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Wintermusik


Verlassend die Stadt von Alaverdi, die seit undenklichen Zeiten die gesamte Region mit Kupfer aus seinen unerschöpflichen Gruben versah, und die Brücke aus dem 12. Jahrhundert überquerend, auf dessen Balustraden vier steinernen Katzen schlummern in der Sonne, der steile Bergpfad wird schließlich Kloster Sanahin leiten. Über das Tal hinaus ist das Kloster von Haghpat sichtbar, und die beiden stehen auf gegenüberliegenden Seiten eines Nebentals des Debet-Flusses, der durch Armeniens nördlicher Provinz von Lori fließt. Laut Wikipedia bedeutet der Name „sanahin“ soviel wie „dies ist älter als das“, mit scheinbarem Hinweis auf seinen nahe gelegenen Rivalen.

Es ist fast ein Jahr her, dass ich erst dort war, ein paar Stunden nach einem Spätwinter-Schneefall. Die Luft war frisch und kühl, und in der Nachmittagssonne tropfte das Wasser reichlich von den Ästen, die durch ihren schnell zerfallenden Gewicht noch stark verbeugten. Wie ich es oft beim Besuch ungewohnter Orten tue, habe ich eine Tonaufnahme dieser Atmosphäre gemacht.

Ich freue mich zu sagen, dass die Aufnahme auf die Liste der „Best Winter Music von 2016“ der Website A Closer Listen aufgenommen wurde

„Die Filecasts von nula gehören zu den geheimnisvollsten online. Regelmäßig veröffentlicht er Fieldaufnahmen, die Zeit und Ort mit besonderem Kraft wachrufen. Diese kommt aus dem armenischen Kloster von Sanahin, wo „die späte Winterschnee ist nass und schwer, und sie trieft ergiebig in der Nachmittagssonne“. Die Aufnahme erinnert daran, dass der Wechsel der Jahreszeiten auch eine spirituelle Veränderung wiederspiegeln kann, wo die schwere Belastung leichter wird, die Herzen sind geschmolzen, und die Augen wenden sich wieder der Sonne. Auch von Interesse ist nulas neueste Komposition, cold fire.“


Musik des Winters in Sanahin. Aufnahme von Lloyd Dunn, Februar 2016 (11'10")

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Siehe auch den ursprünglichen Post auf meiner Website.

Das armenische Alphabet


Trotz seines Alters – nächstes Jahr wird er achtzig sein – ist Andrej Bitow eine prominente Figur der russischen postmodernen Literatur. Seine Sammlung von surrealistischen Kurzgeschichten Дворец без царя (Palast ohne Zar) wurde mit dem Iwan Bunin Preis ausgezeichnet. Allerdings war sein erstes bedeutendes Werk die 1978, im Alter von neunundvierzig veröffentlichten Уроки Армении (Armenische Lektionen), in dem er die während seiner armenischen Reise gesammelten alltäglichen Beobachtungen und Reflexionen in eine subjektive Enzyklopädie zusammenstellt. Im vergangenen Jahr gewann dieses Buch den Yasnaya Polyana Preis, eine der angesehensten russischen literarischen Anerkennungen. Im Folgenden veröffentlichen wir einen Teil des Eintrags „Alphabet“.


„Allerdings war es wenn nicht die erste, so die zweite Frage, di mir auf armenischem Boden gestellt wurde: „Na, wie gefällt dir unser Alphabet? Sehr, nicht? Sag mal, aber ehrlich, welches gefällt dir besser, deines oder unseres?“

Es ist ein großartiges Alphabet: wie der Laut exakt der graphischen Darstellung entspricht! Alles bildet ein Ganzes und schließt sich zum Kreis. Das Zupackende des armenischen Sprachklangs („eine Wildkatze, das Armenische“, sagt Mandelstam) entspricht dermaßen dem Gußeisernen der armenischen Buchstaben, daß das Wort, in Schrift gefaßt, wie eine Kette klirrt. Und dermaßen klar stelle ich mir vor, wie diese Buchstaben in der Schmiede entstehen: geschmeidig biegt sich das Metall unter den Hammerschlägen, der Zunder platzt ab, und zurück bleibt jene schillernde Bläulichkeit, die für mich jetzt in jedem armenischen Buchstaben aufscheint. Mit diesen Buchstaben kann man lebendige Pferde beschlagen. Oder diese Buchstaben sollten aus Stein gehauen werden, denn Stein ist in Armenien so natürlich wie das Alphabet, sowohl Geschmeidigkeit wie Härte des armenischen Buchstabens stehen zum Stein nicht im Widerspruch. Und die obere Krümmung des armenischen Buchstabens gleicht so exakt der Schulter der alten armenischen Kirche oder ihrem Gewölbe, wie diese Linie auch in den Umrissen seiner Berge vorkommt und wie diese widerum den Linien der weiblichen Brust gleichen – dermaßen allgemeingültig ist für Armenien diese erstaunliche Verbindung von Härte und Weichheit, Starre und Geschmeidigkeit, Männlichem und Weiblichem, in der Landschaft wie in der Luft, in den Bauten wie in den Menschen, im Alphabet wie im Sprachklang.

Diese Alphabet wurde von einem genialen Menschen mit überwältigendem Gespür für seine Heimat erschaffen, wurde einmal und für alle Zeiten erschaffen – es ist volkommen. Jener Mensch war ein Ebenbild Gottes in den Tagen der Schöpfung. Als er das Alphabet erschaffen hatte, faßte er den ersten Satz in Schrift:

Ճանաչել զիմաստութիւն եւ զխրատ, իմանալ զբանս հանճարոյ

Čanačʿel zimastutʿiwn ew zxrat, imanal zbans hančaroy

In diesem Fall bedeutete der Satz auch, was da niedergelegt war:

Dass man Weisheit und Unterricht erlerne und verständige Reden verstehe.

(Sprüche Salomos, 1:1-2)

Als er das in Schrift gefaßt (eben nicht geschrieben, nicht gezeichnet) hatte, entdeckte er, daß ein Buchstabe fehlte. Darauf erschuf er auch diesen Buchstaben. Und seit der Zeit „steht“ das armenische Alphabet.

Für mich gibt es nichts Überzeugenderes als eine solche Geschichte. Man kann sich einen Menschen ausdenken, und man kann sich einen Buchstaben ausdenken, aber man kann sich nicht ausdenken, daß einem Menschen ein Buchstabe gefehlt hat. Das kann nur so gewesen sein. Also gab es auch den Menschen. Er ist keine Legende. Er ist ebenso eine Tatsache wie dieses Alphabet. Sein name ist Mesrop Maschtoz.

Ich würde Maschtoz ein Denkmal setzen in Gestalt jenes letzten Buchstabens, als steiernen Beweis, daß er recht hatte.“

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Allerdings sind den Armeniern alle Buchstaben gleichsam wichtig. Deshalb gedenken sie Maschtoz mit den Statuen jedes, in der Form der mittelalterlichen Khatschkar geschnitzten Buchstabe in Oshakan, im von ihm gegründeten Kloster, wo sein Grab ist eine Pilgerstätte allen armenischen Gläubigen, sowie in der nähe, im „Feld der armenischen Alphabet”.

Die anderen Bilder sind vom Kloster Ganzasar, Karabach, wo Maschtoz seine erste Klosterschule für den Unterricht der armenischen Schrift gründete

Schuscha, die Stadt der Wunder


„Als unsere berühmte Vorfahren, ach, Khan, in dieses Land kamen, wo sie einen großen und gefürchteten Namen erworben, schrien sie auf: „Kara bak!“ – „Siehe, dort gibt es Schnee!“ Seitdem heißt das Land Karabach. Sein älterer Name war Sjunik. Weil du musst wissen, ach, Khan, dass unsere Heimat ist sehr alt und berühmt. Die Karauli, dunkle Geister leben in unseren Bergen, und sie hüten unermessliche Schätze. Unsere Wälder haben heilige Steine, und heilige Quellen entspringen dort. Wir haben alles. Geh in die Stadt, und schau dich um – arbeitet jemand? Fast niemand! Ist jemand traurig? Niemand! Ist jemand nüchtern? Niemand! Du wirst erstaunt sein, mein junger Herr!

Ich war in der Tat erstaunt, an wie große Lügner diese Leute sind. Es gibt keine Märchen, die sie nicht erfinden würden, um ihre Heimat zu verherrlichen. Erst gestern versuchte ein stattlicher Armenier mich davon zu überzeugen, dass die christliche Kirche von Maras in Schuscha 5000 Jahre alt sei.

Schuscha ist die Stadt der Wunder. Sie wurde in den Bergen, auf einer Höhe von fünftausend Meter gebaut, in der Umarmung von Wälder und Flüsse. Armenier und Muslime leben hier friedlich nebeneinander. Seit Jahrhunderten war sie eine Brücke zwischen den Ländern des Kaukasus, Persien und der Türkei. Mit liebenswürdig kindlicher Übertreibung nennen die Einheimischen ihre kleine Lehmhütten „Paläste“. Sie sind nie müde, vor ihren Türen sitzend und ihre Pfeifen rauchend wieder und wieder aneinander zu erzählen, wie die Generäle von Karabach das russische Reich und den Zar selbst gerettet haben, und was für ein schreckliches Schicksal sie geschlagen haben würde, wenn sie ihren eigenen Schutz an jemandem anderem vertraut hätten.“


Kurban Said: Ali und Nino, 1938. (Der in Pariser Exil geschriebene
aserische Roman erzählt über der pre-1914 Schuscha)


Am späten Nachmittag kommen wir in die Stadt Schuscha, in Aseri Şuşa, in Armenisch Schuschi. Die Lehmhütten sind längst verschwunden, und sowjetische Wohnblocke besetzen ihren Platz. Von den Palästen, den im 18. und 19. Jahrhundert von geschnitzten Stein gebauten zweistöckigen Häusern stehen viele noch in der Altstadt. Was sie gemeinsam haben, ist, dass sie ganz oder teilweise ohne Dächer und ausgebrannt stehen.

Als wir auf den steilen Straßen heraufklettern, verstehen wir, warum Schuscha der Schlüssel zu Stepanakert im Karabach-Krieg war, warum die aserbaidschanische Artillerie noch im Februar 1992 hier anhielt, als die armenische Armee bereits in die benachbarte Khojaly marschierte, sie von ihrem Flughafen abschneidend und die aserische Bevölkerung der Stadt erschlagend; warum das armenische Hauptquartier in Stepanakert es übernahm, die Bergstadt auf Kosten eines massiven Blutverlusts zu belagern und einnehmen, und warum die Zerstör8ng von 8-9 Mai, des Tages des Sieges, auch ihnen den Sieg über Karabach brachte. Wir schauen von den Resten der Stadtmauer nach unten. Sechshundert Meter unter uns, nur wenige Kilometer entfernt liegt die Hauptstadt von Karabach, die die aserbaidschanische Artillerie vom 10. Januar ab vier Monate lang bombardierte, fast alle Häuser zerstörend, und etwa zweitausend Zivilisten tötend.

Der Hauptgrund für die Zerstörung von Schuscha war nicht so sehr die kurze Belagerung, sondern die armenische Zivilisten, die die Invasionsarmee folgend die Wohnungen der aserischen Bevölkerung, die aus die Stadt geflohen waren, geplündert und niedergebrannt haben. Aber dies war nicht die erste Zerstörung von Schuscha in diesem Jahrhundert. Nach dem ersten Weltkrieg, während des territorialen Konflikts zwischen der kurz unabhängigen armenischen und aserbaidschanischen Staaten, am Ende März 1920 haben die aserbaidschanische Armee und die aserischen Einwohner von Schuscha für drei Tage die armenische Bevölkerung der Stadt massakriert und das Armenierviertel zerstört. Von den von Kurban Said gelobten siebzehn Kirchen blieben nur zwei, die, aus Mangel an Gläubigen, das sowjetische System in Lagerhäusern umgewandelt überlebten. Von den 45 tausend Bewohnern der Vorkriegszeit blieben nur fünftausend. Deshalb konnte Ossip Mandelstam so spät wie 1931, während seiner kaukasischen Reise diese Zeilen aufzeichnen:

…Так, в Нагорном Карабахе,
В хищном городе Шуше
Я изведал эти страхи,
Соприродные душе.

Сорок тысяч мертвых окон
Там видны со всех сторон
И труда бездушный кокон
На горах похоронен.
...Und in Nagorno-Karabach,
in der zerstörten Stadt Schuscha
sah ich Dinge, die ebenso
schrecklich für die Seele waren.

Vierzigtausend tote Fenster
gähnen auf jeder Seite, und der
leere Kokon der ehemaligen Arbeit
als Friedhof auf dem Berg liegt.

Shusha, Ruinen des armenischen Viertels, um 1920

Heute ist die Situation umgekehrt. Die armenische Kathedrale wurde restauriert, ebenso wie mehrere Häuser in ihrer Nachbarschaft. Hier leben die viertausend Einwohner der Stadt – die vor 1992 15.000 Menschen hatte –, vor allem aus Aserbaidschan geflüchtete Armenier. Heute ist es das aserische Viertel, das tot ist.

Auf den ehemaligen Marktplatz ankommend fühlt es, als ob wir die Stadt verlassen hätten. Die Asphalt endet, wir stolpern im Schlamm, zwischen tiefen Pfützen von schmelzendem Schnee. Die Fenster der sowjetischen Wohnblücke gähnen schwarz und leer. Dem sowjetischen Kulturhaus ist nur die Fassade mit dem Stalinbarock-Tympanon geblieben. Am Ende des Platzes steht noch die 1787 gebaute Obere Moschee. Die schwarze Plakette vor ihr gibt es bekannt, dass sie unter staatlichen Schutz steht. Tatsächlich wurde der kleine aserische Friedhof in seinem Garten, im Gegensatz zu dem Friedhof von Julfa, nicht verwüstet. Der staatliche Schutz schützt aber nicht von der Zeit, die die Mosaikbedeckung der Minarette und die Bögen und Ziegelfassade der Moschee langsam zugrunde richtet. Auf Fotos aus 2007 haben die Minarette noch ihre Dächer. Heute sehen wir nur eine seltsame Struktur an ihrer Stelle, die wahrscheinlich zur Abhebung der Dächer diente, wenn sie bereits in Gefahr gerieten, von selbst zu fallen.

Schuscha, Obere Moschee, 1988

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Unter dem Marktplatz, hinter dem ehemaligen Kulturhaus liegt die 1874 gebaute Untere Moschee, jetzt in ähnlichem Zustandt. Kinder spielen im Hof. Wenn sie uns erblicken, wenden sie sich an uns mit einem unerschrockenen Vertrauen, und zeigen sie uns die von unter den benachbarten Ruinen gesammelte Rüstkammer. „Aserbaidschaner. Sie wurden von den Aserbaidschanern hintergelassen.“ „Und wohin sind sie gegangen?“ „Zurück in Aserbaidschan.“ „Und ihr seid von dort gekommen?“ „Gar nicht. Wir sind aus Schuschi. Wir sind doch keine bezhentsy, Flüchtlinge!“

Sie zeigen uns die geheimen Treppe in die Minarette und an die Spitze der Kuppeln hinauf. Die Bögen des Gebäudes sind von unten gesehen noch intakt, aber von oben kann man sehen, dass zwischen den freiliegenden, ohne Dach verlassenen Kuppeln wachsen junge Bäume, die die Ziegelgewölbe langsam zersplittern werden.


Unsere Begleiter folgen uns, sie wollen uns alles zeigen. „Diese waren persische Häuser.“ „Nicht aserische?“ „Nein, nein. Die Aserbaidschaner lebten dort. Hier lebten die Perser.“ „Und was ist mit ihnen geschehen?“ „Sie sind auch weg.“ „Und dies war das Gefängnis“, zeigen sie auf den verfallenen Keller des Kulturhauses. Wir fragen nicht, wer hat wen dort eingesperrt.

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Als wir auf der Hauptstraße zurückspazieren, nach dem Rat von Mustafa Agha prüren wir über, ob jemand arbeitet. Wir freuen uns zu sehen, dass man in fast jedem Torweg arbeitet, man packt Esel, schneidet Fleisch, näht und Töpfe macht, und ein Fotograf nimmt in seinem Studio auf, wie es war, als in Schuscha noch Armenier und Muslime friedlich nebeneinander lebten.

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„Ach, Khan“, sagte Mustafa Agha. „Deine Vorfahren führten Kriege, aber du bist im Haus der Weisheit gesessen, und du bist ein gebildeter Mann. Also hast du über Kunst gehört. Die Perser sind stolz auf Saʿadi, Hafez und Ferdausi, die Russen auf Puschkin, und im fernen Westen lebte ein Dichter namens Goethe, der ein Gedicht über den Teufel geschrieben hat.“

„Sind alle diese Dichter auch von Karabach?“ fragte ich ihn.

„Nein, mein edler Herr, aber unsere Dichter sind besser, auch wenn sie nicht bereit sind, ihre Worte in das Gefängnis der toten Buchstaben einzuschließen. Sie sind zu stolz, ihre Gedichte abzuschreiben. Sie singen sie.“



Qubanin ag almasi (Weiße Äpfel von Quba), in Bayati Shiraz Mugham-Modus, von Miralan Miralanov gesungen. Aus dem Album Aserbaidschanische Liebeslieder. Karabach, und insbesondere Şuşa waren das Zentrum der traditionellen aserischen Mugham-Musik.

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Überblendung: Vom Meer bis zum Meer

Vogel in byzantinischen Ornamentrahmen. Venedig, Markusplatz, 12-13. Jh.

Vogel in armenischen Ornamentrahmen. Venedig, Hl. Lazarus-Insel, armenischer Kloster, MS 1159, 12-13. Jh.

Polaroids von Rabati


Jacopo Miglioranzi forscht die Anthropologie der Religion in der südgeorgischen Stadt Akhaltsikhe unter den lokalen Armeniern und Georgiern. Über die jüdische Bevölkerung der Stadt hat er früher in río Wang geschrieben. Seine weiteren Aufsätze können Sie hier lesen.
„und siehe
es bewegt es bröckelt es verbreitet sich
und siehe
es bewegt es bröckelt es verbreitet sich
das eine erklärt Unabhängigkeit und geht weg
das andere schließt sich in seine Intimität ein
das dritte verkündet sich ein totaler Außenseiter“


Toleranz. Ein neues Wort. Bis vor kurzem konnte man es sehen in großen Buchstaben auf einer riesigen Werbetafel. Toleranz, dies empfing die Stadtbürger und Besucher, die in Rabati ankamen. Der älteste Viertel der Stadt Akhaltsikhe. Um den Viertel zu erreichen muss man eine große Straße überqueren, dann eine schmale Straße unter der Brücke der alten und stillgelegten Eisenbahn nehmen. Zwei Straßen. Zwei Formen der Toleranz. Auf der linken Seite, die Festung von Rabati, das Symbol der Toleranz. Touristen, Reisende, Backpackers, Grenzgänger. Junge Leute, die fotografieren und sich fotografieren lassen. Braute in Weiß gekleidet. Auf der rechten Seite, Rabati. Der Viertel. Touristen, Reisende, Backpackers, Grenzgänger. Junge Leute, die fotografieren und sich fotografieren lassen. Braute in Weiß gekleidet, weniger. Männer rauchen nervös ihre Zigaretten. Eine gelbe Marschrutka, ohne Räder, die im Sterben am Bahndamm liegt. Ich klettere zu den sterbenden Gleisen auf. Armenische Männer. Georgische Männer. Türkische Männer. Armenische Taxifahrer. Türkische Busse. Georgische Busse. Autos. Polizeistreife. Mehr Taxis. Einkaufstüten. Frauen mit Kindern. Armenische Jungen. Georgische Jungen. Armenische Mädchen. Georgische Mädchen. Russische Touristen. Polnische Touristen. Paare auf Motorrädern. Radfahrer.


Verlorene Touristen in einem verlorenen Ort. Vielleich ich auch. Vielleicht nicht. Selbstbewusste Menschen. Menschen mit sicherer Arbeit. Menschen ohne Arbeit. Angestellte, die in der Stadt sicher sind. Angestellte, die hier unsicher sind. Ein orthodoxer Priest.

Ein Führer in der Hand: „Lonely planet“. Informationen. So viele Informationen, so viele Gewissheiten. Hier, so viele Informationen, so wenige Gewissheiten. Versteckten Orten. Verpasste Hotels und Museen. Taxifahrer fahren. „Führer?“ Taxifahrer führen. Sechzig Lari. „Taxifahrer, Führer!“

„Reisen die Wanderer, reisen die Verlierer
die mehr zu den Veränderungen angepasst sind

reist der Staub, reist der Wind
reist das Quellenwasser“

Eine Station. Frauen schreien. Marschrutka. Plätze, die zugewiesen werden, schon zugewiesene Plätze. „რამდენი?“ „ლარად“. Tickets. Mündliche Verträge. Geschäfte. „Nicht deine Geschäfte.“ Geschäfte auf der Haut des Touristen. Eingeborene. Ziele. Beobachter. Beobachtete. Von wem?
Die Stadt. Der Viertel. Gleise und Stationen. Verwirrung und Verwrirrungen. Schlamm und Asphalt.


Die Stadt. Königin Tamar. Eine Kirche. „ვისოლი“, „სმარტი“, „გარფი“, „ლუკოილი“. Geruch von Benzin. Das Gerichtsgebäude. Fußgänger auf der Fußgängerübergang. Stehende Autos und LKWs. Die Polizeistation.
Schlamm und Asphalt. Gefüllte Straßen. Orthodoxe Priester. Orthodoxie. Neue und alte Orthodoxien. „Mehr als neu.“ Beton. Neuer und alter Beton. Denkmal „1941-1945“. Orthodoxie. „C.C.C.P.“ Krieg. Kriege. „Der Krieg ist kalt.“
Religiöse Konflikte. Kirchen. Neue Kirchen, blühen. Alte Kirche, wieder blühen. Altmodisch neue. Neulich alte. „Der Frieden ist warm.“
Körper, die vom Zeichen des Kreuzes verbraucht wurden. Blicke und Seele, der Heiligkeit der Kirche gespendet.

„Jerusalem, Heiliges Jerusalem,
mein Herz sehnt sich nach die Anastasis, entlang der Via Dolorosa,
zu einem Heiligen Grab, der Grab niemals war, aber heilig ist er
durch den Glauben der Gläubigen, in der Gnade des Herrn, mein Gott
mein Herr, Jesuskind, Fleisch von der jungen Jungfrau und Mutter
vor Dich verneige ich mich, Dich verehre ich
für Dich entführt mein Herz der Herr, mein Gott“

Religiöse Vorbeigehende. Vorbeigehende Mönche. Achtung! Heiligkeit. სამება, die Dreifaltigkeit. Zeit zu spenden, Momente, Sekunden. Gebete. Auch wenn es keine Zeit gibt. Auch wenn man einzukaufen eilt. Am Steuer. Spazierend.


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Gemeinschaft. Menschheit. Identität. Touristen, Reisende, Händler, Verkäufer, Straßenhändler, Ladenbesitzer, Krämer, Fahrer, Studenten, Arbeiter, Spieler, Arbeitslose, Priester, Mönche, Nonnen, Schwestern, Zeugen Jehova, Apostolische Gläubige. Journalisten und Fernsehkameras. Kameras. Autos, Lieferwagen, Lastkraftwagen. Mehr Studenten, Kehrer. Chinese, Georgier, Armenier, Juden, Russen, Türken. Mehr Georgier. Nur wenige Chinese. Viele Armenier. Juden. Rückkehre. Meskheti-Türken. Diasporas. Abfahrten. Italiener, Polen, Christen, rückkehrende. Musulmans, rückkehrende. Juden, abfahrende.

„verkrüppelter sauberer Luft und sterile Basare
Taxifahrer, nomadische Kameltreiber, Radio hören
sie wissen, wie das Wetter sein wird
im Anfang war das Wort
im Anfang war das „Pravda“
Wort und Wahrheit, Wort und Wahrheit“

CCCP – “Radio Kabul”


Jungen, Kinder, alte Männer. Gehweg. Touristbar. Zigaretten. Die gleichen Männer wie früher. „რაბათი?“ „აქედან“. Ich bin im Viertel. Ein Junge kommt aus einem Geschäft aus. Er sieht mich an. Sie sehen mich an. Travertinhäuser. Müde Häuser. Alte Häuser. Ein Mercedes. Kleider hängen. Schrott, Holz und Reifen. „Ein riesiger Erdrutsch,“ Rabati. Rabat ist. Rabati sind. Verloren. Alte Frauen, Armenier. „ԲարևՁեզ ქალბატონო, ექლესია, სად არის?“, „იქააა“, melodisch.

Georgier, Meskheti-Türken, Armenier, Juden, Türken, Russen. Einmal. Paskevitsch, Puschkin. Ein Taxi geht bei mir mit hoher Geschwindigkeit vorbei.

„es ist ein Seitenpfad, eine fluide Göttlichkeit
eine Stilkonvergenz mit dem prähistorischen Primitive
die Wirklichkeit ist die Wirklichkeit
normale Langeweile
tödliche Langeweile“

Viertel. Toleranz? „ԲարևՁեզ, სინაგოგი სადა?“ „ნახე, იქ“, „մերսի“.


Keine mehr Touristen. Keine mehr Reisende. Synagogen. Moscheen. Kirchen. Einmal. Jetzt Diasporas. Widerstände. Rückkehre und Abfahrten. Ein kleines Jerusalem?

„Besessenheiten setzen sich
auf die glänzenden Städte
von vergangenen Überfällen
von zukünftiger Shows
die einsamen Fahrte
die arroganten Wege
alle sind slecht beendet
ohne Erklärngen
ohne Jubel
in den kleinen Geschichten
der denkenden Köpfe”

Häuser. Hunde. Eine Frau mit ihrer Tochter. Sie sehen nicht mich an. Ein Fremder. „Die Wirklichkeit ist die Wirklichkeit.“
Ruinen.
Entlang der Straße. Fast niemand. Dies ist nicht die Stadt, dies ist Rabati. Der Viertel. Geschichten. Grenze. Identitäten auf dem Spiel.
Die Glocke klingelt nicht. Das Minarett singt nicht. Schweigen.

„Die Sufis drehen sich im Kreis im Raum
in der Zeit
Die Vertikale erhöhen sich, die Mönche in der Abgeschniedenheit
bewegungslos
das Niedrige und das Hohe reisen ohne Schnörkel
sie fallen schwindelig ab…
sie fallen schwindelig ab…“


Ich steige auf der, was aus der Straße geblieben ist. Die alte Synagoge. Leer. Sowjetische Vergangenheit. Leer. Ein zerstörtes Haus. Schlamm. Ein Kind am Fenster. Henne. Eine andere Synagoe. Ein Vorhängeschloss. Mehr Häuser.

„verschwindet sich die Stadt, verblasst sich der Verkehr
verblasst sich
beherrscht die Poesie: der Mond geht auf
er geht hoch
und fällt ab“

Խաչքար. Kreuze. Davidsterne. Bibelstelle. Evangelische Stelle. Alte und neue Testamente. Koranstelle. Imperialistische Stelle. Sozialistische Stelle: „l’atmosphère n’est plus la même”.
Ein Hügel. Keine Bäume. Eine alte Hütte. Eine Zeichnung: Mickey Mouse. Entstehende Grabsteine. Hohes Gras. Tote Namen. Armenier.
Ein bisschen weiter. Eine Mauer. Ein Vorhängeschloss. Entstehende Grabsteine. Tote Namen. Juden.

„Säe, säe – wenn auch weit von den Grenzen
wie die Sterne, wie die Wellen, säe.
Egal, wenn die Spatzen deine Samen verwüsten –
Gott wird anstelle von ihnen Perlen säen.“


„Sie fallen schwindelig ab…
sie fallen schwindelig ab…
sie fallen schwindelig ab…
sie fallen schwindelig ab…“


Alle Zitate in Kursivschrift, mit Ausnahme des vorletzten, das aus dem Gedicht „Säe“ des armenischen Dichters Daniel Varujan ist, sind Liede der italienischen Bands „CCCP – Fedeli alla linea“ und „C.S.I.“. Die Titel, in der Reihenfogle der Zitate, sind: CCCP, „Depressione caspica“; C.S.I. „In viaggio“; CCCP, „C.C.C.P.“; CCCP, „Guerra e Pace“; CCCP, „Paxo de Jerusalem“; CCCP, „Radio Kabul“; C.S.I. „Depressione caspica“; CCCP, „Noia“; CCCP, „B.B.B.“; CCCP, „Noia“; C.S.I., „In viaggio“; CCCP, „Campestre“; CCCP, „Inch’allah – ça va“; C.S.I., „In viaggio“.



Armenisches Ostern


Das Licht strömt in Strahlen in die armenische Kathedrale von Lemberg. Die Kirche wurde 1362 von Armenier aus dem Krim nach dem Vorbild der mittelalterlischen armenischen Kirchen etwa dreitausend Kilometer vom alten Armenien gegründet, seine Wände sind von Jugendstilfresken in der Art von Klimt auf der Bestellung des armenisch-katholischen Erzbischofs Józef Teodorowicz vom in Russland geborenen und in Frankreich emigrierten polnischen Freiheitskämpfer und jüdischen Maler Jan Henryk de Rosen ausgeschmückt. Dies ist Lemberg.

Die Enthauptung Johannes des Täufers, Detail

Ein schöner Mann mit einem klugen Lächeln tretet an uns heran. „Wir Armenier feiern Ostern nicht jetzt, sondern eine Woche zuvor, wie Sie. Allerdings singe ich Ihnen ein von unseren Osterliedern. Es handelt vom Licht, das in die Dunkelheit des Grabes eindringt. So wie jetzt in die Kirche.“



Tadeos Gevorgyan, Lemberg

Am Ende des Gesanges zeigt er eine CD. „Armenische Liturgie, eine Aufnahme unseres Kirchenchors. Die Soli sind vom Dekan der Kirche, ein Mitglied der Oper gesungen.“ „Um nicht unbescheiden zu sein“, fügt er mit einem schelmischen Lächeln hinzu. „Und wir werden auch morgen während der Messe singen, kommen Sie und hören Sie zu.“

Später, im Gespräch über die armenische Gemeinschaft von Lemberg reflektiert er auf seine Vorstellung: „Ich bin oft hier, um mit den Besuchern zu sprechen. Ich finde es wichtig, dies zu tun, damit sie eine Beziehung zu unserer Gemeinde und unserer Kirche haben.“

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