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Tochter des 21. Jahrhunderts

Ein Mädchen aus dem 21. Jahrhundert. Geschrieben von K. Bulichov, gezeichnet von K. Bezborodov

Im neuen Jahr blickt man für einen Moment in die Vergangenheit zurück. Und man findet, dass die Vergangenheit blickt zurück auf ihn. Dieser sowjetische Diafilm aus 1977 sagte seinen Zeitgenossen vorher, wie ein kleines Mädchen im intergalaktischen Moskau des 21. Jahrhunderts, Alisa im Wunderland, leben wird.

Im Moskau des 21. Jahrhunderts lebt ein kleines Mädchen, Alisa. Versuchen wir, in der Zeit vorzufliegen, und lernen wir dieses Mädchen kennen. Wer weiß, vielleicht ist sie die Ur-Ur-Ur-Urenkelin von einer von euch…

Ihr Vater ist ein Biologe, der außerirdische Wesen erforscht, und ihre Mutter entwirft Häuser auf anderen Planeten. Und das kleine Mädchen ist ein gewöhnliche Moskauer Mädchen, die, wie alle anderen, in ihrem Zimmer ein Dackel, Katzen, ein Igel und eine Gottesanbeterin vom Mars hält, und vom Sirius einen großohrigen Schuscha, einen echten lebendigen Tscheburaschka bekommt. Das attraktivste Traum für uns, die zu dieser zeit – ich meine, nicht im 21. Jahrhundert, sondern 1977 – auf Gerald Durrell und Dr. Durrell and Dr. Dolittle – Doktor Ajbolit – aufwuchsen, die gleiche Wünsche hatten, und uns vorbereiteten, im 21. Jahrhundert Exobiologen zu werden, wenn überhaupt ein solches Jahrhundert kommen würde.

Alisas Vater – Professor Seleznev – ist Direktor des Moskauer Zoo, wo er die Tiere der Erde und des Kosmos studiert

Ja, so etwa wie dies…

Dennoch wenn man nach vierzig Jahren zurückblickt, sind in diesem alternativen 21. Jahrhundert nicht die außerirdischen Wesen die interessantesten, nicht einmal die achtzigstöckigen Städte. Und auch nicht die Verwirklichung des großen Traumes, die Produktion von Orangen und Bananen in der Kolchose von Podmoskovje (obwohl es wäre wahrscheinlich rentabler, die mit Raketen vom Tau Ceti zu liefern, aber dennoch – es ist unser!) Sondern die Tatsache, dass trotz der Astronauten-Szenerie im Alltagsleben nichts geändert war, es läuft wie in 1977. Genau wie auf den Postkarten vor hundert Jahren das Leben in den geträumten 2000er Jahren auf der Weise der seligen Friedensjahren inmitten den Kulissen von Jules Verne läuft. Ich wage nicht einmal darin einzudenken, für wie hoffnungslos altmodisch die Bildsprache und der Lebensstil von Star Wars in jener Zeit gefunden wird, wenn die Epik stattfindet.

Vielleicht hat sich nur ein Ding wirklich verändert: das Aussehen der Wissenschaftler. Statt der typischen dickhalsigen alkoholischen Apparatschik-Institutleitern und der arroganten und servilen Dozenten der späten Breschnew-Ära haben im 21. Jahrhundert endlich alle Wissenschaftler einen intelligenten Gesichtsausdruck angenommen, der ein echtes Interesse an und Kentnisse von ihrem Fach darstellt. Und wenn aus keinem anderen Grund als das, war es schon wert, auf dieses wunderbare einundzwanzigste Jahrhundert zu warten.


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Das tschechische Meer


Lahvová pošta, Flaschenpost. Es scheint fast absurd, dass solch ein Begriff in einer Sprache, wo man so etwas nie begegnet, erschaffen wurde. Die Natur hat Tschechien das Meer verweigert. So wurde es zur Aufgabe der Literatur, es ihr zu schenken, wie Shakespeare im Wintermärchen, und Radek Malý in seinem kürzlich veröffentlichten Kindergedichtband Moře slané vody, Meer mit Salzwasser.

Zavřete oči.
Slyšíte, jak šumí?
Nadechnĕte se té vůnĕ.
Zašeptejte:
Čechy leží u moře.
Schließ die Augen.
Hörst du, wie es braust?
Atme diesen Duft ein.
Flüster: Böhmen
liegt am Meer.


Als Kind eines anderen Binnenlandes kann ich die Sehnsucht nach das Meer voll und ganz verstehen, als man versucht, aufgrund des blauen Himmels jenes andere Unendliche zu vorstellen, von Muscheln, Schiffe und Inseln träumt, bereitet sich in Kőbánya, ein Seemann zu werden, und schließlich die erste Begegnung.

První vzpomínka

Oči
mám plné
veliké slané vody

Objala zemi kolem pasu

Plujeme
Die erste Erinnerung

Meine Augen
mit dem großen
Salzwasser gefüllt

Es liegt die Erde um die Hüfte an

Wir schwimmen


Blessed shore, sagt Shakespeare über die tschechische Meeresküste, und so soll es wirklich sein. Aber er fügt hinzu: unpathed waters, undreamed shores, das nicht wahr sein kann, da es taucht immer wieder in den Träumen auf, man wandert es so oft kreuz und quer.

O cestĕ

Zeptej se moře na cestu
Řekne ti: všechny cesty jsou tu
Vítr tĕ vezme do všech koutů
a není snadné nalézt tu
jednu
která
nevede ke dnu
nekončí včera
nevede k zemi lidožroutů

Ale já ji najdu, tati
najdu ji, a pak se vrátím
Über den Weg

Frag das Mer über den Weg
es wird sagen: alle Wege sind hier
der Wind bringt dich in jede Ecke
aber es ist nicht leicht zu finden
den einen
derjenige
führt nicht in die Tiefe
endet nicht gestern
führt nicht ins Land der Menschenfresser

Aber, Vater, ich werde es finden!
Ich werde es finden, und dann kehre ich zurück.


Das Schönste in diesen Kindergedichten ist, dass sie nicht banal, nicht künstlicht, nicht affektiert lustig sind, wie die meisten von Erwachsenen für Kinder geschriebenen Gedichte. Sie sind geräumig und persönliche und zu fortsetzen, wie das Meer, wie der Traum. Und diese beiden verschmelzen sich an der tschechischen Küste.

Velrybo velrybičko

Vidĕl jsem velrybu
bylo to ve snu
byla jak ostrov Byla noc

Dlouze se dívala
až na dno klesnu
pak připlula mi na pomoc

Dokud jsou velryby
nebudem sami
na moři ani za noci

Ale až nebudou
co bude s námi?
Kdo připluje nám pomoc?
Wal, Wälchen

Ich sah einen Wal
es war im Traum
er war wie ein Insel. Es war Nacht

er schaute lang
in die Tiefe
dann schwamm er mir zu Hilfe

Solange es Wale gibt
bleiben wir nicht allein
auf dem Meer, noch in der Nacht

Aber wenn sie vorbei werden
was wird mit uns sein?
Wer wird uns zu Hilfe schwimmen?


Auch die Illustrationen, von Pavel Čech, sind wie Träume. Wie Kinderträume: ein wenig Salz, ein wenig Tinte, ein Lavoir Wasser – das endlose Meer. Und wie tschechische Träume. Vor der bröckeligen Mauer und dem zerschlissenen Rahmen, wer konnte nicht Josef Sudeks Lavoir erkennen, und von nun an, wer konnte nicht in Sudeks Lavoir und Gläser Pavel Čechs Meer sehen?







Überblendung: Spiele

Illustration aus Shaun Tans Ein neues Land

Gestern haben wir mit diesem Bild die absurderweise als ein Kinderspiel dargestellte beklemmende Einwanderungsgeschichte illustriert. Aber man kann nichts absurder als die Wirklichkeit erfinden. Mit solchem Bild wurde schon vor fast hundert Jahren ein echtes Kinderspiel illustriert.

Chemischer Krieg. Sowjetisches Brettspiel von A. V. Kuklin. Staatlicher Verlag, 1925
Siehe unseren Post über die frühen sowjetischen Brettspiele für Kinder

Spiel



Karpatt, Un jeu (A game). From the CD Sur le quai (2011)

Maman m’a montré un jeu quand j’étais tout p’tit
Tu vas voir c’est très marrant on va changer d’pays
Chez nous c’est pas facile, notre cabane est en bois
On va prendre un bateau y a pas d’place pour papa
C’était très rigolo les gens jouaient à tomber dans l’eau
Je sais qu’ils faisaient semblant, je l’sais j’suis pas idiot
Mama hat mir ein Spiel gezeigt, als ich klein war:
du wirst’s sehen, es ist ganz lustig, wir werden Land wechseln
bei uns ist es nicht einfach, unsere Bude ist aus Holz
wir nehmen ein Boot, es gibt keinen Platz für Papa.
Es war sehr lustig, die Leute spielten in Wasser fallen
aber ich weiß, sie fingierten nur, ich bin nicht dumm.


Maman m’a montré un jeu quand j’avais mal au ventre
Tu vas voir c’est très marrant on va jouer à attendre
Quand on s’ra arrivé tu mangeras tout les jours
On gagnera plein d’argent pour faire venir papa un jour
De l’autre côté d’la mer, on a couru sur une plage
Y avait les sirènes de police on s’est caché sous les branchages
Mama hat mir ein Spiel gezeigt, als ich Bauchweh hatte
du wirst’s sehen, es ist ganz lustig, wir spielen Warten,
als wir ankommen, wirst du jeden Tag essen
wir werden eine Menge Geld gewinen, werden auch Papa kommen lassen.
Auf der anderen Seite des Meeres liefen wir an die Küste
es gab Polizeisirenen, wir versteckten uns unter den Zweigen.


Maman m’a montré un jeu faut s’trouver un abri
Tu vas voir c’est très marrant on va camper la nuit
Y avait plein d’gens comme nous qui jouaient à cache-cache
On s’est fait une cabane dans un tuyau avec des vaches
Et puis toute la journée on attendait près des feux rouges
On lavait les voitures toutes les voitures avant qu’elles bougent
Mama hat mir ein Spiel gezeigt, wir müssen ein Asyl finden
du wirst’s sehen, es ist ganz lustig, wir werden in der Nacht lagern.
Es gab viele Menschen wie uns, die Verstecken spielten,
wir machten uns eine Bude auf einem Field mit Kühen.
Dann warteten wir den ganzen Tag an der roten Ampel
wir mussten alle Autos abwaschen, bevor sie sich bewegen.


Maman m’a montré un jeu faut s’trouver d’l’argent
Tu vas voir c’est très marrant faut tendre la main aux gens
Elle rentrait pas souvent, elle travaillait le soir
Elle se faisait très belle pour attendre sur un trottoir
Moi j’aimais pas trop ça quand elle montait dans les voitures
Avec des gars bizarres qui lui faisaient des égratignures
Mama hat mir ein Spiel gezeigt, wir müssen Geld finden
du wirst’s sehen, es ist ganz lustig, du musst nur die Hand aufhalten.
Sie kehrte selten zurück, sie arbeitete in der Nacht
sie hat sich schön gemacht und wartete auf dem Fußsteig.
Ich mochte es nicht, wenn sie in die Autos einstieg
mit seltsamen Kerlen, die ihr Kratzer machten.


Maman m’a montré un jeu faut s’trouver des papiers
Tu vas voir c’est très marrant on va jouer à s’cacher
Les flics nous on trouvé ils ont cogné sur nos têtes
Je savais bien qu’c’était qu’un jeu alors j’ai pas fait la mauviette
J’ai pas pleuré quand on nous a attaché dans l’fond d’un avion
J’ai compris qu’on avait gagné au grand jeu de l’immigration
Mama hat mir ein Spiel gezeigt, wir müssen Papiere finden
du wirst’s sehen, es ist ganz lustig, bis dann spielen wir Verstecken.
Die Polizisten fanden uns, stießen uns vor den Knopf.
Ich wußte, dass es nur ein Spiel war, ob ich es ausstehe
so habe ich nicht geweint, wenn sie uns in Flugzeug geschnallt haben,
ich wußte, dass wir gewannen das große Spiel der Immigration.


Echte Perle


Wenn diese kleine Ikone des Heiligen Georgs ist Ihnen vertraut, es ist kein Zufall. Ähnliche Hinterglasbilder wurden von rumänischen Familien am Siebenbürgischen Tiefland seit dem frühen 19. Jahrhundert produziert, und von den ungarischen Intellektuellen vom Besuch Siebenbürgens mit Vorliebe zu Hause gebracht/geschmuggelt. Als ich an das mit einem sanften Lächeln und mit einem leicht über den Dragon erhöhten Huf aus dem Rahmen vortretende kleine Pferd anschaue, ich kann es verstehen.

Diese Ikone kommt jedoch nicht aus Siebenbürgen, aber von dieser Seite der rumänischen Grenze. Und seine Macher sind Ungarn und Zigeuner.

Nóra L. Ritók und die Echte Perle Stiftung und Kunstschule in Berettyóújfalu haben ein wachsendes Bewusstsein in Ungarn, vor allem wegen dem von ihr geschriebenen Blog. Nóra ursprünglich plante es, eine grundlegende künstlerische Ausbildung für die sozial benachteiligten Kindern in dieser kleinen Stadt und in in den umliegenden kleinen Siedlungen zu beginnen.

Die Schule hat inzwischen eine große Anzahl von professionellen Erfolge erzielt, und die Kinder haben auch an internationalen Wettbewerben teilgenommen. Noch wichtiger als die Preise sind aber die gute Eindrücke, die sie in der Schule erwerben. Die Erfahrung der Schöpfung gewährt ihnen ein echtes Leistungsgefühl, ein verbessertes Selbstwertgefühl, eine verstärkte Selbst-Bild, und dies wird auch in ihren anderen Ergebnissen bemerkbar. Wenn es einen Weg aus der Armut gibt, denn dies ist das.



Schon bald stellte sich jedoch heraus, dass jedes echte Ergebnis nur durch eine mit der Erziehung eng verbundene soziale Arbeit, sowie durch eine komplexe Unterstützung erreicht werden kann, die erneut eine Zusammenarbeit zwischen Menschen, die lange vergessen haben, wie man zusammenarbeiten kann, anliegt.

Es ist unentbehrlich, dass alle, die an diesem Prozess teilnehmen, sowohl die Kinder, die Eltern und die Behörden, die Bedeutung dieser Bemühungen sehen, und daran glauben. Der Wiederaufbau dieses Glaubens und gemeinsames Denkens ist die schwierigste Aufgabe, die jedoch nicht verschont oder mit Spendekampagnen substituiert werden kann.

Deshalb hat die Echte Perle Stiftung unter anderen Projekten die Szuno ins Leben gerufen, die in dieser mit einer extrem hohen Arbeitslosigkeit kämpfenden Region eine Arbeit für Frauen anbietet, die sie auch zu Hause und auch mit einem niedrigen Bildungsniveau durchführen können.

Dieses auf der Zusammenarbeit von Generationen basierte Projekt bietet Arbeit für die Erwachsenen auf Grund der von den Kindern in der Schule erstellten Bilder und Zeichnungen. Die ausgewählte Kinderzeichnungen werden von den Erwachsenen in Stickereien umgewandelt, die auf den von ihnen genähten Produkten angewandt werden.

Es gab schon Fälle, wenn wir hier in Río Wang um Hilfe für die Flutopfer der Siebenbürger Szék gebeten (hier, hier und hier). Der damalige großzügige Hilfsbereitschaft unserer Leser nun ermutigt uns zu einer weiteren Anfrage. Noch in der Adventszeit schauen sie in der Szuno Webshop um, und wenn Sie es sich leisten können, kaufen Sie dort ein. Und wenn Sie mögen, was Sie dort sehen, überwachen Sie die Entwicklung des Projekts, kehren Sie regelmäßig zum Shop oder Nóras Blog zurück, weil dieses Thema hat Auswirkungen, die für uns alle wichtig sind. Ist es möglich, eine Chance von fast nichts produzieren, für diejenigen, die aufgrund ihrer geographischen, sozialen und Beschäftigungssituation in der schwierigsten Lage sind, und die guten Praktiken in verschieden Orte verwenden? Nicht nur das Schicksal von ein paar Siedlungen in schwierigen Situation, aber das Futur von uns allen hängt davon ab.

Seien Sie stille Gesellschafter in dieser Arbeit, die wichtiger ist als alles andere, was heute in Ungarn passiert.



Das Geschenk der Weisen

Es ist nicht so sehr für die kleine, auf eine Moral ausgespitzte Geschichte, sondern für die von der österreichischen Graphikerin Lisbeth Zwerger vor dreißig Jahren gemalten, fein getönten Aquarelle, dass wir diese Weihnachtsgeschichte veröffentlichen. Der Autor der Novelle, der meist unter dem Namen O. Henry publizierende William Sydney Porter ist vielleicht dem deutschen Leser weniger bekannt, obwohl er einer der populärsten amerikanischen Erzähler des frühen 20. Jahrhunderts war.

Zu den Arbeiten von Lisbeth Zwerger werden wir bald zurückkehren.


Ein Dollar und siebenundachtzig Cent. Das war alles. Und sechzig Cent davon ja Pennies.
 

Stück für Stück ersparte Pennies, wenn man hin und wieder den Kaufmann, Gemüsemann oder Fleischer beschwatzt hatte, bis einem die Wangen brannten im stillen Vorwurf der Knauserei, die solch ein Herumfeilschen mit sich brachte.
 

Dreimal zählte Della nach. Ein Dollar und siebenundachtzig Cent. Und morgen war Weihnachten.


Da blieb einem nichts anderes, als sich auf die schäbige kleine Chaise zu werfen und zu heulen. Das tat Della. Was zu der moralischen Betrachtung reizt, das Leben bestehe aus Schluchzen, Schniefen und Lächeln, vor allem aus Schniefen.

Während die Dame des Hauses allmählich von dem ersten Zustand in den zweiten übergeht, werfen wir einen Blick auf das Heim.


Eine möblierte Wohnung für acht Dollar die Woche. Sie war nicht gerade bettelhaft zu nennen; höchstens für jene Polizisten, die speziell auf Bettler gehetzt wurden.

Unten im Hausflur war ein Briefkasten, in den nie ein Brief fiel, und ein Klingelknopf, dem keines Sterblichen Finger je ein Klingelzeichen entlocken konnte. Dazu gehörte auch eine Karte, die den Namen „Mr. James Dillingham jr.” trug.

Das „Dillingham” war in einer früheren Zeit der Wohlhabenheit, als der Eigentümer dreissig Dollar die Woche verdiente, hingepfeffert worden. Jetzt, da das Einkommen auf zwanzig Dollar zusammengeschrumpft war, wirkten die Buchstaben des „Dillingham” verschwommen, als trügen sie sich allen Ernstes mit dem Gedanken, sich zu einem bescheidenen und anspruchslosen D zusammenzuziehen. Aber wenn Mr. James Dillingham jr. nach Hause und oben in seine Wohnung kam, wurde er „Jim” gerufen und von Mrs. James Dillingham jr., die bereits als Della vorgestellt wurde, herzlich umarmt. Was alles sehr schön ist.



Della hörte auf zu weinen und fuhr mit der Puderquaste über ihre Wangen. Sie stand am Fenster und blickte trübselig hinaus auf eine graue Katze, die auf einem grauen Zaun in einem grauen Hinterhof spazierte.

Morgen war Weihnachten, und sie hatte nur einen Dollar siebenundachtzig, um für Jim ein Geschenk zu kaufen. Monatelang hatte sie jeden Penny gespart, wo sie nur konnte, und dies war das Resultat. Zwanzig Dollar die Woche reichte nicht weit. Die Ausgaben waren größer gewesen, als sie gerechnet hatte. Das ist immer so. Nur einen Dollar siebenundachtzig, um für Jim ein Geschenk zu kaufen. Für ihren Jim. So manche glückliche Stunde hatte sie damit verbracht, sich etwas Hübsches für ihn auszudenken. Etwas Schönes, Seltenes, Gediegenes – etwas, was annähernd der Ehre würdig war, Jim zu gehören.

Zwischen den Fenstern stand ein Trumeau. Vielleicht haben Sie schon einmal einen Trumeau in einer möblierten Wohnung zu acht Dollar gesehen. Ein sehr dünner und beweglicher Mensch kann, indem er sein Spiegelbild in einer raschen Folge von Längsstreifen betrachtet, eine ziemlich genaue Vorstellung von seinem Aussehen erhalten. Della war eine schlanke Person und beherrschte diese Kunst. Plötzlich wirbelte sie von dem Fenster fort und stand vor dem Spiegel. Ihre Augen glänzten und funkelten, aber ihr Gesicht hatte in zwanzig Sekunden die Farbe verloren. Flink löste sie ihr Haar und ließ es in voller Länge herabfallen.



Zwei Dinge besaßen die James Dillinghams jr., auf die sie beide unheimlich stolz waren. Das eine war Jims goldene Uhr, die seinem Vater und davor seinem Großvater gehört hatte. Das andere war Dellas Haar. Hätte die Königin von Saba in der Wohnung jenseits des Luftschachts gelebt, dann hätte Della eines Tages ihr Haar zum Trocknen aus dem Fenster gehängt, um Ihrer Majestät Juwelen und Vorzüge im Wert herabzusetzen. Wäre König Salomo der Portier gewesen und hätte all seine Schätze im Erdgeschoss aufgehäuft, Jim hätte jedesmal seine Uhr gezückt, wenn er vorbeigegangen wäre, bloß um zu sehen, wie sich der andere vor Neid den Bart raufte.

Jetzt floss also Dellas Haar wellig und glänzend an ihr herab wie ein brauner Wasserfall. Es reichte bis unter die Kniekehlen und umhüllte sie wie ein Gewand. Nervös und hastig steckte sie es wieder auf. Einen Augenblick taumelte sie und stand ganz still, während ein paar Tränen auf den abgetretenen Teppich fielen.


Die alte braune Jacke angezogen, den alten braunen Hut aufgesetzt, und mit wehenden Röcken und immer noch das helle Funkeln in den Augen, schoss sie zur Tür hinaus und lief die Treppe hinab auf die Straße.

Wo sie stehenblieb, lautete das Firmenschild Mme. Sofronie. Alle Sorten Haarersatz.



Della rannte die Treppe hinauf und versuchte atemschöpfend, sich zu sammeln.
 

Madame, groß, zu weiß und frostig, sah kaum nach „Sofronie” aus.

– Wollen Sie mein Haar kaufen?
fragte Della.

– Ich kaufe Haar
sagte Madame.  Nehmen Sie den Hut ab, damit wir es einmal ansehen können.
 

Der braune Wasserfall stürzte in Wellen herab.

– Zwanzig Dollar
  sagte Madame, mit kundiger Hand die Masse anhebend.

– Geben Sie nur schnell her
, sagte Della.

Oh, und die nächsten beiden Stunden trippelten auf rosigen Schwingen. Nehmen Sie es nicht so genau mit der zerhackten Metapher. Sie durchwühlte die Läden nach dem Geschenk für Jim. Schließlich fand sie es. Bestimmt war es für Jim und für niemand sonst gemacht. Keins gab es in den Läden, das diesem glich, und sie hatte in allen das Oberste zuunterst gekehrt. Es war eine Uhrkette aus Platin, einfach und edel im Dessin, die ihren Wert auf angemessene Weise durch das Material und nicht durch eine auf den Schein berechnete Verzierung offenbarte – wie es bei allen guten Dingen sein sollte. Sie war sogar der Uhr würdig. Kaum hatte sie die Kette erblickt, als sie auch schon wusste, dass sie Jim gehören müsse. Sie war wie er. Überlegene Ruhe und Wert – das passte auf beide.



Einundzwanzig Dollar nahm man ihr dafür ab, und mit den siebenundachtzig Cent eilte sie nach Hause. Mit dieser Kette an der Uhr konnte Jim wirklich in jeder Gesellschaft um die Zeit besorgt sein. So großartig die Uhr war, manchmal blickte er wegen des alten Lederriemchens, das er an Stelle einer Kette benutzte, nur verstohlen nach ihr. Als Della zu Hause angelangt war, wich ihr Rausch ein wenig der Vorsicht und der Vernunft. Sie holte ihre Brennschere heraus, zündete das Gas an und machte sich ans Werk, die Verheerungen auszubessern, die von Freigebigkeit in Verein mit Liebe angerichtet worden waren. Was stets eine gewaltige Aufgabe ist, liebe Freunde – eine Mammutaufgabe.

Nach vierzig Minuten war ihr Kopf dicht mit kleinen Löckchen bedeckt, mit denen sie wundervoll aussah, wie ein schwänzender Schuljunge. Lange, sorgfältig und kritisch betrachtete sie ihr Spiegelbild.

– Wenn mich Jim nicht umbringt, bevor er mich ein zweites Mal ansieht, wird er sagen, ich sehe aus wie ein Chormädel von Coney Island
meinte sie bei sich. Aber was – oh, was hätte ich denn mit einem Dollar siebenundachtzig anfangen sollen?


Um sieben war der Kaffee gekocht, und die Bratpfanne stand hinten auf der Kochmaschine, heiss und bereit, die Kotelette zu braten.
Jim verspätete sich nie. Della ließ die Uhrkette in ihrer Hand verschwinden und setzte sich auf die Tischkante nahe der Tür, durch die er immer eintrat.

Dann hörte sie seinen Schritt auf der Treppe, unten, auf den ersten Stufen, und wurde einen Augenblick blass. Sie hatte sich angewöhnt, wegen der einfachsten Alltäglichkeit stille kleine Gebete zu murmeln, und jetzt flüsterte sie

– Bitte, lieber Gott, mach, dass er mich noch hübsch findet.



Die Tür öffnete sich, Jim trat ein und schloss sie. Er sah mager und sehr feierlich aus. Armer Junge, er war erst zweiundzwanzig – und schon mit Familie belastet! Er brauchte einen neuen Mantel und hatte auch keine Handschuhe. Jim blieb an der Tür stehen, reglos wie ein Vorstehhund, der eine Wachtel ausgemacht hat Seine Augen waren auf Della geheftet, und ein Ausdruck lag in ihnen, den sie nicht zu deuten vermochte und der sie erschreckte. Es war weder Ärger noch Verwunderung, weder Missbilligung noch Abneigung, noch überhaupt eins der Gefühle, auf die sie sich gefasst gemacht hatte. Er starrte sie nur unverwandt an mit diesem eigentümlichen Gesichtsausdruck.Della rutschte langsam vom Tisch und ging zu ihm.

– Jim, Liebster
, rief sie –, sieh mich nicht so an. Ich hab' mein Haar abschneiden lassen und verkauft, weil ich Weihnachten ohne ein Geschenk für dich nicht üherlebt hätte. Es wird wieder wachsen – du nimmst es nicht tragisch, nicht wahr? Ich musste es einfach tun. Mein Haar wächst unheimlich schnell. Sag mir fröhliche Weihnachten, Jim, und lass uns glücklich sein. Du ahnst nicht, was für ein hübsches, was für ein schönes, wunderschönes Geschenk ich für dich bekommen habe.

– Du hast dein Haar abgeschnitten? – fragte Jim mühsam, als könne er selhst nach schwerster geistiger Arbeit nicht an den Punkt gelangen, diese offenkundige Tatsache zu begreifen.

– Abgeschnitten und verkauft
sagte Della. Hast du mich jetzt nicht noch ebenso lieb? Ich bin auch ohne mein Haar noch dieselbe, nicht wahr?


Jim blickte neugierig im Zimmer umher.
 Du sagst, dein Haar ist weg? bemerkte er mit nahezu idiotischem Gesichtsausdruck.

– Du brauchst nicht danach zu suchen. – sagte Della. – Ich sag' dir doch, es ist verkauft – verkauft und weg. Heute ist Heiligabend, Jungchen. Sei nett zu mir, denn es ist ja für dich weg. Vielleicht waren die Haare auf meinem Kopf gezählt
fuhr sie mit einer jähen, feierlichen Zärtlichkeit fort –, aber nie könnte jemand meine Liebe zu dir zählen. Soll ich die Kotelette aufsetzen, Jim?

Jim schien im Nu aus seiner Starrheit zu erwachen. Er umarmte seine Della.

Wir wollen inzwischen mit diskreten Forscherblicken zehn Sekunden lang eine an sich unwichtige Sache in anderer Richtung betrachten.

Acht Dollar die Woche oder eine Million im Jahr – was ist der Unterschied?

Ein Mathematiker oder ein Witzbold würden uns eine falsche Antwort geben.

Die Weisen brachten wertvolle Geschenke, aber dies war nicht darunter. Diese dunkle Behauptung soll später erläutert werden.



Jim zog ein Päckchen aus der Manteltasche und warf es auf den Tisch.

– Täusch dich nicht über mich, Dell sagte er. Du darfst nicht glauben, dass es etwas wie Haare schneiden oder stutzen oder waschen mich dahin bringen könnte, mein Mädchen weniger liebzuhaben. Aber wenn du das Päckchen auspackst, wirst du sehen, warum du mich zuerst eine Weile aus der Fassung gebracht hast.

Weiße Finger rissen hurtig an der Strippe und am Papier. Und dann ein verzückter Freudenschrei, und dann – ach! – ein schnelles weibliches Hinüberwechseln zu hysterischen Tränen und Klagen, die dem Herrn des Hauses den umgehenden Einsatz aller Trostmöglichkeiten abforderten.
Denn da lagen die Kämme – die Garnitur Kämme, die Della seit langem in einem Broadway-Schaufenster angeschmachtet hatte.

Wunderschöne Kämme, echt Schildpatt mit juwelenverzierten Rändern – gerade in der Schattierung, die zu dem schönen, verschwundenen Haar gepasst hätte. Es waren teure Kämme, das wusste sie, und ihr Herz hatte nach ihnen gebettelt und gebarmt, ohne die leiseste Hoffnung, sie je zu besitzen.

Und nun waren sie ihr eigen; aber die Flechten, die der ersehnte Schmuck hätte zieren sollen, waren fort.




Doch sie presste sie zärtlich an die Brust und war schließlich so weit, dass sie mit schwimmenden Augen und einem Lächeln aufblicken und sagen konnte:

– Mein Haar wächst so schnell, Jim!

Und dann sprang Della auf wie ein gebranntes Kätzchen und rief:
–  Oh, oh!

Jim hatte ja noch nicht sein schönes Geschenk gesehen.

Ungestüm hielt sie es ihm auf der geöffneten Hand entgegen. Das leblose, kostbare Metall schien im Abglanz ihres strahlenden, brennenden Eifers zu blitzen.

– Ist die nicht toll, Jim? Die ganze Stadt hab' ich danach abgejagt. Jetzt musst du hundertmal am Tag nachsehen, wie spät es ist. Gib mir die Uhr. Ich möchte sehen, wie sich die Kette dazu macht.

Statt zu gehorchen, ließ er sich auf die Chaiselongue fallen, legte die Hände im Nacken zusammen und lächelte.
 „Dell”, sagte er, „wir wollen unsere Weihnachtsgeschenke beiseite legen und eine Weile aufheben. Sie sind zu hübsch, um sie jetzt schon in Gebrauch zu nehmen. Ich habe die Uhr verkauft, um das Geld für die Kämme zu haben. Wie wäre es, wenn du die Kotelette braten würdest?”


Die Weisen waren, wie ihr wisst, weise Männer – wunderbar weise Männer –, die dem Kind in der Krippe Geschenke brachten. Sie haben die Kunst erfunden, Weihnachtsgeschenke zu machen. Da sie weise waren, waren natürlich auch ihre Geschenke weise und hatten vielleicht den Vorzug, umgetauscht werden zu können, falls es Dubletten gab.

Und hier habe ich euch nun schlecht und recht die ereignislose Geschichte von zwei törichten Kindern in einer möblierten Wohnung erzählt, die höchst unweise die größten Schätze ihres Hauses füreinander opferten. Doch mit einem letzten Wort sei den heutigen Weisen gesagt, dass diese beiden die weisesten aller Schenkenden waren. Von allen, die Geschenke geben und empfangen, sind sie die weisesten. Überall sind sie die weisesten. Sie sind die wahren Weisen.