Die Wunder der Nacht



Bach, Goldberg Variations, BWV 988, Aria & Variation 1 – Fretwork

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30.000 Kilometer

Hafen von New York, 1930er Jahre

In den 1930er Jahren ist ein böhmischer Priester namens Josef Baťka (Pilsen 1901 – 1979 Sušice/Schüttenhofen) an Bord des Dampfers Normandie angekommen an dem, was sein Landsmann Antonín Dvořák nur eine Generation früher noch “die Neue Welt” nennen konnte. Baťka hatte im Vatikan gelernt, und reiste viel in Europa und dem Nahen Osten in seiner Eigenschaft als päpstlicher Gesandter. Darüber hinaus war er auch ein begeisterter Fotograf, der mit seiner Mittelformatkamera quadratische Negative von 60 mm bereitete, und eine wahre Fundgrube an kleinen quadratförmigen Bildern hinterlassen hat, säuberlich zurechtgelegen in den Kästen, in denen sie von dem Fotostudio ausgeliefert wurden.

Diese Bilder zeigen, dass er, ganz abgesehen von seinen priesterlichen Fähigkeiten, so einen sensiblen Blick für Gleichgewicht und Form besaß, der irgendwie überraschend im Kontext der Amateurfotografie scheint. Seine Bilder zeigen oft eine kompositorische Integrität, die unsere Aufmerksamkeit auch über die Tugenden ihres Inhalts verdient.


Aus der Sicht des Inhalts zeigen die Baťkas Bilder eine Faszination mit der Landschaft, dem menschlichen Charakter, der modernen Technologie und Gesellschaft, und sie eröffnen uns, mit Klarheit und einem Gefühl von Distanz, die Bahnen der sich schnell ändernden Zeiten vor fast einem Jahrhundert, die er mit aufmerksamer Beobachtung und mit der relativen Objektivität des Fremden beschreibt. Er hat nicht nur in seiner fotografischen Arbeit den Sinn und die Qualitäten einer verschwundenen Zeit erfassen, sondern begleitete er sie auch mit einem langen Manuskript, in dem er seine Eindrücke von der amerikanischen Reise aufzeichnete.

Auf einigen Fotos sehen wir Baťka, einen etwas korpulenten, fleißig aussehenden Mann mittleren Alters, mit schütterem Haar, abstehenden Ohren, und Eule-Brillen. Sein Manuskript zeigt eine ordentliche, regelmäßige Schrift, mit Korrekturen und verschiedenen farbigen Markierungen, die darauf zeigen, dass er es für die Veröffentlichung vorbereitete. In jedem Fall hat er die Aufzeichnung seiner Beobachtungen sehr ernst genommen.

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Viele Fotos festhalten bloß das, was für ihn Neuheit sein sollte: große glänzende Autos, Flugzeuge, den Luna Park von New York, die Queen Mary, einen echten rothautigen Indianer!

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Andere schildern mit einer sublimen Geometrie und Gleichgewicht die westlichen Berge, einen Yucca-Baum, die modernen Linien des großen Boulder (jetzt Hoover) Dam, die Grand Canyon, die Monument Valley, Yellowstone. Obwohl einige von diesen auch häufige Themen der Touristen waren und sind, erkennen sie in den Händen von Baťka eine sorgfältigen Gestaltung und Komposition, die seinen Bildern sowohl formale Klarheit und Zeitlosigkeit verleihen.

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Eine Anzahl seiner Bilder festhalten – durch Geschick oder einfach durch Glück – eine Reihe von zwar unbedeutenden Momenten, die trotzdem bei dem häutigen Betrachter eine mächtige Resonanz finden. Diese Bilder verewigen eine Realität und Situationen, die heute schon unwiederbringlich verloren sind. Wir betreten die Welt der Vereinigten Staaten der 1930er Jahren durch die Bilder eines Besuchers aus einem fernen Land, der Tschechoslowakei, das viele der Menschen auf seinen Bildern weder aussprechen noch kaum vorstellen konnten.

Außerdem ist Baťka ein wahrer Anthropologe. Er eröffnet uns die in den auf der Bühne des Lebens inszenierten Posen und Einstellungen kodifizierten Familien- und beruflichen Beziehungen zwischen den Menschen. Wie die Straßenfotografen von späteren Jahrzehnten, weiß er, wie die Szene arrangiert werden und wie das Sonnenlicht von einem zufälligen Winkel einfallen soll, und wann er den Auslöser bewegen muss.

batka4 batka4 batka4 batka4 batka4 batka4 batka4 batka4 batka4 batka4 batka4 batka4 batka4 batka4 Die meisten der oben dargestellten Personen sind Mitglieder der tschechischen Einwanderergemeinden des östlichen Nebraska

Wir können auch seine mehr prosaische Bilder studieren, um aus ihnen eine objektive Wahrheit, die (problematische) Wahrheit der Dokumentarreportage gewinnen. Auf vielen finden wir aber auch einen visuellen Sinn, der diese Amateur-Bilder einen Schritt näher zum Erhabenen bringt.

Nach seiner Rückkehr nach Böhmen lehrte Mons. Baťka Theologie im Gymnasium von Nymburk. Während der deutschen Besatzung gelang es ihm, dem Gefängnis zu entkommen. Nach dem Krieg hat ihn der kommunistische Putsch, und die Situation der ins Abseits gedrängten und arm gewordenen Kirche dazu gezwungen, zu seinem Familienhaus zurückzukehren, und als Priester in einer abgelegenen Gemeinde außerhalb Klatovy/Klattau, in der Nähe des Böhmerwaldes zu dienen.

El Paso, Texas oder Ciudad Juarez, Mexico, 1930er Jahre

In der zweiten Hälfte seines Lebens wohnte Baťka zusammen mit seiner viel jüngeren Schwester Maria in der kleinen Stadt Kolinec/Kolinetz, im Südwesten von Böhmen. Er starb 1979, und seine Schwester, die ihn in seinem Alter gepflegt hatte, folgte ihn im Jahre 2004. Sie hat das Haus und ihr ganzes Eigentum der Kirche überlassen. Bei der Durchsicht des Vermögens wurden mehrere Kisten mit Glasnegativen und Fotoabzügen gefunden, zusammen mit dem langen Manuskript über seine Reise in der Neuen Welt, mit dem Titel 30.000 Kilometer mit der Bahn, Schiff und Automobile.


Glücklicherweise wurden alle diese Materialien behütet, und 2008 wurden zum Gegenstand der Multimedia-Ausstellung „Und auf diesem Grund…“ in der Galerie Školská 28 in Prag.

Klicken Sie für den vollständigen Katalog (pdf)

Der Verfasser sagt Dank an Miloš Vojtěchovský und Dana Recmanová für ihre Grundlagenforschung über Josef Baťka, und an Jan Bartoš für die Fotos aus Baťkas Kasten. Der obige Katalog der Baťka-Ausstellung wurde vom Verfasser entworfen.

Überblendung: Planet der Katzen


Mit der Geschwindigkeit eines von Katzen geschlagenen Knäuels verbreitet sich die obene Grafik auf dem Netz, die die Machtergreifung der neuen dominanten Rasse über unserem Planet klar visualisiert. Zu spät zu bereuen. Sie hätten vor hundertsiebzig Jahren auf die erste Warnung aufmerksam werden sollen. Wie harmlos erschienen sie damals!

Heinrich Berghaus: Verbreitung des Katzen-Geschlechts, Genus-Felis. Justus Perthes, Gotha, 1845


Sándor Weöres – Ferenc Sebő, Marsch der Katzen


Scheideweg


Der Krieg ist auf uns, oder zumindest sein Zentenarium. Unter der Vielzahl von Ausstellungen, Veranstaltungen und Projekte zeichnet sich das aus Berlin koordinierte Projekt Europeana 1914-1918 aus, geboren aus der Zusammenarbeit von einem Dutzend führender europäischen öffentlichen Sammlungen, die viele hunderttausende von Dokumenten, Fotos, Filmen und Memoiren gesammelt, organisiert, und jetzt auf der Internet veröffentlicht haben. Ein Teil der Sammlung ist das 650 Stunden lange Filmmaterial, das solche Raritäten beinhaltet, wie der mehr als halbstündige Film über die große palästinensische Offensive der Truppen des britischen Generals Allenby im September 1918.

Die Öffnungsbilder beginnen mit dem Panorama von Nazareth, der am 20. September besetzt wurde. Dann sehen wir die Soldaten des 4. Australischen Kavallerieregiments, als sie am 25. September in die malerische Stadt von Tiberias am Westufer des Sees von Galiläa, eine der vier heiligen Städte der palästinensischen Juden einmarschen. Die in endlosen Reihen marschierenden australischen Kavalleristen werden von den neugierigen Blicken der lokalen Bevölkerung, einschließlich der Juden in Kaftan und Schtreimel (2:04 – 2:42) begleitet.

Dann, um 3:50 erscheint ein Wegweiser.


Oben, etwas bescheidener, in Arabisch, unter, in deutlich sichtbaren großen Buchstaben, in Deutsch, zeigt er den Weg nach Norden: Nach Damaskus. Klar, wer schon die heilige Stadt Tiberias erreicht hat, muss wissen, wo die nächstgelegene Metropole der gleichen Größe ist. Aber sehen wir auch, was der nächste Ort ist – offensichtlich von ähnlich großer Bedeutung –, den der Wegweiser in die andere Richtung zeigt.


Samach. Diese Stadt würden wir vergeblich auf der Landkarte des modernen Israel suchen. Im März 1948 wurd es aufgegeben, nachdem ihre rund 3.300 arabischen Bewohner aus der Stadt von den eindringenden Soldaten der jüdischen Haganah entflohen. Auf seinem ehemaligen Gebiet finden wir jetzt den Kibbuz Degania Alef, der allmählich auf sie wuchs. Doch 1918 war sie noch eine wichtige Kleinstadt am südlichen Ufer des Sees von Galiläa, mit einem wichtigen Bahnhof auf der Eisenbahnstreckung in der Jesreel Ebene, die die Hedschasbahn mit Haifa verband. Außerdem hatte sie im Ersten Weltkrieg auch eine deutsche Militärbasis mit einem Flughafen, und 25. September 1918 fand hier eine der bittersten Schlachten von Allenbys Offensive statt. So verdiente sie zu Recht eine Erwähnung auf dem Wegweiser.

Aber was kann die dritte nahöstliche Metropole sein, dessen Namen wir unter Samach finden?


Es ist nicht leicht zu lesen, die Buchstaben sind kleiner und verschwommen. Und es gibt auch eine Zahl unter dem deutschen Wort: 505. Vielleicht 505 km? Nein. Denn das Wort darüber ist auch kein Stadtname. Der Wortlaut der deutschen Inschrift ist:

Zum Kraftwagenpark 505.

Aber machen Sie sich nicht auf den Weg. Sie sind nicht mehr da.


Frasin

”Kőrösmező [Yasinia]. Gebet der Holzflößer bei der Ankunft des Dammwassers“


„Ngs. [Nagyságos] Tabéry Géza urnak, Oradea-Mare, Kálvária útca 21.

Édes Gézám,
oly szép ez a vidék, ahol járunk, hogy idekivánunk benneteket is. Pompás helyek, kitünő koszt, szegény zsidók és rongyos oroszok… Igen érdekes helyek. Cseh-lengyel határnál, néha átjárunk 14°-os pilseni sört inni Csehiába. Kár hogy oly kevés a hátralevő idő, de vigaszul szolgál, hogy visszatértünk utján ujra meleg és értékes aranyos közeletekben leszünk pár órára. Igen nagy szeretettel gondolunk rátok! Károly.”
„An den Gnädigen Herrn Géza Tabéry, Oradea-Mare, Kálvária Str. 21.

Mein lieber Géza,
diese Region, wo wir sind, ist so schön, dass wir wünschen, ihr seiet hier. Herrliche Plätze, gutes Essen, arme Juden und verlumpte Russen… Sehr interessante Orte. Manchmal überqueren wir die tschechisch-polnische Grenze, um in Tschechien 14° Pilsener Bier zu trinken. Schade, dass es so wenig Zeit blieb, aber ein Trost ist, dass wir auf unserer Heimfahrt einige Stunden in ihrer warmen, wertvollen und freundlichen Gesellschaft verbringen werden. Wir denken an ihr mit viel Liebe! Károly.“

Nach dem früheren Post möchten wir noch für ein paar weitere in Kőrösmező/Yasinia bleiben. Aber bis der nächste fertig wird, laden wir unsere Leser zu einem neuen Spiel ein.

Kőrösmező/Yasinia im heutigen Subkarpatien/Zakarpattya, Ukraine
Wie es bekannt ist, gehörte Kőrösmező/Jassinja (damals Jasiňa) zwischen den beiden Weltkriegen zusammen mit dem ganzen Subkarpatien zur Tschechoslowakei, und wurde de facto nur 1944, und de jure 1947 zur Ukraine übertragen. Doch die obige Postkarte, die wir auf einer Auktions-Website gefunden haben, wurde mit einer gedruckten rumänischen Beschriftung und rumänischer Marke aus Kőrösmező/Yasinia (hier Frasin genannt) nach Oradea-Mare gesendet. Daneben schreibt der Absender auch, dass sie nach Tschechien „übergehen,“ um dort Pilsener Bier zu trinken.

Wie ist das möglich?

Und im allgemeinen ist eine alte Postkarte, wie dies immer eine Flaschenpost, die über eine Anzahl von komplizierten und interessanten Geschichten benachrichtigt. Welche Geschichten können hinter dieser Karte stehen, einschließlich der rumänischen Marke und der überdruckten ungarischen Bezeichnung „Levelezőlap“ (Postkarte), des Adressats und Oradea-Mare, des „Gebets der Holzflößer“ und der Flößer von Kőrösmező; und ob diese letzten zu den „armen Juden“ oder den „verlumpten Russen“ gehörten?

Wir beten unsere gewöhnliche Experten, vor dem Kommentieren die „außenstehenden“ Leser für ein paar Stunden herumraten zu lassen, und in der Zwischenzeit uns ihre eventuelle Materialien zum Post in der Vorbereitung über diese Geschichte zu senden. :)

Brücke im Winter


Gestern war ich zufällig in der Altstadt von Prag. Oft vergehen Wochen, ohne dorthin zu gehen; die meisten von dem, was ich zu tun muss, kann ich auch näher zu Hause erledigen. Jetzt aber war ich da, und, fertig mit meinem Auftrag, ging ich los, nach Hause. Es fiel ein weicher, leichter Schnee. Ich hatte seit langem nicht in der Nähe der Karlsbrücke (Karlův Most) gewesen – in der Regel bevorzuge ich, das Gedränge der Touristen zu vermeiden. Jetzt aber dachte ich, die Karlsbrücke zu queren, um zu sehen, wie sie in diesem schönen Nachmittagssschneefall aussieht.

Es gab nur wenige Touristen. Januar selbst hält sie zu Hause; schlechtes Wetter oft vertreibt sie aus den Straßen. Schwäne rudern auf dem kalten Wasser der Moldau, und Möwen schwebten mühelos in der Luft, einander mit schrillen Schreien rufend. Die für ihr Schwarz und Gold berühmten Statuen der Karlsbrücke hatten in ihre Garderobe auch Weiß aufgenommen.

Ein junges Paar hat nach dem traditionellen Brauch etwas gewünscht und eine Münze in den Fluss geworfen an der Stelle, wo Johannes von Nepomuk am 20. März 1393 mit herausgeschnittener Zunge in das Wasser geworfen wurde, weil er König Wenzel verärgerte.

Ein Tourist fütterte die Möwen mit Pommes.

Es war ruhig und kalt. Die Christen, wie seit Jahrhunderten, fröstelten und beteten in ihrer winzigen Zelle unter dem Blick des fetten und unbewegten Turken. Als ich die Insel Kampa überquerte, und sich an den Gasthof U tří pštrosů (Bei den drei Strauße) annäherte, wo 1714 der armenische Deodat Ramajan den ersten Kaffee in Böhmen verkaufte, ich auch brauchte, mich aufzuwärmen. Ich ging zum nächsten Kaffeehaus, um die wunderbare Erfindung des  Ramajans zu schmecken.


Trio Bayanistov (А. И. Кузнецов, Я. Ф. Попков, А. Ф. Данилов): Дунайские волны, 1940

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Zum Heiligen Land ohne Baedeker, 1916-1918


In früheren Posts haben wir bereits über die im Ersten Weltkrieg in Palästina dienenden österreichisch-ungarischen Artilleristen geschrieben. Jetzt, in Verbindung mit einem vor kurzem gefundenen Fotoalbum werden wir über ihre deutsche Waffenbrüder sprechen, die in viel größerem Anteil an der palestinischen Front anwesend waren. Auf Ersuchen der nach die Eroberung des Suez-Kanals strebenden türkischen Verbündeten kam im Frühjahr 1916 eine große Anzahl von deutschen Einheiten in Palästina, unter anderen eine Fliegerabteilung, acht Maschinengewehr-Kompanien, eine 15-cm-Haubitzbatterie mit vier Geschützen, eine 10-cm-Kanonenbatterie mit zwei Geschützen, vier Fliegerabwehrzüge, zwei Minenwerfer-Kompanien, ein Nachrichtenzug, zwei Feldlazarette, und mehrere Kraftwagenkolonnen. In einer der letzten, der Kraftwagen-Park 505 – kurz, KP 505 – diente der deutsche Soldat, dessen Fotoalbum wir vor kurzem auf einer Website gefunden haben.

Der Weg von Konstantinopel nach die Sinai-Front – genauer nach Gaza, wo die deutschen Truppen unter dem Kommando der türkischen Führung der Armee bestellt wurden –, dauerte zwei Wochen. Die Zugfahrt musste mehrmals unterbrochen werden, da die Tunnel durch den Taurus- und Amanus-Bergen noch nicht fertig waren. Die Ironie des Schicksals ist, dass diese nur in der gleichen Zeit des Waffenstillstandes, im späten Oktober 1918 dem Verkehr übergeben werden… Der erste Transit- und Umschlagpunkt war Bozanti (heute Pozantı) an den nördlichen Ausläufern des Taurus, wohin die Truppen nach einer dreitägigen Zugfahrt von Konstantinopel kamen. Die Munition, Pakete und Ausrüstung, sowie die Geschütze der Artillerie-Einheiten wurden auf Lastwagen umgeladen, und die Mannschaft überquerte zu Fuß die 1500 Meter hohen Pässe des Taurus.



Einige Tage später, diesmal an den südlichen Hängen des Taurus bestiegen sie wieder den Zug, und dann am Amanus folgte ein neuer Umschlag und ein neuer Marsch durch die Berge. Der Rest des Weges in der Provinz Syrien – am Gebiet des heutigen Syrien, Libanon und Palästina/Israel – wurde durch zwei anderen Züge abgedeckt.

Die levantinische Landschaft und die exotischen „Eingeborenen“ beeinflussten sicherlich einen starken Eindruck auf die neu angekommenen europäischen Soldaten. Es ist kein Wunder, dass fast die Hälfte der vierzig Bilder des Albums Ausblicke auf das Heilige Land zeigen, als auch Genrebilder von „orientalischen Typen“, Beduinen und Kamelkarawanen.


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Auf einigen Bildern hat der Eigentümer des Albums den Anblick nicht korrekt identifiziert. Die Beschriftung des folgenden Fotos ist nur die halbe Wahrheit. Obwohl der Brunnen tatsächlich in Jaffa ist, aber er ist nicht Jakobsbrunnen genannt. Er ist der Brunnen von Abu Nabbut – Sabil Abu Nabbut –, oder von Tabitha. Der Fehler ist umso seltsamer, weil – wie wir unten sehen werden – das deutsche Kraftwagen-Park im Jahr 1917 Silvester genau in Nablus feierte, wo der berühmte Brunnen von Jakob auch heute besucht wird.


Ein Moment der Ruhe zwischen zivilen Landsleuten. Sarona war eine landwirtschaftliche Kolonie der deutschen Templer – eine lutherische millenaristische Sekte – in der Nähe von Jaffa, wo sie vor allem Orangen und Trauben bauten, und eine Weinkellerei betrieben. Die friedlichen Zeiten wurden durch die britische Offensive beendet. Im Juli 1918 wurden alle Templer, als Bürger eines feindlichen Landes, in Ägypten interniert. Die Bewohner von Sarona durften nur 1920 auf die inzwischen völlig zerstörte und geplünderte Siedlung zurückkehren.


Aber bleiben wir noch in Gaza. Unter den hier aufgenommenen Fotos von militärischer Thematik ist das erste ein alter Freund: der im zweiten Schlacht von Gaza am 19. April 1917. von der österreichisch-ungarischen Haubitzenbatterie ausgeschossene britische Tank, dessen Foto bereits in einem früheren Post gezeigt wurde. Die komplette siebenköpfige Mannschaft des Tankes „HMLS (His Majesty’s Land Ship) Nutty“ fiel in türkische Gefangenschaft. Sein Kommandeur, der fünfunddreißig Jahre alte Leutnant Frank Carr aus Birmingham wurde schwer verbrannt beim Versuch, den Tank entzuweichen, so dass kurz nach seinem Fallen in Gefangenschaft starb er im türkischen Feldlazarett bei Tel el Scheria. Nach der siegreichen Schlacht sogar die drei Paschas von Stab – Izzet, Kress von Kressenstein und Djemal – posierten stolz vor dem ausgeschossenen Tank.


Quelle: F. Kress von Kressenstein: Mit den Türken zum Suezkanal, 1938

Enver Pascha, der türkische Verteidigungsminister am Besuch bei der türkischen und deutschen Streitkräfte an ihrem Stammsitz in der Nähe von Beerscheba zu Beginn des März 1916. In der Mitte, der bärtige Djemal Pascha, Oberbefehlshaber der Truppen in Palästina, nach links Enver Pascha mit erhobenen rechten Hand.


Djemal Pascha in Ramlee, an einer deutschen Militärflugshow. Der Pascha ist der Offizer an der oberen rechten Seite des Bildes, der in die Kamera schaut.

Der Kommandeur des Kraftwagen-Parks 505, Hauptmann Emil Axster wurde in mehreren Bildern aufgenommen. Axster war im Zivilberuf Direktor einer renommierten deutschen Bank, und es scheint, dass er auch in der Militärdienst den Stil eines gut gekleideten Bankbeamten nicht völlig beiseite setzen konnte. Im Gegensatz zu seinen nach den preußischen Stil bis zum Hals eingeknöpften Kameraden sehen wir Axster immer mit umschlagenen Kragen, und darunter ein elegantes weißes Hemd und Krawatte, als ob er ständig bereit wäre, beim Anblick einer vorteilhaften Geschäftsmöglichkeit wieder in seine ehemalige zivile Rolle zu springen. Axster war wilkommen auch in den vornehmsten Kreisen von Jerusalem. Einer seiner engsten Freunde war Antonio de la Cierva y Lewita, Graf von Ballobar, der spanische Konsul in Jerusalem. Für seinen Freund und Nachbar arrangierte Axsel sogar die Einführung der Elektrizität an das Konsulat vom Generator der motorisierten Einheit.


Axster is der dritte von links in der ersten Reihe.

“Schweineessen“ im Casino der deutschen Kraftwagen-Einheiten in Jerusalem. Es dürfte keine einfache Aufgabe sein, ein Schwein in der vor allem von Muslimen und Juden bewohnten Stadt zu finden.

Hauptmann Axster in der Mitte der hinteren Reihe, mit einem Affen (!) unter dem Arm, seinen Geburtstag feiernd. Beachten wir den strategischen Unterschied zwischen der Positionierung der deutschen und der türkischen Fahne!

Von besonderem Interesse sind die drei Bilder über eine militärische Beerdigung in Jerusalem, worüber wir aufgrund der Untersuchungen von Norbert Schwake, unser Kollege und Freunde aus Nazareth viele Details kennen. In der Nacht von 16. Juli 1917, ein deutsches Militärfahrzeug nahm schlecht eine gefährliche Kurve an der Nordostecke der Mauer von Jerusalem, kam von der Straße ab, und überschlug sich. Der Fahrer, Leutnant der Reserve Friedrich Schütze, und der Gefreite Karl Feldbrügge vom Kraftwagen-Park 505 verloren ihr Leben auf der Stelle. Ein anderer Passagier, Oberleutnant Bindernagel überlebte mit einem Schädelbruch. Die beiden Opfer wurden am 17. Juli um 17 Uhr in einer feierlichen Leichenzug zu ihren letzten Ruhestätte in den deutschen und österreichisch-ungarischen Soldatenfriedhof auf dem Berg Zion begleitet, wo ihre Gräber noch zu sehen sind. Feldbrügges Obere, Emil Axster persönlich benachrichtigte über die Tragedie die Familie des Verstorbenen in einem ausführlichen Brief.

Leichenzug auf dm Weg zum Soldatenfriedhof auf dem Berg Zion. Auf der rechten Seite erscheint die Mauer der Jerusalemer Altstadt, im Hintergrund der osmanische Uhrturm am Jaffa-Tor.


Ein weiteres interessantes Detail ist die ökumenische Charakter der Beerdigung. Feldbrügge war katholisch, und Schütze lutherisch. Deshalb ist das Begängnis sowohl von einem katholischen Priester und einem evangelischen Pfarrer gefolgt. Hinter dem letzten Auto mit dem Sarg sehen wir Dr. Friedrich Jeremias, der lutherische Provost der Erlöserkirche in Jerusalem in schwarzem Talar, und neben ihm einen katholischen Feldgeistlicher in Militäruniform und Schlapphut.


Die Beerdigung wurde von der des Kraftwagen-Park 505 eigenen Band begleitet. Es ist bezeichnend, dass sowohl die deutschen und die österreichisch-ungarischen Einheiten ihre eigene Bands mit sich nach Palästina brachten, als Erinnerung an die ferne Heimat.



Die deutschen Truppen konnten nicht die Gastfreundschaft der Heiligen Stadt lange genießen. Im Herbst 1917 brach Allenbys Armee die Gaza-Beerscheba Verteidigungslinie durch, und sie schoben die Türken und ihre Verbündeten ständig nach Norden. Am 9. Dezember sogar Jerusalem fiel in britische Hand.


Die britische Offensive war nur für eine Weile von den bitteren Winterwetter eingestellt. Die sintflutartigen Regenfälle, die überflogenen Vadis, der aufschwellende Jordan und der tiefe Schlamm, der die Ebene überall bedeckte, machten alle militärischen Operationen unmöglich. So die nach Galilea zurückgezogenen Deutschen könnten Weihnachten und Neujahr in relativ ruhigen Bedingungen feiern. Das folgende Silvester-Foto bestätigt, dass trotz der nicht so rosigen militärischen Lagen fielen die Deutschen nicht in Melancholie. Kein Zweifel, dass die reichlich vorhandenen Bestände von Scotch Whisky, französischer Kognak, und – um zum Verhängnis des Feindes nicht nur mit ihren eigenen Spirituosen zu trinken – Pfefferminzlikör und Echter Julius Meinl Dominikaner auch eine wichtige Rolle darin spielten.


Die Regenzeit an der Wende von 1917 und 1918 wurden auf mehreren Bildern verewigt. Der Regen strömte hoffnungslos sowohl bei der Einweihung des Motorboots Henriette, als – horribile dictu! – auf der Feier des Geburtstages von Kaiser Wilhelm.


Die Verbündten feiern den Geburtstag von Kaiser Wilhelm. Auf der linken Seite die lokale Honoratioren, rechts die türkische Soldaten, in der Mitte die deutschen Soldaten, und hinter ihnen, teilweise überdacht, der Blaskapelle des KP 505.

Die folgende Serie, die eine feierliche Prozession der türkischen und deutschen Truppen und ihre Überprüfung durch Marschall Falkenhayn zeigt, war auch in Nablus, irgendwann zwischen November 1917 und März 1918 aufgenommen. Erich von Falkenhayn, der am 7. September 1917 der Oberbefehlshaber der türkischen Armee in Palästine in den Rang von osmanischem Feldmarschall wurde, legte sein Hauptquartier vor den anrückenden Briten am 14. November 1917 von Jerusalem nach Nablus um. Er konnte nicht verhindern den weiteren Vormarsch der britischen Truppen und die Einnahme von Jerusalem, so am 1. März 1918 musste er das Kommando dem neuen Oberbefehlshaber General Otto Liman von Sanders übergeben.



Falkenhayn – mit Pistolentasche auf seiner Seite – ist der zweite von links unter den Offizieren.

Falkenhayn – mit einem Stock – ist der erste Offizier von rechts.

Im Frühjar 1918 die Truppen von General Liman von Sanders gelangen noch die britischen Angriffe in zwei Schlachten am Jordan abzustoßen, aber sie konnten die überwältigende Offensive von Allenby am 19. September nicht mehr widerstehen. Im wochenlangen chaotischen und blutigen Rückzug umkamen oder fielen in Gefangenschaft Tausende von türkischen und Hunderte von deutschen, österreichischen und ungarischen Soldaten. Wir wissen nichts über den Schicksal des unbekannten ursprünglichen Besitzers des Fotoalbums. Es kann wohl sein, dass er und sein Album ebenfalls gefangen genommen wurden. Zumindest wird dies von den vielen unvollständigen und fehlerhaften englischen Übersetzungen unterstützt, die zu einem späteren Zeitpunkt unter die ursprünglichen deutschen Titel geklebt wurden.

Eine Postkarte von Jerusalem mit dem Poststempel des KP 505 (von einer Auktions-Website)