Das italienische Literatur- und Kulturmagazin Biblioteca d’Israele, die bereits im Frühjahr eröffnete den Abschnitt Il mondo dello Shtetl – The world of Shtetl für die aus unserem Blog entlehnten, und die ehemalige osteuropäische jüdische Welt wiederbelebenden Beiträge, jetzt, bei der Annäherung des neuen Jahres, veröffentlichte unseren Post über das chassidische Neue Jahr in Uman.
Der Unterschied zwischen den beiden Neuen Jahren ist ein viertel Jahr, und im Vergleich zu den Feierlichkeiten von Rosch Haschana in der Mitte September, wenn dreizig tausend Menschen aus der ganzen Welt versammeln sich um das Grab des Rabbi Nachman von Breslov, jetzt ist es still in Uman. Allerdings, 250 Kilometer westlich, in Medzhibozh, am Grab seines Urgroßvaters und des Bregründers de Chassidismus, Baal Shem Tovs, ist die Pilgerfahrt ununterbrochen auch zu diesem Zeitpunkt. In Januar werden wir über dies schreiben sowohl in der Biblioteca d’Israele als auch hier, am Río Wang.
„Die Juden tragen die heilige Thora vor dem Erzherzog Friedrich in P… / 1915-1916”
Es ist nicht so einfach, den Ortsnamen zu lesen, nicht wahr? Deshalb habe ich diese Postkarte von Andrea Deák, und sie von einem Sammler Freund bekommen, um zu versuchen, es festzustellen, wo das ungewöhnliche Ereignis stattfand.
Der Erzherzog Friedrich, der dritte und letzte Herzog aus dem Teschener Zweig der Habsburger wurde von Franz Joseph am 11 Juli 1914 Armeeoberkommandant der Monarchie ernannt. Friedrich, während er die tatsächlichen operativen Entscheidungen dem Chef des Generalstabes, Hötzendorf überließ, haltete es für seine eigene Hauptaufgabe, die Soldaten durch seine persönliche Anwesenheit zu fördern, damit er fast stetig die Front besuchte. In dem oben genannten Zeitraum von 1915-16 vor allem die Ostfront, wo die deutsche und die österreichische Armee derzeit die russischen Kräfte aus dem Gebiet von Galizien zurückdrängte. Es ist also irgendwo hier, dass wir den Ort suchen sollen, der nur Podhajce – in der Schreibweise der Postkarte, Podhajcze – sein kann, westlich von Tarnopol, jetzt Підгайці in der Ukraine.
„Erzherzog Friedrich in den kriegsverwüsteten Gebieten. Der Oberbefehlshaber der österreichisch-ungarischen Armee (×) hat kürzlich jene Ortschaften in den Karpaten, die am meisten vom Krieg geleidet haben, besucht. Auf seinem Weg, die arme Bevölkerung überall begrüßte den Oberbefehlskommander mit Liebe und Vertrauen. In unserem Bild empfingt der Erzherzog eine Ruthenische Delegation und spricht mit ihrem Führer, der Dorflehrer. Hinter dem Erzherzog, Lieutenant-General Benigni. Tolnai Világlapja, 1915. november 11.
Katasterkarte von Podhajce, 1846, Detail. Die vollständige, zoombare Karte finden Sie hiere
Dies ist bestätigt durch die Tatsache, dass Podhajce eine wirklich wichtige jüdische Siedlung war. Ihre Geschichte wird im Memorial Book of Podhajce (1972) veröffentlicht. Ihre Rabbiner wird zuerst im Jahre 1602 erwähnt, also die Gemeinde wurde warscheinlich im späten 16. Jahrhundert, in der Zeit der großen Ashkenazi-Einwanderung nach Galizien und Podolien gegründet. Da die Region der südlichen Podolien mit Kamenez-Podolsk als Zentrum war Teil des Osmanischen Reiches zwischen 1667 und 1669, wurde ihre jüdische Bevölkerung durch die damals hier angesiedelten sephardischen Juden vom Pseudo-Messias von Smyrna, Schabtai Zwi beeinflusst, dessen Bewegung gerade dann, zwischen 1665 und 1676 ihre Blütezeit lebte. Podhajce wurde zum galizianischen Zentrum der neuen Lehre, so viel, dass ihre Spuren bis zum Holocaus überlebten. Dann, in den späten 1700er Jahren wurde es auch zum ein wichtiges Zentrum der Bewegung von Jakob Frank, ein Erneuerer der Lehre von Schabtai Zwi. Im frühen 18. Jahrhundert lebten zwei große Baal Shem, das heißt, kabbalistische Ärzte und Wundertäter in der Stadt, Rabbi Shmuel Yaakov Falk und Rabbi Moshe David, die aber beide wegen des Verdachts von Sympathien mit Schabtai Zwi nach London fliehen, wo sie weiterhin ihren Beruf für mehrere Jahrzehnte trieben. Zur gleichen Zeit lebte in dieser Region der größte Baal Shem, der Begründer des Chassidismus und ein erklärter Feind der Frankisten, damit sowohl Chassidismus als die gegenläufige Tendenz, die Misnagdim glühende Befürworter in der Stadt fanden: es scheint, dass die Juden von Podhaje alles glühend taten. Kein Wunder, dass in Podhajce auch viele große Rabbiner und Talmud-Gelehrten geboren wurden und arbeiteten. Vor dem Zweiten Weltkrieg mehr als 40% der Stadt, etwa 3000 Einwohner Juden waren. Ihre beeindruckende, in 1640 erbautete Festung-Synagoge, und ihr schöner, im 17. Jahrhundert gegründeter Friedhof bis heute überlebten; die chassidische Gemeinde von Podhajce lebt jetzt in New York und Jerusalem.
Wann wurde dieses Foto aufgenommen? Der Zeitraum von 1915-16 kann wohl um die Hälfte eingegrenzt werden. Der deutsch-österreichisches Gegenangriff schob den russischen Front zur Riga-Pinsk-Tarnopol-Linie bis September 1915, aber die im Juni 1916 angesetzte Brusilov-Offensive schob in wieder weit über die Stadt zurück. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Erzherzog die kürzlich eroberten Gebiete im Herbst 1915 besuchte, und es war dann, dass die Vorgesetzten der jüdischen Gemeinde von Podhajce vor ihm ausrückten. Wenn Sie eine genauere Datum auf der Grundlage des Großen Krieges in Schrift und Bild, oder jeder anderen Quellen kennen, sagen Sie es uns!
Update: Tamás Deák zählte es aus, dass, laut der Steffner Tábori Újság, am 4. November war Erzherzog Friedrich noch in der italienischen Front (und im Oktober in Belgrad), während am 13. November on 4 November, Archduke Friedrich was still in the Italian front (and in October in Belgrade), while on 13 November reiste er bereits weiter zu den besetzten russischen Gebieten. Laut der 11 November Ausgabe der Tolnai Világlapja – siehe Abbildung oben – hat er „vor kurzem” die eroberten galizianischen Gebiete besucht. Wenn wir die Möglichkeit eines Samstags ausschließen, wird das Datum der Veranstaltung wahrscheinlich 9 November 1915.
Von ungarischen Soldaten gesandte/gemalte Postkarten aus Podhajce, zwischen April und Juli 1916 (Aus Auktion-Sites)
Eine Postkarte aus Podhajce mit der Synagoge. Zeichnung des großen ungarischen Avantgarde-Maler jüdischer Herkunft, Bertalan Pór, der als ein Front-Zeichner in dem Ersten Weltkrieg arbeitete
Und warum haben sie mit der Thora-Rolle vor dem Oberbefehlshaber der Armee ausgerückt? Was war ihre symbolische Bedeutung? War es eine gängige Praxis in der Zeit? Allerdings hat Erwin A. Schmied in seinem Juden in der K. (u.) K. Armee, 1788-1918 (Eisenach: Österreisches Jüdisches Museum, 1989) zwei weitere ähnliche Fotos veröffentlicht von der galizianischen Front. Wir freuen uns auf die wohlinformierten Ergänzungen unserer Leser.
„Die Begrüßung der k. u. k. Truppen und hoher Würdenträger durch die örtliche jüdische Bevölkerung gestaltete sich meist besonders feierlich. Im Bild die Begrüßung des höchsten Militärgeistlichen in der k. u. k. Armee, des Apostolischen Feldvikars Emmerich Bjelik, durch die jüdische Gemeinde eines Ortes an der Ostfront, im Bereich des Korps Hofmann (später XXV. Korps.) (Foto Kriegsarchiv Wien)”
„Das Verhältnis zwischen der jüdischen Bevölkerung im Osten und den k. u. k. Soldaten war meistens gut; die Habsburger galten als „Beschützer” der Juden. Im Bild Kaiser Karl, beim Besuch einer jüdischen Gemeinde im Osten, ca. 1917.”
Update: Das Yiddish Florilège hat ein neues Foto über den Besuch von Kaiser Karl am Ostfront veröffentlicht. Auf diesem Foto sind es die Juden von Kolomea, die ihn mit der Thora begrüßen. Tamás Deák hat nachgewiesen aufgrund der Streffleur Katonai Lapja, dass der Besuch am 4. August 1917. stattfand. Dies kann auch das vorige Bild datieren.
Update: Tamás Deák hat einige Fotos aus der zeitgenössischen Tolnai Világlapja über die Begegnung der Armeen der Zentralmächte mit den galizianischen Juden gesendet. Selbst wenn wir den zwangsweise propagandistischen Ton der Bildunterschriften abrechnen, war die Russische Besatzung wirklich ein großer Schlag gegen die jüdische Bevölkerung, auch laut der zeitgenössischen jüdischen Quellen; und wie wir aus den Schriften von Joseph Rot weissen, die von den erwachenden Nationalismen bedrohten galizianischen Juden wirklich sahen die Garantie für ihre Gleichstellung in der multinationalen österreichischen Monarchie.
„Auf dem Weg der verlassenen Heimat. Eine polnisch-jüdische Familie in Neu-Sandec zurückkehrend. Arme polnischen Juden, sie leiden am meisten am Krieg. Auf die Nachrichten von der Annäherung der Russen liefen sie eilig, da sie wissen, das die Kosaken ihr am wenigsten gnaden. Aber sobald sie hören, dass unsere Truppen die Russen abgedrängt haben, sie beeilen, ihre schlechten Sachen auf dem Wagen zu laden, die ganze Familie sitzt darauf, und hoffnungsfreudig und glücklich eilen sie wider zum verlassenen Nest. Ihr Schicksal ist sicherlich nicht beneidenswert.” Tolnai Világlapja, 21 January 1915
„Deutsche Offizieren an der Spitze ihrer Truppen marschieren in eine eroberte Stadt in der russischen Polen. In unserem Bild marschieren die deutschen Soldaten entlang der jüdischen Straße. Die russischen Juden stehen vor ihren elenden Häusern, und gerne begrüßen sie die siegreichen Truppen. Die Juden sind besonders froh, wenn die Russen, von denen sie viel leideten, verlassen ihre Städte. Es ist eine wahre Erlösung für sie, wenn die Deutschen die Stadt besetzen.” Tolnai Világlapja, 3 June 1915
„Unter Ruinen in der russischen Polen. Nachdem unsere Soldaten triumphierend in die von dem zurückziehenden Russen zerstörten Stadt einmarschierten, verwendeten unsere Offiziere ihre Ruhezeit, die Stadt zu besuchen. Die polnischen Juden umgeben die Offiziere mit Liebe, und sie führen sie durch die zerstörte Stadt.” Tolnai Világlapja, 9 December 1915
„Yibone ha-mikdosh ir Tziyoyn temale, dann wird das sein“ – singt Márta Sebestyén im titelgebenden Lied des Albums Der Hahn kräht vom Muzsikás Ensemble.
Márta Sebestyén und das Muzsikás Ensemble: Der Hahn kräht (3'06"). Von der CD Der Hahn kräht. Ungarisch-jüdische Volksmusik (1992). – Die CD wurde außerhalb Ungarns unter dem Titel Máramaros: The Lost Jewish Music of Transylvania veröffentlicht. (Wir haben bereits über dieses Album mit Bezug auf die angeblichen jüdischen Wurzeln des Liedes „Bella ciao“ geschrieben. Das Muzsikás Ensemble besuchte die alten Zigeunermusiker, die auf den Festen der 1944 vernichteten chassidisch-jüdischen Gemeinden von Maramuresch gespielt haben, und von ihnen die Lieder dieser Gemeinden gesammelt.)
Szól a kakas már
Majd megvirrad már
Zöld erdőben, sík mezőben
sétál egy madár.
Micsoda madár,
Micsoda madár
Sárga lába, kék a szárnya
Engem odavár.
Várj, madár, várj
Te csak mindig várj
Ha az Isten néked rendelt
Tiéd leszek már.
Mikor lesz az már,
Mikor lesz az már? Jibbone ha-mikdos ir Cijon tömale
Akkor lesz az már.
Der Hahn kräht bereits Bald dämmert es herauf.
In grünem Wald, auf breitem Feld wandelt ein Vogel.
Was für ein Vogel, wundervoller Vogel! gelbe Beine, blaue Flügel, auf mich wartend.
Warte, Vogel, warte, warte auf mich immer!
Wenn Gott mich dir bestellt hat werde ich dein sein.
Wann wird das sein? Wann wird das sein? Yibone ha-mikdosh, ir Tziyoyn temale Dann wird das sein.
Das heißt, wann…?
Vergeblich wenden wir uns für eine Erläuterung an die Broschur der CD. Dort können wir nur die legendäre Entstehungsgeschichte des Liedes in den Worten des Musikwissenschaftlers Bence Szabolcsi lesen:
Der chassidische Rabbiner Eizik Taub kam um 1780 nach Nagykálló als melamed (Lehrer) der Kinder des örtlichen raschekols (des Präsidents der jüdischen Gemeinde), und später wurde er Rabbiner der gleichen Stadt. Ein großer Liebhaber der Natur und ein poetischer Geist, einmal bei einem Spaziergang im Feld hörte er das Lied von einem kleinen Hirten, und er fühlte einen unwiderstehlichen Drang, es zu lernen. So kaufte er das Lied für zwei Forint. Sobald sie das Geschäft abgeschlossen haben, erlernte der Rabbiner das Lied, und der Hirtenjunge vergaß dasselbe. Seitdem fühlen es die Juden von Nordungarn für ihr eigenes Lied, und sie singen es in allen ihren religiösen Festen, weil sie den Text als eine allegorische Botschaft über das Kommen des Messias interpretieren.
Von einem ungarischen Hirtenjunge kann sogar ein Zaddik nur ein authentisches ungarisches Volkslied kaufen. Auch Bence Szabolcsi bestätigt das: Der Hahn kräht „ist, sowohl in seinem Text und in der Melodie, eine nicht allzu bemerkenswerte Variante eines bekannten ungarischen Volkslieds, mit gewaltsam eingefügten hebräischen Zeilen“ („Népdalok“ [Volkslieder], in Az Egyenlőség Képes Folyóirata, 1921). Später werden wir mehr über diese „gewaltsamen Einfügungen“ sagen. Aber zuerst versuchen wir es herauszufinden, wie ein mehr oder weniger typisches ungarisches Volkslied so ein beliebtes chassidisch-jüdisches Lied werden konnte.
Imre Ámos (1907-1944) aus der chassidischen Gemeinde von Nagykálló: Auf die Dämmerung wartend, 1939
Eine Antwort auf dieses Frage lässt sich in der Modalität dieses Lieds gefunden werden. Jüdische Musik – sowohl Klezmer und liturgische Kantorlieder –, ähnlich wie gregorianische Musik, fußt auf verschiedenen Modi oder Skalen, auf Jiddisch shteygers. Einer dieser Modi, der Ahavoh rabboh – so genannt nach den einleitenden Wörtern des in diesem Modus rezitierten Morgengebets mit dem gleichen Namen – ist besonders beliebt bei den chassidischen Juden. Eine große Zahl von Klezmerstücken chassidischer Herkunft und tish nigunim – auf Schabbat und hohen Feiertagen am Tisch des Rabbiners, oft in ekstatischer Stimmung gesungene Lieder – bauen sich auf dieser Skala.
Der Ahavoh rabboh entspricht einer modifizierten phrygischen Skala – daher sein in der Klezmermusik verwendeter jiddischer Namen, freygish –, wo der dritte Ton um einen Halbton erhöht wird: mi-fa-si-la-ti-do'-re'-mi'. Genau wie die meisten osteuropäischen Volkslieder, hat diese Skala keinen bestimmten „Besitzer“: der spanischer Flamenco nutzt sie und nennt sie „Zigeunerskala“, während sie in der arabischen und türkischen Musik als hijaz maqam bekannt ist. Und ein genauerer Blick auf unseres Volkslied Der Hahn kräht zeigt, dass es auf der gleichen phrygischen Skala mit dem erhöhten dritten Ton gebaut ist. So konnte die jüdische Gemeinde es ohne Änderungen in den Rahmen ihrer eigenen traditionellen musikalischen Welt aufnehmen und sich mit ihm identifizieren.
Hören wir ein Beispiel eines solchen freygishen Stück aus der traditionellen osteuropäischen Klezmerrepertoire: das jiddische Volkslied Az du furst avek – „Als du fahrst weg” in der Aufführung von Joel Rubin (C-Klarinette) und Joshua Horowitz (Tsimbl). Abgesehen von der freygishen Skala, auch die Rubato-Einführung und der langsame, anhaltende, aber strenge Rhythmus bestätigen die Verwandtschaft der beiden Lieder:
Rubin & Horowitz: Az Du Furst Avek (3'23"). Vom Album Bessarabian Symphony. Early Jewish Instrumental Music (1994). (Joel Rubin und Joshua Horowitz versuchen auf diesem Album, die jüdische Instrumentalmusik der Ende des 19. Jahrhunderts zu rekonstruieren. Ähnlich wie bei dem aus den Aufführungen der Barockmusik bekannten „historischen Trend“, spielen sie auf historischen Instrumenten, und versuchen es, die authentische musikalische Praxis wiederbeleben, die durch schwankende Rhythmen, reiche Ornamentik, der häufige Gebrauch von Glissandi, und eine an der vokalen Technik viel näher stehende Aufführung gekennzeichnet war. Ihr Album ist jedoch viel mehr als eine einfache Wanderung kultureller Archäologie: es ist eine in sensibler und emotional reicher Weise gespielte, angenehme und lebensvolle Musik.)
Aber kehren wir noch zum Text des Liedes zurück. Abgesehen von der letzten Strophe ist es ein typisches ungarisches Liebeslied. Die Vogelallegorie der Liebhaber ist aus mehreren ungarischen Volksliedern bekannt. Die letzte Strophe ist allerdings eine späte Interpolation, die durch die chassidische Gemeinde – vielleicht durch Eizik Taub selbst – hingefügt wurde, und die das ganze Lied radikal neu interpretiert.
Die hebräische Zeile dieser Strophe ist ein wörtliches Zitat aus einem spätmittelalterlichen Piyut, einem jüdischen liturgischen Gedicht. Das Tzur mishelo genannte Piyut wurde von einem unbekannten nordfranzösischen Dichter nicht später als die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts geschrieben. Das Gedicht verbreitete schnell unter den jüdischen Gemeinden Europas, und es wird immer noch an jedem Schabbat am feierlichen Tisch als eine Einführung zum nachmahlzeitlichen Segen Birkat ha-mazon gesungen. – Es ist interessant festzustellen, dass die heute weit verbreitete Melodie des Tzur mishelo ist auf dem gleichen Modus Ahavoh rabboh gebaut, wie Der Hahn kräht.
Die Strophen des Tzur mishelo folgen die einzelnen Segen des Birkat ha-mazon, die an Gott für die Mahlzeit und für das an den Patriarchen gegebene Land Dank sagen, und dann für das Kommen des Messias und den Wiederaufbau des Tempels flehen.
Der Hahn kräht nahm von diesen Bitten die erste Zeile der letzten Strophe des Piyut:יבנה המקדש עיר ציון תמלא, in aschkenasischen Aussprache: Yibone ha-mikdosh, ir Tziyoyn temale. Das heißt: „Der Tempel wird wieder aufgebaut, und die Stadt von Sion sich wieder bevölkert.“ Dann wird das sein!
Diese Strophe hebt dieses Lied auf den Höhen des Hohenlieds. Wie in der traditionellen rabbinischen Auslegung die Liebhaber des Hohenlieds in allegorischer Weise die Sehnsucht des Ewigen Gottes und Seines Volkes nach einander darstellen, so sehnet der Sänger des Liedes Der Hahn kräht, als Vertreter des jüdischen Volkes in der Verbannung, nach seinen Geliebten, den Ewigen Gott, mit dem er nur in den kommenden messianischen Zeiten, nach der Rückkehr in das verheißene Land und den Wiederaufbau des Tempels von Jerusalem vereinen kann.
Dies ist, wie das beliebteste ungarische chassidische Lied aus der Ehe eines ungarischen Volksliedes mit einer potenziell jüdischer Melodie und einem auf transzendente Höhen erhobenen Liebesgedicht geboren wurde.
Das „Bräutigam“-Stück eines persischen jüdischen Doppelporträts, c. 1846. Seine in persischer Sprache und mit hebräischen Buchstaben geschriebene Inschrift ist: Târ-zan ʿArus ben Shelomo – „ʿArus ben Shelomo spielt auf Tar.“
Aber die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende. Es scheint, dass das Piyut Tzur mishelo eine geheimnisvolle Fähigkeit hat, Liebesgedichte zu inspirieren. Tausend Kilometer südlich von Nagykálló, in sephardisch-jüdischen Gemeinden ist das Tzur mishelo mit einem sehr populären Liebeslied verflochten, obwohl auch hier die Basis der Verwandtschaft eher die Melodie als der Text ist. Sephardische Juden singen auf die Melodie dieses Piyuts das Lied, das sowohl als Los bilbilicos cantan – „Die Nachtigallen singen“ –, und La rosa enflorece – „Die Rose blüht“ – bekannt ist.
Savina Yannatou und das Ensemble Primavera en Salonico: Los bilbilicos cantan – „Die Nachtigallen singen” (4'11"). Vom Album Άνοιξη στη Σαλονίκη (Frühling in Saloniki, 1995). (Von dieser CD von Savina Yannatou, die die Lieder der ehemaligen sephardischen Gemeinde von Thessaloniki sammelt, haben wir bereits zwei Lieder in zwei Posts, hier und hier geschrieben. Dieses aus anatolischen sephardischen Gemeinden herkommende Lied ist unser dritter Favorit. Das Wort bilbilico, ʻNachtigall’, kommt aus dem türkischen bülbül, und ist mit einem sephardischen Diminutivsuffix vorgesehen, während der Ausdruck „der Mond ist verwundet“ ist eine aus der hohen Literatur entlehnte Formel für den langsam verschwindenden Mond.)
La rosa enflorese
hoy en el mes de may
mi alma s’escurese
firiendose el lunar
Los bilbilicos cantan
con sospiros de aver,
mi alma i mi ventura
estan en tu poder.
Los bilbilicos cantan
en los arvos de la flor,
debacho se asentan
los ke sufren de amor.
Mas presto ven, colomba
mas presto ven con mí,
mas presto ven, keridha,
corre i salvame.
Die Rose blüht jetzt, im Monat Mai, meine Seele verdunkelt sich als der Mond ist verwundet.
Die Nachtigallen singen mit sensuchtsvollen Seufzern, meine Seele und mein Schicksal liegen in deinen Händen.
Die Nachtigallen singen auf den blühenden Bäumen, unter ihnen sitzen die an Liebe leiden.
Eile schnell, Taube, eile schell zu mir, eile schnell, meine Liebe, eile, rette mich.
Das „Braut“-Stück eines persischen jüdischen Doppelporträts, c. 1846. Seine in persischer Sprache und mit hebräischen Buchstaben geschriebene Inschrift ist: Rahel dar hâl vasmeh keshidan – „Rachel malt sich die Augenbrauen.“
Und schließlich hören wir Der Hahn kräht in der Aufführung seines am meisten authentischen Darstellers, Rabbiner Eizik Taubs sechsten Nachkommen in direkter väterlicher Linie: Rebbe Menachem Mendel Taub, der Rabbiner der Kaliver – „aus Nagykálló“ – chassidischen Dynastie. Ich weiß nicht, wie fließend der Kaliver Rebbe in ungarischen Sprache ist, aber in jedem Fall singt er Der Hahn kräht mit einem unverwechselbaren Akzent des Komitats Szabolcs, der traditionellen Region um Nagykálló. In Jerusalem, an jedem Schabbat, in ungarischer Sprache.