Posts mit dem Label aserisch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label aserisch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Schuscha, die Stadt der Wunder


„Als unsere berühmte Vorfahren, ach, Khan, in dieses Land kamen, wo sie einen großen und gefürchteten Namen erworben, schrien sie auf: „Kara bak!“ – „Siehe, dort gibt es Schnee!“ Seitdem heißt das Land Karabach. Sein älterer Name war Sjunik. Weil du musst wissen, ach, Khan, dass unsere Heimat ist sehr alt und berühmt. Die Karauli, dunkle Geister leben in unseren Bergen, und sie hüten unermessliche Schätze. Unsere Wälder haben heilige Steine, und heilige Quellen entspringen dort. Wir haben alles. Geh in die Stadt, und schau dich um – arbeitet jemand? Fast niemand! Ist jemand traurig? Niemand! Ist jemand nüchtern? Niemand! Du wirst erstaunt sein, mein junger Herr!

Ich war in der Tat erstaunt, an wie große Lügner diese Leute sind. Es gibt keine Märchen, die sie nicht erfinden würden, um ihre Heimat zu verherrlichen. Erst gestern versuchte ein stattlicher Armenier mich davon zu überzeugen, dass die christliche Kirche von Maras in Schuscha 5000 Jahre alt sei.

Schuscha ist die Stadt der Wunder. Sie wurde in den Bergen, auf einer Höhe von fünftausend Meter gebaut, in der Umarmung von Wälder und Flüsse. Armenier und Muslime leben hier friedlich nebeneinander. Seit Jahrhunderten war sie eine Brücke zwischen den Ländern des Kaukasus, Persien und der Türkei. Mit liebenswürdig kindlicher Übertreibung nennen die Einheimischen ihre kleine Lehmhütten „Paläste“. Sie sind nie müde, vor ihren Türen sitzend und ihre Pfeifen rauchend wieder und wieder aneinander zu erzählen, wie die Generäle von Karabach das russische Reich und den Zar selbst gerettet haben, und was für ein schreckliches Schicksal sie geschlagen haben würde, wenn sie ihren eigenen Schutz an jemandem anderem vertraut hätten.“


Kurban Said: Ali und Nino, 1938. (Der in Pariser Exil geschriebene
aserische Roman erzählt über der pre-1914 Schuscha)


Am späten Nachmittag kommen wir in die Stadt Schuscha, in Aseri Şuşa, in Armenisch Schuschi. Die Lehmhütten sind längst verschwunden, und sowjetische Wohnblocke besetzen ihren Platz. Von den Palästen, den im 18. und 19. Jahrhundert von geschnitzten Stein gebauten zweistöckigen Häusern stehen viele noch in der Altstadt. Was sie gemeinsam haben, ist, dass sie ganz oder teilweise ohne Dächer und ausgebrannt stehen.

Als wir auf den steilen Straßen heraufklettern, verstehen wir, warum Schuscha der Schlüssel zu Stepanakert im Karabach-Krieg war, warum die aserbaidschanische Artillerie noch im Februar 1992 hier anhielt, als die armenische Armee bereits in die benachbarte Khojaly marschierte, sie von ihrem Flughafen abschneidend und die aserische Bevölkerung der Stadt erschlagend; warum das armenische Hauptquartier in Stepanakert es übernahm, die Bergstadt auf Kosten eines massiven Blutverlusts zu belagern und einnehmen, und warum die Zerstör8ng von 8-9 Mai, des Tages des Sieges, auch ihnen den Sieg über Karabach brachte. Wir schauen von den Resten der Stadtmauer nach unten. Sechshundert Meter unter uns, nur wenige Kilometer entfernt liegt die Hauptstadt von Karabach, die die aserbaidschanische Artillerie vom 10. Januar ab vier Monate lang bombardierte, fast alle Häuser zerstörend, und etwa zweitausend Zivilisten tötend.

Der Hauptgrund für die Zerstörung von Schuscha war nicht so sehr die kurze Belagerung, sondern die armenische Zivilisten, die die Invasionsarmee folgend die Wohnungen der aserischen Bevölkerung, die aus die Stadt geflohen waren, geplündert und niedergebrannt haben. Aber dies war nicht die erste Zerstörung von Schuscha in diesem Jahrhundert. Nach dem ersten Weltkrieg, während des territorialen Konflikts zwischen der kurz unabhängigen armenischen und aserbaidschanischen Staaten, am Ende März 1920 haben die aserbaidschanische Armee und die aserischen Einwohner von Schuscha für drei Tage die armenische Bevölkerung der Stadt massakriert und das Armenierviertel zerstört. Von den von Kurban Said gelobten siebzehn Kirchen blieben nur zwei, die, aus Mangel an Gläubigen, das sowjetische System in Lagerhäusern umgewandelt überlebten. Von den 45 tausend Bewohnern der Vorkriegszeit blieben nur fünftausend. Deshalb konnte Ossip Mandelstam so spät wie 1931, während seiner kaukasischen Reise diese Zeilen aufzeichnen:

…Так, в Нагорном Карабахе,
В хищном городе Шуше
Я изведал эти страхи,
Соприродные душе.

Сорок тысяч мертвых окон
Там видны со всех сторон
И труда бездушный кокон
На горах похоронен.
...Und in Nagorno-Karabach,
in der zerstörten Stadt Schuscha
sah ich Dinge, die ebenso
schrecklich für die Seele waren.

Vierzigtausend tote Fenster
gähnen auf jeder Seite, und der
leere Kokon der ehemaligen Arbeit
als Friedhof auf dem Berg liegt.

Shusha, Ruinen des armenischen Viertels, um 1920

Heute ist die Situation umgekehrt. Die armenische Kathedrale wurde restauriert, ebenso wie mehrere Häuser in ihrer Nachbarschaft. Hier leben die viertausend Einwohner der Stadt – die vor 1992 15.000 Menschen hatte –, vor allem aus Aserbaidschan geflüchtete Armenier. Heute ist es das aserische Viertel, das tot ist.

Auf den ehemaligen Marktplatz ankommend fühlt es, als ob wir die Stadt verlassen hätten. Die Asphalt endet, wir stolpern im Schlamm, zwischen tiefen Pfützen von schmelzendem Schnee. Die Fenster der sowjetischen Wohnblücke gähnen schwarz und leer. Dem sowjetischen Kulturhaus ist nur die Fassade mit dem Stalinbarock-Tympanon geblieben. Am Ende des Platzes steht noch die 1787 gebaute Obere Moschee. Die schwarze Plakette vor ihr gibt es bekannt, dass sie unter staatlichen Schutz steht. Tatsächlich wurde der kleine aserische Friedhof in seinem Garten, im Gegensatz zu dem Friedhof von Julfa, nicht verwüstet. Der staatliche Schutz schützt aber nicht von der Zeit, die die Mosaikbedeckung der Minarette und die Bögen und Ziegelfassade der Moschee langsam zugrunde richtet. Auf Fotos aus 2007 haben die Minarette noch ihre Dächer. Heute sehen wir nur eine seltsame Struktur an ihrer Stelle, die wahrscheinlich zur Abhebung der Dächer diente, wenn sie bereits in Gefahr gerieten, von selbst zu fallen.

Schuscha, Obere Moschee, 1988

shusha3 shusha3 shusha3 shusha3 shusha3 shusha3 shusha3 shusha3 shusha3 shusha3 shusha3 shusha3 shusha3 shusha3 shusha3 shusha3 shusha3 shusha3 shusha3 shusha3

Unter dem Marktplatz, hinter dem ehemaligen Kulturhaus liegt die 1874 gebaute Untere Moschee, jetzt in ähnlichem Zustandt. Kinder spielen im Hof. Wenn sie uns erblicken, wenden sie sich an uns mit einem unerschrockenen Vertrauen, und zeigen sie uns die von unter den benachbarten Ruinen gesammelte Rüstkammer. „Aserbaidschaner. Sie wurden von den Aserbaidschanern hintergelassen.“ „Und wohin sind sie gegangen?“ „Zurück in Aserbaidschan.“ „Und ihr seid von dort gekommen?“ „Gar nicht. Wir sind aus Schuschi. Wir sind doch keine bezhentsy, Flüchtlinge!“

Sie zeigen uns die geheimen Treppe in die Minarette und an die Spitze der Kuppeln hinauf. Die Bögen des Gebäudes sind von unten gesehen noch intakt, aber von oben kann man sehen, dass zwischen den freiliegenden, ohne Dach verlassenen Kuppeln wachsen junge Bäume, die die Ziegelgewölbe langsam zersplittern werden.


Unsere Begleiter folgen uns, sie wollen uns alles zeigen. „Diese waren persische Häuser.“ „Nicht aserische?“ „Nein, nein. Die Aserbaidschaner lebten dort. Hier lebten die Perser.“ „Und was ist mit ihnen geschehen?“ „Sie sind auch weg.“ „Und dies war das Gefängnis“, zeigen sie auf den verfallenen Keller des Kulturhauses. Wir fragen nicht, wer hat wen dort eingesperrt.

shusha4 shusha4 shusha4 shusha4 shusha4 shusha4 shusha4 shusha4 shusha4 shusha4 shusha4 shusha4

Als wir auf der Hauptstraße zurückspazieren, nach dem Rat von Mustafa Agha prüren wir über, ob jemand arbeitet. Wir freuen uns zu sehen, dass man in fast jedem Torweg arbeitet, man packt Esel, schneidet Fleisch, näht und Töpfe macht, und ein Fotograf nimmt in seinem Studio auf, wie es war, als in Schuscha noch Armenier und Muslime friedlich nebeneinander lebten.

shusha1 shusha1 shusha1 shusha1 shusha1 shusha1 shusha1 shusha1 shusha1 shusha1 shusha1 shusha1 shusha1 shusha1 shusha1

„Ach, Khan“, sagte Mustafa Agha. „Deine Vorfahren führten Kriege, aber du bist im Haus der Weisheit gesessen, und du bist ein gebildeter Mann. Also hast du über Kunst gehört. Die Perser sind stolz auf Saʿadi, Hafez und Ferdausi, die Russen auf Puschkin, und im fernen Westen lebte ein Dichter namens Goethe, der ein Gedicht über den Teufel geschrieben hat.“

„Sind alle diese Dichter auch von Karabach?“ fragte ich ihn.

„Nein, mein edler Herr, aber unsere Dichter sind besser, auch wenn sie nicht bereit sind, ihre Worte in das Gefängnis der toten Buchstaben einzuschließen. Sie sind zu stolz, ihre Gedichte abzuschreiben. Sie singen sie.“



Qubanin ag almasi (Weiße Äpfel von Quba), in Bayati Shiraz Mugham-Modus, von Miralan Miralanov gesungen. Aus dem Album Aserbaidschanische Liebeslieder. Karabach, und insbesondere Şuşa waren das Zentrum der traditionellen aserischen Mugham-Musik.

shusha2 shusha2 shusha2 shusha2 shusha2 shusha2 shusha2 shusha2 shusha2 shusha2 shusha2 shusha2 shusha2 shusha2 shusha2 shusha2 shusha2

Sardinien 1959 – Aserbaidschan 2015

Was veranlasst uns, weit zu gehen? Weit im Raum, ich meine, wenn unser Raum eineschränkt scheint? Eher als der Raum, ist es die Suche nach die verlorene Zeit. Es gibt ein woanders, wo die verlorene Zeit noch vorhanden scheint. Wenn wir uns in diesen Welten eintauchen, finden wir eine langsamere Zeit, eine Isolation, die uns hilft, uns selbst zu hören. Wir verlassen unsere Rollen, und wir bekommen wieder uns selbst, mit unserem Lächeln, mit unserem Blick, oft mit unseren Schweigen. In diesen Schweigen finden wir, zusammen mit der Zeit, die verloren schien, eine reellere Welt, die für uns, für unser Leben aufgehört hatte zu existieren.

Nach der Heimkehr aus Aserbaidschan war der Vergleich mit Sardinien, worüber ich im früheren Post über das wunderbare Buch von Carlo Bavagnoli gesprochen habe, unvermeidlich. Auf den folgenden Doppelbildern die Fotos aus Xinaliq sind meine. Xinaliq war das meistbegehrte Ziel unserer Reise. Ich hatte über es das schöne Figli di Noè der herausragenden polnischen Reisenderin und Fotografin Monika Bulaj gelesen, dessen Einzelausstellung im letzten Monat in Mailand wir natürlich besucht haben, und wir sahen auch ihren Dokumentarfilm Figli di Noè.

Man kommt in Xinaliq nach vielen Kilometern in einer entfremdenden natürlichen Umgebung an. Das Gefühl ist sehr stark. Atemberaubende Ausblicke erschienen vor meinen Augen, und der Rest, die Personen und die Häuser enthüllten sich erst nach und nach. Xinaliq ist in meinem Herzen geblieben, und ich möchte zurückkehren, wenn es möglich wird. Nach Sardinien, wo aus der von Carlo Bavagnoli porträtierten Welt noch etwas geblieben ist, werde ich auf jeden Fall zurückkehren. Während der Wartezeit blättere ich gerne beide Bücher, sehe auf unsere Fotos an, und finde neue Analogien. Die in Xinaliq genommene Fotos sind keine gestohlene Bilder. Zwischen den Bildsubjekten und mir gab es immer ein Spiel der Blicke. Und, natürlich, der Schweigen.

sardegna3 sardegna3 sardegna3 sardegna3 sardegna3 sardegna3 sardegna3 sardegna3 sardegna3 sardegna3 sardegna3

Allah sei dir gnädig, Prokudin-Gorski

Einige unserer Besserwisser-Landsleute würden bei dem Wunsch „Allah rəhmət eləsin“ wahrscheinlich beeilen zu sagen, dass er, als nicht-muslimisch, kein rəhmət gewinnen könne. Als aber dieser Ausdruck in unserer Sprache aus der arabischen Grabinschrift-Formel „رحمة الله عليه“, das heisst, „Möge Allah ihm barmherzig sein“ kommt, der Wunsch hat bereits seinen Ziel erreicht, den All-Hörenden und All-Sehenden, den Gnädigsten und Barmherzigsten, so gibt es keinen Platz für weitere unnötige Worte.

Auch Mirza Jalil begann seine Novelle „Qurbanəli bəy von 1907 mit dem Motto „Qoqol, Allah sənə rəhmət eləsin“ das heisst, „Gogol, möge Allah dir gnädig sein“. Die kritische und satirische Schriften des klassischen Autors der russischen Literatur, Nikolai Wassiljewitsch Gogol (1809-1852) hatten einen großen Einfluss auf das Werk von Jalil Mammadguluzade (1869-1932), und sie trugen zum Geburt der „Molla Nəsrəddin“ Literaturschule bei.

Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski (1863-1944) gilt als einer der Pioniere der Farbfotografie. Der Grund, warum wir ihm „rəhmət“ wünschen ist, dass er der Schöpfer des wahrscheinlich ersten bekannten Farbfotos von Aserbaidschan und Aserbaidschaner war.

Wer war Prokudin-Gorski?

Es ist interessant, dass die Familie Prokudin-Gorski vom tatarischen Großherzog Murza Musa (1350-?) stammt, der zusammen mit seinen Söhnen von der Goldenen Horde zum Herzogtum von Moskau übertrat, und das orthodoxe Christentum und den Namen Pjotr aufnahm. Also der Halbmond und Stern auf dem Wappen der Familie ist ein Verweis auf die tatarischen Wurzeln, während die symbolische Darstellung eines Flusses auf den Neprjadwa, ein Nebenfluss des Dons, und auf die Teilnahme an der Schlacht von Kulikowo von 1380. In diesem Schlacht, der mit dem Sieg des Großherzogs Dmitrijs (1350-1389) über die Armee von Mamaj Khan (1335-1381) endete, verlor Pjotr alle seine Söhne. Herzog Dmitrij, der sich von diesem Schlacht den Beinamen Donskoj gewonnen hatte, gab Pjotr die Prinzessin Mariya aus Rurik-Dynastie zu Weib, und verlieh im das Land genannt Gora („Berg“ auf Russisch). So hat die Familie Gorski mit Pjotr Gorski begonnen, während sein Enkel Prokopij Alfjorowitsch (1420-1450) den Spitznamen Prokuda („übermütig“ auf Russisch) erhielt, so dass seine Nachkommen Prokudin-Gorski genannt wurden.

Aus der Kurzbiografie Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorskis ist es deutlich, dass er bis 1890, als er 27 war, sehr verschiedene Studien gemacht hat. Von 1883 bis 1886 studierte er im Alexander-Lyzeum, 1886-88 besuchte er naturwissenschaftliche Vorlesungen an der Fakultät für Physik und Mathematik der Universität Sankt Petersburg, 1888-90 war er Student an der kaiserlichen Militär-Medizinischen Akademie, nahm Teil an Malkursen an der Kaiserlichen Akademie der Künste, hatte ein ernsthaftes Interesse an der Geige, aber er hat nie seine formale Ausbildung in diesen Orten abgeschlossen. An der Universität Sankt Petersburg gehörte der berühmte Wissenschaftler Dmitrij Mendelejew (1834-1907) zu seinen Professoren, und er hat sein Interesse für die Chemie und Fotografie gerufen.

An dem Skuritskhali-Fluss. Selbstbildnis. Studie an Orta-Batum. 1912. Quelle: The Library of Congress.

Prokudin-Gorski wurde Mitglie der Abteilung der Technologie der Chemie, und später derjenigen der Fotografie der Kaiserlichen Russischen Technischen Gesellschaft, wo er von 1897 an Vorträge über seine fotografischen Experimenten hielt. 1901 eröffnete er seinen „fotozinkographischen und fototechnischen Studio“ in Petersburg. Im Jahr 1902, während seiner Reise in Deutschland studierte er bei den führenden Forschern der Farbfotografie, vor allem Adolf Miethe (1862-1927), und erwarb die modernste technische Ausstattung. Das erste Farbfoto war 1861 demonstriert geworden. Das dort angebrachte Prinzip der „Farbtrennung“ schlug vor, dasselbe Foto mit roten, grünen und blauen Filtern aufzunehmen, und während der Demonstration dieselbe Bilder durch den entsprechenden Filtern übereinander zu projizieren. Eines der Hauptprobleme war die Entwicklung von Fotoemulsionen, die eine korrekte Wiedergabe der Farben ermöglichten, und Prokudin-Gorski hat einen bedeutsamen Beitrag zur Forschung auf diesem Gebiet geleistet.

Prokudin-Gorskis Dreifarbenprojektor, und der Vorgang der Projektion. Viktor Minatschins Figur aus der Ausstellung The World of 1900-1917 In Color.

In den folgenden Jahren veranstaltete er Fabfoto-Projektionen, reiste zu den verschiedenen Regionen des russischen Reiches für Fotoaufnahme, und organisierte den Ausgabe von Farbpostkarten in seinem Studio. Sein Ruhm war noch mehr befestigt dadurch, dass er 1908 das Farbfoto des 80-jährigen lebenden Klassikers der russischen Literatur Lew Tolstoi (1828-1910) fertigte. Er wurde oft zu Empfängen der russischen High Society eingeladen, um seine Farbfoto-Projektionen aufzuführen.


„Lieber Lew Nikolajevitsch,
Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich die Gelegenheit, eine farbfotografische Platte zu entwickeln, die jemand, dessen Namen ich vergessen habe, von Ihnen gemacht hat. Das Ergebnis war extrem schlecht, da es scheint, dass der Fotograf nicht gut mit seiner Aufgabe vertraut war.
Fotografie in natürlichen Farben ist meine Spezialität, und es ist möglich, dass Sie vielleicht durch Zufall meinen Namen in der Presse gelesen haben. Nach vielen Jahren der Arbeit bin ich jetzt in der Lage, ausgezeichnete Wiedergabe von Bildern in Echtfarben zu leisten. Meine Farbdiaprojektionen sind so in Europa als in Russland bekannt.
Jetzt, als der Prozess der Fotoaufnahme mit meiner Methode und meiner Platten nur ein bis drei Sekunden erfordert, bitte ich um Ihre Erlaubnis, damit ich für einen oder zwei Tage Sie besuche (unter Berücksichtigung Ihrer Gesundheitszustand sowie des Wetters), und mehrere Farbbilder von Ihnen und Ihrer Gattin aufnehme…
Es scheint mir, dass ich durch die Wiedergabe Ihres Bildes in Echtfarbe einen Dienst für die ganze Welt leisten werde. Diese Bilder sind ewige – sie ändern sich nicht. Keine gemalte Wiedergabe kann solche Ergebnisse erzielen.

Sergei Mikhailovich Prokudin-Gorski“

„Dorffriedhof“. Farbpostkarte aus dem Studio Prokudin-Gorskis, Poststempel 19. Januar 1907. Quelle: Library of Congress


Eine Sonderdemonstration für Zar Nikolaus II und seine Familie in Mai 1909 gab einen großen Anstoß der kreativen Arbeit des Forschers. Durch die Farbbilder erstaunt, stellte der Zar an Sergei Michailowitsch zur Verfügung alle Transportkosten und Berechtigungen, die zur Dokumentation in natürlichen Farben aller Sehenswürdigkeiten in Russland nötig waren. Nach ein paar Wochen begann Prokudin-Gorski seine erste Expedition. Er plante, in zehn Jahren zehntausend Fotos zu bereiten. Trotz finanzieller Schwierigkeiten, Weltkrieg und Revolutionen gesammelte Sergei Michailowitsch ein wertvolles fotografisches Material auf seinen Reisen nach verschiedenen Provinzen, darunter mehrmals nach Turkestan und den Kaukasus, während er auch mit Farbfilm experimentierte. 1917 wurde der Romanow-Dynastie gestürtzt, und bald kam die bolschewistische Revolution. Bis dann gab es bereits etwa 3500 Fotos in Prokudin-Gorskis einzigartige Sammlung.

Prokudin-Gorski auf einer Draisine außerhalb Petrozavodsk, auf der Murmanbahn, 1915. Quelle: Library of Congress

Bei der ersten Gelegenheit emigrierte Prokudin-Gorski aus Sowjetrussland. 1918 wurde er auf einer Mission nach Norwegen geschickt, und er kam nie wieder zurück. Später lebte er in England, und von 1921 bis seinem Tod im Jahr 1944 in Frankreich. Interessanterweise konnte er Erlaubnis erhalten, einen Teil seiner Sammlung, umgefähr 2300 Negative nach Frankreich mitzunehmen. Mehr als 1200 Negative und 1000 Farbdias blieben in Sowjetrussia, und ca. 400 in Frankreich gespeicherten Negative gangen verloren. 1948 kaufte die US Library of Congress von den Söhnen Prokudin-Gorskis all, was aus der Sammlung geblieben wurde. Die derzeit in der Bibliothek aufbewahrte Sammlung besteht hauptsächlich aus den dreifachen Negativen von 1902 Fotos. Darüber hinaus enthalten 14 Registrierungalben die kleinen Schwarz-Weiß-Kopien dieser Fotos mit Erklärungen.

Diese wertvollen historischen Dokumente waren für die breite Öffentlichkeit für viele Jahre unbekannt. 2000 wurde die Sammlung digitalisiert, und für den offenen Zugang auf der Website der Library of Congress veröffentlicht.

Instagram Aserbaidschan, 1912

Die Prokudin-Gorski-Sammlung hat Dutzende von Fotos über Aserbaidschan. Von den Erklärungen unter den kleinen schwarzen und weißen „Thumbnail“-Bilder der Registrierungalben mit dem titel „Views in the Caucasus and Black Sea area“ kann man erfahren, wo sie aufgenommen wurden, und was sie darstellen.

Seite 33 des Albums „Views in the Caucasus and Black Sea area“. Quelle: The Library of Congress.

Die meisten Bilder wurden 1912 auf der Mughan-Steppe aufgenommen, und sie sind auf Seiten 33 bis 38 des Albums mit 44 Seiten registriert. Die Reihe beginnt mit dem Foto „Река Араксъ у Саатлы. Мугань“, das heisst, „Der Araz-Fluss in der Nähe von Saatly. Mughan“, und stellt vor allem Baumwollanbau rund Nikolajewsk, Grafovka und Petropavlovsk (seit 1931 Sabirabad) dar, wo ukrainische Bauer aus Charkow angesiedelt wurden. Übrigens hat 1899 auch der Gründer der aserbaidschanischen Presse, der bedeutende Intellektuelle Hasan Bey Zardabi (1837-1907) diese Siedlungen in seiner Artikel in der Zeitung „Kaspi“ erwähnt.

Seite 38 des Albums „Views in the Caucasus and Black Sea area“. Quelle: The Library of Congress.

Nur wenige dieser Fotos stellen Leute dar. Das Bild mit dem Titel „Персидские татары. Саатлы. Мугань“, das heisst, „Persische Tataren. Saatly. Mughan“ gilt wahrscheinlich als das erste Farbfoto von Aserbaidschanern. Während für viele von uns die Farbfotos in unseren Hausalben erst in den 1980er Jahren erschienen, hatten diese beiden Männer ihr Farbbild bereits am Anfang des Jahrhunderts machen lassen. Obwohl sie scheinen über diesem historischen Moment nicht besonders begeistert zu sein. Wahrscheinlich hatten sie auch keine Möglichkeit, ihr Farbfoto zu sehen. Wenn die Library of Congress diese einzigartige Sammlung nicht digitalisiert und nicht für den offenen Zugang im Internet veröffentlicht hätte, wahrscheinlich würden wir die auch nicht haben.

Das rekonstruierte Farbbild des Fotos „Persische Tataren. Saatly. Mughan“ (links) und die digitale Datei des dreifachen Negativs (rechts, von oben nach unten – die Bilder für den blauen, grünen und roten Filter). Quelle: The Library of Congress.

Ich habe diese Bild im Jahre 2010 gesehen, als ich in Amerika war und in der Website der Library of Congress in der Prokudin-Gorski-Sammlung suchte. Der Suche nach dem Wort „Aserbaidschan“ hat damals nur wenige Bilder ergeben. 2001 bestellte die Library of Congress die Rekonstruktion von 122 Bilder vom Fotografen Walter Frankhauser für die Ausstellung mit dem Titel „The Empire That Was Russia“. Die Rekonstruktion der Farbbilder aufgrund der 2000 gescannten hochauflösenden digitalen Dataien der erhaltenen dreifachen Negativen ist alles andere als eine triviale Aufgabe.

Prokudin-Gorski machte drei separate Bilder in verschiedenen Farben für jedes Foto. Während der Zeit zwischen den Aufnahmen konnten sich so die Negative als die fotografierte Subjekte bewegen. Die verschiedene physikalische Defekte in den Glasnegativplatten schaffen auch Schwierigkeiten für die Rekonstruktion. Das obige Foto, das Prokudin-Gorski an dem Flussufer darstellt, ist eines der Bilder, die von Frankhausen rekonstruiert wurden. Nur eines der in Aserbaidschan aufgenommenen Bilder – das Foto mit dem Titel „Mughan. Die Familie eines Siedlers. Siedlung Grafovka“ wurde für die Ausstellung rekonstruiert.

Später, im Jahre 2004 beauftragte die Library of Congress Blaise Agüera y Arcas mit der automatisierten Wiederherstellung und Rekonstruktion aller Farbfotos. Arcas, ein prominenter Professional von Computergrafik war 2013 in den Nachrichten, als er nach sieben Jahren in führenden Positionen bei Microsoft einen Job bei Google angenommen hat. Nach ihrem Bericht wurde beim zur Rekonstruktion der Bilder entwickelten Software neben der „starren Ausrichtung“ der drei Negativen auch die „Warpfield-Ausrichtung“ angewendet, die durch das abweichenden Verformen verschiedener Teilen der Negative einen besseren Ergebnis gibt.

Es ist daher überraschend, dass auf dem in der Online-Datenbank der Library of Congress gespeicherten rekonstruierten Foto der „persischen Tataren“ ein Geisterbild deutlich sichtbar ist, offensichtlich weil die Negative nicht gut ausgerichtet wurden. Dies ist besonders deutlich auf dem Gesicht des Persons auf der rechten Seite. Als aber das Foto in der prallen Sonne aufgenommen wurde, mussten die Belichtungszeit zwischen den Aufnahmen und damit die Unterschiede zwischen den drei Bildern gering sein, und es gibt auch keine ernsthafte Defekten auf den Negativen.

Meine übliche Faulheit aufgebend öffnete ich die dreifache Negativ in Photoshop, schneidete die entsprechenden Teile, und fügte sie in den roten, grünen und blauen Farbkanal einer neuen Datei ein. Nur durch Verschieben der Bilder nach oben und unten oder rechts und links richtete ich sie aus, obwohl für ein ideales Ergebnis hätten sie auch geringfügig gedreht geworden. Aber das daraus resultierende Bild war trotzdem befriedigend. Ich habe die Bilder in den roten und grünen Kanalen ein wenig abgedunkelt, und das Ergebnis ist unten zu besichtigen.

Ein Fragment des rekonstruierten Fotos „Persische Tataren“. Links: die Version der Library of Congress. Mitte: meine Version. Rechts: die von V. Ratnikov rekonstruierte Veersion.

Später erfuhr ich, dass viele verschiedene Projekte, die das Erbe von Prokudin-Gorski forschen, haben die Fotos rekonstruiert und im Internet veröffentlicht. Aber vorher musste ich eine kleine Ungenauigkeit im Katalog der Library of Congress beseitigen.

Forscher A. Yusubov

Die Titel für die Bilder im Katalog der Library of Congress wurden aus dem Inschriften unter den entsprechenden Schwarz-Weiß-Miniaturbilder der Registrierungalben genommen. Diese Alben waren von Prokudin-Gorski und seinen Assistenten sehr wahrscheinlich lange nach den tatsächlichen Aufnahmen zusammengestelt geworden, da die Titel gelegentlich nicht zu den Bildern passen, oder die zeitliche Reihenfolge brechen.

Schwarz-Weiß-Bild des Fotos mit einem falschen Titel auf Seite 32 des Albums „Views in the Caucasus and Black Sea area“ (links) und das Bild des Shirvanshah-Palastes auf der alten Note von zehntausend Manat, die einfach als „Shirvan“ bekannt war (rechts). Quelle: The Library of Congress und BanknoteIndex.com.

Wahrscheinlich würde irgendein Aserbaidschaner bezeugen, dass das Bild oben die Moschee des Shirvanshah-Palastes darstellt, aber das Bild wurde im Registrierungalbum unter den Fotos von Tiflis gelegt, und fälschlicherweise als „Мечеть въ Азiатской части Тифлиса“, das heisst, „Eine Moschee im asiatischen Teil von Tiflis“ erklärt. Jedoch im Online-Katalog wurde der Titel schon korrigiert, mit der Anmerkung: „Corrected title information provided by Dmitry Vorona, 2013“.

Leider hat kein Farbnegativ dieses Foto fortbestanden, aber es mindestens bezeigt, dass Prokudin-Gorski auch in Baku fotografiert hat. Als ich das Kaukasus-Album im Online-Katalog durchlaufte, auf Seite 39 sah ich ein Foto des Palastes der Philharmonie, der allen Bewohnern von Baku vertraut ist. Es stellte sich aber heraus, dass es im Album keine Erklärung zu diesem Bild gab, und der Titel eines anderen Fotos mit diesem ausgerichtet war, deshalb wurde es als „Mechet’ w Wladikawkaze“ (Moschee in Wladikawkas) registriert.

Das rekonstruierte Farbbild des Foto des Palastes der Philharmonie (links) und der digitale Datei des dreifachen Negativs (rechts). Quelle: The Library of Congress.

Ich schickte sofort die folgende Meldung vom 25. März 2015 über das Online-Formular an den Katalog der Bibliothek:

There is no original title for the photo in Prokudin-Gorskii’s album, but the title was wrongly assigned apparently because of proximity to another photo of the Mosque in Vladikavkaz. 

This is in fact totally different building in a different city – Baku. Look at the rare aerial photo of 1918 Baku. The Summer Centre for Public Gatherings at the bottom right corner, opened in 1912 as a club for wealthy Baku elite, was architecturally inspired by l’Opéra de Monte-Carlo, and now houses the Azerbaijan State Philharmonic Hall named after Muslum Magomayev (1885-1937) – famous Azerbaijani and Soviet composer and conductor (see here). See here the modern look of the building.

Und einen Tag später erhielt ich die Antwort per E-Mail:

Dear Araz Yusubov: Thank you for your email about the caption for the image by Prokudin-Gorskii (item LC-P87-7277). You are correct that there is no title for the image in the album (LOT 10336) and that the title in the catalog record appears to be have assigned because it was close to the image of the mosque. The mosque is clearly not the same building as depicted in LC-P87-7277.

The building shown in LC-P87-7277 does look like the former Summer Centre for Public Gatherings in Baku, Azerbaijan which is shown in the aerial photo which you sent us. I have updated our database to incorporate your new information. The change should be in the online catalog within a few weeks.


Thank you very much for helping us correct and improve the information for this image in our catalog.
 

Best wishes,
Arden Alexander
Cataloger
Prints and Photographs Division Library of Congress


So ist jetzt der Titel dieses Fotos im Katalog der Library of Congress „The Summer Centre for Public Gatherings, Baku, Azerbaijan“. Und es hat auch eine kleine Anmerkung: „Title devised by Library staff. (Source: researcher A. Yusubov, 2015)“.

Weitere interessante Links

„Цвет нации“ („Farbe der Nation“). Ein Dokumentarfilm Leonid Parfjonovs von 2014 zum 150. Geburtstag Prokudin-Gorskis (auf Russisch): https://www.youtube.com/watch?v=Qx0TbbRC5RE

Viele Titel wurden korrigiert im Katalog der rekonstruierten Farbfotos auf der Website des internationalen Forschungsprojekts „The Legacy of S.M. Prokudin-Gorsky“: http://prokudin-gorsky.org/

Die Farbfotos rekonstruiert als Teil des Projekts „The Russian Empire in color photos“ der belorussischen orthodoxen Kirche: http://veinik.by/

Die Farbfotos rekonstruiert durch die Laboratorie der digitalen Technologien für Wiederherstellung der Russischen Akademie der Wissenschaften und dem „Restavrator-M“ Zentrum: http://www.prokudin-gorsky.ru/English/index.shtml

Prokudin-Gorski: Selbstbildnis. Studie am Kiwatsch-Wasserfall. Unten: eine Auswahl aus der Prokudin-Gorski-Sammlung, in der ersten Linie aus den Bildern, die im Internet seltener öffentlicht werden

prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin prokudin

Dagestan, Dorf Arakani

Die aserbaidschanische Mädchen und die Traumhochzeit

Heiratbares tatisches Mädchen in traditionellem Kleid. Lahidsch, Aserbaidschan

Erste Veröffentlichung im Blog der Autorin.
Die aserbaidschanische Mädchen sind offenbar immer mehr auf der Suche nach ausländische Ehemänner, um das Land verlassen zu können. Die Gründe sind vielfältig, einschließlich der Wunsch nach Wohlstand und nach die westliche Lebensweise, sowie des Mangels an Männer, die in großer Zahl auswandern, um eine bessere Zukunft für sich selbst zu schaffen. Die Traditionen haben die aserbaidschanische Mädchen immer in engen Schranken gehalten, verbietend ihnen, Menschen anderer Nationalitäten zu heiraten. Glücklicherweise sind die neueren Generationen viel weniger durch die Regeln eingeschränkt, und die Zahl der Ehen zwischen ausländischen Männern und aserbaidschanischen Frauen – die nur im Palast der Seligkeit von Baku, der „Mukhtarov“ geschlossen werden können – steigt langsam.

Flower girls in Baku

Auf dem Land, vor allem in den abgelegenen Dörfern haben wir jedoch den Eindruck, dass die Zahl der Männer viel höher als die der Frauen ist. Und die Hochzeit muss eines der profitabelsten Unternehmen sein, wenn die Läden mit Accessoires für den schönsten Tag einander in einer so großen Zahl folgen.


Über Hochzeit sprechend denken wir nicht an etwas, das nach einen Hochzeitsplaner ruft, wie im Westen. Die Hochzeit ist hier eine hausgemachte Sache, und die Braut, wie Aschenbrödel, schaltet in einem Augenblick von der Besen zum Ballkleid. Die vorherrschende Farbe ist rot, der minimalistische Stil hat hier keine Chance. Diese Farbe marschiert triumphierend durch die Kleider, die Dekoration, die Tischaufsätze. Alles ist Tüll und Pailetten, nicht immer die beste Qualität, aber genug dafür, das Auge zu blenden. Die Paare sind in der Regel sehr jung, zwischen fünfzehn und zwanzig. Die Zeremonie findet statt in zwei Tempos. Der Abschied der Braut ist gewöhnlich low-key, der eigentliche Show ist derjenige des Bräutigams, der auf der richtige Hochzeit mit langen Tischen, Eßgelag und Trinken, Musik und Tanz ausmündet.


Für diesen Anlass wird ein Gemeindesaal ohne jedem unnötigen Luxus angemietet. Am Ende der Feier sammelt sich das ganze Dorf zusammen. Sie sehen lange nach dem Auto des jungen Paares, bis es in der Biegung des Tales ausblendet wird.

Xinaliq. Die Braut verließt das Dorf

Xinaliq, Tanzsaal

Im Tanzsaal bleiben nur noch ein paar melancholische Gäste, sowie der mit Konfetti übersäte Boden. Dieser wird von der Braut gereinigt, wenn sie ins Dorf zurückkommt, und den festlichen Outfit abnehmend sich zu Aschenbrödel zurückverändert. Wie es durch die Schaufenster der Hochzeitzubehör-Shop dargestellt wird, wo jemand mit einer guten Intuition den Eimer und Besen neben den wunderschönen Kleider verlassen hat.


Bergjuden in Aserbaidschan


Der Fluss Qudiyal, der in Xinaliq, an der Spitze des Kaukasus nur ein dünner Streifen in der mitte des großen leeren Flussbetts ist, wird viel breiter fünfzig Kilometer weiter nach unten, als er Quba erreicht. Die auf den zwei Barrieren der Brücke thronenden zwei goldene Löwen beweisen, dass man an der anderen Seite in eine besondere Siedlung ankommt. Sie ist Qırmızı Qəsəbə, früher bekannt als Krasnaja Sloboda, das heißt, Rote Stadt, die größte Siedlung der Bergjuden in Aserbaidschan.


Ich begegnete mich mit Bergjuden zum ersten Mal vor sieben Jahren, in einem Café des Basars von Tabriz, wo ich auf das Gespräch der Kellner beachtete. Die Sprache war besonders vertraut, irgendwelche iranische Sprache, aber nicht Persisch, und nicht einmal Kurdisch. „In welcher Sprache sprechen Sie?“ fragte ich. „Be Juhuri, auf Jüdisch“, antworteten. „Aber nein“, sagte ich. „Ich kenne zwei jüdische Sprachen, aber keine von ihnen klingt wie diese.“ „Dann ist diese die dritte. Wir Bergjuden sprechen auf dieser Sprache.“ Und sie erzählten, dass Tausende von ihnen leben in den Bergen des „anderen“, nördlichen Aserbaidschans, und viel mehr noch weiter nördlich, in Dagestan.

Schule im ehemaligen jüdischen Viertel von Quba, 1920er Jahre

Die Vorfahren der Bergjuden wurden von den Assyrern nach der Eroberung des Samarischen Königreiches (um 740 v.Chr.) deportiert, und „in den Städten der Meder gesidedelt“ (2Kön 17:3-6). Das Land der Meder wurde bald durch die Perser besetzt. Als 539 v.Chr. der persische König Kyros der Große den Juden Erlaubnis gab, aus der „babylonischen Gefangenschaft“ zu Hause zurückzukehren, das galt nur für diejenige Juden, die 640 v.Chr. durch die Babylonier aus Jerusalem verschleppt wurden. Diejenige, die hundertvierzig Jahre zuvor deportiert worden waren, wurden bereits im Imperium integriert, und auch ihre Originalsprache für den lokalen persischen Dialekt vertauscht. Sie wurden die Zehn Verlorenen Stämme, die die Forscher in späteren Jahrhunderten in den meisten exorbitanten Orten der Welt auffinden glaubten, von der tibetischen Hochebene bis Südamerika. In der Wirklichkeit wurden sie von den persischen Herrschern an solche Orten umgesidedelt, wo gute Kaufmänner nötig waren, einschließlich des Kaukasus, die Nordgrenze des Reiches, zusammen mit den persischen Soldaten, deren Nachkommen heute in Lahidsch leben. Die Bergjuden sprechen eine Version derselben archaischen persischen Sprache, das Tat, die sie Juhuri, jüdisch nennen, und die mit einer Reihe von Hebraismen bereichern.

Bis zum heutigen Tag haben die Bergjuden mehrere Dörfer in der Gebirgsregion von Nord-Kaukasus zerstreut, die zusammen etwa fünfzigtausend Menschen zählen. Ihre stärkste Gemeinde war jedoch das sogenannte „jüdische Tal“ in den Süden von Derbent, wo sie zwischen 1630 uns 1800 einen semi-unabhängigen jüdischen Staat hatten. Diese Gemeinschaft wurde während den Russisch-Persischen Kriege von den mit den beiden Großmächten verbündeten örtlichen Khanaten zerstört, und die Flüchtlinge wendeten für Hilfe an Fath Ali Khan, der persischen Statthalter von Quba. Der Khan siedelte sie neben Quba nieder, auf der anderen Seite des Flusses, und versah sie mit gewissen Privilegien, so dass die Schtetl von fünf Tausend Bewohnern ist rein jüdisch bis zum heutigen Tag.

Juden in Quba in Alltagsgewand, 1883. Aus der Website „Traditional Women’s clothes in the Caucasus”

Wir erreichen das Dorf in der Dämmerung, wir gehen entlang der Hauptstraße, die noch den Namen von Fath Ali Khan trägt. Sie ist hauptsächlich von traditionellen Häusern mit überhängenden Holzbalkonen flankiert, die, als ein Zeichen des Wohlstands, werden immer mehr von Marmorpalästen mit traditionellen jüdischen Stuckmotiven ersetzt. Alte Menschen sitzen vor den Häusern, bei unserer Annäherung unterbrechen sie das Gespräch, alle Augen blicken auf uns. Statt des in Aserbaidschan üblichen salam begrüßen wir sie mit shalom, sie lächeln, erwidern den Gruß. Wir sitzen in einem Teehaus nieder, wir verweilen lange über unsere Kanne Tee, wir hoffen, dass einer der Karten und Domino spielenden Männer uns anspreche. Aber die Einheimischen sind offenbar mehr zurückhalten als die Aseris.

Am nächsten Tag kommen wir bei Tageslicht zurück. Zunächst bewandern wir das Zentrum, das noch sechs große Synagogen hat, drei von deren noch funktionieren. In den Sowjetzeiten waren sie vernachlässigt, aber wir wissen nicht, ob die aktuelle Restaurierung und Erweiterung nicht noch mehr Schaden anrichtet. Die zum Fluss hinunterlaufenden Gassen sind durch die vielen sechszackigen Sterne auf den Blechdächern, den Zäunen und Graffitis bestimmt. Und auch von der Freitagmoschee, die auf der anderen, muslimischen Seite aufragt, und aus der ganzen Schtetl zu sehen ist. Die Stadt scheint jetzt menschenleer, nur wenige Leute eilen nach ihre Besorgungen. Sie erwidern unseren Gruß mit einem freundlichen Nicken, aber sie halten nicht an, um uns zu fragen, woher wir kommen.


quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1 quba1


An der einen Seite der Großen Synagoge steht das Denkmal des Großen Vaterländischen Krieges, und an der anderen die Barbierstube und Teehaus. Es hat Klientel sogar am Freitagmorgen, alte Männer, die an zwei Tischen Domino spielen. Wir fragen sie, wer uns in die Synagoge einlassen könnte. Sie rufen den Präsident der Gemeinde an, der jetzt nicht kommen kann, aber ankündigt, dass wir an die Gebeten jeden Morgen und Abend um halb acht herzlich eingeladen seien.



Das ungewöhnlichste in der Schtetl ist dass sie funktioniert. Jeder, der die verlassenen Häuser der galizischen Schtetle und der jüdischen Straßen der osteuropäischen Dörfer, die geschlossene Synagogen oder ihre leere Stellen gesehen hat, und um sie wieder zum Leben zu bringen, hat sie in der Fantasie mit den Figuren von Scholem Aleichem bevölkert, kann hier sehen, wie jene Welt aussehen würde, wenn ihre Bewohner nicht verschwunden gewesen wären. Die traditionelle jüdische Welt der Roten Schtetl wird erst nach und nach modernisiert. Das Stadtzentrum wurde renoviert, aber man hat in ihm auch eine neue Mikve, eine koschere Metzgerei und ein Gemeinschaftshaus unter dem Namen „Das Haus der Seligkeit“ gebaut, und die Fassaden der an Stelle der alten Holzhäuser gebauten prunkvollen Paläste werden noch mit den Motiven der traditionellen jüdischen Ikonographie dekoriert.

Reinigung am Freitag Morgen


quba2 quba2 quba2 quba2 quba2 quba2 quba2 quba2 quba2 quba2 quba2


Am Ende der Stadt biegt eine unbefestigte Straße nach oben in Richtung des Friedhofs. Wie in den meisten Schtetlen, die Toten haben die beste Aussicht. Vom Ranken kann man die ganze Schtetl, die muslimische Stadt auf der anderen Seite, und die fernen Bergrücken des Kaukasus und des russischen Grenzbergs, der Şahdağ sehen. Seit den 1960er Jahren hat die Mehrzahl der Gräber Fotos: typische kaukasische Gesichter und Trachte, die meisten von ihnen würden passieren für einen Aseri oder Georgier, wenn sie nicht mit hebräischen Inschriften und den seltsamen, in kyrillischer Schrift geschriebenen und Persisch klingenden Namen begleitet wären.


quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3 quba3


Wir steigen vom Friedhof ab. Aus einer der Häuser hören wir Hochzeitsmusik. Die Gastgeber stehen vor dem Haus, sie laden uns höflich ein, um teilzunehmen: „kommen Sie nur für zehn Minuten herein“. Neben Juhuri und Russisch ist Hebräisch die dritte Sprache, die die aus Israel ins Besuch zurückkommenden Verwandten sprechen. Nicht zu viele haben ausgewandert: obwohl viele leben dort, die Migration ist bidirektional. „Waren Sie noch nicht in der Synagoge gewesen? Um acht Uhr abends kommen Sie dort auf jeden Fall.“ Am Abend werden wir bereits auf dem Gipfel der Welt sein, aber es ist kein Problem. Es wird viel besser sein, diese Entdeckung auf unserer Tour in August, in einer illustren jüdischen Gesellschaft zu verwirklichen.