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Das Meer in Zahesi


Ich habe die Kamera im Sommer 2014 in einem Geschäft in Tiflis gekauft. Ich habe sie zum Arbeitswerkzeug bestimmt. Ich kaufte eine Spiegelreflexkamera. Früher habe ich nur kleine Kompaktkameras benutzt.

In kurzer Zeit wurde das Arbeitswerkzeug zum Teil meiner Identität. Seine Verwendung radikal veränderte meine Beziehung zur Forschung. Die Kamera zwingt mich, durch ihrer Linse die Bedeutung der Orten und Menschen neu zu interpretieren. Der Bildausschnitt und die daraus folgenden Bilder sind nicht das Ergebnis eines zufälligen Klicks. Im Gegenteil, ich möchte einen bewussten visuellen Bericht über den Gegenstand meiner Forschung geben. Das Bild ist nicht bloß der Anblick auf den von mir unabhängig existierenden Raum und Menschen, sondern der Abdruck eines innigen und ständigen Dialogs zwischen uns, wo Ästhetik und Praxis in einem unwiederholbaren Moment übergehen.

„Was die Fotografie endlos reproduziert, hat nur einmal stattgefunden: sie wiederholt mechanisch, was sich existentiell nie mehr wird wiederholen können. Die Fotografie ist das absolute Besondere, die unbeschränkte Kontingenz, sie ist das Bestimmte (eine bestimmte Fotografie nicht die Fotografie), kurz, das Glück, der Zufall, das Zusammentreffen, das Wirkliche in seinem unerschöpflichen Ausdruck.“ (R. Barthes, Camera Lucida 1)

Die Flexibilität und die Funktionalität des Werkzeugs ermöglicht es mir, die Umwelt und die Leute um mich herum ständig neu zu interpretieren. Schnell entdeckte ich, dass selbst wenn ich Fotos über den gleichen Platz mache, passen sich meine Bilder nicht nur zu den momentanen Bedürfnissen der Forschung und den beabsichtigten Beschreibungen, sondern, als das Fotografieren bereits zu einem Teil von mir geworden ist, auch zu meinen momentanen Stimmungen und Visionen. Es ist auch sehr interessant, die Kamera in die Hände meiner Informanten zu geben, damit sie ihre Aufnahmen machen. Diese Bilder sind „von Innen gesehene“ Ansichten der Wirklichkeit, ihre noch persönlicher Vorstellungen.


Ich laufte auf den Treppen des Hochhauses ab. Ich wollte auf der Hauptstraße durchgehen, die den Zahesi-Viertel halbiert, und zum Jvari-Kloster führt. Ich war von Begeisterung erfüllt über das Gerät in meiner Hand, über die Idee, das ich die Wirklichkeit um mich herum schließlich – und auch für mich selbst – erzählen kann.

Ich bin zu einem bisher unbekannten Teil des Viertels gelangen. Einige Frauen unterhalteten sich selbstvergessen, die schwarzen Konturen ihrer Kleidung zeichneten sich scharf gegen den grauen Wohnblocke ab. Ich fragte sie über den Weg. Sie starrten auf die Kamera, einer von ihnen deutete zerstreut in irgendwelche Richtung. Ich folgte in jener Richtung. Bald fand ich ein kleines, von der Vegetation halb überwuchertes Gebäude. Am glatten Wand, kräftige Figure von Tänzern und Musikern, versteift nur durch die Unbeweglichkeit des grauen Materials, das nicht zu den Träumen passt. Nach den Blockhäusern, schließlich etwas, um mein Gerät zu testen. Es war nicht einfach. Ich fühlte dass ihc noch nicht empfindlich genug war. Nach ein paar Klicks verließ ich den Ort mit verknappten Selbstvertrauen.

Aber die helle Sonne versprach alles gut. Ich kümmerte weniger mit dem neuen Spielzeug, und mehr damit, dass ich ein geeignetes Objekt finde, als ob Robert Capa nach Tiflis zurückkehrte. Üppige Vegetation ringsum, ein paar verfallene Betonbauten, sonst nichst. Ein paar kleine Jungen kamen auf mich auf der Straße, sie lachten, entweder über einander, oder über mich. Ich habe sie nicht gefragt. Ich musste mein Thema selbst finden. Nach einem langen Spaziergang scheinte der Anblick eines blauen Flecks durch die Zweige. Vielleicht ein alter Brunnen, oder ein Spielplatz. Ich habe es nie kennengelernt. Fische, Wellen, Algen. Die winzigen Steine des Mosaiks wurden sorgfältig vom Arbeiter oder Künstler angeordnet, der persönlich von Breschnew, oder vielleicht nur von einem lokalen Funktionär beauftragt wurde, eine gewisse Lebendigkeit in die Wohnsiedlung zu bringen. Das Meer in Zahesi. Kitano in Zahesi.


Kelaptari: Sacekvao. Vom Album Georgian Dancing Melodies (2012).

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Der hebräische Seemann


Pola ist eine charmante Kleinstadt auf der istrischen Halbinsel, in der tiefen Bucht der Adria. Sie hat ein römisches Amphitheater und ein Siegestor, einen mittelalterlichen Hauptplatz und ein Renaissance-Rathaus, eine venezianische Festung, eine Markthalle aus der Zeit der Monarchie, und ein permanent geschlossenes archäologisches Museum. Und vor hundert Jahren hatte sie auch einen Militärhafen.

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Die Karte von Pola aus dem Baedeker Österreich-Ungarns von 1910. In hoher Auflösung hier. Durch einen Klick auf einen beliebigen Punkt können Sie die alten Postkarten durchblättern.

Die österreichische Marine wahlte 1859 den Hafen von Pola als ihre Hauptbasis und das Zentrum des Schiffbaus aus. So blieb es bis zum 31. Oktober 1918, dem letzten Tag des Krieges, wenn einige von D’Annunzio inspirierten italienischen Offiziere führten die spektakulärste Heldentat der italienischen Marine aus, und sprengten in die Luft im Hafen von Pola das Kriegsschiff Viribus Unitis, das Flaggschiff der Monarchie. Der einzige Schönheitsfehler des Unternehmens war, dass die Helden wussten nicht, dass der Krieg schon vorbei war, und das Schiff dem neu gegründeten südslawischen Staat übergeben geworden war, dessen vierhundert Schiffsmänner bei der Explosion starben.

Dies zeigt auch, dass die Mannschaft der Flotte immer multi-ethnisch war, wie die Monarchie selbst. Heute fühlen insbesondere die Tschechen eine Sehnsucht nach das erste und letzte Meer ihrer Geschichte – wenn wir dasjenige nicht zählen, das Shakespeare gab ihnen –, und im letzten Jahr gedachten sie mit einer großen Ausstellung und einigen Memoiren der tschechischen und mährischen Schiffsleute der Monarchie, worüber wir bald berichten werden. Nach den Statistiken erfüllten sie und die Deutschen meist technische und organisatorische Aufgaben, die Mehrheit der Kanoniere waren ungarisch, während die Matrosen meist italienisch und kroatisch. Aber wir wissen auch über russinische, polnische und rumänische Schiffsleute, und um die Jahrhundertwende dienten auch vier jüdischen Seeoffizieren in Pola. Allerdings gab es nur einen hebräischen Seemann in der Monarchie: Aurél Göndör, der populäre Komiker von Budapest.



Aurél Göndör: Héber tengerész (Der hebräische Seemann), um 1909

Tudja rólam mindenki, hogy nem vagyok merész
Leider mégis vagyok én egy héber tengerész.
Tauli * lettem, be is hívtak engemet Pólába
S ott tartottak tengerésznek ebbe a gúnyába

Refr:
Hej, mondd Lipi, hitted-e, hogy tengerész leszel
Hogy életedben a hajón szolgálatot teszel
No de sebaj, nem busulok, sorsom bár nehéz:
Én vagyok az egyedűli Jordán-tengerész.

Hogyha már a kegyetlen sors engem idetett,
Ó, Jehova, hallgasd meg az én kérésemet:
Zsidó vagyok, vitorlázom sima Adrián,
Add meg nékem, Jordán vizén legyek kapitány.

Refr, azzal az utolsó sorral:
…én vagyok az egyedűli zsidó tengerész.

Hogyha járnak dühös szelek, s minden háborog
A hajó kész ringlispíl, amely forog-forog.
Én áthajlok a korláton, s mérgem kiadom
Fájó lelkem ott kóvályog zsidó piacon (?)

Refr:
…én vagyok az egyedűli Jordán-tengerész.

Én Istenem, hogy hiányzik a hajón a nő.
Éjjel csupa tűz a testem, és a fejem fő.
A tengertől ovakodjék Izráel szent népe:
Csak álmában áll előtte Vénusz asszonyképe.

Refr:
Lipi, Lipi, ne busulj, ha letelik időm
Hazamegyek, szabad leszek, lesz is szeretőm
Szőke-barna, mindenfajta, zsidó-keresztény,
Minden leány így kiált: Lipi derék legény!
Jeder weiß dass ich nicht abenteuerlich bin,
Leider bin ich trotzdem ein hebräischer Seemann.
Ich war tauli, * also wurde ich in Pola gebracht,
und dort als Seemann in dieser Uniform gehalten.

Refrain:
Hei, Lipi, hast du jemals gedacht, ein Seemann zu sein?
dass du jemals auf einem Schiff dienen werdest?
Es mach nichts, auch wenn dein Schicksal ist schwer:
Ich bin der einzige Jordan-Seemann.

Wenn der grausame Schicksal mich einmal hier brachte,
ach, Jehova, höre meine Bitte:
Ich bin ein Jude, ich segele auf der glatten Adria,
lass mich aber einmal Kapitän auf dem Jordan sein.

Refrain, mit dem letzten Vers:
…Ich bin der einzige jüdische Seemann.

Wenn böse Winde kommen, und alles aufwirbeln,
ist das Schiff ein Karusell, das immer nur umdreht.
Ich beuge mich über das Geländer, ich gieße meinen Zorn aus,
und meine Seele irrt auf dem jüdischen Markt um.

Refrain:
…Ich bin der einzige Jordan-Seemann.

Ach mein Gott, wie vermisse ich die Frauen auf dem Schiff!
In der Nacht ist mein Körper und Kopf all Feuer.
Behüte sich das heilige Volk von Israel vom Meer
wo man sieht die schöne Venus nur in Träumen.

Refrain:
Lipi, Lipi, es macht nichts, deine Zeit wird vorbei sein
Ich gehe nach Hause, ich werde viele Liebhaber haben.
Blondinen, Brunetten, alle Art, Juden und Christen,
alle Mädchen schreien: Lipi ist ein tapferer Bursche!

Ich bin nicht ganz sicher, wie ich „Jordan-Seemann” schreiben soll. Es kann kein Volksname (”jordanische Seemann“) sowie „hebräisch“ und „jüdisch“ sein. Der Autor konnte offensichtlich nicht das jordanische Königreich im Auge haben, das erst 1946 unabhängig wurde, und mit dem er sich onehin nicht identifiziert hätte. Vielleicht stellt er sich lieber als Matrose auf dem Jordan dar, wie er es auch in seinem Gebet bittet. Dieser Hinweis zeigt die post quem des Liedes, die Jahrhundertwende, wenn sowohl der Zionismus als der Sänger ihre ersten großen Erfolgen erzielten. Und die Tatsache, dass er sein Verlangen nach christliche Frauen offen verkünden kann, zeigt auf eine traurige ante quem, die er glücklicherweise nicht erlebte. Er starb 1917, noch vor der Auflösung der österreichisch-ungarischen Pola.

Ist es vielleicht er, Aurél Göndör, am Ausgang in Pola? (Fortepan)

…und im Dienst?

Die um 1909 veröffentlichte Grammophonscheibe wurde zusammen mit vielen anderen Scheiben Auréls Göndör vom Gramofon Online digitisiert. Und jetzt das Ungarische Jüdische Museum und Archiv von Budapest feiert mit sie ihre Zentenarausstellung, die morgen, Samstag Abend um 20:155 geöffnet wird. Wir empfehlen den Besuch allen unseren Lesern. Mazel tov!


Überblendung: Überquerung des Flusses

Anton Graff: Die Elbe unter Dresden, um 1800. Gemäldegalerie Alter Meister, Dresden

Überquerung der Elbe bei Sonnenaufgang, vorgestern


Walter schreibt:

Dániels neuer Post hat mich berührt, aber nicht mit Worten. Also antworte ich in derselben Art, aber der Kommentar von Blogger nimmt keine Bilder an.

Wir leben in der Altstadt von Kingston upon Hull, fünf Minuten zu Fuß von der Mündung der Humber, die sehr launischer Fluss ist (viel Hochwasser auf den Flussen, die die Humber nähren). An diesem Tag gab es keinen Ton außer dem traurigen Nebelhorn und den gedämpften Stimmen aus dem Boot, das auf der Flut auslief. Ich fühlte dieselbe Zeitlosigkeit, worauf Dániel anspielte.

Mehr als 2,2 Millionen jüdische Einwanderer fuhren durch Hull im Jahrhundert vor 1914. Die Familie meiner Frau, Hilary blieb hier vielleicht weil sie für den Weiterfahrt kein Geld hatten. Die örtliche jüdische Gemeinde ist jetzt im Niedergang, ein paar Hundert blieben, aber die Geschichte ist immer noch zu finden, in jenem Detail, wie es río Wang liebt.

Von Mallorca bis Alguer

Alguer/Alghero, Mallorca Straße

Echt Mallorca! siehe: Electri city

„Die Schule der Sprache von Alguer, im Dienst der Identität Alguers. Wer seine Sprache nicht schätzt, liebt nicht seine Heimat!“

Es gibt Länder, die durch das Meer getrennt sind. Und es gibt andere, die durch das Meer verbunden sind. Die unendliche Wasserfläche, die für uns, Festlandmenschen die Grenze der bewohnten Welt darstellt, ist für sie die bewohnte Welt selbst, mit einem dichten Netz von Straßen. Ihre Städte kehren den Rücken den feindlichen Bergen, sie sind zum Meer hin geöffnet, sie schauen einander an von den gegenüberliegenden Ufern des Meeres. Wie das ehemalige Griechenland, das ehemalige Karthago, die ehemalige venezianisch-dalmatinische Gemeinschaft. Und das ehemalige Katalonien.


Auf der Karte schrumpfte das ehemalige katalanische Seereich erheblich. Es enthält nicht mehr Sizilien, weder Provence, Neapel oder Malta, viel weniger das Herzogtum Athen. Aber immer noch gibt es einen kleinen gelben Fleck irgendwo im Osten, in der Ecke von Sardinien, der diese Welt noch rund macht, und erlaubt ihr, ihre maritime Natur zu zeigen. Dies ist Alghero, im sardischen Alighèra, im lokalen sardischen Dialekt Liera. Auf Katalanisch Alguer.

Alguer, von hier

Im Mittelalter kämpften die beiden großen Seemächte, Katalonien – und sein Nachfolger, das Königreich von Aragon – und Genoa für Jahrhunderten um die Vorherrschaft über den östlichen Mittelmeerraum. Der Hafen von Alguerium, dieser herrliche Checkpoint wurde 1353 von den Katalanen von den geuesischen Doria erobert, und zu einem katalanischen Stützpunkt gemacht. Als die erste Beschreibung von Sardinien sagt über die auf der Insel gesprochenen Sprachen im Jahre 1759, zwei Generationen danach, dass Sardinien von Spanien unter piemontesische Herrschaft kam:

„Die auf Sardinien verwendeten Sprachen sind Sard, die natürliche Sprache des Landes, Spanisch und Katalanisch. Die erste ist die gemeinsame Sprache aller Art von Menschen, und die erste, die sie lernen. Es ist sehr schwierig zu schreiben, und somit wird es nur gesprochen. Jeder gebildete Mensch spricht Spanisch, und sie lehren es auch ihren Kindern. In dieser Sprache schreiben sie jeden Brief, Dokument, Schreiben, Vertrag, kurz gesagt, alles, was geschrieben werden muss. Die katalanische Sprache ist nicht allgemein, sie wird nur von den Einwohern von Alghero verwendet, und es wird auch in den meisten der weiblichen Klöstern gesprochen.“

Der örtliche dialekt des Katalanischen ist neben dem Italienisch immer noch eine Amtssprache in der Stadt. Es ist die Muttersprache von einem Viertel der Bevölkerung, aber praktisch jeder spricht es. Auf den in den Schulen und Universitäten Kataloniens, Valencias und Mallorcas ausgehängten Karten des katalanischen Sprachraums blüht stolz und wehmütig der kleine rote Punkt auf der Spitze von Sardinien, als Erinnerung an die einstige Größe und Zeichen der Zusammengehörigkeit. Wie die große katalanische Sängerin Maria Del Mar Bonet – von der wir oft zitierten – singt es in ihrem Lied Desde Mallorca a L’Alguer, Von Mallorca bis Alguer:


Maria Del Mar Bonet: Desde Mallorca a l’Alguer (2003, video hier)

Des de Mallorca a l’Alguer
els mocadors dels vaixells
van saludant-se a ponent,
les oliveres al vent,
antiga boira del cel,
fent papallones de verds.

Des de Mallorca a l’Alguer
la lluna diu cada nit:
«es mor la mar lentament».
El sol respon als matins:
«el foc avança roent,
per les muntanyes que veig».

Des de Mallorca a l’Alguer,
des de l’Alcúdia a l’Albuixer,
des de Maó a Cadaqués,
des de Montgó a es Vedrà,
des de Talltendre a Queixans,
de Porqueroles a Calp,
des de Mallorca a l’Alguer,
des de Dalt Vila a San Joan,
des de Tabarca a Forcall,
de Ciutadella a Llançà,
d'Espalmador a Alcanar,
de Torreblanca a Malgrat,
des de Mallorca a l’Alguer.

Vella remor de la mar:
les illes s’hi van gronxant,
i avui s'agafen les mans
des de Mallorca a l’Alguer.

Els mots que canta la gent:
vives paraules que entenc,
que tots parlam es mateix.
Von Mallorca bis Alguer
die Tücher der Boote
grüßen einander bei Sonnenuntergang
Olivenbäume im Wind
grüne Schmetterlinge in der alten
Nebel des Himmels

Von Mallorca bis Alguer
der Mond sagt jede Nacht:
„Das Meer stirbt langsam“,
die Sonne antwortet am Morgen:
„das rote Feuer bricht nach vorne
bis den Bergen am Horizont“.

Von Mallorca bis Alguer
von Alcúdia bis Albuixer
von Maó bis Cadaqués
von Montgó bis Vedrà
von Talltendre bis Queixans
von Porqueroles bis Calp
von Mallorca bis Alguer
von Dalt Vila bis San Joan
von Tabarca bis Forcall
von Ciutadella bis Llançà
von Espalmador bis Alcanar
von Torreblanca bis Malgrat
von Mallorca bis Alguer

das alte Rauschen des Meeres,
die Inseln wiegen auf ihm
sie geben sich die Hand
von Mallorca bis Alguer.

Die Worte, die die Leute singen
sind lebendige Worte, die ich verstehe,
weil wir alle sprechen auf der gleichen Weise

Der Golf von Alghero aus den sardinischen Bergen gesehen

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„Die Stadt von Alguer im Mondschein, mein Freund…“ Detail aus Salvador Esprius Gedicht Per a una suite algueresa, auf einem Obelisk im alten Hafen graviert

Tauwetter


Gestern, als ich aufgestanden bin, habe ich den Schrei der ersten Schwalbe gehört. Ich beeilte zum Fenster, um es zu öffnen, aber sie war schon weg. Ich habe sie nicht mehr gehört, aber dies bedeutet, dass der Himmel in jedem Augenblick von ihrem Schreien und Zickzack gefüllt werden kann. In Island ganz in der Nähe dieses Sees stießen wir auf einen Strand, wo Tausende von Küstenseeschwalben nisteten. Diese Vögel kommen und gehen von einem Polarkreis zum anderen. Es ist das am meistens reisende Tier der Erde. Es fliegt in der Regel 80.000 Kilometer pro Jahr.

Die Schwalben und Seeschwalben sind von einer unaufhaltsamen Schreierei beschäftigt, sie schwatzen, als ob sie viel Dringendes zu erzählen hätten. Reisende haben immer viel zu erzählen. Wenn nicht, dann haben sie nicht gereist. Der niederländische Botschafter erzählte durch mehrere Abende dem König von Siam über die Wunder seines fernen Landes, reichlich schmückend seine Geschichte über was für ein Land es ist, so flach und so viel vom Meer schikaniert, wie sie ihre Häuser bauen, wie sie ihre Leinwände weben, wie sie ihre Kleidung färben, über die sozialen Zeremonien und die religiösen Riten. Er erzählte ihm auch, dass „das Wasser in seinem Land manchmal in der kalten Jahreszeit so hart werde, dass Menschen auf sie gehen, und sie könnte auch einen Elefanten tragen, wenn es dort solche gäbe. Der König antwortete ihm: »Bisher habe ich die seltsamen Dinge, die du mir gesagt hast, geglaubt, denn ich dich als einen besonnenen und ehrlichen Mann betrachtete, aber jetzt bin ich sicher, dass du lügest.»“ *

Reisende müssen sehr vorsichtig sein, nicht zu lügen, wenn sie darüber erzählen, was sie gesehen haben.


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Die Fotos wurden an der Mündung des Gletschers Breiðamerkurjökull, am See Jökulsárlón, Island aufgenommen

Müdes Wasser


Palma, entlang des Parque del Mar, unter den Fenstern des Bischofspalasts,
wo das Wasser die Wand am meisten annähert.


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Das tschechische Meer


Lahvová pošta, Flaschenpost. Es scheint fast absurd, dass solch ein Begriff in einer Sprache, wo man so etwas nie begegnet, erschaffen wurde. Die Natur hat Tschechien das Meer verweigert. So wurde es zur Aufgabe der Literatur, es ihr zu schenken, wie Shakespeare im Wintermärchen, und Radek Malý in seinem kürzlich veröffentlichten Kindergedichtband Moře slané vody, Meer mit Salzwasser.

Zavřete oči.
Slyšíte, jak šumí?
Nadechnĕte se té vůnĕ.
Zašeptejte:
Čechy leží u moře.
Schließ die Augen.
Hörst du, wie es braust?
Atme diesen Duft ein.
Flüster: Böhmen
liegt am Meer.


Als Kind eines anderen Binnenlandes kann ich die Sehnsucht nach das Meer voll und ganz verstehen, als man versucht, aufgrund des blauen Himmels jenes andere Unendliche zu vorstellen, von Muscheln, Schiffe und Inseln träumt, bereitet sich in Kőbánya, ein Seemann zu werden, und schließlich die erste Begegnung.

První vzpomínka

Oči
mám plné
veliké slané vody

Objala zemi kolem pasu

Plujeme
Die erste Erinnerung

Meine Augen
mit dem großen
Salzwasser gefüllt

Es liegt die Erde um die Hüfte an

Wir schwimmen


Blessed shore, sagt Shakespeare über die tschechische Meeresküste, und so soll es wirklich sein. Aber er fügt hinzu: unpathed waters, undreamed shores, das nicht wahr sein kann, da es taucht immer wieder in den Träumen auf, man wandert es so oft kreuz und quer.

O cestĕ

Zeptej se moře na cestu
Řekne ti: všechny cesty jsou tu
Vítr tĕ vezme do všech koutů
a není snadné nalézt tu
jednu
která
nevede ke dnu
nekončí včera
nevede k zemi lidožroutů

Ale já ji najdu, tati
najdu ji, a pak se vrátím
Über den Weg

Frag das Mer über den Weg
es wird sagen: alle Wege sind hier
der Wind bringt dich in jede Ecke
aber es ist nicht leicht zu finden
den einen
derjenige
führt nicht in die Tiefe
endet nicht gestern
führt nicht ins Land der Menschenfresser

Aber, Vater, ich werde es finden!
Ich werde es finden, und dann kehre ich zurück.


Das Schönste in diesen Kindergedichten ist, dass sie nicht banal, nicht künstlicht, nicht affektiert lustig sind, wie die meisten von Erwachsenen für Kinder geschriebenen Gedichte. Sie sind geräumig und persönliche und zu fortsetzen, wie das Meer, wie der Traum. Und diese beiden verschmelzen sich an der tschechischen Küste.

Velrybo velrybičko

Vidĕl jsem velrybu
bylo to ve snu
byla jak ostrov Byla noc

Dlouze se dívala
až na dno klesnu
pak připlula mi na pomoc

Dokud jsou velryby
nebudem sami
na moři ani za noci

Ale až nebudou
co bude s námi?
Kdo připluje nám pomoc?
Wal, Wälchen

Ich sah einen Wal
es war im Traum
er war wie ein Insel. Es war Nacht

er schaute lang
in die Tiefe
dann schwamm er mir zu Hilfe

Solange es Wale gibt
bleiben wir nicht allein
auf dem Meer, noch in der Nacht

Aber wenn sie vorbei werden
was wird mit uns sein?
Wer wird uns zu Hilfe schwimmen?


Auch die Illustrationen, von Pavel Čech, sind wie Träume. Wie Kinderträume: ein wenig Salz, ein wenig Tinte, ein Lavoir Wasser – das endlose Meer. Und wie tschechische Träume. Vor der bröckeligen Mauer und dem zerschlissenen Rahmen, wer konnte nicht Josef Sudeks Lavoir erkennen, und von nun an, wer konnte nicht in Sudeks Lavoir und Gläser Pavel Čechs Meer sehen?