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Das armenische Alphabet


Trotz seines Alters – nächstes Jahr wird er achtzig sein – ist Andrej Bitow eine prominente Figur der russischen postmodernen Literatur. Seine Sammlung von surrealistischen Kurzgeschichten Дворец без царя (Palast ohne Zar) wurde mit dem Iwan Bunin Preis ausgezeichnet. Allerdings war sein erstes bedeutendes Werk die 1978, im Alter von neunundvierzig veröffentlichten Уроки Армении (Armenische Lektionen), in dem er die während seiner armenischen Reise gesammelten alltäglichen Beobachtungen und Reflexionen in eine subjektive Enzyklopädie zusammenstellt. Im vergangenen Jahr gewann dieses Buch den Yasnaya Polyana Preis, eine der angesehensten russischen literarischen Anerkennungen. Im Folgenden veröffentlichen wir einen Teil des Eintrags „Alphabet“.


„Allerdings war es wenn nicht die erste, so die zweite Frage, di mir auf armenischem Boden gestellt wurde: „Na, wie gefällt dir unser Alphabet? Sehr, nicht? Sag mal, aber ehrlich, welches gefällt dir besser, deines oder unseres?“

Es ist ein großartiges Alphabet: wie der Laut exakt der graphischen Darstellung entspricht! Alles bildet ein Ganzes und schließt sich zum Kreis. Das Zupackende des armenischen Sprachklangs („eine Wildkatze, das Armenische“, sagt Mandelstam) entspricht dermaßen dem Gußeisernen der armenischen Buchstaben, daß das Wort, in Schrift gefaßt, wie eine Kette klirrt. Und dermaßen klar stelle ich mir vor, wie diese Buchstaben in der Schmiede entstehen: geschmeidig biegt sich das Metall unter den Hammerschlägen, der Zunder platzt ab, und zurück bleibt jene schillernde Bläulichkeit, die für mich jetzt in jedem armenischen Buchstaben aufscheint. Mit diesen Buchstaben kann man lebendige Pferde beschlagen. Oder diese Buchstaben sollten aus Stein gehauen werden, denn Stein ist in Armenien so natürlich wie das Alphabet, sowohl Geschmeidigkeit wie Härte des armenischen Buchstabens stehen zum Stein nicht im Widerspruch. Und die obere Krümmung des armenischen Buchstabens gleicht so exakt der Schulter der alten armenischen Kirche oder ihrem Gewölbe, wie diese Linie auch in den Umrissen seiner Berge vorkommt und wie diese widerum den Linien der weiblichen Brust gleichen – dermaßen allgemeingültig ist für Armenien diese erstaunliche Verbindung von Härte und Weichheit, Starre und Geschmeidigkeit, Männlichem und Weiblichem, in der Landschaft wie in der Luft, in den Bauten wie in den Menschen, im Alphabet wie im Sprachklang.

Diese Alphabet wurde von einem genialen Menschen mit überwältigendem Gespür für seine Heimat erschaffen, wurde einmal und für alle Zeiten erschaffen – es ist volkommen. Jener Mensch war ein Ebenbild Gottes in den Tagen der Schöpfung. Als er das Alphabet erschaffen hatte, faßte er den ersten Satz in Schrift:

Ճանաչել զիմաստութիւն եւ զխրատ, իմանալ զբանս հանճարոյ

Čanačʿel zimastutʿiwn ew zxrat, imanal zbans hančaroy

In diesem Fall bedeutete der Satz auch, was da niedergelegt war:

Dass man Weisheit und Unterricht erlerne und verständige Reden verstehe.

(Sprüche Salomos, 1:1-2)

Als er das in Schrift gefaßt (eben nicht geschrieben, nicht gezeichnet) hatte, entdeckte er, daß ein Buchstabe fehlte. Darauf erschuf er auch diesen Buchstaben. Und seit der Zeit „steht“ das armenische Alphabet.

Für mich gibt es nichts Überzeugenderes als eine solche Geschichte. Man kann sich einen Menschen ausdenken, und man kann sich einen Buchstaben ausdenken, aber man kann sich nicht ausdenken, daß einem Menschen ein Buchstabe gefehlt hat. Das kann nur so gewesen sein. Also gab es auch den Menschen. Er ist keine Legende. Er ist ebenso eine Tatsache wie dieses Alphabet. Sein name ist Mesrop Maschtoz.

Ich würde Maschtoz ein Denkmal setzen in Gestalt jenes letzten Buchstabens, als steiernen Beweis, daß er recht hatte.“

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Allerdings sind den Armeniern alle Buchstaben gleichsam wichtig. Deshalb gedenken sie Maschtoz mit den Statuen jedes, in der Form der mittelalterlichen Khatschkar geschnitzten Buchstabe in Oshakan, im von ihm gegründeten Kloster, wo sein Grab ist eine Pilgerstätte allen armenischen Gläubigen, sowie in der nähe, im „Feld der armenischen Alphabet”.

Die anderen Bilder sind vom Kloster Ganzasar, Karabach, wo Maschtoz seine erste Klosterschule für den Unterricht der armenischen Schrift gründete

Hedayat


Seit Wochen habe ich diese Reise geplant. Heute habe ich endlich mich entschieden, damit es vor Iran nicht wegfälle. Es ist zwanzig Minuten von hier mit dem Fahrrad. Kantstraße 76, Hedayat Buchhandlung, nach dem persischen Kafka genannt. Die Tür ist geschlossen, ich much durch das Fenster dem innen am Telefon sprechenden Besitzer winken, damit er mich hereinlasse. Eine reiche Auswahl iranischer Bücher, sowohl in Persisch als auch in Deutsch. „In der Saless Buchhandlung von Teheran hat man mir empfohlen, hier zu kommen, und herumschauen.“ „Ach ja, wir sind in ständigem Kontakt. Das ist also die Buchhandlung, dort nach rechts unser Verlag, Gardoon. Und hier haben wir Kurse zweimal pro Woche.“ „Einen Sprachkurs?“ „Ach nein. Einen Schreibkurs für Perser. Eine neue Generation von Schriftstellern wird hier in Berlin gebildet, ein Teil ihrer Bücher wird auch von uns veröffentlicht.“ Vor dreißig Jahren wurde Abbas Maroufi in Iran für zwanzig Peitschenhieben verurteilt, dann verließ er das Land, und ließ sich dauerhaft in Berlin nieder. Viele seiner Bücher sind auch ausgestellt, darunter vier in Deutsch. „Welches lieben Sie am meisten?“ „Peykar-e Farhad, „Das Spiegel von Farhad“, in Deutsch Die dunkle Seite. Sie kennen das berühmten Schreiben Hedayats, wo der Protagonist erzählt, wie er versucht, eine Frau zu erreichen. In diesem erzählt die Frau dieselbe Geschichte from her viewpoint. Aber die Leser lieben am meisten Symphonie der Toten. Dies ist eine persische Kain und Abel-Geschichte, in vier Symphoniesätzen, mit einer Ouvertüre.“ „Ich nehme beide. Ich bin neugierig von ihnen.“ Ich füge auch Nasser Kananis Traditionelle persische Kunstmusik hinzu, ebenfalls in ihrer Ausgabe. An der Kasse großzügig rundet er ab, und gibt mir auch noch ein Buch. „Dies ist ein Geschenk, mein neuestes Buch. نامهای عاشقانه, Namehâye eshghâne, „Liebesbriefe“, all in Versen, sehen Sie. Die in normalen Buchstaben gesetzten Gedichte sind die Briefe der Frau, die in Fettdruck des Mannes.” „Kheyli mamnum, khoda hâfez, vielen Dank, Gott segne Sie.“ „Khâkhesh mikonam, erwähnen Sie nicht, die Ehre ist meine.“ Als er mich zur Tür begleitet, ruft er: „Was für ein Glück, Professor Kanani kommt gerade hier.“ Im persischen Viertel Berlins mit fünfzigtausend Bewohnern ist solches Treffen nicht ungewöhnlich. Der Professor dreht sich um. „Dieser Herr interessiert sich für persische Musik. Er hat gerade Ihr Buch gekauft.“ „Wahrlich?” Der Professor sieht berührt und etwas ungläubig an mich. „Sind Sie wirklich an persische klassische Musik interessiert?“ Er streckt seine Hand aus. „Viel Spaß.



Die europäische Tracht


Einer der weltweit besten Sprachbücher ist Der kleine Prinz. Es wurde sogar in die kleinsten Sprachen übersetzt worden, und fast alle haben eine Hörbuch-Version. Seine Struktur, als ob es wirklich für ein Sprachbuch bestimmt wäre, es geht vom Einfaches in Richtung des Komplexes. In der Armee, um die schleppende Zeit totzuschlagen, habe ich von ihm Französisch gelernt, und ich weiß noch immer auswendig die ersten Kapitel. Später habe ich es benutzt, Chinesisch zu lernen, Persisch zu üben in der schönen Übersetzung und Rezitation des großen modernen Dichters Ahmad Shamlou, und Italienisch zu unterrichten. Ich habe es in mehreren Übersetzungen, unter anderem in Wiener Dialekt, auf Baskisch, in der römischen Umgamgssprache, und in assyrischer Version. Aber auf Türkisch hatte ich es irgendwie noch nicht. Nicht dass es schwierig sein würde, es zu erhalten. Am Ende des letzten Jahres ist das Copyright der Werken von Saint-Exupéry, der 1944 gestorben worden ist, abgelaufen, und in den ersten Januartagen veröffentlichten dreißig türkische Verläge das Buch in neue Übersetzungen, in mehr als 130.000 Exemplaren. Die günstigste Ausgabe ist zum Verkauf für 1 Lira, weniger als die Hälfte eines Euro.


Wenn jemand eine türkischsprachige Küçük Prens braucht, sollte es jetzt kaufen. Und nicht nur wegen des Preises, sondern auch, weil – wie Kaya Genç weist darauf in seinem Blog hin – das ist die erste Ausgabe, die schließlich einen für 70 Jahre verwurztelten Übersetzungsfehler ausbessert. Der Fehler ist, versehentlich, genau in demjenigen Kapitel, wo der Autor die Türken erwähnt, wie folgt:


„Ich habe tatsächlich Grund zu der Annahme, dass es sich bei dem Planeten, von dem der kleine Prinz kam, um den Asteroid handelt, der als B-612 bekannt ist. Dieser Asteroid wurde lediglich ein Mal durch ein Teleskop gesehen. Von einem türkischen Astronom im Jahre 1909.

Danach präsentierte der Astronom seine Entdeckung bei einer großen Vorführung auf dem Internationalen Astronomischen Kongress. Allerdings trug er eine türkische Tracht und somit wollte niemand seinen Worten glauben. Erwachsene sind nun mal so…

Doch zum Glück für den Asteroiden B-612, erließ der türkische Diktator ein Gesetz, welches seine Untergebenen unter Androhung des Todes zwang, ab sofort europäische Kleidung zu tragen. Also hielt der Astronom seinen Vortrag im Jahre 1920 erneut, gekleidet in imposanter Aufmachung und voller Eleganz. Diesmal wurde sein Bericht von jedermann akzeptiert.“



Der „türkische Diktator“ ist natürlich Kemal Atatürk, der Schöpfer des säkularen türkischen Staates, der in seinem „Hutgesetz“ von 1925 das Tragen des Fez, des Schleiers und anderer traditionellen Kleidung verbotete. Allerdings haben die Diktatoren die seltsame Angewohnheit, dass sie nicht lieben, Diktatoren genannt zu werden. In der Türkei existiert noch das Gesetz, das die Beleidung Atatürks mit Gefängnis bis zu drei Jahren bestraft. Es ist daher verständlich, dass die Übersetzer diesen Ausdruck bisher vermeidet haben.

Ahmet Muhip Dıranas, der türkische Übersetzer Baudelaires, der 1953 Den kleine Prinz zunächst übersetzte für das Magazin Çocuk ve Yuva (Kind und Heim), das zur Unterstützung der Waisenkinder der Soldaten des Ersten Weltkrieges gegründet wurde, versuchte den Unmut der Waisen, die zu diesem Zeitpunkt schon über vierzig waren, auf der folgenden Weise abzubiegen:

„Glücklicherweise begannen die Türken, unter der Anleitung eines großen Führers, sich als Europäer anzukleiden…“

Die nächste Übersetzung, die 1995 von Tomris Uyar und Cemal Süreya vorbereitet wurde, formuliert es etwas anders:

„Ein türkischer Führer, der keinen Widerspruch ertrug, hatte einen Tag ein Gesetz ausgestellt: von nun an sollten alle als Europäer gekleidet sein, ansonst wurden sie zum Tode verurteilt.“

Die Übersetzung von 2015, schreibt Kaya Genç, gibt schon genau den originalen französischen Satz wieder. „Bis jetzt wurden keine Beschwerden eingereicht“, beendet er seinen Post. In der Tat ist dies nicht genau so.


Ein offizieller Protest gegen das Buch wurde angemeldet, und sogar nicht von der deutlich sekulären Armee, oder von einer engagierten Atatürk-Fanclub. Die Website der Gewerkschaft der Türkischen Bildungs- und Wissenschaftsarbeiter veröffentlichte den Anspruch, das Buch, das das verbotene Wort enthält, aus der Liste der vom Ministerium für Bildung für die Schulen empfohlenen Bücher zu entfernen.

Die Diktatoren haben lange Hände, und auch weither versuchen sie zu verhindern, die Dinge mit ihren Namen zu benennen. Genau damit enthüllen sie, das sie sind, was sie sind.

Karikatur von Selçuk Erdem

Fortführung…

„მე გადმოვცურავ ზღვას“ – „Ich werde das Meer schwimmend überqueren“

„Die Ideologie von Moskau kämpfte mit einer besonderen Hingabe gegen alle Werte und Symbole der Vereinigten Staaten, darunter auch die Jeans. Deshalb dachten die Sovjetbürger, dass dort, wo es Jeans gibt, es gibt Glück. In einem Land, wo keine Jeans hergestellt wird, gibt es weder das Recht auf Privateigentum, die einer der Grundlagen der Unabhängigkeit ist.“
(Dato Turashvili)

attraverso attraverso attraverso attraverso attraverso attraverso attraverso
Fotos von Jacopo Miglioranzi aus den Gldani- und Zahesi-Viertel von Tiflis

„Sie nannten es Flugzeigentführung, aber in Wirklichkeit war es eher der Selbstmord von verzweifelten Menschen. Die Entführer wurden wie gewöhnliche Leute angezogen, alle trugen die übliche Kleidung der Jeans-Generation, nur hinter Gia Tabidzes Jacke erschien eine Krawatte, und er hielt eine Weltkarte in der Hand.“: Sieben Leben, sieben junge Menschen unter den vielen in der sowjetischen Georgien. Aber die Geschichte ist nicht gewöhnlich, obwohl es über einfache Wünsche spricht: der Wunsch nach eine Jeans, der Wunsch nach Freiheit.

Gega Kobakhidze, Irakli Charkviani, Giorgi Mirzashvili

„Nach der Zusammenbruch der Sowjetunion hielte ich es nicht mehr für rechtzeitig, dieses Buch zu veröffentlichen. Naiv habe ich gedacht, dass die sowjetische Vergangenheit Georgiens zu einer weitentfernten, bitteren Erinnerung werde. Aber ich entdeckte, dass die Vergangenheit ist in der Lage, zurückzukommen, vor allem, wenn wir nicht in der Lage sind, uns von ihr zu entfernen. Wir haben uns nur von jener Zeit entfernt, aber nicht vom gemeinsamen Bewusstsein jenes Landes, das man der Reich des Bösen nannte, und in dem der Gnade war so ungemein, das erste Land der Welt, der fähig war, einen Menschen in den Raum zu schicken, und war unfähig, ein Paar Jeans zu herstellen.“

Die Geschichte, die der berühmten georgischen Schriftsteller David Turashvili in seinem Buch „The Jeans Generation“ erzählt (Originaltitel ჯინსების თაობა, jinsebis taoba, 2013 auf italienisch als Volare via dall’Urss (Fliegen weg aus der Sowjetunion) bei dem Palombi Verlag in der Übersetzung von Ketevan Charkviani veröffentlicht) darstellt in einem absichtlich „alltäglichen“ Register, so dass die Worte wie die Rahmen eines Films aufeinander folgen, das skandalösste und tragischste Ereignis der sowjetischen Georgien der 80er Jahre. Sieben georgische Jugendliche, die sich selbst „die Jeans-Generation“ nannten, versuchten, ein Flugzeug zu entführen, um aus der Sowjetunion zu entfliehen, das zu der Zeit für eine sehr schwere Schraftat gehalten wurde.

„Vor fünfzehn Jahren, am 18. November 1983 eine junge Frau stand mit einer Bombe in der Hand in der offenen Tür des Flugzeugs, das nach einem gescheiterten Entführungsversuch auf dem Flughafen Tbilisi gelandete.. Regentropfen drieselten auf ihr verzweifelten Gesicht, als sie auf das unvermeidliche Ende wartete. Sie stand in der Tür und hielt die Bombe, in der Hoffnung, dass die sowjetischen Behörden so schnell wie möglich abschließen, was sie geplant hatten. Während der Verschiebung ihrer Entscheidung zog sich das Massaker im Flugzeug so lange, dass alle, sowohl die draußen stehenden und die im Flugzeug sitzenden wünschten nur eines: dass es eine Ende habe. Imvon den Kugeln durchbohrten Flugzeug gab es mehrere Tote sowhol unter den Passagieren und dem Personal, viele Leichen lagen auf dem Flur. Es gab auch viele Verwundete, und in der Totenstille war nur ihr Stöhnen zu hören, während einer von ihnen flüsternd bittete Tina, die Bombe nicht zu sprengen.“

Tina Fethviashvili und Gega Kobakihdze

Die Mehrheit der Jungen wurden für ihr naiven Fluchtversuch von der Sowjetregierung zum Tode verurteilt, aus Angst, dass der Vorfall als Präzedenzfall für andere georgischen Jungen dienen könne.

Diese sind die Jahre der politischen Gärung in der kleinen Sowjetrepublik. Seit der Ankunft der Bolschewiki im Jahre 1921, die ein Ende der kurzlebigen menschewistischen Regierung (1918-1921) legte, gab es immer wenige Versuche, sich gegen den neuen politischen Kurs aufzulehnen. Die stockenden Versuche der bewaffneten Aufstände, die jedes Mal von einer blutigen Niederschlagung gefolgt waren, wurden von friedlicheren Zeiten ersetzt, wenn jeder versuchte, sich die kleinen Plätze und Momente der Freiheit im Alltag zu versichern. „Nach einige Jahre, als bewaffneter Aufstand völlig unmöglich wurde, versuchten die Georgier, für ihre demokratischen Rechte friedlich zu kämpfen. Offensichtlich könnten sie ihre ZIele auf dieser Weise oft nicht erreichen, aber das Ergebnis der großen Massendemonstration, die kurz vor der Flugzeugentführung auf den Hauptplatz von Tiflis in der Verteidigung der georgischen Sprache als Amtssprache einberufen wurde, war sehr positiv“, schreibt Turashvili.

In den Jahren der Sowjetrepublik war der Autor selbst einer der Führer der Studentenbewegung, die oft bei dem ostgeorgischen Kloster David Gareja veranstaltet wurde, dessen Gebiet von der Sowjetarmee als Truppenübungsplatz genutzt war.

Dato Turashvili

Oder am 14. April 1978, als “ein Meer von Menschen auf die Hauptstraße von Tiflis strömten, um gegen Moskau zu protestieren, das schließlich den Kreml dahingebracht hat, die Entscheidung zu Ungunsten der Georgier zurückzutreten.“

Im Bezug auf die Entführung war die öffentliche Meinung stark geteilt. Viele betrachteten die Entführer als Terroristen, während andere behaupteten, dass das Leben unter der Sowjetmacht so schrecklich wäre, dass es akzeptabel macht die Versuchung, durch Flugzeugsentführung zu entkommen.

Vor dem Gericht

„Die öffentliche Meinung in Tbilisi und in allen Georgien war sehr gespalten. Die Leute waren won den Ereignissen erschüttert, aber niemand wusste mit Sicherheit, was genau passierte, es wurden keine Angaben veröffentlicht. Das Regime verbreitete in den Zeitungen und im Fernsehen die Version, die für sie am günstigsten war zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Der Staat, der eine totale Kontrolle über die Mittel der Massenmedien hatte, fand es für gut, die Entführer schon vor Beginn der Untersuchung als Monster und Kriminelle erscheinen lassen. Es war so dringend, dieses Bild zu entwickeln, weil es in Georgien zu diesem Zeitpunkt bereits Tendenzen der antisowjetischen Gedanken bestanden, und ein Teil der Gesellschaft begann, die Entführer zu verteidigen.“

Noch vor der Veröffentlichung des Buches wurde die Geschichte auf der Bühne gebracht, als Eduard Schewardnadse zum Führer der neuen Georgien wurde. Das Staatstheater lehnte die Vorstellung des Stücks ab, aber Privattheater gaben es gerne Raum. Das Riesenposter der Uraufführung wurde vor Präsident Schewardnadses Haus aufgestellt, um ihn auf die „Jeans-Generation“ zu erinnern. In der Tat war 1983, zur Zeit der Tragödie, Eduard Schewardnadse der erste Sekretär der sowjetischen Georgien.

Eduard Schewardnadse

„Herr Vazha hat es verstanden, über was, oder besser gesagt, über wen Schewardnadse mit ihm sprechen wollte, und er absichtlich ging in Jeans zum Gebäude des Zentralkomitees, wo man über den Schicksal seiner Söhne entschieden hat. Herr Vazha hatte keine Jeans, so suchte er eine im Zimmer seiner Söhne. Es war nicht leicht, eine zu finden, weil das Zimmer seine Söhne war durchsucht worden, und sie durchwühlten es so viele Male, dass er hat aufgegeben, es in Ordnung zu bringen. Es hätte keinen Sinn gehabt, weil die nächste Hausdurchsuchung hätte es wieder auf den Kopf gestellt. Deshalb suchte Herr Vazha lange, bis er eine Jeans fand, die immer noch den Geruch seiner Söhne hatte. Er legte sie vor dem Spiegel auf, und er ging zum Gebäude des Zentralkomitees. Am Eingang des Gebäudes des Zentralkomitees, wo er eine Eintrittsgenehmigung gewährt wurde, waren von den rangniedrigsten zu den ranghöchsten Mitarbeitern alle schockiert beim Anblick des Mannes, der einen Termin mit Schewardnadse hatte, denn es war das erste Mal, dass jemand, der an das Zentralkomitee einberufen wurde, Jeans trug. Schewardnadse war über seinen Schreibtisch gelehnt, zunächst hörte er nicht einmal den Gruß des Mannes, dann erst bemerkte er Herr Vazhas Hose, und als er ihm winkte, Platz zu nehmen, nahm er in Augenschein die Jeans des Gastes. Er sah in wütend an, und vielleicht dachte, dass der Vater auf dieser Weise gegen das Urteil über seine Söhne protestieren wolle.“


Der Wunsch, die Sowjetunion zu fliehen, hat die Jugend ein paar Jahre später wieder auf die Straßen berufen. 9. April 1989 ist für die Georgier der Tag der „Massaker von Tiflis“, der heute als ეროვნული ერთიანობის დღე erovnuli erianobis dghe, der Tag der Nationalen Einheit gefeiert wird, und der damals zwanzig Tote und mehrere hundert Verletzte auf dem Kopfsteinpflaster gelassen hat. Und dieser Wunsch offenbart sich in den Worten eines der größten zeitgenössischen georgischen Songwriter-Singers, Irakli Charkviani, der zum Zeitpunkt der Ereignisse ein Freund des Angeklagten war:

Und warum, haben Sie nicht fliegen wollen?
Ich wollte schon immer fliegen. Ich will noch fliegen, und ich habe keinen Zweifel daran, dass ich fliegen will, aber nicht mit dem Flugzeug.
Der russische Verhöroffizier dachte schweigend ein paar Minuten über Iraklis Antwort, aber er hat es nicht verstanden, was dieser georgische Junge damit meinte. Endlich stellte er eine neue Frage nur um das peinliche Schweigen zu brechen:
Und wenn Sie es nicht schaffen, zu fliegen?
Dann werde ich das Meer schwimmend überqueren.
Was?
Das meer.
Aber wie?
Durch die Kraft des Liedes.
Machen sie Witze mit mir?
Ich mache keine Witze.
Können wir in dem Protokoll schreiben, wie Sie es gesagt hat?
Ja, mein Herr.
Wie sollen wir es schreiben?
Buchstäblich.
Genau wie?
Ich werde das Meer schwimmend überqueren…

Irakli Charkviani (1961-2006): Паспорт / Союз. Eine Vorstellung Majakovskijs „Verse vom Sowjetpass“. Russischer und englischer Text hier.


Irakli Charkviani (მეფე Mefe – „The King”): მე გადმოვცურავ ზღვას – Ich werde das Meer schwimmend überqueren

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Dracula


Die Dämmerung war hereingebrochen, als wir in Bistritz, einer alten, interessanten Stadt, ankamen. Sie liegt zweckentsprechend hart an der Grenze – von hier aus führt der Borgópass in die Bukowina – und hatte demgemäß eine sehr stürmische Vergangenheit, von der sie noch heute Spuren trägt.
Bram Stoker: Dracula. Ein Vampirroman

Heute abschließ ich die übersetzung von Umberto Ecos Geschichte der fabelhaften Länder und Orte, die während der letzten sechs Monate mein Wegbegleiter war in Subotica und Tokaj, Lemberg und Odessa, Czernowitz und Kamenez-Podolsk, Berlin und Mallorca, an der Quelle des Tisa in Subkarpatien und den chassidischen Pilgerstätte in Podolien, in den Holzkirchen von Maramuresch und den bemalten Klöster der Bukowina, beim Klettern von den Radna-Berge zum Nyíres-Pass und beim Abstieg vom Borgó-Pass nach Bistritz/Beszterce/Bistrița. Die Orte, über die er schreibt, knüpfen sich mit seltsamen Synkopen zu den Orten, wo ich ihn übersetzte, die Irrfahrten des Odysseus zum Tscheremosch-Tal, und der verlorene Kontinent Atlantis zu Czernowitz, anbietend solche unerwarteten Lesungen des Buches, dass es tut mir wirklich leid, diese nicht mit den Lesern in der Form eines kontinuierlichen Übersetzers-Fußnote teilen zu können.

Das Buch, das Bompiani im Oktober in mehreren Sprachen veröffentlichen wird (auch nach vielen Jahren von Übersetzung lese ich immer mit einen gewissen Erstaunen die Daten aus der Zukunft im Kolophon eines Verlags-PDFs), ist nicht über legendäre Orte im Allgemeinen, über die schon voluminöse Enzyklopädien geschrieben wurden, aber ausdrücklich über solche imaginären Orte, die die Leser als wirklich bestehende aufgenommen hatten, und dann sogar für Jahrhunderte versuchten, von Atlantis zum Paradies auf Erden, und vom Versteck des Heiligen Grals zum unbekannten südlichen Kontinent, mit einem besonderen Schwerpunkt auf den Mystifizierungen des zwanzigsten Jahrhunderts, von der Thule und Hyperborea des NS-Okkultismus durch die Lehre des ewigen Eises und der hohlen Erde zum gestohlenen Quatsch Dan Browns. Und im letzten Kapitel erzählt Eco, dass bestehende Orte haben auch zum Thema von erfolgreichen Romane, und hiermit zum Gegenstand einer regelrechten Kult geworden. Er bietet eine lange Liste von Beispielen an, von Robinsons Insel durch Arsène Lupins Felsen und das Gefängnis des Grafen von Monte Christo zu Sherlock Holmes Haus in der Baker Street und dasjenige von Nero Wolfe in New York, aber – als wir schon in den Posten über den Brunnen von Eratosthenes und den Schwanz des Löwes geschrieben haben –, er wäre nicht Eco, hatte er nicht einen Jongleurball fallen gelassen:

„Eine reale Person war im 15. Jahrhundert auch der Woiwode Vlad Țepeș, jetzt besser bekannt als Dracula nach dem Namen seines Vaters, der natürlich kein Vampir war, wurde aber durch das wahllose Pfählen seiner Feinde berühmt.“


Wie die bestehende Person mit den bestehenden Orten wie ein Kuckucksei gemischt ist, ist nur der kleinere Problem. Das größere ist, dass das Beispiel völlig falsch ist, da die Person ist berühmt dafür, dass er nicht mit einem tatsächlichen Ort verknüpft werden kann. Eco steckte seine Hand in ein Wespennest. In der Tat, für Vlad Țepeș, Vlad der Pfähler, Fürst der Walachei, genauso wie für Homer, sieben Standorten konkurrieren. Der bekannteste ist die beeindruckende Festung von Törcsvár/Bran, wo der junge Vlad für eine kurze Zeit inhaftiert wurde, und die seit 1920 vom rumänischen Tourismusbüro als Draculas Schloss propagiert ist. Ihre Position wurde nach 1990 von Schäßburg/Segesvár/Sighișoara herausgefordert, in deren Festung Vlad in 1431 geboren wurde – sein Vater hatte damals vor seinen pro-osmanischen Rivalen nach Ungarn geflohen, und in diesem Jahr an den von Kaiser Sigismund gegründeten Orden der Ritter des Draches (auf rumänisch Dracul) aufgenommen –, so dass noch vor einem Jahrzehnt der Bürgermeister von Schäßburg den Bau eines riesigen Dracula-Vergnügungspark rund um die Stadt forderte, bis Prinz Charles von England, der nach 1990 große ehemaligen sächsischen Länder in der Nachbarschaft erwarb und begann zu entwickeln, drohte ihn an, dass er nach solcher Abgeschmacktheit aus der Region zurücktreten seie. Das dritte Orte ist das ehemalige fürstliche Zentrum in Târgoviște, wo eine Gedenktafel und mehrere schreckliche Souvenirs an seine Regierungszeit erinnern. Das vierte ist Istanbul, wo in 1953 der von Stokers Roman inspirierte Film Drakula İstanbul’da, „Dracula in Istanbul“ gedreht wurde, unter Hinweis auf die Jahre, die der junge Vlad als osmanische Geisel hier verbrachte, und wo die Gestalte von Elizabeth Kostovas Besteller The Historian (2005) die Spuren von Dracula forschen. Der fünfte ist der Burg Poienari in den südlichen Karpaten, gebaut durch die Zwangsarbeit der sich gegen ihn mitgeschworenen Bojaren. Der sechste Pécs in Ungarn, wo neuerdings der vom König Matthias ihm geschenkte Palast erschlossen wurde. Und der siebente ist natürlich der Borgó-Pass, wo nach Stokers Roman der Schloss des Grafes stand, und wo heute die Leser während der Überquerung des Passes ein Hotel Draculas Schloss finden – natürlich nicht wo das Schloß im Roman stand, da er außer Augendistanz, über ein paar Sumpf-Brände und ein Wolfsabenteuer zu finden war, aber an der Abzweigung, wo Jonathan Harker, unter häufigen Kreuzen der Passagiere, von der Bistritz-Bukowina-Postkutsche in den für ihn gesendeten Wagen von Graf Dracula umsteigt.

Bald waren wir unter Bäumen, deren dicht verschlungenes Geäst förmlich einen Tunnel über uns bildete, bald stiegen schroffe Felsen zu beiden Seiten kühn in die Höhe. Trotzdem wir geschützt waren, konnten wir den stärker werdenden Nachtwind hören; es pfiff und winselte durch die Felsen und klatschend und krachend schlugen die Zweige der Bäume zusammen. Es wurde immer kälter und kälter und bald fiel auch ein leichter Schnee, der uns und unsere Umgebung in einen weißen Überzug hüllte. Der scharfe Wind trug uns aus immer weiterer Ferne das Heulen der Hunde zu. Dagegen klang das Geheul der Wölfe näher und näher, gleichsam als wenn sie uns von allen Seiten umringten. Ich war sehr erschreckt und die Pferde teilten meine Furcht; der Kutscher aber schien nicht im mindesten beunruhigt. Er wandte den Kopf aufmerksam zur Rechten und zur Linken, aber ich konnte nichts bemerken.

Standorte des Dracula-Romans aus dem Blog von Gashicsavargó (es lohnt sich, auch seinen englishsprachigen Post zu lesen)

Obwohl wenn Eco – oder vielmehr seine Redakteure und Studenten, die einen immer wichtigeren Teil seiner Ideen und Materialen liefern – ein bisschen in der Stoker-Literatur gegraben hätten, würden sie leicht auch einen Kultort Draculas gefunden haben. Zwar sind die Sachsen nach 1990 aus Bistritz verschwunden, dennoch haben die lokalen Ungarn und Rumänen große Anstrengungen zur Erhaltung und Präsentation der Vergangenheit der Stadt, darunter des einzigen authentischen Orts in Bram Stokers Dracula Geschichte gemacht.

Graf Dracula hatte mir geraten, im Hotel Goldene Krone zu übernachten, einem Haus nach altem Stil – zu meiner Freude, da ich so viel als möglich von dem sehen vollte, was das Land bietet. Ich wurde offenbar erwartet, denn als ich eintrat, traf ich eine ältere, gutmütig aussehende Frau in dem gewöhnlichen landesüblichen Kostüm. Weißes Unterkleid mit langer doppelter, hinten und vorne herunterhängender Schürze aus buntem Tuch, die allerdings zu knapp anlag. Als ich näher trat, machte sie einen Knix und sagte „Der Herr Engländer?“ „Ja“, sagte ich, „Jonathan Harker.“ Sie lächelte und gab einem ältlichen Mann in weißen Hemdärmeln, der ihr bis zur Türe gefolgt war, einen Auftrag. Er ging, kam aber gleich darauf mit einem Briefe in der Hand wieder zurück:

Mein Freund! Willkommen in den Karpaten. Ich erwarte Sie mit Ungeduld. Schlafen Sie wohl für heute. Um drei Uhr morgens geht die Postkutsche nach der Bukowina, ein Platz ist für Sie reserviert. Am Borgópass wird mein Wagen Sie erwarten und zu mir bringen. Ich hoffe, dass Sie eine gute Reise von London bis hierher hatten und dass Sie sich Ihres Aufenthalts in meiner herrlichen Heimat freuen mögen. Ihr Freund,

Dracula



Der Platz des ehemaligen Hotels König von Ungarn auf der Karte von Bistritz aus dem späten 18. Jh.

Das ehemalige Hotel König von Ungarn – zwischen den beiden Weltkriegen Hotel Paulini – heute

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