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Die drei Synagogen des Konzentrationslagers


Bei der Veröffentlichung der „Rassengesetze“ von 1938, 9170 jüdische Ausländer aufhielten sich mit Genehmigung in Italien. Viele von ihnen lebten dort jahrzehntelang, andere flohen dorthin nach den Nürnberger Gesetzen von 1935, wegen der völligen Entrechtung – einschließlich der Ausbürgerung –, und der Judenverfolgung durch das NS-Regime. 1938 begann für sie die Odyssee auch in Italien. Ihre Route leitete meist über Genua. Viele von ihnen waren Studenten, von den besten Schulen Osteuropas, die ihre Studien in Italien beginnen und hoffentlich auch beenden wollten. Ihre persönliche Akten können noch an den Universitäten von Genua und anderer italienischen Städten gefunden werden, einschließlich ihrer Registerdaten sowie der Informationen über ihr Studien, die bestandenen Prüfungen, Noten, Thesen, die Adressen in ihrer Heimat und in Italien. Am oberen Rand von vielen Akten zeigt ein Stempel die Gehörigkeit des Studenten zur jüdischen Rasse. Die Wanderung von Universität zu Universität in der Hofnung, ihr Studium abzuschließen, machte „wandernde jüdische Studenten “ von allen.



Ihre Wanderung endete 1940, als sie alle in die Konzentrationslagern für ausländische Juden aus osteuropäischen Ländern interniert wurden. Eines davon wurde neben Ferramonti di Tarsia im süditalienischen Kalabrien aufgestellt. Das Lager wurde in einer sumpfigen Region errichtet, als eine Erweiterung der Kasernen für die Arbeiter der Firma Parrini, die die Entwässerung durchführten. Obwohl das Gebiet nicht den Anforderungen des Innenministeriums entsprach, gelang es Parrini, über seine Verbindungen eine Konzession an die Erweiterung des Lagers zu erhalte, und die ersten jüdischen Internierten als seine Arbeiter zu registrieren. Darüber hinaus gelang es ihm, die entsprechende Nahrungsversorgung für die Internierten zu erhalten.

Das Lager von Ferramonti

Das Innere einer Baracke in Ferramonti

Ferramonti war eher ein Dorf als ein Konzentrationslager, und aus mehr als einem Grund. Einige der Lagerkommandanten waren extrem humane Personen, sowie der erste von ihnen, Paolo Salvatore. Die Gefangenen, die meist hochqualifizierte Fachleute waren, verhielten sich immer in intelligenter und kooperativer Weise. Auch das großzügige und empfangene Verhalten der örtlichen Bevölkerung trug wesentlich dazu bei, ebenso wie das Dasein eines Mönchs aus dem Vatikan, der in erster Linie nicht spirituelle, sondern praktische Aufgaben leistete.

Pater Callisto Lopinot

Wegen der milden Behandlung des Lagerkommandanten Paolo Salvatore ging das Leben auf dem erträglichsten Weg im Lager. Er nie verweigerte eine Ausreisegenehmigung, wenn es notwendig war. Die Leute konnten Fotos machen und Radio hören. Man hat eine Grundschule errichtet, und Salvatore selbst nahm die Kinder regelmäßig mit dem Auto ins Dorf für ein Eis, oder fuhr sie auf seinem Motorrad um das Lager herum.

Paolo Salvatore

Das Lager hatte eine eigene Bibliothek, wo eine kleine Lokalzeitung gedruckt wurde. Sie hatten ihre eigene Bäckerei, wo auch rituelle Matze gebacken wurde, sowie eine Schneiderei, wo das Kleid der Gefangenen nach Größe zugeschnitten wurde.



Das Lager hatte sein eigenes Parlament, wohin jede Baracke einen Vertreter delegierte. Die Verträter wählten dann den „obersten Führer“, der mit den Kommandanten über die Angelegenheiten des Lagers verhandelte.

Rabbiner Pacifici im „Parlament“ von Ferramonti

Die Familien wurden nicht getrennt, und es hielte auch Hochzeiten. Einundzwanzig Kinder wurden in Ferramonti geboren.

Jüdische Hochzeit

Kinder in Ferramonti

Da sie alle Juden waren, gab es in Ferramonti so viele wie drei Synagogen. Eine Orthodoxe, eine Reformsynagoge, und eine dritte für die zionistische Betar-Organisation.

Das Innere einer der drei Synagogen

Kultur und Sport halfen, die verschiedene Gruppen zu verbinden. Es wurden Konzerte, Theateraufführungen, Lesungen, Poesiewettbewerbe veranstaltet. Viele der Gefangenen waren Künstler, für die eine besondere Baracke als Atelier aufbehalten war. Hier arbeitete zum Beispiel Michel Fingenstein, der renommierter Maler und Exlibris-Künstler. Europa-Fußballmeisterschaften fanden ebenfalls statt. Vom jugoslawisch-polnischen Fußballspiel haben wir die volle schriftliche Chronik.

Am Klavier Lav Mirski; die beiden Sänger sind Gildin Gorin und Elly Silberstein

Die Studio-Baracke. Der erste von links ist Michel Fingenstein

Fußballspiel

Trotzdem waren Hunger und Insekten auch in Ferramonti daheim, zusammen mit dem Gefühl, dass etwas Schreckliches da draußen in der Welt passiert.

Die Internierten waren Juden aus Rom, Deutschland, Österreich und Polen, Exilanten aus Osteuropa, Juden aus Libyen, Laibach und Serbien, sowie die Passagiere des Pentcho. Der letztere Flussdampfer segelte aus dem Hafen von Bratislava in der Hoffnung, Palästina zu erreichen, aber er scheiterte neben der Insel Rhodos, die damals zu Italien gehörte.

Pentcho

Zu den Bewohnern des Lagers gehörten auch jugoslawische, griechische und chinesische Partisanen.

1943, als die deutsche Armee in Italien begann sich zurückzuziehen, waren die meisten der Internierten, vor allem die Jüngsten von den benachbarten Bauern in den Wäldern und in ihren Häusern verborgen. Der Mönch schaffte es, die Deutschen davon zu überzeugen, dass eine Cholera-Epidemie im Lager wütete, und damit ihr Eindringen zu verhindern. Das Lager wurde im September 1943 von den Briten befreit, die zugleich die Auswanderung nach Palästine verboten. Viele Menschen blieben dort bis zum Ende des Krieges, bevor sie entschieden, wo ihr neues Leben zu beginnen.

Die jüdische Brigade von Ferramonti


Viele von ihnen wurden berühmt als Künstler, Schriftsteller, Gelehrte oder Athleten. Der Berliner Arzt und Psychiater Ernst Bernhard wurde ein hervorragender Student von Carl Gustav Jung in Zürich. Richard Dattner aus Polen emigrierte in die USA, wo eir ein renommierter Architekt wurde. Oscar Klein aus Österreich wurde weltberühmter Jazz-Trompeter. Der in Budapest geborene Imi Lichtenfeld wurde einer der bedeutendsten Kampfkünstler des Jahrhunderts, ein Gründer der Krav Maga Selbstverteidigungstechnik und der israelischen Armee. Der jugoslawische Arzt David Melt wurde wiederholt für den Nobelpreis für die Entdeckung des Impfstoffs gegen die Dysenterie nominiert. Alfred Weisner war der Entdecker des Algida Eis-Prozesses, und Begründer des gleichnamigen Unternehmens.

Wie habe ich diese Geschichte gefunden? Durch den Dokumentarfilm Ferramonti, il campo ʻsospeso’ (Ferramonti, das „aufgehobene“ Lager) von Christian Calabretta, der von Rai Storia an einem Sonntagnachmittag aufgeführt wurde. Ich wollte sie tiefer kennenlernen, deshalb schrieb ich an Mario Rende, der Verfasser des bei Mursia veröffentlichten Essays Ferramonti di Tarsia. Durch ihn lernte ich besser die Gruppe der „Genua-Juden“ kennen. Ich verbrachte zwei Tage im Archiv der Universität Genua, wo ich die persönlichen Akten der Studenten, insbesondere der Medizinstudenten forschte.

Eine vollständige Liste der Internierten mit den Geburtsdaten und den Bedingungen der Internierung wurde von Anna Pizzuti erstellt, und ist nun vollständig im Internet forschbar: Ebrei stranieri internati in Italia durante il periodo bellico.

Wir kennen sogar die Gesichter von vielen, dank der von der Universität von Bologna und der Munizipalität von Ferramonti am Internet zur Verfügung gestellten Dokumentation. Ich auch veröffentliche einige von ihnen, aber ich bin sicher, dass viele weitere Bilder in den Familienalben gefunden werden können, die in Europa und auf der ganzen Welt verstreut sind. Die Bildunterschriften beinhalten die Namen der Personen, die Namen ihres Vaters und Mutter, Geburtsort und -datum.

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Auf Wunsch von Yolanda Bentham, der Tochter des 1913 in Lemberg geborenen und in Genua studierten David Ropschitz gelang es mir, mit mehreren Monaten Forschungsarbeit die Identität eines Kollegen und später Mitgefangenen und lieben Freundes ihres Vaters bestätigen.

David Ropschitz, Isaac Klein, Isacco Friedmann

Es war nicht einfach, denn die Geschichte von Isacco ist sehr verschieden von der der anderen Studenten. Er wurde 1914 in Brody geboren. 1921 kam er in Italien, wo sein Vater Leone, der im Ersten Weltkrieg gefangengenommen worden war, seine Frau und seinen Sohn nach ihm kommen ließ. In der genuesischen Festung Forte Begato, wo er seine Gefangenschaft verbrachte, fand er eine freundliche Umgebung, wo er seine Arbeit fortsetzen konnte. Brody war ein der bedeutendsten jüdischen Zentren der österreichisch-ungarischen Monarchie, die oft als „das österreichische Jerusalem“ genannt wurde, sowie ein Schlüsselpunkt des russisch-österreichischen Handels. Vor dem Krieg waren die Schneider mit 139 Werkstätten und kleinen Fabriken, die alle in jüdischen Händen waren, eine der bedeutendsten Industriezweige in der Stadt. Die Schneidergilde gehörte zu den einflussreichsten Korporationen, und besaß einen eigenen Rabbiner, der in der ganzen jüdischen Gemeinde hoch angesehen wurde.



Leones Entscheidung rettete das Leben seiner Frau Sara und des kleinen Isacco. Während der Nazi-Besetzung wurden alle jüdischen Einwohner von Brody, darunter die 16 Angehörigen von Isacco, getötet, die Mehrheit auf der Stelle, und der Rest in den Konzentrationslagern.

Der Eingang des Ghetto von Brody, 1942-1943

Juden von Brody warten auf die Deportation

Sara unternahm die große Reise durch ganz Europa. Sie war gezwungen, für eine Weile in Prag zu bleiben, weil der kleine Isacco Typhus bekam. Als sich die Familie wieder vereinigte, dämmerte ein neuer Boom für die Friedmanns.

Von links nach rechts: Isacco (Iso), seine Mutter Sara, seine kleinen Brüder Giuseppe und Sigismondo (Gigi), die bereits in Italien geboren waren; und dahinter der Vater Leone

Isacco studierte in der Liceo Cassini. Am 11. July 1939 absolvierte er die Medizinischen Fakultät, und lebte damit ein ganz anderes Leben als seine jüdischen Mitschüler, die wegen der Rassengesetze ihre Familien und ihre Heimat verlassen mussten. Aber sein sorgloses Leben endete 1940 mit der Internierung in Ferramonti.

Isacco Friedmann (links) mit einer Gruppe von in Ferramonti internierten Ärzten

Isacco kam in Ferramonti mit der ersten Gruppe an, die das Lager für die späteren Ankünfte bewohnbar machte. Er gewann das Vertrauen des Lagerkommandanten Salvatore, der ihn in das nahe gelegene Lungro versetzte, praktisch unter freien Bedingungen. Als er aber seine ärztlichen Dienste kostenlos und mit Erfolg den Einheimischen anbot, hat der örtliche Arzt ihn angezeigt, deshalb musste er ins Lager zurückkehren. Dort blieb er bis zum 30. Juli 1942. Danach wurde er nach Santo Stefano D’Aveto in der Nähe von Genua abkommandiert, wo er bis 12. November 1943 blieb. Um eine Verhaftung zu vermeiden, zog er dann sich in die Berge zurück, wo er, wie sagte, die zwei schlimmsten Jahre seines Lebens verbrachte. Nach dem Krieg hatte er eine erfolgreiche medizinische Karriere, wurde verheiratet und hatten einen Sohn, und ist er noch, im Alter von 102, ein brillanter, gebildeter und charmanter Gentleman, wie ich es erfahren habe, als wir uns persönlich trafen. Im August dieses Jahres teilten sie mit Yolanda, die aus England kam, ihre Fotos, unglaubliche Geschichten und nicht immer angenehmen Erinnerungen mit, die ein außergewöhnliches Zeugnis darüber ablegen, was in Ferramonti passiert worden war.

Inge und Isacco Friedmann (links) mit Yolanda Bentham

Auf Wunsch übersende ich gerne Kopien der Personalakten der genuesischen Studenten. Hiermit möchte ich Roberta Rabboni, Leiterin der Sekretariats der medizinischen und pharmazeutischen Fakultät Dank sagen, ohne deren Hilfsbereitschaft ich keinen Zugang zu diesem Material gehabt hätte. Und natürlich freue ich auf alle weiteren Erinnerungen oder Fotos, die ich mit den Forschern des Museums in Ferramonti teilen werde. Jeder kann zur Rekonstruktion dieser Geschichte beitragen, wer Zeuge all dieser Gewalt und Leidens war, aber auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft bewahrte. Und wer sich noch daran erinnert, dass Ferramonti im Grunde eine Geschichte der Rettung war.

Der Krieg von unten gesehen


„Der Krieg von unten gesehen“, schrieben wir gestern vor den Bericht über die Konferenz, die sich mit der Beziehung zwischen der Front und dem Hinterland, den Soldaten und ihren Familien, der Selbstorganisation der lokalen Gemeinschaften, die Kriegspostkarten und so weiter beschäftigte. Der Krieg wird jedoch wirklich von unten, aus einer echten grassroots perspective durch die Gefallenen gesehen. Sie wurden mit einem ungewöhnlichen Denkmal in der sardinischen Stadt Orgòsolo gedacht.


Die Wände von Orgòsolo wurden seit den 1960 Jahren von Wandbilder – von überraschend guter Qualität – eingerichtet, und von hier verbreiteten sie in die anderen Städten Sardiniens. Doch während in den anderen Orten man malt in den Regel traditionelle Szenen und Figuren an den Wänden der Häuser, die Mehrheit der Fresken in Orgòsolo sind politische Protestgemälden. Orgòsolo, im Herz der Barbagia, die geschlossene, archaische Bergregion Sardiniens, ist seit jeher das Zentrum des sardischen Unabhängigkeit und des Widerstands gegen die als Eindringling betrachtete italienische Macht. Es war vor allem so in den 1960er und 1970er Jahren, wenn sie die traditionelle Hirtenkultur gegen die staatliche Landenteignung verteidigten. Die ersten Wandbilder, über die wir im Detail in einem separaten Post schreiben werden, waren Ausdruck dieses Widerstands.


Das Wandbild in Frage schmückt die Ecke der Via Cadorna. General – unter Mussolini, Marschall – Luigi Cadorna war der Oberbefehlshaber der italienischen Armee im Ersten Weltkrieg. In der siegreichen Italien wurden viele Straße nach ihm benannt. Allerdings ist die Meinung der Historiker über ihn nicht so günstig. Laut David Stevenson war er „einer der gefühllosesten und inkompetentesten Kommandeure des Ersten Weltkriegs“, der glaubte, dass Disziplin allein alles löst. Er war äußerst grausam zu seinen Soldaten, während er wegen der mangelnden Organisation, Nachschub und militärischen Übersicht nicht einmal den kleinsten Erfolg auf der Isonzo-Front erreichen konnte. Zwischen 1915 und 1917 startete er elf großen Offensiven gegen die österreichisch-ungarischen Positionen, alle elf erfolglos, mit massiven Verlusten. Wenn dann am Ende Oktober 1917 die Mittelmächte bei Caporetto – heute Kobarid – in den Gegenangriff gingen, in ein paar Tagen fegten sie weg die italienische Armee, deren Mehrheit – 275.000 Soldaten – sich übergaben. Italien war nur mit französischer und britischer Unterstützung in der Lage, den Krieg zu beenden. Fast sechshunderttausend italienische Soldaten kamen an der Isonzo- und Piave-Front um.

„Zu einem brillanten Angriff soll man berechnen, wie viele Menschen das Maschinengewehr brechen kann, und man sendet in Angriff einen höheren Anzahl von Menschen. Jemand wird das Maschinengewehr erreichen.“
Luigi Cadorna: Briefe


Wenn das dankbare italienische Staat mit einem Straßenschild garantiert, dass der Name von General Cadorna für immer aufrechterhaltet seie, sichergestellt das als Kommentar daneben gemalte Wandbild, dass die Sarden – von denen besonders viele junge Menschen im Ersten Weltkrieg verloren wurden – genau wissen, was sie zu Cadorna verdanken. Der Text des Bildkommentars lautet wie folgt:

„General L. Cadorna, der Hauptverantwortliche für das Massaker des Ersten Weltkriegs.
Soldaten an allen Fronten getötet: 8 Millionen 740.000
Italienische Soldaten getötet: 571.000
Invaliden und Verstümmelten: 451.645
Verschwunden: 117.000
210.000 Soldaten wurden erschossen oder verurteilt, weil sie nicht mehr kämpfen wollten.
KILLER GENERÄLE!“


Und das in den Mund der jungen Witwe – und somit der ganzen Gemeinschaft – gegebene Soldatenlied des Ersten Weltkrieg stellt sicher, das auch die Erinnerung an Caporetto gepflegt seie:


E anche a mi’ marito tocca andare (Mein Mann muss auch gehen). Text und Aufnahme von hier

E anche al mi’ marito tocca andare
a fa’ barriera contro l’invasore,
ma se va a fa’ la guerra e po’ ci more
rimango sola con quattro creature.

E avevano ragione i socialisti:
ne more tanti e ’un semo ancora lesti;
ma s’anco ’r prete dice che dovresti,
a morì te ’un ci vai, ’un ci hanno cristi.

E a te, Cadorna, ’un mancan l’accidenti,
ché a Caporetto n’hai ammazzati tanti;
noi si patisce tutti questi pianti
e te, nato d’un cane, non li senti,

E ’un me ne ’mporta della tu’ vittoria,
perché ci sputo sopra alla bandiera;
sputo sopra l’Italia tutta ’ntera
e vado ’n culo al re con la su’ boria,

E quando si farà rivoluzione
ti voglio ammazzà io, nato d’un cane,
e a’ generali figli di puttane
gli voglio sparà a tutti cor cannone.
Mein Mann muss auch gehen, um eine
Sperre gegen die Eindringlinge zu setzen
aber wenn er in den Krieg zieht und stirbt
bleibe ich allein mit vier Kindern.

Die Sozialisten hatten Recht, dass so viele
stirben, und wir sind immer nicht aufgewacht
aber selbst wenn der Priester sagt, dass geh
und stirb, geh nicht, es gibt keinen Christ dafür!

Aber du, Cadorna, der nicht zufrieden bist
mit den vielen, die an Caporetto getötet hast
wir leiden und weinen hier die ganze Zeit
aber du, Hurensohn, das nicht einmal hörst


Ich interessiere mich nicht für deinen Sieg
weil ich spucke auf die Fahne
ich spucke auf ganz Italien, und ficke
in den Arsch den König mit seiner Arroganz

Und als es wird die Revoluzion geben
ich will dich töten, Hurensohn,
und alle bastarde Generäle
will mit Kanonen totschießen.


Rosa Postkarten 25



Absender: Károly Timó, 1. 1. Marschregiment
Addresse des Absenders: Martini Batallion Bányay Kompanie
Feldpost 350

FELDPOSTKARTE

Addresse: An das geehrte Fräulein Antonia Zajác
III. Bezirk, Kis-Korona Straße 52.
Budapest





Vorige Postkarten (graue Punkte):

• Galizien, 25 Juli 1915
• Galizien, 14 Juli 1915
• Galizien, 12 Juli 1915
• Galizien, 6 Juli 1915
• Galizien, 25 Juni 1915
• Galizien, 10 Juni 1915
• Debrecen, 5 Juni 1915
• Budapest, 1 Juni 1915
• Budapest, 1 März 1915
• Budapest, 10 Februar 1915
• Kecskemét, 30 Januar 1915
• Dukla Pass, 11 Januar 1915
• Felsőhunkóc, 4 Januar 1915
• Sztropkó, 31 Dezember 1914
• Budapest, 23 Dezember 1914
• Budapest, 21 Dezember 1914
• Budapest, 11 Dezember 1914
• Budapest, 2 Dezember 1914
• Budapest, 28 November 1914
• Budapest, 27 November 1914
• Budapest, 18 November 1914
• Budapest, 27 Oktober 1914
• Debrecen, 25 September 1914
• Szerencs, 28 August 1914
Mein lieber Sohn2 August

Heute erhielte ich deine lang ersehnte Postkarte, worauf ich so lange wartete. Warum schreibst du so selten? Es scheint, dass du dich in Siófok wohl fühltest, da du mir von dort nicht einmal eine Karte gesendet hast. Aber das spielt keine Rolle. Ich hoffe, dass du es nachholen wirst. Die Hauptsache ist, dass du dich wohl fühlst. Ich bin immer noch gut, aber ich kann nicht warten, um dich zu sehen. Was ist mit deiner Mutter, ist sie gesund? Sind Veronka und Mariska wohl? Noch keine Nachricht über Feri?

Auch Stefán schrieb in dieser Woche, sie haben zu wenig Arbeit. Über Kozma und Béla gibt es keine Nachrichten. Sie haben seit langem auch an sie nicht geschrieben.

Ich habe keine andere Nachrichten.

Unzählige Umarmungen und Küsse von
Károly.

Grüße auch an die Daheimgebliebenen.

Schreib mir eine Menge



[Runde Zahl. Die fünfundzwanzigste Rosa Postkarte an die Adresse von Kiskorona Straße 52, in Óbuda, nordöstliche Budapest.

Die Straße existiert noch, doch hat die Zeit ihre unermündliche Arbeit auf sie vollendet.

Gehen wir denn zumindest im Gedanken zum Ort, in Kiskorona Straße, wohin die Rosa Postkarten adressiert wurden.

Ein Detail der Übersichtskarte von Budapest, 1:5000

Die Straße liegt auf der Bergseite der Lajos Straße, die parallel zum Ufer der Donau führt. Es verzweigt von ihr am Királydomb (Königshügel). Zuerst hieß sie Kronen Gasse, die später als Kiskorona (Kleine Krone) übersetzt wurde. Sie endete an der westlichen Seite des Heiligen Geistes-Platz, in Richtung Polgár Straße. In einigen Zeitaltern trug die ganze Straße oder ein Teil davon den Namen des Märtyrer Malers Adolf Fényes. (Die Königshügel war eine seltsame Formation. Ein nur wenige Meter hoch Hügel, mit schmalen Grundstücken und Häusern, die von seiner Mitte radial abliefen. Zwischen 1930 und 1941 haben die Ausgrabungen das unter ihnen zusammengebrochenen Soldaten-Amphitheater von Aquincum zur Oberfläche gebracht.)

Auch wenn diese Straße nicht so wichtig war wie Lajos Straße, die Hauptstraße von Óbuda, doch hatte sie eine Menge von kleinen Restaurants, Handwerksbetriebe, und die berühmte Goldberger Textilfabrik. Das Perc (Minute) Straße, die Kiskorona Straße überquerte, erhielt seinen Namen nach den Handwerkern aus der Nachbarschaft, die „Mister Minit“-s der Zeit.

Wie Ernő Zórád in seinen Aquarellen den ehemaligen Viertel Tabán in eine schöne, sonnige Hanglage mit krummen Gassen zauberte, so idealisierte Gábor Kássa Óbuda, und die ehemalige Kiskorona Straße in ihr.

Gábor Kássa: Die Kiskorona Straße

Über Nummer 52 haben wir kein Bild, nur über das dritte Haus daneben. Das am Foto von Kiskorona Straße 58 dargestellte Haus soll dem spurlos verschwundenen ähnlich sein. Warum sollte es anders aussehen?


Bis Ende der fünfziger und sechziger Jahre hatte sich diese Óbuda völlig heruntergekommen, so dass es sollte nicht zu viel Herzschmerz verursacht haben, sie zu zerstören. Die Bulldozer starteten. Nur eine Reserve von einer kleinen Hausgruppe blieb intakt um dem ehemaligen Korona-Platz. Das Bild unten darstellt das als Museum für Gaststättengewerbe renovierte Haus, sowie dasjenige daneben, in dessen Fenster der Schriftsteller Gyula Krúdy für sein berühmtes Foto posierte. Auf der rechten Seite sieht man den heutige Zivilklub von Óbuda, und weiter nach rechts, bereits das Foto verlassend, das Haus und Atelier von Gyula Knöpfler, der Fotograf der Straße, das zu ein Altenheim befördert wurde.

Der Korona-Platz vom Grundstück eines zerstörten Nebenwohnblocks gesehen

Heute sieht man in der Stelle der geraden Zahlen die unendlichen zehnstöckigen Wohnblocks, und der ungeraden Zahlen einige Ruinen. Im 14. Jahrhundert gründete hier Königin Elisabeth, die Witwe von König Karl Robert von Anjou und die Mutter von Ludwig der Große das Kloster der Armen Klarissen. Jetzt nur die kaum sichtbare Ruinen sind hier zu finden.

Auf dem kürzlich erhöhten Mauer stehend kann man sich irgendwo hinter den Bäumen das nicht vorhandene Haus, das Nonplusultra der Träume vorstellen.

P.S. Ja, ich weiß, dass dass Gerät auf dem Bild oben kein Bulldozer ist.]

Rosa Postkarten 24.


Absender: Károly Timó, 1. 1. Marschregiment
Addresse des Absenders: Martini Batallion Bányay Kompanie
Feldpost 350

FELDPOSTKARTE

Addresse: An das geehrte Fräulein Antonia Zajác
III. Bezirk, Kis-Korona Straße 52.
Budapest





Vorige Postkarten (graue Punkte):

• Galizien, 14 Juli 1915
• Galizien, 12 Juli 1915
• Galizien, 6 Juli 1915
• Galizien, 25 Juni 1915
• Galizien, 10 Juni 1915
• Debrecen, 5 Juni 1915
• Budapest, 1 Juni 1915
• Budapest, 1 März 1915
• Budapest, 10 Februar 1915
• Kecskemét, 30 Januar 1915
• Dukla Pass, 11 Januar 1915
• Felsőhunkóc, 4 Januar 1915
• Sztropkó, 31 Dezember 1914
• Budapest, 23 Dezember 1914
• Budapest, 21 Dezember 1914
• Budapest, 11 Dezember 1914
• Budapest, 2 Dezember 1914
• Budapest, 28 November 1914
• Budapest, 27 November 1914
• Budapest, 18 November 1914
• Budapest, 27 Oktober 1914
• Debrecen, 25 September 1914
• Szerencs, 28 August 1914
Mein lieber Sohnam 25. Juli

Ich habe mit großer Freude bekommen die Nachricht, dass du in den Urlaub nach Siófok gingst. Sei nicht traurig, dass ich dieses Mal nicht mit dir sein kann. Nächstes Jahr werden wir es beim Horányi und anderswo nachholen. Ich halte auch meinen Zeitvertreib als Urlaub, auch wenn es ein bisschen seltsam ist. Aber man kann es annehmen.

Hier haben wir ein schönes Wetter, das mich an den letzten Sommer erinnert, jene unvergesslichen Tagen.

Ich hoffe, dass du mir von dort einige schönen Postkarten senden wirst, um meine langweiligen Tagen ein bisschen angenehmer zu machen. Ansonsten fühle ich mich gut, was ich dir von Herzen wünsche. Ich kann dir keine weitere Nachrichten schreiben.

Küsse und Umarmungen vom deinen lieben
Károly

wenn du schreibst, dann
schreib so viel wie möglich



[Dieses Jahr werden sie ihren Urlaub getrennt verbringen..

Es ist ein bisschen seltsam, aber im nächsten Jahr wird es anders sein.

Nach den Plänen.]

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Urlaub in Siófok, am Plattensee, Ungarn, 1917. Fotos von László Péchy von Fortepan. Sie würden nicht glauben, dass es ein großer Krieg gibt ein paar Zentimeter weiter auf der Karte.



Nächste Postkarte: 8 August 1915