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Alte Ruhm

Der 7. November ist ein Tag des Ruhms. Das weiß gut jeder, der noch vor 1990 bei Schulfeiern regelmäßig daran erinnert wurde oder über den nach ihm benannten Platz fahren musste, um nach Buda oder zum Stadtpark zu gelangen. Aber dass er auch für den Iran ein Tag des Ruhms werden würde? Das ist brandneu – tatsächlich erst gestern passiert.

In letzter Zeit hatte sich die Beziehung Irans zum Ruhm abgekühlt. Anzeichen gab es bereits in der nahen und sogar in der fernen Vergangenheit, zurückgehend bis zur Schlacht von Kerbela 680, wo die Schiiten ihre größte Niederlage erlitten, die jedes Jahr am Ashura-Tag als ihr größtes Fest begangen wird. Man könnte sagen, ihre gesamte Sozialpsychologie ist ritualisiert auf Niederlage. Doch selbst in dieser Serie von Rückschlägen gab es einen besonders tiefen Tiefpunkt: Im Juni dieses Jahres zerstörten die israelischen und amerikanischen Streitkräfte innerhalb weniger Augenblicke mit schweren Luftangriffen die iranische Luftabwehr und bombardierten ihre Nuklearanlagen.

Das iranische Regime, das diese Niederlage mit scharfem Blick als totales Scheitern und Infragestellung seiner halben Jahrhundert währenden Existenz bewertete, lieferte gestern eine krachende Antwort an den Westen. Allerdings musste es dafür weit zurückblicken bis zum letzten messbaren Sieg: Schapur II., der sassanidische Schah, der 260 bei Edessa über Kaiser Valerian siegte. Der Kaiser und seine Armee verschwanden spurlos im Persischen Reich, und Schapur schmückte sein Felsgrab bei Persepolis mit der Darstellung dieses Sieges: Der besiegte Kaiser kniet vor dem auf dem Pferd sitzenden Schah, auf seiner Schulter das Cape, das die Pathosformel unpassend zur Situation knetet.

Angeblich auf persönliche Anregung des Großayatollah Khamenei ließ das iranische Regime eine Skulpturversion dieses Reliefs errichten und enthüllte sie gestern, am Freitag, den 7. November, im Herzen Teherans, auf dem Enghelab-Platz, also dem Platz der Revolution. Laut iranischer Presse ist die Statue eine ernste Warnung an den Westen. Die Enthüllung wurde von Menschenmengen bejubelt, nicht zuletzt, weil die Zeremonie mit einem Popkonzert verbunden war.

Zwei riesige Gestalten—ein sassanidischer und ein moderner persischer Krieger—machen die Botschaft glasklar, auf ihren Schilden prangt: مقابل ایرانیان دوباره زانو مزید moqâbel-e Irâniyân dobare zânû mizid „Zeit, wieder vor den Iranern zu knien.“ Obwohl die Botschaft in Persisch verfasst wurde, einer Sprache, die dem Westen weitgehend unbekannt ist, sind die Meere rund um den Iran auf Englisch beschriftet. Das deutet darauf hin, dass die Gestalter vermutlich auch die Karte ihres eigenen Landes von einer westlichen Website heruntergeladen haben – eine eigentümliche Form des Kniens.

Der Westen wird diese ernste Warnung vermutlich entschlüsseln und ein wenig in Panik geraten. Doch die Geste hat noch eine subtilere Nuance, die es ebenfalls zu entschlüsseln gilt. Bisher hatte sich das Regime strikt davor gehütet, die persische Geschichte vor dem Islam zu verherrlichen: Einerseits, weil sie die Jahiliyya, das Zeitalter der Unwissenheit vor dem wahren Glauben, darstellte; andererseits, weil das von der Revolution 1979 gestürzte Pahlavi-Regime seine Legitimität genau darauf aufgebaut hatte. Vielleicht zum ersten Mal stellt das Regime einen sassanidischen Schah ins Zentrum der Feierlichkeiten. Und das genau auf dem zentralen Platz, der früher Platz des Schahs hieß und jetzt Platz der Revolution ist. Bedeutet das, dass die Idee des Islamismus erschöpft ist und das Land, wie jedes Land mit gescheiterter Ideologie, auf bewährten Nationalismus zurückgreifen muss, um seine Legitimität zu stärken?

Das monumentale Schaubild, das Schah Reza Pahlavi 1971 in Persepolis zum 2.500. Jahrestag des Persischen Reiches inszenierte, gilt seitdem als banal, pompös und kleinlich. Die Version auf dem Enghelab-Platz setzt dieser Mittelmäßigkeit noch eine wirklich miserable Kameraführung obendrauf.

Doch Iran war nicht der Erste, der ein Papier-Tiger-Beispiel lieferte. Auch das Christentum erlitt eine ebenso vernichtende Demütigung, als 1453 die Türken Konstantinopel einnahmen und Selbstwertgefühl sowie Sicherheitsgefühl zerstörten. Das Echo dieser Niederlage hallte im Westen nach, und man ehrte dabei einen sehr alten Sieg als Warnung vor dem Heidentum: Piero della Francescas Freskenzyklus zur Legende des Heiligen Kreuzes in der Franziskanerkirche von Arezzo (1450–63). Die letzte Szene des Zyklus zeigt Heraklius im Jahr 628, in der Schlacht von Ninive, wie er Schah Khosrau II. besiegt und das aus Jerusalem geraubte Heilige Kreuz zurückerobert. Der Schah kniet am Boden zwischen den christlichen Kommandanten, die Piero zeitgenössisch gekleidet darstellt, statt in römischen Togen, als wollte er sagen: „Wartet nur, Muslime! So wie wir damals den Heiden bestraften, werden wir Konstantinopel auch jetzt zurückerobern.“ Die Heiden warten noch, vermutlich schon müde.

In beiden Werken zeigt sich dieselbe Spannung: glorreiche Vergangenheit und beschämende Gegenwart, die Linderung der Hilflosigkeit und das Entfachen von Hoffnung anhand eines historischen Beispiels. Aber wissen Sie was? Wie der alte Witz sagt: Unsere ist schöner.

Fotograf hinter dem Barpult

„Bist du Fotograf?“ fragt mich der große, dünne Mann, als er mich auf Chahar Bagh Straße einholt, auf dem Weg zum Basar von Isfahan. „Nein, ich mache nur Fotos.“ „Jeder beginnt so.“ Er starrt fachmännisch an die Kamera. „Ich habe die gleiche, aber ein Nummer früher.“ „Bist du Fotograf?“ „Ja, ein Pressefotograf, vor allem für iranische Zeitungen, aber ich habe bereits auch in Spiegel und National Geographic veröffentlicht.“ „Wirst du mir deine Fotos zeigen?“ „Gerne. Ich habe ein Café hier im Basar, ich lade dich zu einen Kaffee ein.“


Hassan Ghayedis Ein-Mann-Café ist das einzige Café im Basar, der eine Stadt in der Stadt von Isfahan ist. Im durch das Embargo betroffenen Iran kann man fast nirgends Kaffee kaufen, aber im kleinen Laden Hassans kann man aus den besten Typen wählen. Heimlich bekomme ich als Nicht-Muslim eine Tasse, das Ramadan-Fasten ist noch nicht abgelaufen.

„Die größten iranischen Fotografen? Nun, Cartier-Bresson. Und Ingo Morath. Sie wußten schon alles über Iran. Wie sie die Menschen sehen, die iranische Landschaft. Das ist der Maßstab auch für uns.“

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Iranische Fotos von Henri Cartier-Bresson, 1950

„Ich erwuchs in der Bergregion von Lorestan, in der Nähe der irakischen Grenze. Mein Vater arbeitete in Katar, und er schickte eine Kamera meiner Schwester. Ich habe mit ihr eine Rolle fotografiert. Mein erstes Bild war eine Bergtulpe, dann die Familie. Als ich es entwickeln gelassen hatte, mein Chef, weil ich auch dort in einem Café begann, sagte dass er dieses erste Bild kaufen würde. Er hat einen guten Preis dafür bezahlt. Ein paar Tage später zeigte er mir, dass es sich in einer der beliebtesten iranischen Wochenzeitungen erschienen war, als ein ganzseitiges Bild, unter meinem Namen. Er sagte, ich sollte ein Fotograf werden. Er gebe mir eine freie Woche, um nach Teheran in den Club der Fotografen zu gehen, mich vorzustellen, um Rat zu bitten. So ist es begonnen.“

Er bittet um die Canon, macht ein Bild von den nächsten Verkäufern, lässt mich ein paar Bilder von sich selbst und seiner Frau machen, die inzwischen gekommen ist. Auch sie starrt fachmännisch an das Ergebnis. „Schönes, klares Bild.“ Es dämmert, das Ramadan-Fasten wird langsam zu Ende, Freunde sammeln sich vor dem Bar, alle kaffeehungrige Fotografen. Einer von ihnen nimmt eine Pose auf, zeigt auf sich selbst, er will, dass ich ihn aufnehme. Sie beugen über das Foto, kritisch gucken an das Ergebnis. Sie sind zufrieden. Sie alle nehmen eine Pose auf.

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„Was für eine Musik magst du?“ Er sinnt nach, seine Frau antwortet statt ihm. „Die persischen Meister. Shajarian. Dariush Rafee.“ Hassan nickt.

„Was fotografierst du am liebsten?“ „Ich würde gerne in fernen Ländern fotografieren, wenn das Café mich gehen lasste. Bis Abyaneh [50 km vom Basar] bin ich schon gelugen. Nach Sar Agha Seyyed [100 km] noch nicht. Du bist dort gewesen? Wirst du mir bitte deine Fotos zeigen? Wirst du sie für mich hochladen? Aber ich fotografiere meist hier in Isfahan, auf den Plätzen, in den Moscheen, auf der Brücke. Im Basar, die Verkäufer und die Besucher. Dies kenne ich, hier bin ich zu Hause.“



Hafez: Qatl-e in khasteh… Dariush Rafiʿee. Vom CD Golnâr (2006)
Fotos von Hassan Ghayedi. Viele Bilder sind nicht im Mosaik angezeigt, sie können nur durch das Klicken auf eine der Fliesen (logischerweise die erste), und das Scrollen durch die große Bilder gesehen werden.


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Hedayat


Seit Wochen habe ich diese Reise geplant. Heute habe ich endlich mich entschieden, damit es vor Iran nicht wegfälle. Es ist zwanzig Minuten von hier mit dem Fahrrad. Kantstraße 76, Hedayat Buchhandlung, nach dem persischen Kafka genannt. Die Tür ist geschlossen, ich much durch das Fenster dem innen am Telefon sprechenden Besitzer winken, damit er mich hereinlasse. Eine reiche Auswahl iranischer Bücher, sowohl in Persisch als auch in Deutsch. „In der Saless Buchhandlung von Teheran hat man mir empfohlen, hier zu kommen, und herumschauen.“ „Ach ja, wir sind in ständigem Kontakt. Das ist also die Buchhandlung, dort nach rechts unser Verlag, Gardoon. Und hier haben wir Kurse zweimal pro Woche.“ „Einen Sprachkurs?“ „Ach nein. Einen Schreibkurs für Perser. Eine neue Generation von Schriftstellern wird hier in Berlin gebildet, ein Teil ihrer Bücher wird auch von uns veröffentlicht.“ Vor dreißig Jahren wurde Abbas Maroufi in Iran für zwanzig Peitschenhieben verurteilt, dann verließ er das Land, und ließ sich dauerhaft in Berlin nieder. Viele seiner Bücher sind auch ausgestellt, darunter vier in Deutsch. „Welches lieben Sie am meisten?“ „Peykar-e Farhad, „Das Spiegel von Farhad“, in Deutsch Die dunkle Seite. Sie kennen das berühmten Schreiben Hedayats, wo der Protagonist erzählt, wie er versucht, eine Frau zu erreichen. In diesem erzählt die Frau dieselbe Geschichte from her viewpoint. Aber die Leser lieben am meisten Symphonie der Toten. Dies ist eine persische Kain und Abel-Geschichte, in vier Symphoniesätzen, mit einer Ouvertüre.“ „Ich nehme beide. Ich bin neugierig von ihnen.“ Ich füge auch Nasser Kananis Traditionelle persische Kunstmusik hinzu, ebenfalls in ihrer Ausgabe. An der Kasse großzügig rundet er ab, und gibt mir auch noch ein Buch. „Dies ist ein Geschenk, mein neuestes Buch. نامهای عاشقانه, Namehâye eshghâne, „Liebesbriefe“, all in Versen, sehen Sie. Die in normalen Buchstaben gesetzten Gedichte sind die Briefe der Frau, die in Fettdruck des Mannes.” „Kheyli mamnum, khoda hâfez, vielen Dank, Gott segne Sie.“ „Khâkhesh mikonam, erwähnen Sie nicht, die Ehre ist meine.“ Als er mich zur Tür begleitet, ruft er: „Was für ein Glück, Professor Kanani kommt gerade hier.“ Im persischen Viertel Berlins mit fünfzigtausend Bewohnern ist solches Treffen nicht ungewöhnlich. Der Professor dreht sich um. „Dieser Herr interessiert sich für persische Musik. Er hat gerade Ihr Buch gekauft.“ „Wahrlich?” Der Professor sieht berührt und etwas ungläubig an mich. „Sind Sie wirklich an persische klassische Musik interessiert?“ Er streckt seine Hand aus. „Viel Spaß.



Das beste Gemälde von Kamal-ol-Molk

Kamal-ol-Molk (mit einem Stock) unter seinen Studenten an der Akademie der schönen Künste in Teheran

Kamal-ol-Molk, der berühmteste persische Maler am Endes des 19. Jahrhunderts – in dessen Haus von Kashan wir übernachten werden – faszinierte sein Publikum vor allem mit seinen Genrebildern. Der von ihm eingeführte Stil war, so zu sagen, das Gegenstück des europäischen Orientalismus. Während letztere hat die großen und luxuriösen Räumen der romantischen und akademischen Malerei mit den reizenden Motiven des geheimnisvollen Orients vollgestopft, machte Kamal-ol-Molk die üblichen kleinen und intimen Bilder in den persischen Häusern, die klare Farben, nur ein paar Figuren, und kein Bildtiefe hatten, attraktiver für ein für die europäische Kultur immer empfänglichere persisches Publikum mit den in Italien erworbenen Techniken, den realistischen Körpern, der Darstellung der sich auf dem Gesicht abspiegelnden Seelenzustände, und der europäischen Perspektive. Es ist kein Zufall, dass die Reproduktionen seiner in den ehemaligen kaiserlichen Sammlungen bewahrten Gemälde – Der Wahrsager, Die jüdischen Hausierer, Goldschmiede in Bagdad, Musiker, Noruzfest und der Rest – sind imer noch übliche Dekorationen der Wohnungen und öffentlichen Räumen.

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Ein Bild übertrifft aber alles andere in der Popularität. Auf diesem sitzt ein bärtiger alter Mann an einem bescheiden gedeckten Tisch, und raucht seine Pfeife. Wir treffen dieses Gemälde immer wieder in jeder Stadt, an den Wänden der Privaträume, Werkstätten und Cafés, und sogar auf Ladenschildern von Teehäuser und Restaurants. Und es ist umso überraschender, dass das Bild völlig folklorisiert wurde. Man ändert und ergänzt es frei auf den einzelnen Reproduktionen, mit einer Wasserpfeife in den Kaffeehäusern oder mit einem aufwändig gedeckten Tisch in den Restaurants, je nachdem, was am gegebenen Ort nötig ist.

Die historische Kleinstadt Masuleh am Kaspischen Meer



Kashan, Restaurant neben dem Basar

Die Popularität des Bildes wurde zweifellos dadurch verstärkt, dass es eine wichtige symbolische Rolle in einem der bedeutendsten iranischen Filme des letzten zwei Jahrzehnte. Das Leben und nichts mehr (oder als es in Europa bekannt ist, Und das Leben geht weiter, 1992) von Abbas Kiarostami ist die Fortsetzung des ersten wirklich erfolgreichen Films des damals fünfzig Jahre alten Regisseurs, Wo ist das Haus des Freundes? (1987), das auch von uns erwähnt wurde. Im zweiten Film fährt der Kiarostami darstellende Schauspieler und sein Sohn mit einem verbeulten Auto von Teheran nach die Berge von Gilan, nur wenige Tage nach dem fünfzigtausend Opfer fordernden Erdbeben, um zu erfahren, ob die beiden jungen Protagonisten des vorherigen Films im Dorf von Koker die Katastrophe überlebten. Neben der Darstellung der Zerstörung und der Trauer veranschaulicht das Film hauptsächlich den Kraft und Entschlossenheit, mit dem die Überlebenden arbeiten, um die Häuser wieder bewohnbar und die Dörfer lebenswert zu machen, und neue Familien so bald wie möglich zu gründen, so dass das Leben wieder weitergehe. Das Film hatte eine echte therapeutische Wirkung in Iran, und diese Behandlung der Tragödie gab eine riesige Ermutigung und Kraft an der gesamten Gesellschaft. Es ist kein Zufall, dass Kiarostami bald ein drittes erfolgreiches Film drehte, Durch die Olivenbäume (1994), das er auf der sorgfältigen Analyse einer Schlüsselszene des Und das Leben geht weiter basierte. Diese drei Filme, die aufgrund des gemeinsamen Ortes oft von Kritikern „Die Koker-Trilogie“ genannt und als die herausragendsten Werke von Kiarostami betrachtet werden, sind in Iran noch weit bekannt, und ihre Auswirkung ist im gesamten iranischen Kino spürbar.

Einer der Höhepunkte des Und das Leben geht weiter, fast genau in der Mitte des Films ist, wenn der Hauptfigur in einem zerstörten Dorf anhält, und langsam die Überreste der Häuser betrachtet, die noch in Ruinen schön sind, mit den grünen Bergen von Gilan im Hintergrund. Auf einer Veranda, die intakt geblieben war, sieht er lange auf diese Reproduktion von Kamal-ol-Molk, die fast in der Mitte durch einen riesigen, von der Ober- zur Unterseite der Wand laufenden Riss geschnitten wurde, aber der alte Mann trotzdem setzt das Rauchen so friedlich fort, als ob nichts geschehen wäre. Die Schönheit und Kraft dieser Sczene bietet einen Schüssel zum ganzen Film. Es ist kein Zufall, dass dieses Bild auf dem Plakat des Films gewählt wurde, das nach zwanzig Jahren immer noch in vielen Clubs und Buchhandlungen gesehen werden kann. Ich habe es in einem CD-Shop auf der Vali-Asr Avenue fotografiert.



Es ist deshalb überraschend dass während das Bild eine so wichtige Rolle in der visuellen Kultur des modernen Irans spielt, und wen auch immer man fragt, findet es für das beste Gemälde von Kamal-ol-Molk, trotzdem werden wir es in keinem Album oder Website des Meisters finden. Man muss lange auf der persischen Web suchen, bis man jene kleine Geschichte findet, die in verschiedenen Seiten unterschiedlich lautet:

„Um 1940 gingen zwei Fotografen ins Dorf von Maragh neben Kashan, um Fotos von der Atmosphäre der Landschaft, diei Leute, und das Mausoleum von Baba Afzal zu machen. Sie hatten Mittagessen im Teehaus des Dorfes, wo ein alter Mann, der gerade sein bescheidenes Mittagessen bendet hatte, seine Pfeife anzündete. Sie haben es auch aufgenommen, und kehrten nach Teheran zurück. Erst nach der Entwicklung der Foto entdeckten sie, wie schön es war, und sie legten es an die Wand des Ateliers.
Nicht lange demnach besuchte der Besitzer des Laleh Cafés das Studio, um sich fotografieren zu lassen. Er sah an der Wand das Bild des alten Mannes mit der Pfeife, der Tee und dem Rest des Mittagessens auf dem Tisch. Er mochte es, kaufte es, und hängte es an der Wand seines Kaffeehauses.
Das Foto hing an der Wand für Jahre, bis eines Tages ein Maler kam ein, um eine Tasse Kaffee zu trinken und eine Zigarette zu rauchen. Er mochte das Foto, und verewigte es in Malerei.
Es dauerte nur ein paar Jahre, und das Gemälde wurde im ganzen Land auf Bilder, Plakaten und Ladenschildern, an den Wänden der Teehäuser, Cafés und Restaurants kopiert, in jeder Stadt, und entlang der Straßen…“


Die Geschichte wurde ebenso deutlich folklorisiert, wie das Bild. Das Laleh – Tulip – Café, das berühmte Kaffeehaus der vorrevolutionären Teheran ist längst geschlossen, so dass wir nie erfahren werden, wie das ursprüngliche Foto aussah, das so attraktiv für den Maler war, dass er es in ein Gemälde im Stil Kamal-ol-Molks umwandelte, und selbst die Signatur des Meisters auflegte. Oder doch?


Dieses Foto wurde 1907 von den Brüdern Lumière durch den von ihnen im gleichen Jahr patentierten Autochromprozess gemacht. Es ist offensichtlich, dass dieser Pfeife rauchende und Wein trinkende alter Pariser Mann musste das Modell des „iranisierten“ Gemälde sein.

Das heißt, das beste Gemälde von Kamal-ol-Molk, des nationalen Malers ist nicht seine eigene Arbeit, und nicth einmal eine individuelle Arbeit, sondern eine kollektive Schöpfung. Es hat noch nicht einmal ein authentisches Original, und deswegen konnte es in so viele Versionen folklorisiert und adaptiert werden. Seine Geburt bedankt es der Rezeption euuropäischer Modelle und ihrer Anpassung an persischen Mustern, und seine Popularität der Tatsache, dass es als ein anonymes Werk und ein kollektives Symbol in der Schlüsselszene eines der wichtigsten Filme über iranischen Schicksalfragen erscheint. All dies zusammen macht es wahrlich iranisch, ein Werk solches Styls und Bedeutung, dass wenn Kamal-ol-Molk es gesehen hätte, würde er es sicher mit seiner eigenen Unterschrift authentifizieren.

Die Geschichte könnte hier enden, das Rätsel wurde gelöst. Aber glücklicherweise schafft jedes gelöste Rätsel ein zu lösendes Neues. Die Konstellation der Pfeife, des Weines und des alten Mannes mit einem großen weißen Bart hetzt unser visuelles Gedächntis. An was erinnert es uns? Das ist es! Jenes früher präsentierte visuelles Parallel, wobei die beiden alten Herren in József Rippl-Rónais Mein Vater und Herr Piacsek beim Rotwein (1907) genau in dergleichen Pose sitzen, wie die beiden alten galizischen Juden auf Alter Kacyznes Foto zwanzig Jahre später. Das Foto der Brüder Lumière, obwohl es aus demselben Jahr ist wie Rippl-Rónais Gemälde, ist eindeutig kein Modell der späteren Bilder. Dennoch scheint seiner Figur die Rolle der beiden alten Männer auf einmal durchführen: seine Pose ist desjenigen auf der linken Seite ähnlich, während seine Pfeife an denjenigen auf der rechten Seite erinnert. Und wenn man will, kann man in die ungarisch-jüdisch-französisch-persische Gesellschaft auch eine spätere (1946) Skizze von Kamal-ol-Molk einführen, wo ein alter bärtiger Mann in der Pose der Figur auf der linken Seite liest. Sind diese bloße visuelle Zufälle? Oder ein unbewusstes bildliches Topos, eine ikonologische Formel der Periode? Und das Rätsel geht weiter.

József Rippl-Rónai: Mein Vater und Herr Piacsek beim Rotwein, 1907

„Byale (Biała Podlaska, in der Provinz Lublin), 1926. Vater und Sohn. Um sich vor dem Bösen
zu schützen, will Leiser Bawół, der Schmied nicht sagen, wie alt er ist, aber er muss wohl
über hundert sein. Jetzt setzt sein Sohn das Schmieden fort, und der alte Mann ist ein
Arzt geworden. Er heilt gebrochene Arme und Beine.“ Foto von Alter Kacyzne



Geistzeichen


مرگ بر شاه marg bar shâh, Tod dem Schah. Jetzt, im Juli 2015. Sechsunddreißig Jahre nach der Revolution. In Isfahan, in den Gassen hinter dem Basar.

„Vierzig Tage nach den Ereignissen in Qom versammelten sich die Menschen in den Moscheen von vielen iranischen Städten, um die Opfer des Massakers zu gedenken. In Tabriz wuchs die Spannung so hoch, dass ein Aufstand ausbrach. Eine Menschenmenge marschierte durch die Straßen, und sie riefen: „Tod dem Schah!“ Die Armee rückte heraus, und hat die Stadt im Blut ertränkt. Hunderte wurden getötet, Tausende wurden verletzt. Nach vierzig Tagen versetzten sich die Städte in Trauer – es war Zeit, um das Massaker von Tabriz zu gedenken. In einer Stadt – Isfahan – ein verzweifelter, wütender Menge strömte auf die Straßen. Die Armee gab die Demonstranten um, und eröffneten das Feuer: mehr Menschen starben. Weitere vierzig Tagen hingehen, und jetzt trauernde Massen versammeln sich in Dutzenden von Stäten, um diejenigen, die in Isfahan fielen, zu gedenken.“
Ryszard Kapuściński: Schah-in-Schah, 1982


Trauerlied am Ashura-Tag über Abolfazl, der Bruder von Imam Hussein, der zusammen mit seinem Bruder bei Kerbala getötet wurde. Als wir es früher geschrieben haben, dies ist das entscheidende Ereignis des Paradigms des Märtyrertums bei den Schiiten.

Foto von Abbas (Magnum Photos), 1979

Kommen Sie mit uns nach Iran!


Iran gehört nicht zu den trendigen Touristenzielen. Es ist ein großer Glück, weil wenn die atemberaubende Schönheit des Landes, seine städtische Zivilisation, die Freundlichkeit der Menschen, die Vielzahl der historischen Sehenswürdigkeiten, die subtile Musik und Kunst, und die raffinierte iranische Küche weithin bekannt wären, könnten wir von den vielen Touristen keinen Schritt tun, und könnten nicht unsere Leser an solche exklusive Touren einladen, wie diese, mit der wir beginnen, Iran zu bewandern.

Wir beginnen, sage ich, weil Iran ein riesiges Land ist. Von einer Ecke zur anderen, zweitausendfünfhundert Kilometer, und dann gingen wir erst durch eine Straße. Und zur gleichen Zeit ist es ein sehr vielfältiges Land, mit so vielen Sehenswürdigkeiten, vom Frühlingsblumenpracht der kurdischen Bergen zu den erstaunlichen Farben der Wüste von Kerman, von den tausend Jahre alten Städten zu den Karawansereien der Seidenstraßen, von den Nomadenstämmen zu den jahrhundertealten Basaren, in die die Stämme im Frühjahr in farbenfrohen Umzug herabziehen, um die in den Bergen im Winter gewebten Teppiche zu verkaufen. Um all dies zu sehen, müssen wir ein paar Mal zurückkommen. Auf unserer ersten Tour, vom 22. Oktober bis 1. November fahren wir entlang der zentralen historischen Achse von Persien, der Kette der alten Städte von Teheran bis Persepolis.



Soheil Nafisi: همه فصلن دنیا Hame-ye faslân-e donyâ, „Alle Jahreszeiten der Welt“. Aus dem Album ترانهای جنوب Tarânehâ-ye jonūb, „Südliche Lieder“ (2010). Bereits zitiert in diesem Lieblingspost, zusammen mit dem Foto von Alieh Sâdatpur.



Unser Flugzeug startet am 22. Oktober mittags von Wien, und kommt am späten Abend über Istanbul zum internationalen Flughafen südlich von Teheran an. Von dort aus fahren wir sofort mit gemietetem Bus nach Kashan, etwa zwei Stunden entfernt. Am nächsten Tag ist nämlich die größste religiöse Feier von Iran, der Tag des Ashura, und wenn wir schon diesen Glück haben, müssen wir an der in solcher traditionellen Stadt teilnehmen, wie die viele tausende Jahren alte Karawanserei-Stadt von Kashan. Neben der die ganze Stadt umfassenden Reihe der Feste, Prozessionen und öffentlichen Zeremonien streifen wir die von Lehm gebaute Altstadt, besuchen wir die historische Kaufmannshäuser, und am Abend essen wir im traditionellen Teehaus neben dem 500 Jahre alt Safavidengarten, ein Weltkulturerbe. Unsere Unterkunft wird in einem vierhundert Jahre alten Kaufmannshaus, das einige jungen Manager in ein traditionelles Gasthaus verwandelten (wir werden mehr darüber schreiben, zusammen mit einem Interview).


Am 24. Oktober, Samstag machen wir einen Busausflug in die Gebirgsregion südlich von Kashan. Wir fahren beim Urananreicherungszentrum von Natanz vorbei (Fotografieren ist streng verboten, aber sehen nicht), wir halten an der von den mongolischen Khanen gebauten Moschee von Natanz aus dem 13. Jahrhundert an, und dann erreichen wir Abyaneh, das Rote Dorf. Wir bewandern das Dorf und ihre Umgebung, haben Picknick am Bach (wo unser Freund Hamid, der lokale Hotelbesitzer liefert uns die Mittagessen auf Eselsrücken), und am Nachmittag kehren wir nach Kashan zurück. Wir schauen uns im Basar von Kashan um – der gestern wegen der Zeremonie geschlossen war –, und am Abend kochen wir persisches Abendessen zusammen mit Farshad, der junge kurdische Manager des Gasthauses.


Am 25. Oktober, Sonntag am Morgen fahren wir mit dem Bus nach Isfahan, zwei Stunden entfernt, während wir einige Mal bei schönen Sehenswürdigkeiten und traditionellen Dörfer anhalten. Isfahan ist die schönste Stadt Irans, die für Jahrhunderten auch seine Hauptstadt war. An diesem und dem folgenden Tag besichtigen wir die Stadt. Von unserem Hotel im Zentrum erreichen wir durch den großen Basar den Hauptplatz, den die Kunstgeschichte zu den zehn schönsten Plätze der Welt zählt. Wir besuchen die mit den blauen Kacheln der armenischen Handwerkern eingerichtete Imam-Moschee, die tausend Jahre alte Freitagsmoschee, wir streifen im achthundert Jahre alten und immer noch lebendigen jüdischen Viertel, das größte jüdische Zentrum Irans, und wir überqueren die fünfhundert Jahre alte Si-o-se, das heißt, Dreiunddreißiglöcher-Brücke, um den über dem Zayande-, das heißt, Lebenspendender Fluß liegenden armenischen Viertel zu sehen. Wir werden persische Gärten und Paläste besuchen, werden den hoffnungslosen Versuch beginnen, durch den ganzen Basar zu wandern, werden Nomadenteppiche sehen, in alten Teehäusern essen, traditionelle Konzerte hören.


Am 27. Oktober, Dienstag am Morgen fahren wir mit dem Bus nach Yazd, die Karawanserei-Stadt am Rande der Wüste. Wir tauchen in das Labyrinth der aus Lehm gebauten Altstadt unter, die noch archaischer als die von Kashan ist, und besuchen noch arbeitende Karawansereien, viele Jahrhunderte alte Moscheen, Kaufmannshäuser und Heiligtümer. Die zoroastrische Religion des alten Persiens – die vom Islam als eine „Religion des Buches“ toleriert wurde – hat die meisten Anhänger in Yazd, also werden wir zoroastrischen Heiligtümer und „Türme des Schweigens“ außerhalb der Stadt besuchen, wo die Körper der Toten ausgelegt wurden, damit sie nicht die heiligen Elemente der Erde, Wassser und Feuer verunreinigen. Wir haben Abendessen in einem traditionellen Karawanserei, und am nächsten Tag gehen wir an einen Busausflug in den schönsten Teil der iranischen Wüste, die hier ein Nationalpark ist.


Am 29. Oktober, Donnerstag fahren wir mit dem Bus nach Shiraz. Dies ist die längste Strecke der Reise, etwa 400 Kilometer, aber auf der Autobahn, und wir werden einige Mal bei schönen Sehenswürdigkeiten und historischen Monumenten anhalten, und vor allem bei Persepolis, die Hauptstadt des alten Persiens, die sogar in seinen Ruinen prächtig ist. Dort werde ich über die gut erhaltenen Gebäude, Reliefs und Königsgräber eine sehr detaillierten kunsthistorische Führung halten. Nachmittags erreichen wir Shiraz, wo wir an diesem Tag und am nächsten Morgen die Altstadt, den Basar und die schönen Moscheen und Kaufmannshäuser besuchen. Am Nachmittag fliegen wir mit einem Inlandsflug nach Teheran zurück.


An unserem letzten Tag, den 31. Oktober fassen wir unsere Eindrücke in Teheran zusammen. In der jungen, erst 1790 gegründeten Hauptstadt gibt es nicht viele historische Denkmäler, so werden wir in der modernen Innenstadt spazieren, ein Picknick im Taʿbiat Park haben an der weltweit größten Fußgängerbrücke, die im vergangenen Jahr eröffnet wurde, und am Abend verspeisen wir unser Abschiedsessen etwa tausend Meter höher, unter den Bergen, in einem traditionellen Teehaus des Ausflugviertels Darband. Früh am Morgen fliegen wir über Istanbul nach Wien zurück, wir kommen um Mittag an.


Über Iran und die persische Kultur haben wir bereits viel in río Wang geschrieben, und wir schreiben noch mehr, vor allem über die Orte, die wir besuchen wollen. Die Posts über Persien werden kontinuierlich im Post „Persische Briefe“ gesammelt, schauen Sie oft wieder. Und wenn Sie über etwas neugierig sind, sagen Sie uns. Wir freuen uns, Posts auch auf Auftrag zu schreiben.

Die Teilnahmegebühr ist 700 Euro, die die Hotels mit Frühstück (ein Bett in einem Zweibett/Doppelzimmer), die Fern- und gemieteten Bussen, den Inlandsflug von Shiraz nach Teheran, und die Führung durch einen persischsprachigen und die iranische Kultur kennenden Kunsthistoriker – das heißt, ich – beinhaltet. Hinu kommt die Preise des Fluges (Wien–Istanbul–Teheran und zurück ist jetzt 330 Euro, aber Sie können natürlich den Flug nehmen, der für Sie am bequemsten ist), und die Kosten für das iranische Visum, die etwa 100 Euro sind. Die Anmeldefrist ist 20. August, Donnerstag, an der gewöhnlichen E-Mail wang@studiolum.com.