Posts mit dem Label Übersetzung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Übersetzung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sett'ispadas de dolore



Eva Lutza (Trompete, Gesang): Sett’ispadas de dolore (Sieben Schwerter des Schmerzens) (video hier). Mittelalterliche Beweinung von Maria auf Sardisch, die in den Dörfern von Sardinien auf der Karwoche noch heute gesungen wird.

Pro fizu meu ispriradu
a manos de su rigore
sett’ispadas de dolore
su coro mi han trapassadu.

Truncadu porto su coro
su pettus tengo frecciadu
de cando mi han leadu
su meu riccu tesoro
fui tant’a cua chignoro
comente mi es faltadu
sett’ispadas de dolore
su coro mi han trapassadu.

In breve ora l’han mortu
pustis chi l’han catturadu
bindig’oras estistadu
in sa rughe dae s’ortu
e bendadu l’ana mortu
cun sos colpos chi l’han dadu
sett’ispadas de dolore
su coro mi han trapassadu.

Morte no mi lesses bia
morte no tardes piusu
ca sende mortu Gesusu
no podet vivever Maria
unu fizu chi tenia
sa vida li han leadu
sett’ispadas de dolore
su coro mi han trapassadu.
Für meinen Sohn, der starb
in den Händen der Gewalt
sieben Schwerter des Schmerzens
durchbohrten mein Herz

Mein Herz ist gebrochen
mein Brust durchbohrt von Pfeilen
seitdem mein reicher Schatz
wurde von mir weggenommen
mit solcher Wut, dass ich weiß
nicht, wie er geschwunden ist
sieben Schwerter des Schmerzens
durchbohrten mein Herz

In kurzer Zeit töteten sie ihn
nachdem ihn gefangen nahmen
es dauerte fünfzehn Stunden
vom Garten bis zum Kreuz
sie banden seine Augen
so töteten sie ihn mit Schlagen
sieben Schwerter des Schmerzens
durchbohrten mein Herz

Tod, verlass mich nicht lebend
Tod, verzöger nicht mehr
weil wenn Jesus tot ist
kann Maria nicht mehr leben
vom einzigen Sohn, den ich hatte
das Leben wurde weggenommen
sieben Schwerter des Schmerzens
durchbohrten mein Herz

settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas settispadas
Giovanni Tedesco: Fragment eines Kruzifix. Perugia oder Siena, um 1460. Berlin, Bode Museum

Des Sultans neue Kleider

Kemal Atatürk in Janitscharen-Uniform

Vor kurzem haben wir über das unruhige Schicksal der türkischen Übersetzung von Der Kleine Prinz geschrieben. In der Episode über die Entdeckung des Asteroiden B-612 des Kleinen Prinzes stellt Saint-Exupéry mit der Geschichte der türkischen Astronomen dar, wie sehr die Kleider machen Leute in den Augen der Erwachsenen:

„Doch zum Glück für den Asteroiden B-612, erließ der türkische Diktator ein Gesetz, welches seine Untergebenen unter Androhung des Todes zwang, ab sofort europäische Kleidung zu tragen. Also hielt der Astronom seinen Vortrag im Jahre 1920 erneut, gekleidet in imposanter Aufmachung und voller Eleganz. Diesmal wurde sein Bericht von jedermann akzeptiert.“

Der „türkische Diktator“ ist natürlich Kemal Atatürk, dessen Ehre ist vom Gesetz vorgeschrieben. Deshalb krümmten sich hin und her die türkischen Übersetzer für siebzig Jahre, um die Gesetzverletzterformel umzugehen. Einmal übersetzten sie es als „ein großer Führer der Türken“, dann als „ein türkischer Führer, der keinen Widerspruch ertrug“, bis die neue türkische Ausgabe in diesem Januar, am siebzigsten Todestag des Autors schließlich die genaue Übersetzung veröffentlicht hat. Diese wurde jedoch von keinem geringeren als von der Gewerkschaft der türkischen Bildungs- und Wissenschaftsarbeiter zensuriert, die es erfordern, das Buch, das das verbotene Wort enthält, aus der Liste der vom Ministerium für Bildung für die Schulen empfohlenen Bücher zu entfernen.

Die Geschichte ist jedoch noch nicth zu Ende.

Die Geschichte ist zu Ende. Sultan Mehmed VI Vahideddin verlässt Konstantinopel, 1922

Der Post wurde von uns im russischsprachigen Blog Dmitri Tschernisews, Ответы на незаданные вопросы übernommen, wo der Text Saint-Exupérys natürlich aus der russischen Übersetzung angeführt wurde:

„К счастью для репутации астероида В-612, турецкий султан велел своим подданным под страхом смерти носить европейское платье. В 1920 году тот астроном снова доложил о своем открытии. На этот раз он был одет по последней моде, – и все с ним согласились.“

„Zum Glück für den Asteroiden B-612, erließ der türkische Sultan ein Gesetz, welches seine Untergebenen unter Androhung des Todes zwang, europäische Kleidung zu tragen. Also hielt der Astronom seinen Vortrag im Jahre 1920 erneut, gekleidet nach der neuesten Mode – und alle waren mit ihm einverstanden.“


Die Übersetzung wurde in den 1950er Jahren durch der hervorragenden Nora Gal gemacht (wenn Sie sich erinnern, haben wir ihre Gedenktafel an der Wand ihres Geburtshauses während unserer Odessa-Tour gesehen. Warum hat sie den „türkischen Diktator“ mit „türkischen Sultan“ ersetzt? Vielleicht, um nicht die Empfindlichkeit der türkischen Völker der Sowjetunion zu verletzen? Zu dieser Zeit, um der Deportation der Meskheti-Türken und Krimtataren war dies kein relevanter Aspekt. Oder um Saint-Exupérys Fehler zu korrigieren? In der Tat war 1920 noch der Sultan auf Macht im Osmanischen Reich. Aber wenn dies ihre Absicht war, so hat sie einen anderen Fehler in den Text gepflanzt. Der Sultan hatte ja keinen Grund, im Jahre 1920 das zu befehlen, wofür Atatürk im Jahre 1925 viel mehr Grund gehabt hat. Es wäre einfacher gewesen, den fiktiven Vortrag des fiktiven Astronomen nach 1925 zu übertragen. Es ist wahr, dass denn die Übersetzung vom Originaltext offenbar abgewichen hätte.

Manchmal ist es einfach unnötig, sich über das im Originaltext versteckte unlösbare Problem Gedanken zu machen. Man muß es einfach übersetzen, wie es ist.

Kleine Prinzen

Die europäische Tracht


Einer der weltweit besten Sprachbücher ist Der kleine Prinz. Es wurde sogar in die kleinsten Sprachen übersetzt worden, und fast alle haben eine Hörbuch-Version. Seine Struktur, als ob es wirklich für ein Sprachbuch bestimmt wäre, es geht vom Einfaches in Richtung des Komplexes. In der Armee, um die schleppende Zeit totzuschlagen, habe ich von ihm Französisch gelernt, und ich weiß noch immer auswendig die ersten Kapitel. Später habe ich es benutzt, Chinesisch zu lernen, Persisch zu üben in der schönen Übersetzung und Rezitation des großen modernen Dichters Ahmad Shamlou, und Italienisch zu unterrichten. Ich habe es in mehreren Übersetzungen, unter anderem in Wiener Dialekt, auf Baskisch, in der römischen Umgamgssprache, und in assyrischer Version. Aber auf Türkisch hatte ich es irgendwie noch nicht. Nicht dass es schwierig sein würde, es zu erhalten. Am Ende des letzten Jahres ist das Copyright der Werken von Saint-Exupéry, der 1944 gestorben worden ist, abgelaufen, und in den ersten Januartagen veröffentlichten dreißig türkische Verläge das Buch in neue Übersetzungen, in mehr als 130.000 Exemplaren. Die günstigste Ausgabe ist zum Verkauf für 1 Lira, weniger als die Hälfte eines Euro.


Wenn jemand eine türkischsprachige Küçük Prens braucht, sollte es jetzt kaufen. Und nicht nur wegen des Preises, sondern auch, weil – wie Kaya Genç weist darauf in seinem Blog hin – das ist die erste Ausgabe, die schließlich einen für 70 Jahre verwurztelten Übersetzungsfehler ausbessert. Der Fehler ist, versehentlich, genau in demjenigen Kapitel, wo der Autor die Türken erwähnt, wie folgt:


„Ich habe tatsächlich Grund zu der Annahme, dass es sich bei dem Planeten, von dem der kleine Prinz kam, um den Asteroid handelt, der als B-612 bekannt ist. Dieser Asteroid wurde lediglich ein Mal durch ein Teleskop gesehen. Von einem türkischen Astronom im Jahre 1909.

Danach präsentierte der Astronom seine Entdeckung bei einer großen Vorführung auf dem Internationalen Astronomischen Kongress. Allerdings trug er eine türkische Tracht und somit wollte niemand seinen Worten glauben. Erwachsene sind nun mal so…

Doch zum Glück für den Asteroiden B-612, erließ der türkische Diktator ein Gesetz, welches seine Untergebenen unter Androhung des Todes zwang, ab sofort europäische Kleidung zu tragen. Also hielt der Astronom seinen Vortrag im Jahre 1920 erneut, gekleidet in imposanter Aufmachung und voller Eleganz. Diesmal wurde sein Bericht von jedermann akzeptiert.“



Der „türkische Diktator“ ist natürlich Kemal Atatürk, der Schöpfer des säkularen türkischen Staates, der in seinem „Hutgesetz“ von 1925 das Tragen des Fez, des Schleiers und anderer traditionellen Kleidung verbotete. Allerdings haben die Diktatoren die seltsame Angewohnheit, dass sie nicht lieben, Diktatoren genannt zu werden. In der Türkei existiert noch das Gesetz, das die Beleidung Atatürks mit Gefängnis bis zu drei Jahren bestraft. Es ist daher verständlich, dass die Übersetzer diesen Ausdruck bisher vermeidet haben.

Ahmet Muhip Dıranas, der türkische Übersetzer Baudelaires, der 1953 Den kleine Prinz zunächst übersetzte für das Magazin Çocuk ve Yuva (Kind und Heim), das zur Unterstützung der Waisenkinder der Soldaten des Ersten Weltkrieges gegründet wurde, versuchte den Unmut der Waisen, die zu diesem Zeitpunkt schon über vierzig waren, auf der folgenden Weise abzubiegen:

„Glücklicherweise begannen die Türken, unter der Anleitung eines großen Führers, sich als Europäer anzukleiden…“

Die nächste Übersetzung, die 1995 von Tomris Uyar und Cemal Süreya vorbereitet wurde, formuliert es etwas anders:

„Ein türkischer Führer, der keinen Widerspruch ertrug, hatte einen Tag ein Gesetz ausgestellt: von nun an sollten alle als Europäer gekleidet sein, ansonst wurden sie zum Tode verurteilt.“

Die Übersetzung von 2015, schreibt Kaya Genç, gibt schon genau den originalen französischen Satz wieder. „Bis jetzt wurden keine Beschwerden eingereicht“, beendet er seinen Post. In der Tat ist dies nicht genau so.


Ein offizieller Protest gegen das Buch wurde angemeldet, und sogar nicht von der deutlich sekulären Armee, oder von einer engagierten Atatürk-Fanclub. Die Website der Gewerkschaft der Türkischen Bildungs- und Wissenschaftsarbeiter veröffentlichte den Anspruch, das Buch, das das verbotene Wort enthält, aus der Liste der vom Ministerium für Bildung für die Schulen empfohlenen Bücher zu entfernen.

Die Diktatoren haben lange Hände, und auch weither versuchen sie zu verhindern, die Dinge mit ihren Namen zu benennen. Genau damit enthüllen sie, das sie sind, was sie sind.

Karikatur von Selçuk Erdem

Fortführung…

Das tschechische Meer


Lahvová pošta, Flaschenpost. Es scheint fast absurd, dass solch ein Begriff in einer Sprache, wo man so etwas nie begegnet, erschaffen wurde. Die Natur hat Tschechien das Meer verweigert. So wurde es zur Aufgabe der Literatur, es ihr zu schenken, wie Shakespeare im Wintermärchen, und Radek Malý in seinem kürzlich veröffentlichten Kindergedichtband Moře slané vody, Meer mit Salzwasser.

Zavřete oči.
Slyšíte, jak šumí?
Nadechnĕte se té vůnĕ.
Zašeptejte:
Čechy leží u moře.
Schließ die Augen.
Hörst du, wie es braust?
Atme diesen Duft ein.
Flüster: Böhmen
liegt am Meer.


Als Kind eines anderen Binnenlandes kann ich die Sehnsucht nach das Meer voll und ganz verstehen, als man versucht, aufgrund des blauen Himmels jenes andere Unendliche zu vorstellen, von Muscheln, Schiffe und Inseln träumt, bereitet sich in Kőbánya, ein Seemann zu werden, und schließlich die erste Begegnung.

První vzpomínka

Oči
mám plné
veliké slané vody

Objala zemi kolem pasu

Plujeme
Die erste Erinnerung

Meine Augen
mit dem großen
Salzwasser gefüllt

Es liegt die Erde um die Hüfte an

Wir schwimmen


Blessed shore, sagt Shakespeare über die tschechische Meeresküste, und so soll es wirklich sein. Aber er fügt hinzu: unpathed waters, undreamed shores, das nicht wahr sein kann, da es taucht immer wieder in den Träumen auf, man wandert es so oft kreuz und quer.

O cestĕ

Zeptej se moře na cestu
Řekne ti: všechny cesty jsou tu
Vítr tĕ vezme do všech koutů
a není snadné nalézt tu
jednu
která
nevede ke dnu
nekončí včera
nevede k zemi lidožroutů

Ale já ji najdu, tati
najdu ji, a pak se vrátím
Über den Weg

Frag das Mer über den Weg
es wird sagen: alle Wege sind hier
der Wind bringt dich in jede Ecke
aber es ist nicht leicht zu finden
den einen
derjenige
führt nicht in die Tiefe
endet nicht gestern
führt nicht ins Land der Menschenfresser

Aber, Vater, ich werde es finden!
Ich werde es finden, und dann kehre ich zurück.


Das Schönste in diesen Kindergedichten ist, dass sie nicht banal, nicht künstlicht, nicht affektiert lustig sind, wie die meisten von Erwachsenen für Kinder geschriebenen Gedichte. Sie sind geräumig und persönliche und zu fortsetzen, wie das Meer, wie der Traum. Und diese beiden verschmelzen sich an der tschechischen Küste.

Velrybo velrybičko

Vidĕl jsem velrybu
bylo to ve snu
byla jak ostrov Byla noc

Dlouze se dívala
až na dno klesnu
pak připlula mi na pomoc

Dokud jsou velryby
nebudem sami
na moři ani za noci

Ale až nebudou
co bude s námi?
Kdo připluje nám pomoc?
Wal, Wälchen

Ich sah einen Wal
es war im Traum
er war wie ein Insel. Es war Nacht

er schaute lang
in die Tiefe
dann schwamm er mir zu Hilfe

Solange es Wale gibt
bleiben wir nicht allein
auf dem Meer, noch in der Nacht

Aber wenn sie vorbei werden
was wird mit uns sein?
Wer wird uns zu Hilfe schwimmen?


Auch die Illustrationen, von Pavel Čech, sind wie Träume. Wie Kinderträume: ein wenig Salz, ein wenig Tinte, ein Lavoir Wasser – das endlose Meer. Und wie tschechische Träume. Vor der bröckeligen Mauer und dem zerschlissenen Rahmen, wer konnte nicht Josef Sudeks Lavoir erkennen, und von nun an, wer konnte nicht in Sudeks Lavoir und Gläser Pavel Čechs Meer sehen?







Andere Stadt



Konstantinos Kavafis: Η Πόλις (Die Stadt). Musik von K. G. Eklektos

Η Πόλις

Είπες· «Θα πάγω σ' άλλη γή, θα πάγω σ' άλλη θάλασσα,
Μια πόλις άλλη θα βρεθεί καλλίτερη από αυτή.
Κάθε προσπάθεια μου μια καταδίκη είναι γραφτή·
κ' είν' η καρδιά μου – σαν νεκρός – θαμένη.
Ο νους μου ως πότε μες στον μαρασμό αυτόν θα μένει.
Οπου το μάτι μου γυρίσω, όπου κι αν δω
ερείπια μαύρα της ζωής μου βλέπω εδώ,
που τόσα χρόνια πέρασα και ρήμαξα και χάλασα».

Καινούριους τόπους δεν θα βρεις, δεν θάβρεις άλλες θάλασσες.
Η πόλις θα σε ακολουθεί. Στους δρόμους θα γυρνάς
τους ίδιους. Και στες γειτονιές τες ίδιες θα γερνάς·
και μες στα ίδια σπίτια αυτά θ' ασπρίζεις.
Πάντα στην πόλι αυτή θα φθάνεις. Για τα αλλού – μη ελπίζεις –
δεν έχει πλοίο για σε, δεν έχει οδό.
Ετσι που τη ζωή σου ρήμαξες εδώ
στην κώχη τούτη την μικρή, σ' όλην την γή την χάλασες.
Die Stadt

Du sprachst: Ich gehe in ein anderes Land, zu einer anderen See,
eine andere Stadt werde ich finden, besser als diese, wo
aller meinen Mühen ist das Scheitern vorgegeben
und mein Herz – als sei es tot – begraben. Wie lange
verharrt noch mein Geist in diesem Morast?
Wohin ich meine Auge wende, wohin ich auch schaue, sehe ich
nur die schwarzen Ruinen meines Lebens hier, wo ich
so viele Jahren verbrachte, verfehlte und verdarb.
Neue Plätze findest du nicht, du findest keine andere Seen.
Die Stadt wird dir folgen. Durch dieselbe Straßen
wirst du streifen, in denselben Vierteln
wirst du altern, im denselben Haus
greiselst du. In dieselbe Stadt wirst du
immer ankommen. Nach anderen Orten
– Hoffnung fahr – gibt es kein Schiff für dich,
keine Straße. Wie du dein leben hier verdarbst,
so hast du es in der ganzen Welt verwüstet.

kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity kavafiscity

Dracula


Die Dämmerung war hereingebrochen, als wir in Bistritz, einer alten, interessanten Stadt, ankamen. Sie liegt zweckentsprechend hart an der Grenze – von hier aus führt der Borgópass in die Bukowina – und hatte demgemäß eine sehr stürmische Vergangenheit, von der sie noch heute Spuren trägt.
Bram Stoker: Dracula. Ein Vampirroman

Heute abschließ ich die übersetzung von Umberto Ecos Geschichte der fabelhaften Länder und Orte, die während der letzten sechs Monate mein Wegbegleiter war in Subotica und Tokaj, Lemberg und Odessa, Czernowitz und Kamenez-Podolsk, Berlin und Mallorca, an der Quelle des Tisa in Subkarpatien und den chassidischen Pilgerstätte in Podolien, in den Holzkirchen von Maramuresch und den bemalten Klöster der Bukowina, beim Klettern von den Radna-Berge zum Nyíres-Pass und beim Abstieg vom Borgó-Pass nach Bistritz/Beszterce/Bistrița. Die Orte, über die er schreibt, knüpfen sich mit seltsamen Synkopen zu den Orten, wo ich ihn übersetzte, die Irrfahrten des Odysseus zum Tscheremosch-Tal, und der verlorene Kontinent Atlantis zu Czernowitz, anbietend solche unerwarteten Lesungen des Buches, dass es tut mir wirklich leid, diese nicht mit den Lesern in der Form eines kontinuierlichen Übersetzers-Fußnote teilen zu können.

Das Buch, das Bompiani im Oktober in mehreren Sprachen veröffentlichen wird (auch nach vielen Jahren von Übersetzung lese ich immer mit einen gewissen Erstaunen die Daten aus der Zukunft im Kolophon eines Verlags-PDFs), ist nicht über legendäre Orte im Allgemeinen, über die schon voluminöse Enzyklopädien geschrieben wurden, aber ausdrücklich über solche imaginären Orte, die die Leser als wirklich bestehende aufgenommen hatten, und dann sogar für Jahrhunderte versuchten, von Atlantis zum Paradies auf Erden, und vom Versteck des Heiligen Grals zum unbekannten südlichen Kontinent, mit einem besonderen Schwerpunkt auf den Mystifizierungen des zwanzigsten Jahrhunderts, von der Thule und Hyperborea des NS-Okkultismus durch die Lehre des ewigen Eises und der hohlen Erde zum gestohlenen Quatsch Dan Browns. Und im letzten Kapitel erzählt Eco, dass bestehende Orte haben auch zum Thema von erfolgreichen Romane, und hiermit zum Gegenstand einer regelrechten Kult geworden. Er bietet eine lange Liste von Beispielen an, von Robinsons Insel durch Arsène Lupins Felsen und das Gefängnis des Grafen von Monte Christo zu Sherlock Holmes Haus in der Baker Street und dasjenige von Nero Wolfe in New York, aber – als wir schon in den Posten über den Brunnen von Eratosthenes und den Schwanz des Löwes geschrieben haben –, er wäre nicht Eco, hatte er nicht einen Jongleurball fallen gelassen:

„Eine reale Person war im 15. Jahrhundert auch der Woiwode Vlad Țepeș, jetzt besser bekannt als Dracula nach dem Namen seines Vaters, der natürlich kein Vampir war, wurde aber durch das wahllose Pfählen seiner Feinde berühmt.“


Wie die bestehende Person mit den bestehenden Orten wie ein Kuckucksei gemischt ist, ist nur der kleinere Problem. Das größere ist, dass das Beispiel völlig falsch ist, da die Person ist berühmt dafür, dass er nicht mit einem tatsächlichen Ort verknüpft werden kann. Eco steckte seine Hand in ein Wespennest. In der Tat, für Vlad Țepeș, Vlad der Pfähler, Fürst der Walachei, genauso wie für Homer, sieben Standorten konkurrieren. Der bekannteste ist die beeindruckende Festung von Törcsvár/Bran, wo der junge Vlad für eine kurze Zeit inhaftiert wurde, und die seit 1920 vom rumänischen Tourismusbüro als Draculas Schloss propagiert ist. Ihre Position wurde nach 1990 von Schäßburg/Segesvár/Sighișoara herausgefordert, in deren Festung Vlad in 1431 geboren wurde – sein Vater hatte damals vor seinen pro-osmanischen Rivalen nach Ungarn geflohen, und in diesem Jahr an den von Kaiser Sigismund gegründeten Orden der Ritter des Draches (auf rumänisch Dracul) aufgenommen –, so dass noch vor einem Jahrzehnt der Bürgermeister von Schäßburg den Bau eines riesigen Dracula-Vergnügungspark rund um die Stadt forderte, bis Prinz Charles von England, der nach 1990 große ehemaligen sächsischen Länder in der Nachbarschaft erwarb und begann zu entwickeln, drohte ihn an, dass er nach solcher Abgeschmacktheit aus der Region zurücktreten seie. Das dritte Orte ist das ehemalige fürstliche Zentrum in Târgoviște, wo eine Gedenktafel und mehrere schreckliche Souvenirs an seine Regierungszeit erinnern. Das vierte ist Istanbul, wo in 1953 der von Stokers Roman inspirierte Film Drakula İstanbul’da, „Dracula in Istanbul“ gedreht wurde, unter Hinweis auf die Jahre, die der junge Vlad als osmanische Geisel hier verbrachte, und wo die Gestalte von Elizabeth Kostovas Besteller The Historian (2005) die Spuren von Dracula forschen. Der fünfte ist der Burg Poienari in den südlichen Karpaten, gebaut durch die Zwangsarbeit der sich gegen ihn mitgeschworenen Bojaren. Der sechste Pécs in Ungarn, wo neuerdings der vom König Matthias ihm geschenkte Palast erschlossen wurde. Und der siebente ist natürlich der Borgó-Pass, wo nach Stokers Roman der Schloss des Grafes stand, und wo heute die Leser während der Überquerung des Passes ein Hotel Draculas Schloss finden – natürlich nicht wo das Schloß im Roman stand, da er außer Augendistanz, über ein paar Sumpf-Brände und ein Wolfsabenteuer zu finden war, aber an der Abzweigung, wo Jonathan Harker, unter häufigen Kreuzen der Passagiere, von der Bistritz-Bukowina-Postkutsche in den für ihn gesendeten Wagen von Graf Dracula umsteigt.

Bald waren wir unter Bäumen, deren dicht verschlungenes Geäst förmlich einen Tunnel über uns bildete, bald stiegen schroffe Felsen zu beiden Seiten kühn in die Höhe. Trotzdem wir geschützt waren, konnten wir den stärker werdenden Nachtwind hören; es pfiff und winselte durch die Felsen und klatschend und krachend schlugen die Zweige der Bäume zusammen. Es wurde immer kälter und kälter und bald fiel auch ein leichter Schnee, der uns und unsere Umgebung in einen weißen Überzug hüllte. Der scharfe Wind trug uns aus immer weiterer Ferne das Heulen der Hunde zu. Dagegen klang das Geheul der Wölfe näher und näher, gleichsam als wenn sie uns von allen Seiten umringten. Ich war sehr erschreckt und die Pferde teilten meine Furcht; der Kutscher aber schien nicht im mindesten beunruhigt. Er wandte den Kopf aufmerksam zur Rechten und zur Linken, aber ich konnte nichts bemerken.

Standorte des Dracula-Romans aus dem Blog von Gashicsavargó (es lohnt sich, auch seinen englishsprachigen Post zu lesen)

Obwohl wenn Eco – oder vielmehr seine Redakteure und Studenten, die einen immer wichtigeren Teil seiner Ideen und Materialen liefern – ein bisschen in der Stoker-Literatur gegraben hätten, würden sie leicht auch einen Kultort Draculas gefunden haben. Zwar sind die Sachsen nach 1990 aus Bistritz verschwunden, dennoch haben die lokalen Ungarn und Rumänen große Anstrengungen zur Erhaltung und Präsentation der Vergangenheit der Stadt, darunter des einzigen authentischen Orts in Bram Stokers Dracula Geschichte gemacht.

Graf Dracula hatte mir geraten, im Hotel Goldene Krone zu übernachten, einem Haus nach altem Stil – zu meiner Freude, da ich so viel als möglich von dem sehen vollte, was das Land bietet. Ich wurde offenbar erwartet, denn als ich eintrat, traf ich eine ältere, gutmütig aussehende Frau in dem gewöhnlichen landesüblichen Kostüm. Weißes Unterkleid mit langer doppelter, hinten und vorne herunterhängender Schürze aus buntem Tuch, die allerdings zu knapp anlag. Als ich näher trat, machte sie einen Knix und sagte „Der Herr Engländer?“ „Ja“, sagte ich, „Jonathan Harker.“ Sie lächelte und gab einem ältlichen Mann in weißen Hemdärmeln, der ihr bis zur Türe gefolgt war, einen Auftrag. Er ging, kam aber gleich darauf mit einem Briefe in der Hand wieder zurück:

Mein Freund! Willkommen in den Karpaten. Ich erwarte Sie mit Ungeduld. Schlafen Sie wohl für heute. Um drei Uhr morgens geht die Postkutsche nach der Bukowina, ein Platz ist für Sie reserviert. Am Borgópass wird mein Wagen Sie erwarten und zu mir bringen. Ich hoffe, dass Sie eine gute Reise von London bis hierher hatten und dass Sie sich Ihres Aufenthalts in meiner herrlichen Heimat freuen mögen. Ihr Freund,

Dracula



Der Platz des ehemaligen Hotels König von Ungarn auf der Karte von Bistritz aus dem späten 18. Jh.

Das ehemalige Hotel König von Ungarn – zwischen den beiden Weltkriegen Hotel Paulini – heute

beszterce beszterce beszterce beszterce beszterce beszterce beszterce beszterce beszterce beszterce beszterce beszterce beszterce beszterce beszterce beszterce beszterce beszterce beszterce beszterce beszterce beszterce beszterce


Ein Sprachenjäger, ein Legendenjäger

Ich suchte etwas ganz anderes auf dem Regal, wenn ich meine zerfetzte Taschenausgabe von „Märchen und Legenden von Sistan”, eine kommentierte Ausgabe der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften entdeckte – und ich war überrascht zu erkennen, dass ich noch ein paar Verse der schönen russischen Übersetzung rezitieren konnte, und dass ich noch daran erinnerte, wie das Buch-Projekt geboren wurde nach der überraschenden Entdeckung einer sistanischen Legendenerzähler, der seit Jahrzehnten in einer kleinen Stadt in Turkmenistan lebte. Die Details aber waren schon unscharf, deshalb habe ich wieder dem Linguist und Dichter nachgesehen, der diese Geschichten aufgezeichnet und übersetzt hat. Einige sind kanonische Rustam-Legenden aus der Schahname, dem Buch der Könige, andere bislang unbekannte Legenden, die als historische Erzählungen erzählt wurden, und noch andere Volksmärchen, die sich in ihren eigenen Kanon fügten.

A. L. Gruenberg-Cvetinovic
(in der westlichen Transliteration auch als Aleksandr Grjunberg bekannt)
Aleksandr Gruenberg-Cvetinovic war eine fascinierende Figur, ein Iranist und ein obsessiver Feldforscher, die unzählige kleine Sprachen in den abgelegenen Bergtälern des Kaukasus und Zentralasien dokumentierte, und viele Legenden und Volksgedichte übersetzte.

Mit 22 schloss er sein Studium der iranischen Linguistik an der Universität Leningrad ab. Im Jahr 1953 begann sein Studium am Institut für Sprachwissenschaft. Seine PhD Dissertation beschäftigte sich mit der Sprache der Tat von Nord-Aserbaidschan, die in einer Reihe von semi-isolierten Bergdörfer lebten. Im Gegensatz zu den damals zahlreicher jüdischen Tat von Dagestan, ein Teil der aserbaidschanischen Tat waren Schiiten, und andere armenischen Christen. Eine Gruppe, die berühmten Kupferschmiede von Lahidsch, noch hielten sich für Nachfolger der Persen, die in den legendären Zeiten des Schahname-Königs Kai Khosrow hier übersiedelt wurden.

Kupferschmied in Lahidsch bei der Arbeit, aus einem Reisebericht von 2011

Aber das meisten exotische Abenteuer des jungen Studenten passierte im Jahr 1958, in den Bergen von Badakhshan, Tadschikistan, auf der Yeti-Expedition der Akademie der Wissenschaften, die sich schell in eine Jagd nach die Sprachen und Folklore der Badakhschan-Bergbewohner entwickelte. Obwohl die westliche Welt die post-Everest Yeti-Begeisterung in 1955-56 schon überstanden hatte, war Russland in seiner üblicher Weise ein paar Jahre zurückgeblieben. Vladimir Obrutschev, der neunzig Jahre alt Patriarch der russischen Geologie brachte eine gewisse Unterstützung für die Hypothese des in den Bergen von Pamir – „das Dach der Welt”, wie man es stolz nannte – lebenden Yeti zusammen. Kirill Stanjukovitsch, ein renommierter Geobotaniker und Science-Fiction-Schriftsteller berichtete, dass ihm die Einheimischen über einen „wilden Mann” gesprochen hatten, den sie golub-yavan oder möglicherweise gul-bayavan nannten. Und im Jahr 1958 wurde Stanjukovitsch zum Leiter einer Expedition ernannt, an der irgendwie kein Primatenforscher Teil nahm – nur zwei Iranisten.

Der Sarez-See, der vermeintliche Lebensraum des golub-yavans, nach Kirill Stanjukovitsch
Aleksandr Gruenberg schloß der Expeditionsgruppe von Anna Rozenfeld an, die auch in Sankt Petersburg geboren wurde, aber eine Generation früher, und die auch Iranistin, Dialektforscherin, Folkloristin und Übersetzerin von Volksmärchen war. Anna Rozenfeld war ein Yeti-Skeptiker, die die Yeti-Frage als eine Gelegenheit für volkskundliche Sammlung auffasste. Zur Gruppe gehörten auch zwei Mitglieder ohne iranistischen Hintergrund: die junge Journalistin Valentina Bianki, Nichte des berühmten Naturforschers und Kinderbücher-Autors Vitalij Bianki, und der 55 Jahre alt Historiker und Soziologe Boris Porschnew, damals schon Vorsitzer der Abteilung westeuropäischer Geschichte am renommierten Institut für Geschichte, aber für die Nachwelt am besten für seine Yeti-Begeisterung bekannt. Jedes Mitglied der Expedition veröffentliche seinen eigenen Bericht über die Pamir-Abenteuer, aber es waren Porschnews Bände, die sie wirklich verewigten. Stanjukovitsch hat natürlich fiktive Geschichten über den Schneemann veröffentlicht, wo am Ende war es überhaupt nicht klar (wie in den echten Märchen), wie viel er aus den Erfahrungen der Expedition schöpfte, und wie viel seine Erfindung war. Die Rozenfeld-Gruppe forschte Pamiri-Sprachen, wie Vakhan, Shugnan, Rushan und Ishkashim, aber es stellte sich auch heraus, dass einige Chitrali-Stammesangehörige aus den südlichen Hängen des Hindukusch in Badakhshan lebten, als isolierte Nachfahren von den Sklaven, die im 19 Jahrhundert durch die berüchtigten zentralasiatischen Sklavenjäger entführt wurden.

Die Badakhshan-Bergketten und Dörfer, aus einem Reisebericht von 2012


Die Aufmerksamkeit von Gruenberg wandte sich daher zu den isolierten Diasporen der ethnischen Gruppen, deren Urheimat südlich der sowjetischen Grenze lag, aber die innerhalb der Grenzen der Sowjetunion studiert werden konnten. Zwischen 1958 und 1960 endteckte und dokuentierte er die Teymuri-, Jamshidi- und Sistani-Populationen in Saraghs und Kushka, im Süden von Türkmenistan. Dann hatte er die einmalige Gelegenheit, die seltenen Sprachen der Hindukusch-Täler zu studieren, als Übersetzer des afganischen Ministeriums für Bergbau. Zwischen 1963 und 1968 führte er umfangreiche Feldforschung im entlegenen Nuristan, dem legendären Zufluchtsort der Truppen von Alexander der Große, und dokumentierte zum ersten Mal Sprachen wie Munjani, Glangali und Kati. Leider erwartete ein großer Teil seines Feldmaterials noch Verarbeitung am Zeitpunkt seines plötzlichen Todes im Jahr 1995. Ein anderes unverwirklichtes Projekt war die gemeinsame Entwicklung zusammen mit der afganischen Akademie der Wissenschaften eines Dari-basierten Alphabets für Baludschi, Kafiristani, Pamiri und Pashai.

Saraghs-Baba-Mausoleum, Türkmenistan, 1024
Das tragbare Tonbandgerät revolutionierte die volkskundliche Sammlung, und im Jahr 1975 kehrte Gruenberg in Saraghs zurück, um die epischen Geschichten seines Sistani-Informanten Ismail Jarmamedov aufzunehmen. Ismail, geboren in 1915, gehörte zur ersten Generation der in Saraghs lebenden Sistanis. Gruenbergs poetische russische Übersetzungen von Jarmamedovs Märchen stellen mein geliebtes Buch von 1981 dar. Der Rustam-Zyklus der Sistani-Legenden ist ungewöhlich, als es aus teilweise rhythmisiertem Prose besteht, mit Gedichteinlagen. Die archaische Wortschatz und die einzigartigen wiederkehrenden verbalen Formeln und Wendungen der Handlung weisen darauf, dass er eine alte mündliche epische Tradition folgt, die an der Wurzel ganz verschieden von Firdausis Schahname sein kann. Da Rustam ein legendärer Held aus Sistan ist, und da in der sistanischen Version viele Namen und Ortstnamen anders klingen, Gruenberg meinte, dass dieser Legendenzyklus geht zu einem pre-Firdausi lokalen Epos zurück.

Angeblich ein trockener akademischer Aufsatz, ist das Buch der Märchen und Legenden von Sistan so wunderbar poetisch, dass es 75.000 Druckexemplar erreichte, und gewann eine riesige Popularität. Aleksandr Gruenberg nahm auch an zahlreichen anderen Übersetzungen zentralasiatischer Volkssagen und Märchen teil, oft ausdrücklich ihre poetischen Einlagen übersetzend. Er hat mit Hunderten von wunderbaren Versen zur Übersetzung von tatischen, türkischen und pamirischen Legenden und iranischen „anonymen Märchen” beigetragen. Die folgende wörtliche Übersetzung natürlich spiegelt nichts von ihrer Schönheit, aber für einen kleinen Vorgeschmack Gruenbergs Stil, stehe hier ein kanonisches Vorwort der Schahname-Kapiteln sowie anderer epischen sistanischen Geschichten:

Голос донесся с бескрайних небес,
с синего купола дальних небес:
«Мудрый рассказчик, дервиш-острослов
не надевает на слово оков;
страстным влюбленным, тоской обуянным,
мчится оно фарсанг за фарсангом,
ловко, как заяц, и сладко, как мед...».
Шайтан приказал нам посеять табак,
куришь — погибнешь, погибнешь и так!
Курит Аббас, что в Иране царем,
пусть себе курит, да дело не в нем...
Слова — это шерсть, я же войлок валяю;
слова — молоко, я же масло сбиваю.
Ложь безграничная — вот мой рассказ.
Верблюд на блохе едет в город Шираз.
Ива и тополь, сосна и чинар
 сладких плодов не приносят нам в дар;
гранат и айва, померанец и тут
сочные щедро плоды нам дают.
Хлебом пусть станет вершина Ходжа,
в мясную шурпу Хильменд превратится.
Явился старик, чтоб шурпой подкрепиться.
«Много не съесть мне,— старик говорит.—
Стар я, устал я, и почка болит.
Съел я три сотни бараньих голов,
ножек без счета — а все же не сыт!»
Eine Stimme wurde aus dem grenzenlosen Himmel gehört,
aus der blauen Kuppel des fernen Himmels:
„Weise Geschichtenerzähler, scharfzüngiger Dervisch
stell dein Wort frei, fliege es wie du wünschst,
jage es wie en sehnsuchtsvoller Liebhaber,
viele Parasangen auf einmal ablaufend,
flink, wie ein Hase, und flüssig, wie Honig!
Teufel gab uns Tabak und lehrte seinen Genuß.
Rauchen tötet dich, aber du wirst sowieso sterben.
Abbas, Schah von Iran hat auch geraucht, aber
lass ihn sein, denn diese Geschichte ist nicht über ihn.
Worte sind Wolle – ich mache Filze davon;
Worte sind Milch – ich mache Butter davon.
Meine Geschichte ist auch unmöglichen Lügen gespinnt,
ein Kamel reitet auf einem Floh in Shiraz.
Pappel und Weide, Zypressen und Pinien
geben uns keine Frucht zu speisen;
Granatapfel und Quitte und Maulbeerbäume
gefallen allen mit ihren süßen Früchten.
Wandle der Hojja-Berg in ein Haufen Brot um,
wandle der Helmand-Fluß in Lammsuppe um!
Ein alter Mann kommt für die nahrhafte Suppe.
Ich kann nicht viel essen, so sagt der Alte,
ich bin müde und schwach, und mein Bauch tut weh,
Ich aß ganze Haufen von gekochten Lammfleisch,
ich aß dreihundert Lammköpfe,
aber ich möchte noch ein bißchen mehr.”


In den letzten Jahren hat das Hozeye Honari Musical Center in Teheran in 32 CDs eine umfassende Sammlung der lebenden Schahname- und epischen Tradition aus den verschiedenen Provinzen des Iran veröffentlicht. Wir haben nur sechs der zweiunddreißig, und die sistanische CD ist nicht unter ihnen. Hören wir stattdessen diese lokale Version des Schahnames von einem lorestanischen (Westlicher Iran, Zagros-Gebirge) Geschichtenerzähler.

Ein alter Schahname-Sänger, Iran