer der gefühllosesten und inkompetentesten Kommandeure des Ersten Weltkriegs“, der glaubte, dass Disziplin allein alles löst. Er war äußerst grausam zu seinen Soldaten, während er wegen der mangelnden Organisation, Nachschub und militärischen Übersicht nicht einmal den kleinsten Erfolg auf der Isonzo-Front erreichen konnte. Zwischen 1915 und 1917 startete er elf großen Offensiven gegen die österreichisch-ungarischen Positionen, alle elf erfolglos, mit massiven Verlusten. Wenn dann am Ende Oktober 1917 die Mittelmächte bei Caporetto – heute Kobarid – in den Gegenangriff gingen, in ein paar Tagen fegten sie weg die italienische Armee, deren Mehrheit – 275.000 Soldaten – sich übergaben. Italien war nur mit französischer und britischer Unterstützung in der Lage, den Krieg zu beenden. Fast sechshunderttausend italienische Soldaten kamen an der Isonzo- und Piave-Front um.

„Zu einem brillanten Angriff soll man berechnen, wie viele Menschen das Maschinengewehr brechen kann, und man sendet in Angriff einen höheren Anzahl von Menschen. Jemand wird das Maschinengewehr erreichen.“
Luigi Cadorna: Briefe


Wenn das dankbare italienische Staat mit einem Straßenschild garantiert, dass der Name von General Cadorna für immer aufrechterhaltet seie, sichergestellt das als Kommentar daneben gemalte Wandbild, dass die Sarden – von denen besonders viele junge Menschen im Ersten Weltkrieg verloren wurden – genau wissen, was sie zu Cadorna verdanken. Der Text des Bildkommentars lautet wie folgt:

„General L. Cadorna, der Hauptverantwortliche für das Massaker des Ersten Weltkriegs.
Soldaten an allen Fronten getötet: 8 Millionen 740.000
Italienische Soldaten getötet: 571.000
Invaliden und Verstümmelten: 451.645
Verschwunden: 117.000
210.000 Soldaten wurden erschossen oder verurteilt, weil sie nicht mehr kämpfen wollten.
KILLER GENERÄLE!“


Und das in den Mund der jungen Witwe – und somit der ganzen Gemeinschaft – gegebene Soldatenlied des Ersten Weltkrieg stellt sicher, das auch die Erinnerung an Caporetto gepflegt seie:


E anche a mi’ marito tocca andare (Mein Mann muss auch gehen). Text und Aufnahme von hier

E anche al mi’ marito tocca andare
a fa’ barriera contro l’invasore,
ma se va a fa’ la guerra e po’ ci more
rimango sola con quattro creature.

E avevano ragione i socialisti:
ne more tanti e ’un semo ancora lesti;
ma s’anco ’r prete dice che dovresti,
a morì te ’un ci vai, ’un ci hanno cristi.

E a te, Cadorna, ’un mancan l’accidenti,
ché a Caporetto n’hai ammazzati tanti;
noi si patisce tutti questi pianti
e te, nato d’un cane, non li senti,

E ’un me ne ’mporta della tu’ vittoria,
perché ci sputo sopra alla bandiera;
sputo sopra l’Italia tutta ’ntera
e vado ’n culo al re con la su’ boria,

E quando si farà rivoluzione
ti voglio ammazzà io, nato d’un cane,
e a’ generali figli di puttane
gli voglio sparà a tutti cor cannone.
Mein Mann muss auch gehen, um eine
Sperre gegen die Eindringlinge zu setzen
aber wenn er in den Krieg zieht und stirbt
bleibe ich allein mit vier Kindern.

Die Sozialisten hatten Recht, dass so viele
stirben, und wir sind immer nicht aufgewacht
aber selbst wenn der Priester sagt, dass geh
und stirb, geh nicht, es gibt keinen Christ dafür!

Aber du, Cadorna, der nicht zufrieden bist
mit den vielen, die an Caporetto getötet hast
wir leiden und weinen hier die ganze Zeit
aber du, Hurensohn, das nicht einmal hörst


Ich interessiere mich nicht für deinen Sieg
weil ich spucke auf die Fahne
ich spucke auf ganz Italien, und ficke
in den Arsch den König mit seiner Arroganz

Und als es wird die Revoluzion geben
ich will dich töten, Hurensohn,
und alle bastarde Generäle
will mit Kanonen totschießen.


„მე გადმოვცურავ ზღვას“ – „Ich werde das Meer schwimmend überqueren“

„Die Ideologie von Moskau kämpfte mit einer besonderen Hingabe gegen alle Werte und Symbole der Vereinigten Staaten, darunter auch die Jeans. Deshalb dachten die Sovjetbürger, dass dort, wo es Jeans gibt, es gibt Glück. In einem Land, wo keine Jeans hergestellt wird, gibt es weder das Recht auf Privateigentum, die einer der Grundlagen der Unabhängigkeit ist.“
(Dato Turashvili)

attraverso attraverso attraverso attraverso attraverso attraverso attraverso
Fotos von Jacopo Miglioranzi aus den Gldani- und Zahesi-Viertel von Tiflis

„Sie nannten es Flugzeigentführung, aber in Wirklichkeit war es eher der Selbstmord von verzweifelten Menschen. Die Entführer wurden wie gewöhnliche Leute angezogen, alle trugen die übliche Kleidung der Jeans-Generation, nur hinter Gia Tabidzes Jacke erschien eine Krawatte, und er hielt eine Weltkarte in der Hand.“: Sieben Leben, sieben junge Menschen unter den vielen in der sowjetischen Georgien. Aber die Geschichte ist nicht gewöhnlich, obwohl es über einfache Wünsche spricht: der Wunsch nach eine Jeans, der Wunsch nach Freiheit.

Gega Kobakhidze, Irakli Charkviani, Giorgi Mirzashvili

„Nach der Zusammenbruch der Sowjetunion hielte ich es nicht mehr für rechtzeitig, dieses Buch zu veröffentlichen. Naiv habe ich gedacht, dass die sowjetische Vergangenheit Georgiens zu einer weitentfernten, bitteren Erinnerung werde. Aber ich entdeckte, dass die Vergangenheit ist in der Lage, zurückzukommen, vor allem, wenn wir nicht in der Lage sind, uns von ihr zu entfernen. Wir haben uns nur von jener Zeit entfernt, aber nicht vom gemeinsamen Bewusstsein jenes Landes, das man der Reich des Bösen nannte, und in dem der Gnade war so ungemein, das erste Land der Welt, der fähig war, einen Menschen in den Raum zu schicken, und war unfähig, ein Paar Jeans zu herstellen.“

Die Geschichte, die der berühmten georgischen Schriftsteller David Turashvili in seinem Buch „The Jeans Generation“ erzählt (Originaltitel ჯინსების თაობა, jinsebis taoba, 2013 auf italienisch als Volare via dall’Urss (Fliegen weg aus der Sowjetunion) bei dem Palombi Verlag in der Übersetzung von Ketevan Charkviani veröffentlicht) darstellt in einem absichtlich „alltäglichen“ Register, so dass die Worte wie die Rahmen eines Films aufeinander folgen, das skandalösste und tragischste Ereignis der sowjetischen Georgien der 80er Jahre. Sieben georgische Jugendliche, die sich selbst „die Jeans-Generation“ nannten, versuchten, ein Flugzeug zu entführen, um aus der Sowjetunion zu entfliehen, das zu der Zeit für eine sehr schwere Schraftat gehalten wurde.

„Vor fünfzehn Jahren, am 18. November 1983 eine junge Frau stand mit einer Bombe in der Hand in der offenen Tür des Flugzeugs, das nach einem gescheiterten Entführungsversuch auf dem Flughafen Tbilisi gelandete.. Regentropfen drieselten auf ihr verzweifelten Gesicht, als sie auf das unvermeidliche Ende wartete. Sie stand in der Tür und hielt die Bombe, in der Hoffnung, dass die sowjetischen Behörden so schnell wie möglich abschließen, was sie geplant hatten. Während der Verschiebung ihrer Entscheidung zog sich das Massaker im Flugzeug so lange, dass alle, sowohl die draußen stehenden und die im Flugzeug sitzenden wünschten nur eines: dass es eine Ende habe. Imvon den Kugeln durchbohrten Flugzeug gab es mehrere Tote sowhol unter den Passagieren und dem Personal, viele Leichen lagen auf dem Flur. Es gab auch viele Verwundete, und in der Totenstille war nur ihr Stöhnen zu hören, während einer von ihnen flüsternd bittete Tina, die Bombe nicht zu sprengen.“

Tina Fethviashvili und Gega Kobakihdze

Die Mehrheit der Jungen wurden für ihr naiven Fluchtversuch von der Sowjetregierung zum Tode verurteilt, aus Angst, dass der Vorfall als Präzedenzfall für andere georgischen Jungen dienen könne.

Diese sind die Jahre der politischen Gärung in der kleinen Sowjetrepublik. Seit der Ankunft der Bolschewiki im Jahre 1921, die ein Ende der kurzlebigen menschewistischen Regierung (1918-1921) legte, gab es immer wenige Versuche, sich gegen den neuen politischen Kurs aufzulehnen. Die stockenden Versuche der bewaffneten Aufstände, die jedes Mal von einer blutigen Niederschlagung gefolgt waren, wurden von friedlicheren Zeiten ersetzt, wenn jeder versuchte, sich die kleinen Plätze und Momente der Freiheit im Alltag zu versichern. „Nach einige Jahre, als bewaffneter Aufstand völlig unmöglich wurde, versuchten die Georgier, für ihre demokratischen Rechte friedlich zu kämpfen. Offensichtlich könnten sie ihre ZIele auf dieser Weise oft nicht erreichen, aber das Ergebnis der großen Massendemonstration, die kurz vor der Flugzeugentführung auf den Hauptplatz von Tiflis in der Verteidigung der georgischen Sprache als Amtssprache einberufen wurde, war sehr positiv“, schreibt Turashvili.

In den Jahren der Sowjetrepublik war der Autor selbst einer der Führer der Studentenbewegung, die oft bei dem ostgeorgischen Kloster David Gareja veranstaltet wurde, dessen Gebiet von der Sowjetarmee als Truppenübungsplatz genutzt war.

Dato Turashvili

Oder am 14. April 1978, als “ein Meer von Menschen auf die Hauptstraße von Tiflis strömten, um gegen Moskau zu protestieren, das schließlich den Kreml dahingebracht hat, die Entscheidung zu Ungunsten der Georgier zurückzutreten.“

Im Bezug auf die Entführung war die öffentliche Meinung stark geteilt. Viele betrachteten die Entführer als Terroristen, während andere behaupteten, dass das Leben unter der Sowjetmacht so schrecklich wäre, dass es akzeptabel macht die Versuchung, durch Flugzeugsentführung zu entkommen.

Vor dem Gericht

„Die öffentliche Meinung in Tbilisi und in allen Georgien war sehr gespalten. Die Leute waren won den Ereignissen erschüttert, aber niemand wusste mit Sicherheit, was genau passierte, es wurden keine Angaben veröffentlicht. Das Regime verbreitete in den Zeitungen und im Fernsehen die Version, die für sie am günstigsten war zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Der Staat, der eine totale Kontrolle über die Mittel der Massenmedien hatte, fand es für gut, die Entführer schon vor Beginn der Untersuchung als Monster und Kriminelle erscheinen lassen. Es war so dringend, dieses Bild zu entwickeln, weil es in Georgien zu diesem Zeitpunkt bereits Tendenzen der antisowjetischen Gedanken bestanden, und ein Teil der Gesellschaft begann, die Entführer zu verteidigen.“

Noch vor der Veröffentlichung des Buches wurde die Geschichte auf der Bühne gebracht, als Eduard Schewardnadse zum Führer der neuen Georgien wurde. Das Staatstheater lehnte die Vorstellung des Stücks ab, aber Privattheater gaben es gerne Raum. Das Riesenposter der Uraufführung wurde vor Präsident Schewardnadses Haus aufgestellt, um ihn auf die „Jeans-Generation“ zu erinnern. In der Tat war 1983, zur Zeit der Tragödie, Eduard Schewardnadse der erste Sekretär der sowjetischen Georgien.

Eduard Schewardnadse

„Herr Vazha hat es verstanden, über was, oder besser gesagt, über wen Schewardnadse mit ihm sprechen wollte, und er absichtlich ging in Jeans zum Gebäude des Zentralkomitees, wo man über den Schicksal seiner Söhne entschieden hat. Herr Vazha hatte keine Jeans, so suchte er eine im Zimmer seiner Söhne. Es war nicht leicht, eine zu finden, weil das Zimmer seine Söhne war durchsucht worden, und sie durchwühlten es so viele Male, dass er hat aufgegeben, es in Ordnung zu bringen. Es hätte keinen Sinn gehabt, weil die nächste Hausdurchsuchung hätte es wieder auf den Kopf gestellt. Deshalb suchte Herr Vazha lange, bis er eine Jeans fand, die immer noch den Geruch seiner Söhne hatte. Er legte sie vor dem Spiegel auf, und er ging zum Gebäude des Zentralkomitees. Am Eingang des Gebäudes des Zentralkomitees, wo er eine Eintrittsgenehmigung gewährt wurde, waren von den rangniedrigsten zu den ranghöchsten Mitarbeitern alle schockiert beim Anblick des Mannes, der einen Termin mit Schewardnadse hatte, denn es war das erste Mal, dass jemand, der an das Zentralkomitee einberufen wurde, Jeans trug. Schewardnadse war über seinen Schreibtisch gelehnt, zunächst hörte er nicht einmal den Gruß des Mannes, dann erst bemerkte er Herr Vazhas Hose, und als er ihm winkte, Platz zu nehmen, nahm er in Augenschein die Jeans des Gastes. Er sah in wütend an, und vielleicht dachte, dass der Vater auf dieser Weise gegen das Urteil über seine Söhne protestieren wolle.“


Der Wunsch, die Sowjetunion zu fliehen, hat die Jugend ein paar Jahre später wieder auf die Straßen berufen. 9. April 1989 ist für die Georgier der Tag der „Massaker von Tiflis“, der heute als ეროვნული ერთიანობის დღე erovnuli erianobis dghe, der Tag der Nationalen Einheit gefeiert wird, und der damals zwanzig Tote und mehrere hundert Verletzte auf dem Kopfsteinpflaster gelassen hat. Und dieser Wunsch offenbart sich in den Worten eines der größten zeitgenössischen georgischen Songwriter-Singers, Irakli Charkviani, der zum Zeitpunkt der Ereignisse ein Freund des Angeklagten war:

Und warum, haben Sie nicht fliegen wollen?
Ich wollte schon immer fliegen. Ich will noch fliegen, und ich habe keinen Zweifel daran, dass ich fliegen will, aber nicht mit dem Flugzeug.
Der russische Verhöroffizier dachte schweigend ein paar Minuten über Iraklis Antwort, aber er hat es nicht verstanden, was dieser georgische Junge damit meinte. Endlich stellte er eine neue Frage nur um das peinliche Schweigen zu brechen:
Und wenn Sie es nicht schaffen, zu fliegen?
Dann werde ich das Meer schwimmend überqueren.
Was?
Das meer.
Aber wie?
Durch die Kraft des Liedes.
Machen sie Witze mit mir?
Ich mache keine Witze.
Können wir in dem Protokoll schreiben, wie Sie es gesagt hat?
Ja, mein Herr.
Wie sollen wir es schreiben?
Buchstäblich.
Genau wie?
Ich werde das Meer schwimmend überqueren…

Irakli Charkviani (1961-2006): Паспорт / Союз. Eine Vorstellung Majakovskijs „Verse vom Sowjetpass“. Russischer und englischer Text hier.


Irakli Charkviani (მეფე Mefe – „The King”): მე გადმოვცურავ ზღვას – Ich werde das Meer schwimmend überqueren

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Béla Bartók: Rumänische Volkstänze

Béla Bartók sammelt Volkslieder mit Phonograph von slowakischen Bauern in Zobordarázs (heute Dražovce, Teil der Stadt von Nitra in der Slowakei), 1907

1909 begann Béla Bartók rumänische Volksmusik zu sammeln in der Gegend von Belényes/Beiuș auf der Ermutigung seines dortigen rumänischen Freundes János Bușiția. Er setzte das Sammeln im folgenden Jahr und auch in 1912-1913 fort mit mehreren Touren nach verschiedene rumänischen Regionen Ostungars (heute Rumänien). Auf der Grundlage des gesammelten Materials komponierte er 1915 das Klavierstück Rumänische Volkstänze, das er an seinen Freund in Belényes empfohlen hat. 1917 arrangierte er es auch für Orchester, und 1925 bereitete Zoltán Székely daraus eine sehr erfolgreiche Transkription für Violine und Klavier.

Das nur fünf oder sechs Minuten lange Stück besteht aus sechs Sätzen, sechs selbständigen Tänzen. Der 1. Jocul cu bâtă (Stocktanz) wurde von zwei Zigeuner – ein Geiger und ein Folkbratschist – in Mezőszabad/Voiniceni gesammelt, der 2. Brâul (Rundtanz) und der Paartanz 3. Pe loc (Tippelei) von einem Pfeifer in Egres/Igriș, der 4. Buciumeana (Danz von Bucium) mit Dreivierteltakt von einem Zigeunergeiger in Bucsony/Bucium, der 5. Poarga românească (Rumänische Polka) von einem rumänischen Geiger in Belényes/Beiuș, wie auch der schnelle Paartanz 6. Mărunțelul (Kurze Schritte).



Mehrere hundert Versionen dieses Stückes sind im Netz verfügbar. Die Komplexität und Vielfalt der Rhythmusstrukturen innerhalb des engen Grundrhythmus, der schnelle Wechsel der verschiedenen Tanzstilen, die osteuropäischen und auch orientalischen Melodien haben viele Adaptationen inspiriert, und viele Kulturen und Völker fühlten die rumänischen Tänze des ungarischen Komponisten als ihre eigene. Durch diese Versionen wurde es zur einer Art wandernder Melodie, ähnlich zur früher gehörten osmanischen Melodie, die von allen Völkern von Anatolien über den Balkan bis zum Mittelmeer angenommen wurde. Im Folgenden stellen wir einige dieser Versionen dar. *

Bálint Vázsonyi und Oliver Colbentson

Die ursprüngliche Klavierfassung, von Bálint Vázsonyi (1936-2003) ebenso energisch gespielt, wie die ursprünglichen Tänze gewesen sein mussten.


Die Violin-Klavier-Transkription in der ähnlich starken Aufführung von Oliver Colbentson (1927-2013) und Erich Appel.

Die Zigeunerband Rajkó, Budapest, 2004

Die Klezmer All Star Clarinet Gang, 2006. Transkription des Mandolinespielers Avi Avital

Das italienische Atem Saxophone Quartet, Civitanova, Marche, 20 August 2011

Das Macedonia Clarinet Quartet

Der argentinische Brian Caballero am Bandoneon

Liu Fang (Pipa = klassische chinesische Laute) und Michael O’Toole (Gitarre). Waterford Cathedral, 29 September 2008

Ma Xiaohui (Erhu = klassische chinesische zweisaitige Violine) und Tim Ovens (Klavier). Shanghai


Die italianische Blaskapelle Ottomanìa, eine Version voll von originellen Lösungen, Rom, Palazzo Barberini, 19 Juni 2011. (YouTube erlaubt nicht die Einbettung des Videos, das Sie können auf ihrer Website sehen.)

Zwei fernöstliche Wunderkind-Aufführungen, aus Korea (Shin Sihan, Violine, Jan Hoitjink, Klavier) und Japan, von einem achtjährigen Mädchen (Klavier), die beide dieses Stück aus einer entfernten Kultur mit einer brillanten Empfindlichkeit interpretieren


Und schließlich eine Orchesterfassung auf der Musikakademie in Budapest, vom Danubia Orchester (dirigiert von Domonkos Héja), wo das Muzsikás Volkensemble vor jedem Satz die ursprüngliche Version spielt mit ihren Verzierungen. Das obige Video enthält die Einführung vom Muzsikás mit den zwei ersten Sätzen, während das nächste die volle orchestrale Version mit dem Rest.



Die Tänze in Bartóks ursprünglichen Feldaufnahmen, aus dem Archiv des Instituts für Musikwissenschaft der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Danke dem ursprünglichen Uploader und an Kip W, der unsere Aufmerksamkeit auf sie berufen hat.

Lied der Bettler


Wir haben mehrmals über die seltsamen Koinzidenzen geschrieben, die Spanien und Ungarn, diese zwei fines terrae des alten Europa mit geheimnisvollen Fäden verbinden. Als ein neueres Beispiel veröffentlichte die ungarische und spanische Presse in der gleichen Woche, dass dank der Krise und dem erstaunlich ähnlichen politischen Klima, aus beiden Ländern 500.000 Menschen auf der Suche nach Arbeit in Ausland gingen. Was natürlich bedeutet eine unterschiedliche Proportion in Ungarn, als in Spanien mit seiner fünfmal größer Bevölkerung.

Und es ist noch erstaunlicher, dass jene, die in den letzten hundert Jahren Spanien verließen, haben von ihrer Heimat Abschied genommen und sich im Ausland an sie erinnert mit dem Lied der ungarischen Bettler.


José Serrano, Canción húngara, von José Carreras gesungen

Das Lied ist die letzte Arie der traditionellen Zarzuela – Stück von Volkstheater – Alma de Dios, wo die ungarischen Bettler als eine bunte Nebenepisode auftauchen, um ihr Heimweh zu besingen. Vielleicht sogar der Ungar und sein Bär sungen es während ihrer Wanderung in der Dörfern der Pyrenäen. Das Stück, das in 1907 von José Serrano, der Autor der Hymne von Valencia geschrieben wurde, wurde durch dieses Lied in ganz Spanien sehr beliebt gemacht. Als Wang Wei sich daran erinnert:

In den 10er und 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, mit dem Erfolg der Zarzuela (vor allem in der Gesellschaft von Madrid, wovon die Mode im ganzen Land verbreitete) wurde dieses Lied sehr bekannt, und von allen Arten von Menschen im ganzen Land gehummt. Meine Großmutter sung es mit einem solchen Gefühl, als ob sie eine ungarische Vertriebene wäre. Ich denke, ein wichtiger Grund dafür war, dass in diesen Jahren viele Menschen aus Spanien nach Amerika ausgewanderten. Auch der Vater meiner Großmutter bewegte in dieser Zeit nach Havanna, um Arbeit zu suchen. Er kehrte nach Hause mit mehr oder weniger dem gleichen Geld, als er abfuhr, aber nach langen Jahren von Trennung von seiner Familie, und natürlich älter und enttäuschter.

Andere haben sich auch daran erinnert, dass ihre Ur-Großvater während der Arbeit auf dem Feld immer dieses Lied sung. Und es kann kein Zufall sein, dass es in den letzten Jahren eine neue Popularität gewonnen hat, von solchen Meistern durchgeführt, wie José Carreras, Alfredo Kraus und Plácido Domingo.

Canta, mendigo errante,
cantos de tu niñez,
ya que nunca tu patria
volverás a ver.

Hungría de mis amores,
patria querida,
llenan de luz tus canciones,
mi triste vida.
Vida de inquieto
y eterno andar,
que alegro solo
con mi cantar.

Canta vagabundo,
tus miserias por el mundo,
que tu canción quizá
el viento llevará
hasta la aldea
donde tu amor está.

Es caminar siempre errante
mi triste sino,
sin encontrar un descanso
en mi camino.
Ave perdida,
nunca he de hallar
un nido amante
donde cantar.
Sing, wandernder Bettler
die Lieder deiner Kindheit,
denn wirst du schon niemals
mehr deine Heimat sehen.

Ungarn, meine Liebe,
mein geliebtes Land,
deine Lieder füllen mit Licht
mein trauriges Leben.
Mein rastloses Leben
und ewige Wanderschaft,
die ich nur durch Gesang
kann aufheitern.

Besing, Vagabund,
dein Elend in der Welt,
vielleicht dein Lied
wird von dem Wind genommen
in das ferne Dorf
wo deine Liebe lebt.

Eine ewige Wanderschaft
ist mein trauriges Schicksal,
ohne eine Pause
auf dem Weg zu finden.
Ein verlorener Vogel,
ich kann niemals finden
ein liebevolles Nest,
wo zu singen.