letzte Nacht, zu diesem auf Facebook veröffentlichten Bild der Moschee von Schuscha. Ich meine, nicht ich, aber es. Eine unbekannte britische Leserin, akousmata schrieb es, wenn sie das Bild teilte. Und ein paar Stunden später ergänzte sie es mit einer anderen Strophe. Ich weiß nicht, ob sie den Post selbst gelesen hatte, aber das Gedicht passt sowohl zur Geschichte als zur traumhaften, mutterleibähnlichen Schönheit der Moschee.
its raining outside.
theres an enemy in the garden.
inside, silent. just our breaths.
inside our temple, light.
I have bread for you, hidden from the storm
its still raining outside.
theres an enemy in the garden still.
inside, you and me. we walk, naked, towards the glass.
the enemy becomes blind, deaf and mute and lost.
inside our temple, I cover with clothes your nakedness, and likewise.
we are sister and brother
Das letzte Mal war es vor zehn Jahren, dass ich ein Gedicht zu einem Bild bekam, von Wang Wei. Es scheint eine lange Zeit, aber jede zehn Jahren ein gutes Gedicht zu inspirieren ist keine schlechte Ratio. Ich freue mich auf das nächste.
Anton Graff: Die Elbe unter Dresden, um 1800. Gemäldegalerie Alter Meister, Dresden
Überquerung der Elbe bei Sonnenaufgang, vorgestern
Walter schreibt:
Dániels neuer Post hat mich berührt, aber nicht mit Worten. Also antworte ich in derselben Art, aber der Kommentar von Blogger nimmt keine Bilder an.
Wir leben in der Altstadt von Kingston upon Hull, fünf Minuten zu Fuß von der Mündung der Humber, die sehr launischer Fluss ist (viel Hochwasser auf den Flussen, die die Humber nähren). An diesem Tag gab es keinen Ton außer dem traurigen Nebelhorn und den gedämpften Stimmen aus dem Boot, das auf der Flut auslief. Ich fühlte dieselbe Zeitlosigkeit, worauf Dániel anspielte.
Mehr als 2,2 Millionen jüdische Einwanderer fuhren durch Hull im Jahrhundert vor 1914. Die Familie meiner Frau, Hilary blieb hier vielleicht weil sie für den Weiterfahrt kein Geld hatten. Die örtliche jüdische Gemeinde ist jetzt im Niedergang, ein paar Hundert blieben, aber die Geschichte ist immer noch zu finden, in jenem Detail, wie es río Wang liebt.
„Frage, was du nicht weißt, weil die Demütigung des Fragens wird dich auf die Würde des Wissens führen“ Saʿdi: Gulistan
Gulistan – Vargaar: همسادهHomsadah (Nachbarn)
Diejenigen, die auf dem río Wang reisen, kennen den Wert von Serendipität. Am Ende des letzten Jahres fielen mir auf einem lokalen Antiquitätenmarkt zwei Dokumente mit markanter Kalligraphie ins Auge. Eine zweihundert Jahre alte persische Handschrift in East Yorkshire deutet auf eine interessante Reise. Zusammen mit den Dokumenten gab es auch ein maschinengeschriebenes Brief vom 30. August 1967, von G. Meredith-Owens, Direktorstellvertreter des Department of Oriental Printed Books and Manuscripts des British Museum. Es lautet so:
Sehr geehrter Herr,
Die drei Dokumente, die Sie im Oriental Students’ Room gelassen haben, sind wie folgt:
1) Diplom vom Schah von Persien von A.H. 1227 (A.D. 1812-13) über die Verleihung einer Dekoration (des Ordens des Löwen und der Sonne) an Sir Gore Ouseley (gest. 1844), britischer Botschafter in Persien.
2) Ein Brief (wahrscheinlich eine Kopie) an ʿAbbās Mīrsā, Gouverneur von Aserbaidschan, von seinem Bruder. Es ist eine Petition für Gefälligkeiten von einem reichen Verwandten.
3) Ein Brief auf Armenisch. Leider haben wir keinen armenischen Expert an der Abteilung, aber es scheint, dass das Italienisch die Übersetzung des Briefes ist.
Ich sende die drei Dokumente per Einschreiben zurück.
Es scheint, dass ich zwei von der drei so beschriebenen Dokumenten habe, aber welche? Das Diplom über die Verleihung des Ordens des Löwen und der Sonne an Sir Gore Ouseley, und das Brief auf Armenisch? Ich habe nichts auf Italienisch. Während man einige Informationen über Sir Gore Ouseley finden kann, über das zweite Dokument gibt es keine, und ich würde dankbar für irgendwelche Hilfe den Lesern von río Wang.
Das Diplom zeigt einige Wasserschäden an einer Kante, und war offensichtlich in der Vergangenheit eng gefaltet, ist aber ansonsten in gutem Zustand. Es ist derzeit gerahmt und unter Glas, so dass die folgende Bilder imperfekt, aber lesbar sind. Es ist empfohlen, den Ansicht zu vergrößern.
Wer war Sir Gore Ouseley?
Sir Gore Ouseley, 1830, mit zwei wichtigen Orden (siehe unten)
„Sir Gore Ouseley, 1. Baronet (1770-1844). In Indien zwischen 1787 und 1806, im Hof von Oudh/Awadh in Lucknow, 1800-1804. Ein beträchtlicher persischer Gelehrte. Verfasser von Biographical Notes on Persian Poets. Einer der Gründer der Royal Asiatic Society.“ Dies ist, wie Sir Denis Wright führt ihn ein in The English Amongst the Persians: Imperial Lives in Nineteenth-Century Iran.
Ouseleys Ernennung im Jahre 1810 als Botschafter im Qajar-Hof von Schah Fath Ali markierte eine Verschiebung in den britischen Interessen an Persien, die bis dann weitgehend in den Händen der Ostindien-Kompanie gelassen war. Im Vorgriff auf das spätere „Great Game“ mit Persien als Pufferstaat zwischen Russland und Indien, waren nun die Beziehungen zu wichtig geworden, um sie an die Kompanie zu lassen. Die Ziele der Agenten der Kompanie in Kalkutta und der britischen Regierung in London waren zunehmend in Widerspruch, und die Ernennung von Ouseley als „Ambassador Extraordinary and Plenipotentiary“ zum Qajar-Hof war „ein Schlag ins Gesicht“ für die Ostindien-Kompanie, und ein klares Indiz der Absicht, eine ständige diplomatische Vertretung in Persien zu haben.
Banyan, Blätter und Früchte. Ein Aquarell aus der Ouseley-Sammlung, jetzt in Kew Gardens.
Ouseley hatte in Indien gedient, und war flüssig in Persisch und Arabisch. Er war auch ein Sammler von Handschriften. Seine Anweisungen von der Regierung waren allumfassend, und wahrscheinlich auf seine Ansicht gelassen, inklusive einer Petition an Schah Fath Ali für den Zuschuß eines Landes für den Bau einer der Würde des Botschafters entsprechenden Residenz in Tehran, dessen Kosten mussten £ 8.000 nicht überschreiten. Er wurde auch angewiesen, Handschriften für das Britisch Museum und Saatgut für Kew Gardens zu kaufen.
Ouseley machte sich auf dem Weg aus England am 18 Juli 1810 zusammen mit Lady Ouseley und ihrer kleinen Tochter, sowie mit seinem Bruder und Sekretär, der Gelehrte Sir William Ouseley. Auf einem zweiten Schiff folgte ihn der nach Hause kehrende persische Gesandte Mirza Abdul Hasan und seine persische Diener. In mehreren Etappen kamen sie in Januar 1811 in Bombay an. Nach einer Ruhepause und Briefwechsel erreichten sie am 1 März den Hafen von Abu-Shahr. Die Überlandfahrt von Bushehr nach Teheran mit allen Gepäcken und diplomatischen Geschenken war langsam und mühsam, besonders für Lady Ouseley, die ihrer zweiter Tochter in Shiraz Geburt gab. Es gab auch ständige Reibung wegen Protokollfragen, als diese keine bloße Handelsdelegation war, und Ouseley „streng auf die Durchsetzung der ihm als Botschafter und Bevollmächtigter gebührenden Ehre achte“.
Britische Delegation im Hof von Schah Fath Ali: Gore Ouseley, John Malcolm und Harford Jones (Teil des Wandgemäldes des Nigaristan-Palastes, 1816-20)
Nachdem sie Teheran erreichten, lehnte Ouseley ab, mit den Hofvermittlern zu unterhandeln, und wurde von Schah Fath Ali am 30. November 1811 in Audienz empfangen. Ouseley hatte aus London den auf einer früheren Ausarbeitung
Schah Fath Alis Porträt im Gulistan-Palast. Für weitere Porträts des Schahs, siehe hier
von Harford Jones basierende „Definitive Treaty“ mitgebracht. Dieser Entwurf – mit einem Auge auf Frankreich – versprach Persien britische Hilfe gegen europäische Aggression, aber mit Napoleons Niedergang und den erneuerten persisch-russischen Feindseligkeiten wurde er bereits von den Ereignissen überholt. Er wurde schließlich in März 1812 unterzeichnet.
„Am 25 Mai 1812 fuhr die Botschaft aus Teheran, die eine ungesunde Residenz während der Hitze des Sommers war, zur kühleren Hauptstadt Tabriz über die berühmte Stadt Qazwin. Auf dem Weg erhielt der Botschafter Informationen, dass der Frieden zwischen England und Russland vermutlich abgeschlossen wurde, und dass ein russischer Diplomat, Oberst Freygang vom georgischen Oberbefehlshaber zur englischen Botschaft in Tabriz gesendet wurde. Diese Tatsache wurde bald verifiziert, und sie erleichterte Sir Gore, die Friedensverhandlungen zwischen Persien und Russland durch die Vermittlung von England zu beginnen.“ (Memoir, lxxviii).
Als Vermittler auf Antrag des Russen überzeugte Ouseley den Schah, einem Friedensvertrag mit Russland beizutreten. Das war der berüchtigte Vertrag von Gulistan, der am 12. Oktober 1813 beim Fluss Seiwa, im Dorf von Gulistan (heute Goranboy, Azerbaidschan) unterzeichnet wurde. Als Wright beschreibt: „Der resultierende Vertrag von Gulistan vom 12. Oktober 1813 war ein herber Schlag für die Perser, die gezwungen waren, praktisch alle ihre Gebiete nördlich des Flusses Araz aufzugeben, der somit der nordwestliche Grenzfluss des Landes wurde und blieb.“ Während das Kaspische Meer für die gewerbliche Flotten beider Länder offen blieb, Russland hatte das ausschließliche Recht, seine Militärflotte auf dem Kaspischen zu stationieren. Die Situation wurde noch schlimmer, als London im März 1812 den „Definitive Treaty“ nachbedachte, und eine neue Version verhandelte, die in November 1814 ordnungsgemäß unterzeichnet wurde. Bis dahin war Ouseley schon auf seinem Weg zurück nach London über Sankt Petersburg. Was auch immer die politischen Realitäten waren, es war kein Höhepunkt der englisch-persischen Beziehungen. Man fragt sich daher, für welchen Vertrag Sir Gore Ouseley den Orden des Löwen und der Sonne erhielte? Für den „Definitive Treaty“ zwischen England und Persien von 1812, oder den Gulistan-Vertrag zwischen Russland und Persien von 1813?
In Sankt Petersburg erhielt Ouseley den Grand Cordon des Ordens des Heiligen Alexander Newski. Diese Medaille, zusammen mit jener des Ordens des Löwen und der Sonne, können diejenige sein, die auf dem Wappen von Ouseley erscheinen, obwohl das Datum des Diploms problematisch scheint; dennoch sieht die Medaille mit dem roten Band so wie der St. Alexander-Newski-Orden aus.
Diese etwas primitive „Miniatur“ kann zwar vom College of Arms nicht anerkannt werden, aber die an Symbolen reiche liebliche ätiologische Geschichte verdient es, hier publiziert zu werden.
„Nach einer in den alten Stammbäumen der Familie Ouseley während vielen Generationen erhaltenen Tradition verheiretete ein tapferer Kavalier der Familie eine wunderschöne junge Dame namens Agnes. Dies geschah in der Zeit Königs Edward I, der nach seinem Rückkehr aus dem Heiligen Land durch Shropshire marschierte, um den Prinzen von Wales (sic) anzugreifen. Ouseley, der ein Mann von einem gewissen Rang in dieser Grafschaft war, hielt es für seine Pflicht, eine Tagereise vor dem King zu reiten, um ihn zu treffen und in sein Haus einzuladen. Am nächsten Tag zog auch Agnes, von ihren Jungfrauen begleitet, eine kurze Strecke aus, um ihren Mann und den König zu treffen. Als sie schon in der Nähe des königlichen Heeres war, stürtzte ein riesiger schwarzer Wolf aus einem Stechpalmebusch hervor, und biß in ihre Hand ein. Das wilde Bestie verbiß sich so sehr in seine Beute, dass der wütende Kavalier konnte es in der Gegenwart des Königs ergreifen, erwürgen, und seinen Kopf von seinem Körper reißen. Vor diesem Abenteuer war das Wappen der Familie Ouseley „gold, ein Balken oben, ein Zobel“, aber bei dieser Gelegenheit gewährte der König seine Vermehrung mit „drei Stechpalmenblätter, grün“, und fügte hinzu „einen schwarzen Wolf mit einem gelösten roten rechten Hand im Mund, auf einer Fürstenkrone, mit dem Motto: »Mors Lupi, Agnis vita«“. Und es wird gesagt, dass in einer Kirche in Shropshire gab es ein Denkmal mit den Figuren dieses Kavaliers und seiner Frau, auf dem sie ohne der rechten Hand dargestellt wurde.“
Aus dem „Memoir of Sir Gore Ouseley” in Biographical Notices of Persian Poets; with Critical and Explanatory Remarks by The Late Right Honourable Sir Gore Ouseley, Bart., London & Paris 1846.
Einige Einzelheiten des Diploms des Löwen und der Sonne tragen eine gewisse Ähnlichkeit zu einer Firman in Nastaliq-Kalligrafie aus derzelben Zeit.
Eine von mehreren Unterschriften und Siegel auf der Rückseite:
__________________________
Von dem zweiten Dokument auf Armenisch ist nichts bekannt, und jede Hilfe wäre wilkommen. Seine Verbindung mit dem persischen Diplom kann kein Zufall sein, als sie das gleichen Datum haben. Als es 200 Jahre alt ist, kann sein Stil formell und höfisch sein. Wenn jemand bereit ist, eine Übersetzung irgendwelches Dokuments zu versuchen, bitte benachrichtige mich durch río Wang.
„Solange du nicht sprichst, wird dich niemand stören, aber wenn du sprichst, sei bereit, was du sagst, zu stützen.“
Saʿdi: Gulistan
Es ist nicht so sehr für die kleine, auf eine Moral ausgespitzte Geschichte, sondern für die von der österreichischen Graphikerin Lisbeth Zwerger vor dreißig Jahren gemalten, fein getönten Aquarelle, dass wir diese Weihnachtsgeschichte veröffentlichen. Der Autor der Novelle, der meist unter dem Namen O. Henry publizierende William Sydney Porter ist vielleicht dem deutschen Leser weniger bekannt, obwohl er einer der populärsten amerikanischen Erzähler des frühen 20. Jahrhunderts war.
Zu den Arbeiten von Lisbeth Zwerger werden wir bald zurückkehren.
Ein Dollar und siebenundachtzig Cent. Das war alles. Und sechzig Cent davon ja Pennies.
Stück für Stück ersparte Pennies, wenn man hin und wieder den Kaufmann, Gemüsemann oder Fleischer beschwatzt hatte, bis einem die Wangen brannten im stillen Vorwurf der Knauserei, die solch ein Herumfeilschen mit sich brachte.
Dreimal zählte Della nach. Ein Dollar und siebenundachtzig Cent. Und morgen war Weihnachten.
Da blieb einem nichts anderes, als sich auf die schäbige kleine Chaise zu werfen und zu heulen. Das tat Della. Was zu der moralischen Betrachtung reizt, das Leben bestehe aus Schluchzen, Schniefen und Lächeln, vor allem aus Schniefen. Während die Dame des Hauses allmählich von dem ersten Zustand in den zweiten übergeht, werfen wir einen Blick auf das Heim. Eine möblierte Wohnung für acht Dollar die Woche. Sie war nicht gerade bettelhaft zu nennen; höchstens für jene Polizisten, die speziell auf Bettler gehetzt wurden.
Unten im Hausflur war ein Briefkasten, in den nie ein Brief fiel, und ein Klingelknopf, dem keines Sterblichen Finger je ein Klingelzeichen entlocken konnte. Dazu gehörte auch eine Karte, die den Namen „Mr. James Dillingham jr.” trug.
Das „Dillingham” war in einer früheren Zeit der Wohlhabenheit, als der Eigentümer dreissig Dollar die Woche verdiente, hingepfeffert worden. Jetzt, da das Einkommen auf zwanzig Dollar zusammengeschrumpft war, wirkten die Buchstaben des „Dillingham” verschwommen, als trügen sie sich allen Ernstes mit dem Gedanken, sich zu einem bescheidenen und anspruchslosen D zusammenzuziehen. Aber wenn Mr. James Dillingham jr. nach Hause und oben in seine Wohnung kam, wurde er „Jim” gerufen und von Mrs. James Dillingham jr., die bereits als Della vorgestellt wurde, herzlich umarmt. Was alles sehr schön ist.
Della hörte auf zu weinen und fuhr mit der Puderquaste über ihre Wangen. Sie stand am Fenster und blickte trübselig hinaus auf eine graue Katze, die auf einem grauen Zaun in einem grauen Hinterhof spazierte.
Morgen war Weihnachten, und sie hatte nur einen Dollar siebenundachtzig, um für Jim ein Geschenk zu kaufen. Monatelang hatte sie jeden Penny gespart, wo sie nur konnte, und dies war das Resultat. Zwanzig Dollar die Woche reichte nicht weit. Die Ausgaben waren größer gewesen, als sie gerechnet hatte. Das ist immer so. Nur einen Dollar siebenundachtzig, um für Jim ein Geschenk zu kaufen. Für ihren Jim. So manche glückliche Stunde hatte sie damit verbracht, sich etwas Hübsches für ihn auszudenken. Etwas Schönes, Seltenes, Gediegenes – etwas, was annähernd der Ehre würdig war, Jim zu gehören.
Zwischen den Fenstern stand ein Trumeau. Vielleicht haben Sie schon einmal einen Trumeau in einer möblierten Wohnung zu acht Dollar gesehen. Ein sehr dünner und beweglicher Mensch kann, indem er sein Spiegelbild in einer raschen Folge von Längsstreifen betrachtet, eine ziemlich genaue Vorstellung von seinem Aussehen erhalten. Della war eine schlanke Person und beherrschte diese Kunst. Plötzlich wirbelte sie von dem Fenster fort und stand vor dem Spiegel. Ihre Augen glänzten und funkelten, aber ihr Gesicht hatte in zwanzig Sekunden die Farbe verloren. Flink löste sie ihr Haar und ließ es in voller Länge herabfallen.
Zwei Dinge besaßen die James Dillinghams jr., auf die sie beide unheimlich stolz waren. Das eine war Jims goldene Uhr, die seinem Vater und davor seinem Großvater gehört hatte. Das andere war Dellas Haar. Hätte die Königin von Saba in der Wohnung jenseits des Luftschachts gelebt, dann hätte Della eines Tages ihr Haar zum Trocknen aus dem Fenster gehängt, um Ihrer Majestät Juwelen und Vorzüge im Wert herabzusetzen. Wäre König Salomo der Portier gewesen und hätte all seine Schätze im Erdgeschoss aufgehäuft, Jim hätte jedesmal seine Uhr gezückt, wenn er vorbeigegangen wäre, bloß um zu sehen, wie sich der andere vor Neid den Bart raufte.
Jetzt floss also Dellas Haar wellig und glänzend an ihr herab wie ein brauner Wasserfall. Es reichte bis unter die Kniekehlen und umhüllte sie wie ein Gewand. Nervös und hastig steckte sie es wieder auf. Einen Augenblick taumelte sie und stand ganz still, während ein paar Tränen auf den abgetretenen Teppich fielen. Die alte braune Jacke angezogen, den alten braunen Hut aufgesetzt, und mit wehenden Röcken und immer noch das helle Funkeln in den Augen, schoss sie zur Tür hinaus und lief die Treppe hinab auf die Straße.
Wo sie stehenblieb, lautete das Firmenschild Mme. Sofronie. Alle Sorten Haarersatz.
Della rannte die Treppe hinauf und versuchte atemschöpfend, sich zu sammeln.
Madame, groß, zu weiß und frostig, sah kaum nach „Sofronie” aus.
– Wollen Sie mein Haar kaufen? – fragte Della.
– Ich kaufe Haar – sagte Madame. – Nehmen Sie den Hut ab, damit wir es einmal ansehen können.
Der braune Wasserfall stürzte in Wellen herab.
– Zwanzig Dollar – sagte Madame, mit kundiger Hand die Masse anhebend.
– Geben Sie nur schnell her –, sagte Della.
Oh, und die nächsten beiden Stunden trippelten auf rosigen Schwingen. Nehmen Sie es nicht so genau mit der zerhackten Metapher. Sie durchwühlte die Läden nach dem Geschenk für Jim. Schließlich fand sie es. Bestimmt war es für Jim und für niemand sonst gemacht. Keins gab es in den Läden, das diesem glich, und sie hatte in allen das Oberste zuunterst gekehrt. Es war eine Uhrkette aus Platin, einfach und edel im Dessin, die ihren Wert auf angemessene Weise durch das Material und nicht durch eine auf den Schein berechnete Verzierung offenbarte – wie es bei allen guten Dingen sein sollte. Sie war sogar der Uhr würdig. Kaum hatte sie die Kette erblickt, als sie auch schon wusste, dass sie Jim gehören müsse. Sie war wie er. Überlegene Ruhe und Wert – das passte auf beide.
Einundzwanzig Dollar nahm man ihr dafür ab, und mit den siebenundachtzig Cent eilte sie nach Hause. Mit dieser Kette an der Uhr konnte Jim wirklich in jeder Gesellschaft um die Zeit besorgt sein. So großartig die Uhr war, manchmal blickte er wegen des alten Lederriemchens, das er an Stelle einer Kette benutzte, nur verstohlen nach ihr. Als Della zu Hause angelangt war, wich ihr Rausch ein wenig der Vorsicht und der Vernunft. Sie holte ihre Brennschere heraus, zündete das Gas an und machte sich ans Werk, die Verheerungen auszubessern, die von Freigebigkeit in Verein mit Liebe angerichtet worden waren. Was stets eine gewaltige Aufgabe ist, liebe Freunde – eine Mammutaufgabe.
Nach vierzig Minuten war ihr Kopf dicht mit kleinen Löckchen bedeckt, mit denen sie wundervoll aussah, wie ein schwänzender Schuljunge. Lange, sorgfältig und kritisch betrachtete sie ihr Spiegelbild.
– Wenn mich Jim nicht umbringt, bevor er mich ein zweites Mal ansieht, wird er sagen, ich sehe aus wie ein Chormädel von Coney Island – meinte sie bei sich. – Aber was – oh, was hätte ich denn mit einem Dollar siebenundachtzig anfangen sollen?
Um sieben war der Kaffee gekocht, und die Bratpfanne stand hinten auf der Kochmaschine, heiss und bereit, die Kotelette zu braten. Jim verspätete sich nie. Della ließ die Uhrkette in ihrer Hand verschwinden und setzte sich auf die Tischkante nahe der Tür, durch die er immer eintrat.
Dann hörte sie seinen Schritt auf der Treppe, unten, auf den ersten Stufen, und wurde einen Augenblick blass. Sie hatte sich angewöhnt, wegen der einfachsten Alltäglichkeit stille kleine Gebete zu murmeln, und jetzt flüsterte sie
– Bitte, lieber Gott, mach, dass er mich noch hübsch findet.
Die Tür öffnete sich, Jim trat ein und schloss sie. Er sah mager und sehr feierlich aus. Armer Junge, er war erst zweiundzwanzig – und schon mit Familie belastet! Er brauchte einen neuen Mantel und hatte auch keine Handschuhe. Jim blieb an der Tür stehen, reglos wie ein Vorstehhund, der eine Wachtel ausgemacht hat Seine Augen waren auf Della geheftet, und ein Ausdruck lag in ihnen, den sie nicht zu deuten vermochte und der sie erschreckte. Es war weder Ärger noch Verwunderung, weder Missbilligung noch Abneigung, noch überhaupt eins der Gefühle, auf die sie sich gefasst gemacht hatte. Er starrte sie nur unverwandt an mit diesem eigentümlichen Gesichtsausdruck.Della rutschte langsam vom Tisch und ging zu ihm.
– Jim, Liebster –, rief sie –, sieh mich nicht so an. Ich hab' mein Haar abschneiden lassen und verkauft, weil ich Weihnachten ohne ein Geschenk für dich nicht üherlebt hätte. Es wird wieder wachsen – du nimmst es nicht tragisch, nicht wahr? Ich musste es einfach tun. Mein Haar wächst unheimlich schnell. Sag mir fröhliche Weihnachten, Jim, und lass uns glücklich sein. Du ahnst nicht, was für ein hübsches, was für ein schönes, wunderschönes Geschenk ich für dich bekommen habe.
– Du hast dein Haar abgeschnitten? – fragte Jim mühsam, als könne er selhst nach schwerster geistiger Arbeit nicht an den Punkt gelangen, diese offenkundige Tatsache zu begreifen.
– Abgeschnitten und verkauft – sagte Della. – Hast du mich jetzt nicht noch ebenso lieb? Ich bin auch ohne mein Haar noch dieselbe, nicht wahr?
Jim blickte neugierig im Zimmer umher. – Du sagst, dein Haar ist weg? – bemerkte er mit nahezu idiotischem Gesichtsausdruck. – Du brauchst nicht danach zu suchen. – sagte Della. – Ich sag' dir doch, es ist verkauft – verkauft und weg. Heute ist Heiligabend, Jungchen. Sei nett zu mir, denn es ist ja für dich weg. Vielleicht waren die Haare auf meinem Kopf gezählt – fuhr sie mit einer jähen, feierlichen Zärtlichkeit fort –, aber nie könnte jemand meine Liebe zu dir zählen. Soll ich die Kotelette aufsetzen, Jim? Jim schien im Nu aus seiner Starrheit zu erwachen. Er umarmte seine Della.
Wir wollen inzwischen mit diskreten Forscherblicken zehn Sekunden lang eine an sich unwichtige Sache in anderer Richtung betrachten.
Acht Dollar die Woche oder eine Million im Jahr – was ist der Unterschied?
Ein Mathematiker oder ein Witzbold würden uns eine falsche Antwort geben.
Die Weisen brachten wertvolle Geschenke, aber dies war nicht darunter. Diese dunkle Behauptung soll später erläutert werden.
Jim zog ein Päckchen aus der Manteltasche und warf es auf den Tisch. – Täusch dich nicht über mich, Dell – sagte er. – Du darfst nicht glauben, dass es etwas wie Haare schneiden oder stutzen oder waschen mich dahin bringen könnte, mein Mädchen weniger liebzuhaben. Aber wenn du das Päckchen auspackst, wirst du sehen, warum du mich zuerst eine Weile aus der Fassung gebracht hast. Weiße Finger rissen hurtig an der Strippe und am Papier. Und dann ein verzückter Freudenschrei, und dann – ach! – ein schnelles weibliches Hinüberwechseln zu hysterischen Tränen und Klagen, die dem Herrn des Hauses den umgehenden Einsatz aller Trostmöglichkeiten abforderten. Denn da lagen die Kämme – die Garnitur Kämme, die Della seit langem in einem Broadway-Schaufenster angeschmachtet hatte.
Wunderschöne Kämme, echt Schildpatt mit juwelenverzierten Rändern – gerade in der Schattierung, die zu dem schönen, verschwundenen Haar gepasst hätte. Es waren teure Kämme, das wusste sie, und ihr Herz hatte nach ihnen gebettelt und gebarmt, ohne die leiseste Hoffnung, sie je zu besitzen.
Und nun waren sie ihr eigen; aber die Flechten, die der ersehnte Schmuck hätte zieren sollen, waren fort.
Doch sie presste sie zärtlich an die Brust und war schließlich so weit, dass sie mit schwimmenden Augen und einem Lächeln aufblicken und sagen konnte:
– Mein Haar wächst so schnell, Jim!
Und dann sprang Della auf wie ein gebranntes Kätzchen und rief: – Oh, oh!
Jim hatte ja noch nicht sein schönes Geschenk gesehen.
Ungestüm hielt sie es ihm auf der geöffneten Hand entgegen. Das leblose, kostbare Metall schien im Abglanz ihres strahlenden, brennenden Eifers zu blitzen.
– Ist die nicht toll, Jim? Die ganze Stadt hab' ich danach abgejagt. Jetzt musst du hundertmal am Tag nachsehen, wie spät es ist. Gib mir die Uhr. Ich möchte sehen, wie sich die Kette dazu macht.
Statt zu gehorchen, ließ er sich auf die Chaiselongue fallen, legte die Hände im Nacken zusammen und lächelte. „Dell”, sagte er, „wir wollen unsere Weihnachtsgeschenke beiseite legen und eine Weile aufheben. Sie sind zu hübsch, um sie jetzt schon in Gebrauch zu nehmen. Ich habe die Uhr verkauft, um das Geld für die Kämme zu haben. Wie wäre es, wenn du die Kotelette braten würdest?”
Die Weisen waren, wie ihr wisst, weise Männer – wunderbar weise Männer –, die dem Kind in der Krippe Geschenke brachten. Sie haben die Kunst erfunden, Weihnachtsgeschenke zu machen. Da sie weise waren, waren natürlich auch ihre Geschenke weise und hatten vielleicht den Vorzug, umgetauscht werden zu können, falls es Dubletten gab.
Und hier habe ich euch nun schlecht und recht die ereignislose Geschichte von zwei törichten Kindern in einer möblierten Wohnung erzählt, die höchst unweise die größten Schätze ihres Hauses füreinander opferten. Doch mit einem letzten Wort sei den heutigen Weisen gesagt, dass diese beiden die weisesten aller Schenkenden waren. Von allen, die Geschenke geben und empfangen, sind sie die weisesten. Überall sind sie die weisesten. Sie sind die wahren Weisen.