Solange die Welt dreht

„In der neurotischen, abgehetzten Europa blieb Portugal eine Ecke der Anziehung und Charme. […] Der Humanismus der Portugiesischen […] lebt in Harmonie mit ihrer christlichen Tradition und Toleranz. Im Allgemeinen zeigt die Eleganz ihrer Denk- und Ausdrucksweise – unabhängig von der sozialen Klasse – die am besten mit dem Wort „großzügig“ beschrieben werden  kann, diesen glücklichen Unterschied zu den meuternden und brutalen Gesellschaften anderen Länder.“

Alcobaça, Januar 2015

Katia Guerrero: Até ao fim

Diese portuguiesischen Könige waren ziemlich seltsame Figuren. Wie könnte es anders sein, wenn auch der erste von ihnen ungarisch war? Zum Beispiel konnten sie etwas so ungewöhnliches an der Wende des 13. und 14. Jahrhunderts, wie das Lesen, und einer von ihnen ging sogar noch weiter. Don Dinis hat schreiben gelernt, was in jener Zeit sehr gering geschätzt war. Er schrieb wunderbare Ritters- und Liebeslieder, cantigas im alten Portugiesen, er übersetzte aus anderen Sprachen, und er setzte die Gesta seines Großvaters Alfonso el Sabio, der weise König von Kastilien zusammen. Auch Alfonso war eine seltsame Figur. Vor und zusammen mit Rudolf von Habsburg war er auch König von Deutschland, und er begann den kastilischen Dialekt zu standardisieren.

Und Don Dinis Enkel, einer der Helden unserer Geschichte, Pedro, liebte. Er liebte und immer noch liebt – das Präsens ist kein Fehler, als sie bald verstehen –  eine Frau, wie niemand sonst in dieser Welt, und diese LIebe veranlasste ihn zu solchen Dingen, erhob ihn so hoch und ließ ihn so niedrig fallen, wie vielleicht keinen sonst in dieser Welt. Die wahre Geschichte dieser Liebe, als ob es ein Shakespeare-Stück wäre, zeigt gleichzeitig die Wunder, das Güte und die dunklen Tiefen des menschlichen Herzens, und ist immer noch im portugiesischen Geist, Metaphern und täglichen Sprache vorhanden.



Der Frühlingshimmel über Portugal ist wunderbar blau. Es konnte nicht anders sein im Jahre 1340, als eine neue, sorgfältig geplante dynastische Ehe zwischen Pedro, dem Kronprinzen von Portugal, und der kastilischen Prinzessin Constança vorbereitet wurde. Die erste Ehe des Kronprinzen war nicht erfolgreich. In Ermangelung eines mit Spannung erwarteten Nachfolgers schied sich Pedro von seiner Frau, der kastilischen und aragonischen Prinzess Branca. Die neue Erwählte, Prinzess Constança schien eine perfekte Partie aus allen persönlichen und politischen Aspekten.

In der Delegation war auch Inês de Castro, eine kastilische edle Hofdame, die nach zeitgenössischen Memoiren eine herrlich schöne, attraktive und nette Person war, so dass der helle blaue Himmel hatte nicht vieles zu tun, damit der Kronprinz sich mit ihr verrückt verliebte, und seine Gefühle erwidert werden seien. Die Ehe mit Constança wurde im August geschlossen. Auch Inês blieb am Hofe.

Inês de Castro. Die spanische Frau, die nach ihrem Tod herrschte, 1944. Regie Leitão de Barros. Hauptdarsteller Alicia Palacios, Antonio Vilar und María Pradera

Damals war die Einrichtung der königlichen und fürstlichen Liebhaber üblich, und in späteren Zeiten war es sogar eine Ehre, des Königs Geliebte zu sein. Es war jedoch ziemlich ungewönlich, dass zwei Menschen sich so sehr liebten, zum Erstaunen, Eifersucht, Neid und Zorn ihrer Umgebung. König Alfonso hat Inês bald aus dem Hof gejagt, aber die Beziehung des Paares wurde nie unterbrochen.

1345 wurde Ferdinand, der spätere Don Fernando geboren, und Prinzess Constança starb sehr jung, im Alter von fünfundzwanzig oder dreißig. Pedro ließ seine Geliebte zurückbringen. Er setzte sie im Kloster Santa Clara von Coimbra, und sie lebten ganz offen und glücklich zusammen. Sie hatten drei Söhne und eine Tochter. 1345 wahrscheinlich heiratete er sie in Geheim.

Alcobaça, Januar 2015

Ihr Glück konnte jedoch nicht erfüllt werden. Unzählige Variationen können darüber gelesen werden, was den Haß gegen das Paar so verstärkte, von der Stärkung des kastilischen Einflusses zum Umkippen der Thronfolgenordnung. Ich selbst denke, dass der Hass der wichtigste Bewegungskraft war: der Hof konnte die Harmonie von zwei glücklicher Menschen nicht ertragen. Dieser Haß brachte ihre Frucht. Don Alfonso nahm den – falschen – Vorwurf des Hochverrats gegen Inês an, und verurteilte sie zum Tode. Pedro, der des Ausmasses des Hasses bewusst war, aus ganz unerklärlichen Gründen nahm keine Vorsichtsmaßnahme, auch nachdem er von der Gefahr gewarnt wurde. So am 7. Januar 1355, heute vor 661 Jahre, als er an die Jagd ging, war es leicht drei „edlen“ Herren, Pêro Coelho, Álvaro Gonçalves und Diogo Lopes Pacheco, die fünfundzwanzig oder dreißig Jahre alt Inês zu entführen, und sie in Coimbra, im Garten der Lärme, in Gegenwart von Don Alfonso zu ermorden.

Eugénie Servières: Inês de Castro bittet um Gnade an den Füßen von König Alfonso, 1822


Karl Briullov: Tod von Inês de Castro, 1834


Was Pedro auf die Nachricht gefühlt haben sollte, ist von seinen späteren Taten offensichtlich. Er verursachte fast einen Bürgerkrieg gegen seinen Vater, und nur durch die Intervention des Erzbischofs von Braga versöhnte er mit dem wahrscheinlich unheilbar kranken Don Alfonso, der 1357 starb. Don Pedro bestieg den Thron, und von da an können wir in jedem seiner Taten die Rache eines Mannes erkennen, der vom Schmerzen fast den Verstand verloren hatte.

Die drei Mörder spürten die Gefahr in guter Zeit, und fliehen nach Kastilien Pedro konnte jedoch erreichen, dass 1361 der kastilische Monarch ihm zwei von ihnen, Coelho und Gonçalves ausgeliefert hat. Ein schreckliches Schicksal erwartete auf sie.

Ausschnitt aus dem Film Inês de Castro, 1944. Regie Leitão de Barros

Der König verkündete seine heimliche Ehe mit Inês, und anschließend erklärte sie Königin von Portugal. Er ließ ihre Leiche ausgraben, kleidete sie in königlichen Insignien, und ließ sie auf dem Thron sitzen.

Ausschnitt aus dem Film Inês de Castro, 1944. Regie Leitão de Barros.
In der Rolle des Don Pedro, Antonio Vilar

Die Mörder mussten vor dem Skelett erscheinen, Knie biegen, und die Hände küssen. Dan ließ sie Pedro nach Porto bringen, wo er ihre Herzen öffentlich herausrissen ließ.

Pierre-Charles Comte, Die Krönung der toten Inês de Castro, 1849

Während seiner Regierungszeit trug Pedro Sorge für sein Volk, und legte die Grundsteine für alle, was ein paar Jahre später die jahrhundertelange See- und Weltmacht Portugals darstellte. Allerdings kompensierte er den Horror mit anderen Horroren, Grausamkeiten, Verstöße gegen Recht, und Gewalt, und nach den Memoiren fand er oft Zuflucht in wilden Partys und Orgien.

Und doch am Ende seines zerstörten Lebens tat er zwei Dinge, die nicht ohne Rührung erzählt werden können. Der dritte, entgangene Mörder, Diogo Lopes Pacheco bat um Gnade. Er muss wohl von der saúdade geplagt werden, der die in Portugal lebenden verjagt, und diejenige, die weit von ihrem Heimat leben, wiederruft. Und Pedro begnadigte ihn. 1365 wurde Diogo Lopes genehmigt, nach Portugal zurückzukehren. Er lebte noch dreißig Jahre, überlebte alle Akteure dieser Geschichte. Er wird ein Diplomat im Dienst von Don Fernando sein, greift er wieder in der Ehe des Königs ein, soll er wieder auswandern, ist er wieder begnadigt, er kann wieder zurückkehren…

Grab von Inês de Castro, Alcobaça

Für den Portugiesen ist es natürlich, dass der Körper auferstehen wird. Man kann nicht ohne Rührung in den Gruften, neben den Särgen diejenige praktischen oder geliebten Alltagsgegenstände sehen, die wichtig für dem Verstorbenen waren, und die er oder sie wird mit Sicherheit bei der Auferstehung benötigen. Pedro, der im Alter von nur 47 das Ende seines irdischen Lebens erfasste, hat seine letzte Ruhestätte im Kloster von Alcobaça angewiesen, der seit 1178 im Bau fand. Er wollte gegenüber seiner Geliebten ruhen, „solange die Welt dreht“, damit bei der Auferstehung wäre Inês de Costa die erste, die er erblickt werde.




Sein Wille wurde erfüllt, und die beiden Sarkophage stehen unbeweglich gegeneinander seit 650 Jahren, als eines der wichtigsten Denkmäler des Landes, wo es seit ein tausend Jahren keinen wichtigen Krieg gab, und wo Millionen und Millionen von materiellen und geistigen Denkmäler die lebendige GEgenwart mit der lebendigen Vergangenheit verbinden. Solange die Welt dreht.

Im Januar war ich zum ersten Mal im Kloster, als ich bereits die Geschichte des Paares kennte. Die Sonne strahlte, der Himmel war unglaublich tiefblau, und es blühten die ersten Blumen.

Man feierte noch die Messe im Kloster, also mussten wir eine Stunde warten, bevor wir in der Nähe der beiden Sarkophage hinter dem Hauptaltar eingehen könnten. Alles wurde lebendig, und ich verstand und fühlte sofort, wie Pedro diese Frau liebte und immer noch liebt. Die Barriere ließen mir nicht in der Wirklichkeit, nur im Gedanken, die beiden Sarkophage zu streicheln. Sei es so: die beiden Säre werden sich öffnen, und das glückliche Paar wird sich wiedersehen, denn sie haben sich unaufhörlich geliebt – solange wie die Welt dreht…



Amalia Rodrigues: April

Polaroids von Rabati


Jacopo Miglioranzi forscht die Anthropologie der Religion in der südgeorgischen Stadt Akhaltsikhe unter den lokalen Armeniern und Georgiern. Über die jüdische Bevölkerung der Stadt hat er früher in río Wang geschrieben. Seine weiteren Aufsätze können Sie hier lesen.
„und siehe
es bewegt es bröckelt es verbreitet sich
und siehe
es bewegt es bröckelt es verbreitet sich
das eine erklärt Unabhängigkeit und geht weg
das andere schließt sich in seine Intimität ein
das dritte verkündet sich ein totaler Außenseiter“


Toleranz. Ein neues Wort. Bis vor kurzem konnte man es sehen in großen Buchstaben auf einer riesigen Werbetafel. Toleranz, dies empfing die Stadtbürger und Besucher, die in Rabati ankamen. Der älteste Viertel der Stadt Akhaltsikhe. Um den Viertel zu erreichen muss man eine große Straße überqueren, dann eine schmale Straße unter der Brücke der alten und stillgelegten Eisenbahn nehmen. Zwei Straßen. Zwei Formen der Toleranz. Auf der linken Seite, die Festung von Rabati, das Symbol der Toleranz. Touristen, Reisende, Backpackers, Grenzgänger. Junge Leute, die fotografieren und sich fotografieren lassen. Braute in Weiß gekleidet. Auf der rechten Seite, Rabati. Der Viertel. Touristen, Reisende, Backpackers, Grenzgänger. Junge Leute, die fotografieren und sich fotografieren lassen. Braute in Weiß gekleidet, weniger. Männer rauchen nervös ihre Zigaretten. Eine gelbe Marschrutka, ohne Räder, die im Sterben am Bahndamm liegt. Ich klettere zu den sterbenden Gleisen auf. Armenische Männer. Georgische Männer. Türkische Männer. Armenische Taxifahrer. Türkische Busse. Georgische Busse. Autos. Polizeistreife. Mehr Taxis. Einkaufstüten. Frauen mit Kindern. Armenische Jungen. Georgische Jungen. Armenische Mädchen. Georgische Mädchen. Russische Touristen. Polnische Touristen. Paare auf Motorrädern. Radfahrer.


Verlorene Touristen in einem verlorenen Ort. Vielleich ich auch. Vielleicht nicht. Selbstbewusste Menschen. Menschen mit sicherer Arbeit. Menschen ohne Arbeit. Angestellte, die in der Stadt sicher sind. Angestellte, die hier unsicher sind. Ein orthodoxer Priest.

Ein Führer in der Hand: „Lonely planet“. Informationen. So viele Informationen, so viele Gewissheiten. Hier, so viele Informationen, so wenige Gewissheiten. Versteckten Orten. Verpasste Hotels und Museen. Taxifahrer fahren. „Führer?“ Taxifahrer führen. Sechzig Lari. „Taxifahrer, Führer!“

„Reisen die Wanderer, reisen die Verlierer
die mehr zu den Veränderungen angepasst sind

reist der Staub, reist der Wind
reist das Quellenwasser“

Eine Station. Frauen schreien. Marschrutka. Plätze, die zugewiesen werden, schon zugewiesene Plätze. „რამდენი?“ „ლარად“. Tickets. Mündliche Verträge. Geschäfte. „Nicht deine Geschäfte.“ Geschäfte auf der Haut des Touristen. Eingeborene. Ziele. Beobachter. Beobachtete. Von wem?
Die Stadt. Der Viertel. Gleise und Stationen. Verwirrung und Verwrirrungen. Schlamm und Asphalt.


Die Stadt. Königin Tamar. Eine Kirche. „ვისოლი“, „სმარტი“, „გარფი“, „ლუკოილი“. Geruch von Benzin. Das Gerichtsgebäude. Fußgänger auf der Fußgängerübergang. Stehende Autos und LKWs. Die Polizeistation.
Schlamm und Asphalt. Gefüllte Straßen. Orthodoxe Priester. Orthodoxie. Neue und alte Orthodoxien. „Mehr als neu.“ Beton. Neuer und alter Beton. Denkmal „1941-1945“. Orthodoxie. „C.C.C.P.“ Krieg. Kriege. „Der Krieg ist kalt.“
Religiöse Konflikte. Kirchen. Neue Kirchen, blühen. Alte Kirche, wieder blühen. Altmodisch neue. Neulich alte. „Der Frieden ist warm.“
Körper, die vom Zeichen des Kreuzes verbraucht wurden. Blicke und Seele, der Heiligkeit der Kirche gespendet.

„Jerusalem, Heiliges Jerusalem,
mein Herz sehnt sich nach die Anastasis, entlang der Via Dolorosa,
zu einem Heiligen Grab, der Grab niemals war, aber heilig ist er
durch den Glauben der Gläubigen, in der Gnade des Herrn, mein Gott
mein Herr, Jesuskind, Fleisch von der jungen Jungfrau und Mutter
vor Dich verneige ich mich, Dich verehre ich
für Dich entführt mein Herz der Herr, mein Gott“

Religiöse Vorbeigehende. Vorbeigehende Mönche. Achtung! Heiligkeit. სამება, die Dreifaltigkeit. Zeit zu spenden, Momente, Sekunden. Gebete. Auch wenn es keine Zeit gibt. Auch wenn man einzukaufen eilt. Am Steuer. Spazierend.


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Gemeinschaft. Menschheit. Identität. Touristen, Reisende, Händler, Verkäufer, Straßenhändler, Ladenbesitzer, Krämer, Fahrer, Studenten, Arbeiter, Spieler, Arbeitslose, Priester, Mönche, Nonnen, Schwestern, Zeugen Jehova, Apostolische Gläubige. Journalisten und Fernsehkameras. Kameras. Autos, Lieferwagen, Lastkraftwagen. Mehr Studenten, Kehrer. Chinese, Georgier, Armenier, Juden, Russen, Türken. Mehr Georgier. Nur wenige Chinese. Viele Armenier. Juden. Rückkehre. Meskheti-Türken. Diasporas. Abfahrten. Italiener, Polen, Christen, rückkehrende. Musulmans, rückkehrende. Juden, abfahrende.

„verkrüppelter sauberer Luft und sterile Basare
Taxifahrer, nomadische Kameltreiber, Radio hören
sie wissen, wie das Wetter sein wird
im Anfang war das Wort
im Anfang war das „Pravda“
Wort und Wahrheit, Wort und Wahrheit“

CCCP – “Radio Kabul”


Jungen, Kinder, alte Männer. Gehweg. Touristbar. Zigaretten. Die gleichen Männer wie früher. „რაბათი?“ „აქედან“. Ich bin im Viertel. Ein Junge kommt aus einem Geschäft aus. Er sieht mich an. Sie sehen mich an. Travertinhäuser. Müde Häuser. Alte Häuser. Ein Mercedes. Kleider hängen. Schrott, Holz und Reifen. „Ein riesiger Erdrutsch,“ Rabati. Rabat ist. Rabati sind. Verloren. Alte Frauen, Armenier. „ԲարևՁեզ ქალბატონო, ექლესია, სად არის?“, „იქააა“, melodisch.

Georgier, Meskheti-Türken, Armenier, Juden, Türken, Russen. Einmal. Paskevitsch, Puschkin. Ein Taxi geht bei mir mit hoher Geschwindigkeit vorbei.

„es ist ein Seitenpfad, eine fluide Göttlichkeit
eine Stilkonvergenz mit dem prähistorischen Primitive
die Wirklichkeit ist die Wirklichkeit
normale Langeweile
tödliche Langeweile“

Viertel. Toleranz? „ԲարևՁեզ, სინაგოგი სადა?“ „ნახე, იქ“, „մերսի“.


Keine mehr Touristen. Keine mehr Reisende. Synagogen. Moscheen. Kirchen. Einmal. Jetzt Diasporas. Widerstände. Rückkehre und Abfahrten. Ein kleines Jerusalem?

„Besessenheiten setzen sich
auf die glänzenden Städte
von vergangenen Überfällen
von zukünftiger Shows
die einsamen Fahrte
die arroganten Wege
alle sind slecht beendet
ohne Erklärngen
ohne Jubel
in den kleinen Geschichten
der denkenden Köpfe”

Häuser. Hunde. Eine Frau mit ihrer Tochter. Sie sehen nicht mich an. Ein Fremder. „Die Wirklichkeit ist die Wirklichkeit.“
Ruinen.
Entlang der Straße. Fast niemand. Dies ist nicht die Stadt, dies ist Rabati. Der Viertel. Geschichten. Grenze. Identitäten auf dem Spiel.
Die Glocke klingelt nicht. Das Minarett singt nicht. Schweigen.

„Die Sufis drehen sich im Kreis im Raum
in der Zeit
Die Vertikale erhöhen sich, die Mönche in der Abgeschniedenheit
bewegungslos
das Niedrige und das Hohe reisen ohne Schnörkel
sie fallen schwindelig ab…
sie fallen schwindelig ab…“


Ich steige auf der, was aus der Straße geblieben ist. Die alte Synagoge. Leer. Sowjetische Vergangenheit. Leer. Ein zerstörtes Haus. Schlamm. Ein Kind am Fenster. Henne. Eine andere Synagoe. Ein Vorhängeschloss. Mehr Häuser.

„verschwindet sich die Stadt, verblasst sich der Verkehr
verblasst sich
beherrscht die Poesie: der Mond geht auf
er geht hoch
und fällt ab“

Խաչքար. Kreuze. Davidsterne. Bibelstelle. Evangelische Stelle. Alte und neue Testamente. Koranstelle. Imperialistische Stelle. Sozialistische Stelle: „l’atmosphère n’est plus la même”.
Ein Hügel. Keine Bäume. Eine alte Hütte. Eine Zeichnung: Mickey Mouse. Entstehende Grabsteine. Hohes Gras. Tote Namen. Armenier.
Ein bisschen weiter. Eine Mauer. Ein Vorhängeschloss. Entstehende Grabsteine. Tote Namen. Juden.

„Säe, säe – wenn auch weit von den Grenzen
wie die Sterne, wie die Wellen, säe.
Egal, wenn die Spatzen deine Samen verwüsten –
Gott wird anstelle von ihnen Perlen säen.“


„Sie fallen schwindelig ab…
sie fallen schwindelig ab…
sie fallen schwindelig ab…
sie fallen schwindelig ab…“


Alle Zitate in Kursivschrift, mit Ausnahme des vorletzten, das aus dem Gedicht „Säe“ des armenischen Dichters Daniel Varujan ist, sind Liede der italienischen Bands „CCCP – Fedeli alla linea“ und „C.S.I.“. Die Titel, in der Reihenfogle der Zitate, sind: CCCP, „Depressione caspica“; C.S.I. „In viaggio“; CCCP, „C.C.C.P.“; CCCP, „Guerra e Pace“; CCCP, „Paxo de Jerusalem“; CCCP, „Radio Kabul“; C.S.I. „Depressione caspica“; CCCP, „Noia“; CCCP, „B.B.B.“; CCCP, „Noia“; C.S.I., „In viaggio“; CCCP, „Campestre“; CCCP, „Inch’allah – ça va“; C.S.I., „In viaggio“.



Lenin lebte

Und zwar zweimal gleichzeitig. Diese sensationelle Entdeckung ist dem russischen Blogger alexiiru zu danken. Es ist sein Verdienst, dass er das in unserem früheren Post veröffentlichte Archivfoto, die so viele gesehen und übersehen hatten, sortfältig untersuchte, und durch einige kleine Anomalien so wichtige Schlussfolgerungen vorlegte, die die Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert vollständig neu schreiben werden.


Auf dem Foto gibt es anscheinend nichts Besonderes. Lenin im Jahre 1925 in weiblicher Kleidung, zusammen mit seiner Tochter Natascha, nach die finnische Grenze reisend. Wir kennen den kritischen psychischen Zustand des alten Lenins, deshalb können wir seine krankhafte Leidenschaft für weibliche Kleidung verstehen, als auch den Wunsch, vor seinem Tod noch einmal die nostalgische Szene seiner Jugend zu sehen und seiner kleinen Tochter zu zeigen, wo er seinen Freund Stalin zum ersten Mal traf.

Trotzdem, als der Blogger hindeutet, Lenin, wie sein dem CK der Partei geschriebene geheimer Brief beweist, hielt Stalin für keinen Freund zu diesem Zeitpunkt. Und wenn das allein nicht genug überzeugendes Argument wäre: nach unserem Wissen hatte er keine Tochter. Was mehr ist, war er 1925 schon seit einem Jahr tot. Was ist denn dieses verwirrende Rätsel?

Der Blogger ähnte mit einem instinktiven Gefühl voraus, das der Schlüssel zur Lösung in den Initialen von Lenins Namen liegt. Die Bildunterschrift nennt ihn S. I. Uljanov. Unsere Lenin aber war V. I. Es handelt sich also nicht von unserem Lenin. Dies ist ein anderer Lenin, der demjenigen zum Sprechen ähnlich ist. Wer ist er denn?

Diese Frage ließ den Blogger nicht ruhen. Er begann eine lange Forschung, bei der, wie die Stücke einer Puzzle, die zufällig überlebenden Bilder eines Familienalbums, die als verloren angenommen war, wurden auf der ganzen Welt gefunden. Und wie üblich, die anhaltende Forschung war schließlich mit einem beeindruckenden Fund gekrönt. Auf der Seite des russischen Malers Rinat Voligamsi hat der Blogger einundzwanzig Fotos gefunden, die zweifellos zum verlorenen Fotoalbum gehörten, und die wie mit einem hellen Lichtstrahl die Dunkelheit des historischen Rätsels belichteten. Mit Hilfe von diesen, sowie von Dokumente aus den Archiven des KGB gelang es ihm, eine atemberaubende Geschichte zu rekonstruieren, worüber Stalin und seine Schergen geglaubt hatten, sie zum ewigen Dunkel der Vergessenheit verurteilt zu haben.

Die Fotos und Dokumente zeigen deutlich, dass Wladimir Iljitsch Uljanow, der zukünftige Lenin einen Zwillingsbruder namens Sergei hatte. Die beiden Kinder sind zusammen auf dem ursprünglichen Familenfoto des Uljanows zu sehen, aus dessen verfügbaren Kopien Sergei nach Stalins gut bekanntes Verfahren später ausretuschiert wurde.

Die Familie Uljanow, 1879

Die frühesten Bilder des bei Voligamsi überlebenden Albumfragments enthüllen die gemeinsame Kindheit und die unterschiedlichen Wege der beiden Jungen. Während Wolodja seine revolutionäre Berufung folgte, siedelte Serjozha im Gouvernement Ufa nieder. Er begann mit Wachs zu handeln, heiratete ein einheimisches Mädchen, und er trat zum Islam über.

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Nach dem Untergang der Revolution von 1905 kamen harte Zeiten auf die junge kommunistische Partei. Am Tiefpunkt, im Februar 1906 schrieb Wladimir Iljitsch seinen berühmten Brief an seinen Bruder, den reichen Kaufmann: „Aus Mangel an finanziellen Mitteln die Revolution stirbt.“ Als Antwort auf die Forderung seines Bruders verkaufte Sergei seine Wachgeschäft, und mit dem Geld reiste er nach St. Petersburg, wo er sich der revolutionären Sache völlig gewidmet hat.

S. I. Uljanow befördert das Geld, 1906

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Nach Lenins Tod startete Stalin eine Fahndung für alle Verwandten und MItstreiter des Führers des Kommunismus. Die blutige Liste hatte in erster Linie Sergei Iljitsch, der so entschließ auszuwandern. Wie man auf dem ersten Foto sehen kann, gelang es ihm, die finnische Grenze in Verkleidung mit seiner Tochter zu überqueren. Dann eine lange Odyssee begann. Er floh nach Litauen, von dort nach die königliche Rumänien, und dann, auf dem Weg der russischen Exilanten, in die Schweiz. „Ich fürchte nur, dass sie mich zum Schweigen bringen, und ich mein Land nicht mehr dienen, und die Arbeit meines Bruders nicht fortsetzen kann“, schrieb er in sein Tagebuch. Auf der Suche nach Verbündeten reiste er überall auf der fortschrittlichen Welt, von Mexiko durch Bagdad und Kabul nach Kuba.

S. I. Uljanow in seiner Antiquitätenhandlung in Zürich, 1937

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Hier, in Kuba beendete der Weg der der Sache des Internationalismus bis zum Tode verpflichteten Revolutionären. Er starb 1965, unter dem Schlag der Ablösung Chruschtschows, mit dem er einen gemeinsamen Plan zur Stürzung der Zitadelle des Imperialismus, die Vereinigten Staaten schmiedete. Wenn Chruschtschow nur ein wenig länger an der Macht geblieben hätte, würde der ganze Faden der Geschichte des 20. Jahrhunderts anders gewesen.

In seinem Garten in Santiago de Cuba, 1964

Tochter des 21. Jahrhunderts

Ein Mädchen aus dem 21. Jahrhundert. Geschrieben von K. Bulichov, gezeichnet von K. Bezborodov

Im neuen Jahr blickt man für einen Moment in die Vergangenheit zurück. Und man findet, dass die Vergangenheit blickt zurück auf ihn. Dieser sowjetische Diafilm aus 1977 sagte seinen Zeitgenossen vorher, wie ein kleines Mädchen im intergalaktischen Moskau des 21. Jahrhunderts, Alisa im Wunderland, leben wird.

Im Moskau des 21. Jahrhunderts lebt ein kleines Mädchen, Alisa. Versuchen wir, in der Zeit vorzufliegen, und lernen wir dieses Mädchen kennen. Wer weiß, vielleicht ist sie die Ur-Ur-Ur-Urenkelin von einer von euch…

Ihr Vater ist ein Biologe, der außerirdische Wesen erforscht, und ihre Mutter entwirft Häuser auf anderen Planeten. Und das kleine Mädchen ist ein gewöhnliche Moskauer Mädchen, die, wie alle anderen, in ihrem Zimmer ein Dackel, Katzen, ein Igel und eine Gottesanbeterin vom Mars hält, und vom Sirius einen großohrigen Schuscha, einen echten lebendigen Tscheburaschka bekommt. Das attraktivste Traum für uns, die zu dieser zeit – ich meine, nicht im 21. Jahrhundert, sondern 1977 – auf Gerald Durrell und Dr. Durrell and Dr. Dolittle – Doktor Ajbolit – aufwuchsen, die gleiche Wünsche hatten, und uns vorbereiteten, im 21. Jahrhundert Exobiologen zu werden, wenn überhaupt ein solches Jahrhundert kommen würde.

Alisas Vater – Professor Seleznev – ist Direktor des Moskauer Zoo, wo er die Tiere der Erde und des Kosmos studiert

Ja, so etwa wie dies…

Dennoch wenn man nach vierzig Jahren zurückblickt, sind in diesem alternativen 21. Jahrhundert nicht die außerirdischen Wesen die interessantesten, nicht einmal die achtzigstöckigen Städte. Und auch nicht die Verwirklichung des großen Traumes, die Produktion von Orangen und Bananen in der Kolchose von Podmoskovje (obwohl es wäre wahrscheinlich rentabler, die mit Raketen vom Tau Ceti zu liefern, aber dennoch – es ist unser!) Sondern die Tatsache, dass trotz der Astronauten-Szenerie im Alltagsleben nichts geändert war, es läuft wie in 1977. Genau wie auf den Postkarten vor hundert Jahren das Leben in den geträumten 2000er Jahren auf der Weise der seligen Friedensjahren inmitten den Kulissen von Jules Verne läuft. Ich wage nicht einmal darin einzudenken, für wie hoffnungslos altmodisch die Bildsprache und der Lebensstil von Star Wars in jener Zeit gefunden wird, wenn die Epik stattfindet.

Vielleicht hat sich nur ein Ding wirklich verändert: das Aussehen der Wissenschaftler. Statt der typischen dickhalsigen alkoholischen Apparatschik-Institutleitern und der arroganten und servilen Dozenten der späten Breschnew-Ära haben im 21. Jahrhundert endlich alle Wissenschaftler einen intelligenten Gesichtsausdruck angenommen, der ein echtes Interesse an und Kentnisse von ihrem Fach darstellt. Und wenn aus keinem anderen Grund als das, war es schon wert, auf dieses wunderbare einundzwanzigste Jahrhundert zu warten.


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