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Umherirrende Statuen in Tirana

Das Gespenst des Kommunismus zieht durch Tirana – in Gestalt heimatloser Statuen, die ihren Platz verloren haben.

Vor dem Zusammenbruch des Sozialismus standen die monumentalen Bronzestatuen von Stalin und Lenin auf zwei der wichtigsten Plätze der Stadt. Stalins Statue erhob sich auf dem Hauptplatz, auf jenem Sockel, auf dem heute Skanderbeg thront. (Ich habe schon darüber geschrieben, welche unverzichtbare Rolle die Sockel der alten Regime als ready-made-Fundamente für die neuen Machtsymbole spielten.) Lenins Statue stand etwas weiter südlich, am Boulevard Dëshmorët e Kombit – der „Märtyrer des Volkes“.

Mit dem Regimewechsel 1991 wurden diese Symbole von Demonstranten vom Sockel gerissen. Doch im Gegensatz zu Budapest 1956 hatte niemand die Weitsicht, sie zu zerschlagen. So fanden die buchstäblich gefallenen Führer Zuflucht im Hinterhof der Kunstakademie, im Schatten des ehemaligen Königspalastes, direkt gegenüber der Pyramide, die als Mausoleum für Enver Hoxha erbaut worden war. Dort überdauerten sie die wechselvollen Jahrzehnte der albanischen Demokratie – in der Hoffnung, dass das Volk eines Tages wieder zum Personenkult zurückkehren würde. Unsichtbar für die breite Öffentlichkeit, aber zugänglich für jene, die Bescheid wussten, konnte man sie dort frei fotografieren.

Eine weitere große Stalin-Statue, auf der rechten Seite des Fotos erkennbar, befand sich nicht im Stadtzentrum, sondern vor dem Rathaus des südwestlich gelegenen Stadtteils Kombinat, der Heimat der großen Textilfabriken:

Doch im Windschatten von Corona veränderte sich vieles, auch in Tirana. Fünf Jahre später wollte ich den Hof erneut aufsuchen – und fand ein Bild wie Boka in den Jungen von der Paulstraße: Auf dem Areal erhob sich das Betonskelett eines Neubaus, die Statuen waren verschwunden. Ich fragte den Polizisten gegenüber, wohin sie gebracht worden seien. Doch beim Klang der Namen verhärtete sich sein Gesicht, und er erklärte mir auf Englisch, dass er kein Englisch könne.

Neben dem Betonbunker für die Opfer des Kommunismus erklärte ein selbsternannter Fremdenführer italienischen Touristen die Szenerie. Auf meine Nachfrage wies er routiniert den Weg zur Villa von Mehmet Shehu.

Mehmet Shehu, der Sohn eines Mullahs und später glühender Revolutionär, Spanienkämpfer und fanatischer Stalinist, hatte sich nach 1944 als kompromissloser Oberbefehlshaber der Volksarmee das Vertrauen von Enver Hoxha erarbeitet. Nach der Säuberung von Innenminister Koçi Xoxe erhielt er dessen Posten. Sein Leben lang war Shehu die Nummer zwei hinter Hoxha, stets auf harter Linie. Als Chruschtschow ihn einmal in Moskau fragte, welches Verbrechen er Stalin am meisten vorwerfe, antwortete Shehu unverblümt: „Dass er Sie nicht rechtzeitig beseitigt hat.“ Er war es auch, der die „Bruderschaft“ der beiden letzten Bastionen des Stalinismus, China und Albanien, schmiedete – ein Bündnis, das bis zum Untergang des Systems hielt.

Doch Shehu selbst erlebte diesen Untergang nicht mehr. Am 17. Dezember 1981 fand man ihn tot in seiner Villa, mit einer Kugel im Brustkorb. Offiziell hieß es: Selbstmord. Kurz darauf wurden sein Bruder, seine Frau, sein Sohn und seine zwei Töchter verhaftet – sie starben in den Gefängnissen der 1980er Jahre. Nur sein jüngerer Sohn Bashkim überlebte. Nach dem Ende des Sozialismus bemühte er sich um Rehabilitierung und erklärte öffentlich, sein Vater sei Opfer eines politischen Mordes geworden. Und wie es in Mythen oft der Fall ist, spielte auch hier eine Frau eine Rolle: Shehus Bruder hatte sich in eine Frau verliebt, deren Familie nicht systemkonform war – einige Verwandte lebten in den USA, andere in albanischen Gefängnissen. Der Chef der gefürchteten Sigurimi versuchte, Shehu zu überreden, auf seinen Bruder einzuwirken. Shehu soll nur geantwortet haben: „Er ist jung. Lasst ihn lieben.“

Bashkims Version wird dadurch gestützt, dass sein Vater nach dessen Tod nicht nur mitsamt Familie verschwand, sondern plötzlich auch als „geschickter Spion“ für Jugoslawien, die USA und Russland galt. Enver Hoxha schrieb das unverhohlen in seinem Buch Die Titoisten (1982), wo er Shehus „Verrat“ über mehrere Kapitel ausschmückte.

Über Shehus Sturz und Tod erschien Jahre später ein weit lesbarer Roman von Ismail Kadare: Der Nachfolger (Pasardhësi), von vielen als sein größtes Werk betrachtet.

Und so fanden Stalin und Lenin schließlich in Shehus Garten ihre letzte Heimat – am besten Platz, bei ihrem letzten treuen Gefolgsmann. Am Beginn der Zufahrt verbietet ein Schild das Betreten, ein bewaffneter Wachmann bekräftigt das Verbot mit eindeutigen Gesten. Man sagt, die Villa diene heute der Regierung für Protokollveranstaltungen. Jedenfalls sahen wir einen schwarzen gepanzerten Wagen herausrollen, den der Wachmann stramm salutierte. Vielleicht residiert dort noch immer der Geheimdienst? Es würde zum Geist der Statuen passen.

Auch wenn man nicht bis zum Tor gelangt, kann man vom angrenzenden Park aus die Villa und die Statuen fotografieren. Zwischen den Bäumen ist Lenins Kopf deutlich erkennbar, gleich hinter dem Tor erhebt sich Stalin – davor der berüchtigte schwarze Wagen der Sigurimi, ein sowjetischer UAZ, heute ein Oldtimer. Holen sie so die Veteranen-Kommunisten ab, um sie gleich in die richtige Stimmung zu versetzen?

Immerhin hat das Regime dazugelernt: Zur Legitimation ihrer Aufstellung griff es auf ein Argument der Opposition zurück. Demnach stünden die Statuen hier als künstlerische Installation. Ein seltsames Argument in einer Zeit, in der Interaktivität zum Kern der Kunstdefinition gehört – wo nicht nur die Hand des Künstlers, sondern auch das Auge des Betrachters das Werk vollendet. Hier jedoch, versteckt im Garten der Villa und von Sicherheitskräften vor Blicken geschützt, erfüllen sie eher die mittelalterliche Definition: Es genügt, dass Gott sie sieht.

Ob ich jenes schöne neue Welt-Szenario erleben möchte, das sich schon deutlich abzeichnet – in dem diese Installation wieder ganz öffentlich präsentiert wird –, weiß ich nicht.

Elektrifizierung


Zahesi-Viertel Der Klang des Namens der zur Unterstützung des Wasserkraftwerks gegründeten Sowjetischen Wohnsiedlung am nordwestlichen Rand von Tiflis lässt einen alten georgischen Herkunft vermuten. Allerdings ist der Name weder alt, noch georgisch. In der Tat ist es eine russische Abkürzung für Земо-Авчальская ГЭС (гидроэлектростанция), das heißt, „Obere Avtschala Wasserkraftwerk“, das in den 20er Jahren zur Verwirklichung Lenins Traum, des GOELRO-Plans für die Elektrifizierung des ganzen Sowjetrusslands gegründet wurde.



Sowjetmacht plus Elektrifizierung ist Kommunismus. Die acht Flaggschiffe des großen Plans im ganzen Land wurden 1923 bezeichnet. Einer von ihnen wurde Georgien zugeteilt, zum Teil für die Industrialisierung der größten Stadt des Kaukasus, und zum Tail für die Regelung des Flusses, der oft die Stadt überflutete. Die Lage des Wasserkraftwerks wurde direkt über Tbilisi bestimmt, wo der Fluss Kura die Stadt betritt, über dem tausend Jahre alten Dorf Avtschala, das erst 1962 ein Teil von Tiflis und ein sowjetischer Industrieviertel, und bis heute eine verlassene Geisterstadt wurde. Der Sperrsee und, nach den alten Karten, auch der Damm gehörte ja zum Gebiet der viel bedeutenden Mzcheta. Unter dieser Stadt, dem Sitz der georgischen Kirche mündet der aus den nördlichen Bergen herunterlaufende Aragvi in die Kura, die vom Süden kommt. Heute, als Folge der Aufstauung bilden die beiden einen herrlichen Rahmen für die Stadt, auch wenn sie einige tiefer liegenden Straßen entlang des Flusses abgeschnitten haben.


In jeder Zeit wäre es jedoch unvorstellbar gewesen, ein Wasserkraftwerk nach einem Kirchenzentrum zu nennen, vor allem, wenn es, wie die ersten acht großen Kraftwerke, auch den Namen Lenins trug. Es war bereits störend genug, dass, ob sie wollten oder nicht, die älteste Kirche in Georgien, die Jvari, das heißt, Heilig-Kreuz aus dem 7. Jahrhundert ragte über den Damm. Man vollte sicherlich ein visuelles Gegengewicht setzen, wenn 1927, nach der Fertigstellung des Kraftwerks man auch eine monumentale Statue von Lenin, eine der ersten Lenin-Denkmäler des Landes neben dem Damm errichtete.

Die Statue wurde vom Bildhauer Iwan Dmitrijevitsch Schadr (ursprünglicher Name Iwanow, 1887-1941), entworfen, dessen künstlerische Qualitäten und revolutionäre Engagement über jedem Verdacht erhaben waren. Vor 1917 studierte er in Paris, wo er ein Anhänger von Bourdel und Rodin war, und nach 1917 arbeitete er eng mit Lenin an der Realisierung der von ihm vorgesenhenen „monumentalen Propaganda“ zusammen. Die zum ZAGES geplannte Lenin-Statue ist ein wichtiger Zweig der sich gerade in diesen Jahren erstarrenden Lenin-Ikonographie, der Prototyp des „zeigenden Lenins“, der in tausenden von Variationen im ganzen Land nachgeahmt wurde. Der Typ wurde weiter popularisiert durch die Illustrationen, die das Bild des Wasserkraftwerks verbreiteten, sowie die Druckgrafiken von Ignaty Nivinsky, oder die monumentale Fresko von Wassilij Maslov, die vor kurzem im Bolschewistischen Haus des Moskauer Korolev-Bezirk entdeckt wurde.

Ignatij Niwinskij: Lenin-Denkmal am ZAGES, Druckgraphik, 1927

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Während des letzten Jahrhunderts viel Wasser floss nach unten in der Kura. Das Wasserkraftwerk wurde alt, und der georgische Staat, der kein Geld für die Rekonstruktion hat, verkaufte es 2007 an GeoInCor. Der neue Besitzer betätigt es nur zeitweise. Aus den beiden Siedlungen, die den Namen des Kraftwerks tragen, der Zalesi-Wohnsiedlung und dem Avtschala-Industrieviertel, fliehen die Bewohner. Der erste zu verschwinden war Lenin selbst, dessen Statue 1991 entfernt wurde. Der freie Sockel wird durch den wachsenden Bäumen gnädig bedeckt. Wenn man an einem bestimmten Punkt der Mzcheta-Tiflis-Straße anhält, und im kleinen Wald durch den kniehohen Gras zum Bank der Kura durchsetzt, man kann sehen, dass der Fluss und der Berg nach einem kurzen Zwischenspiel ihre tausendjährige Herrschaft über die Landschaft zurückgewonnen haben.



L. Utesov: Suliko, 1930s

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Lenin lebte

Und zwar zweimal gleichzeitig. Diese sensationelle Entdeckung ist dem russischen Blogger alexiiru zu danken. Es ist sein Verdienst, dass er das in unserem früheren Post veröffentlichte Archivfoto, die so viele gesehen und übersehen hatten, sortfältig untersuchte, und durch einige kleine Anomalien so wichtige Schlussfolgerungen vorlegte, die die Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert vollständig neu schreiben werden.


Auf dem Foto gibt es anscheinend nichts Besonderes. Lenin im Jahre 1925 in weiblicher Kleidung, zusammen mit seiner Tochter Natascha, nach die finnische Grenze reisend. Wir kennen den kritischen psychischen Zustand des alten Lenins, deshalb können wir seine krankhafte Leidenschaft für weibliche Kleidung verstehen, als auch den Wunsch, vor seinem Tod noch einmal die nostalgische Szene seiner Jugend zu sehen und seiner kleinen Tochter zu zeigen, wo er seinen Freund Stalin zum ersten Mal traf.

Trotzdem, als der Blogger hindeutet, Lenin, wie sein dem CK der Partei geschriebene geheimer Brief beweist, hielt Stalin für keinen Freund zu diesem Zeitpunkt. Und wenn das allein nicht genug überzeugendes Argument wäre: nach unserem Wissen hatte er keine Tochter. Was mehr ist, war er 1925 schon seit einem Jahr tot. Was ist denn dieses verwirrende Rätsel?

Der Blogger ähnte mit einem instinktiven Gefühl voraus, das der Schlüssel zur Lösung in den Initialen von Lenins Namen liegt. Die Bildunterschrift nennt ihn S. I. Uljanov. Unsere Lenin aber war V. I. Es handelt sich also nicht von unserem Lenin. Dies ist ein anderer Lenin, der demjenigen zum Sprechen ähnlich ist. Wer ist er denn?

Diese Frage ließ den Blogger nicht ruhen. Er begann eine lange Forschung, bei der, wie die Stücke einer Puzzle, die zufällig überlebenden Bilder eines Familienalbums, die als verloren angenommen war, wurden auf der ganzen Welt gefunden. Und wie üblich, die anhaltende Forschung war schließlich mit einem beeindruckenden Fund gekrönt. Auf der Seite des russischen Malers Rinat Voligamsi hat der Blogger einundzwanzig Fotos gefunden, die zweifellos zum verlorenen Fotoalbum gehörten, und die wie mit einem hellen Lichtstrahl die Dunkelheit des historischen Rätsels belichteten. Mit Hilfe von diesen, sowie von Dokumente aus den Archiven des KGB gelang es ihm, eine atemberaubende Geschichte zu rekonstruieren, worüber Stalin und seine Schergen geglaubt hatten, sie zum ewigen Dunkel der Vergessenheit verurteilt zu haben.

Die Fotos und Dokumente zeigen deutlich, dass Wladimir Iljitsch Uljanow, der zukünftige Lenin einen Zwillingsbruder namens Sergei hatte. Die beiden Kinder sind zusammen auf dem ursprünglichen Familenfoto des Uljanows zu sehen, aus dessen verfügbaren Kopien Sergei nach Stalins gut bekanntes Verfahren später ausretuschiert wurde.

Die Familie Uljanow, 1879

Die frühesten Bilder des bei Voligamsi überlebenden Albumfragments enthüllen die gemeinsame Kindheit und die unterschiedlichen Wege der beiden Jungen. Während Wolodja seine revolutionäre Berufung folgte, siedelte Serjozha im Gouvernement Ufa nieder. Er begann mit Wachs zu handeln, heiratete ein einheimisches Mädchen, und er trat zum Islam über.

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Nach dem Untergang der Revolution von 1905 kamen harte Zeiten auf die junge kommunistische Partei. Am Tiefpunkt, im Februar 1906 schrieb Wladimir Iljitsch seinen berühmten Brief an seinen Bruder, den reichen Kaufmann: „Aus Mangel an finanziellen Mitteln die Revolution stirbt.“ Als Antwort auf die Forderung seines Bruders verkaufte Sergei seine Wachgeschäft, und mit dem Geld reiste er nach St. Petersburg, wo er sich der revolutionären Sache völlig gewidmet hat.

S. I. Uljanow befördert das Geld, 1906

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Nach Lenins Tod startete Stalin eine Fahndung für alle Verwandten und MItstreiter des Führers des Kommunismus. Die blutige Liste hatte in erster Linie Sergei Iljitsch, der so entschließ auszuwandern. Wie man auf dem ersten Foto sehen kann, gelang es ihm, die finnische Grenze in Verkleidung mit seiner Tochter zu überqueren. Dann eine lange Odyssee begann. Er floh nach Litauen, von dort nach die königliche Rumänien, und dann, auf dem Weg der russischen Exilanten, in die Schweiz. „Ich fürchte nur, dass sie mich zum Schweigen bringen, und ich mein Land nicht mehr dienen, und die Arbeit meines Bruders nicht fortsetzen kann“, schrieb er in sein Tagebuch. Auf der Suche nach Verbündeten reiste er überall auf der fortschrittlichen Welt, von Mexiko durch Bagdad und Kabul nach Kuba.

S. I. Uljanow in seiner Antiquitätenhandlung in Zürich, 1937

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Hier, in Kuba beendete der Weg der der Sache des Internationalismus bis zum Tode verpflichteten Revolutionären. Er starb 1965, unter dem Schlag der Ablösung Chruschtschows, mit dem er einen gemeinsamen Plan zur Stürzung der Zitadelle des Imperialismus, die Vereinigten Staaten schmiedete. Wenn Chruschtschow nur ein wenig länger an der Macht geblieben hätte, würde der ganze Faden der Geschichte des 20. Jahrhunderts anders gewesen.

In seinem Garten in Santiago de Cuba, 1964

Lenins Leibwächter

Ivan Aleekseevich Vladimirov, Maler der Bilder im früheren Post: Ungarischer Soldat, 1915

Die realistischen Bilder von der Belagerung des Winterpalastes erinnerten mich daran, dass es ist Zeit, eine alte Schuld zu bezahlen. In den achtziger Jahren habe ich Gergely Bors kennengelernt, der damals schon über 90 war. In der siebenbürgischen Szekler-Dorf von Csíkmenaság, in der östlichen Kurve der Karpaten, hoch im Talschluß, wo ich einen Tag in der Gefangenschaft des vom Regen überfluteten Kirchenhügels verbrachte. Ein Dorf, worüber die meisten Ungarn wiseen nur aus dem Volkslied Flieg, Vogel, flieg, nach Menaság flieg


Muzsikás und Márta Sebestyén: Flieg, Vogel, flieg



Ich durchführte die Vermessung der mittelalterlichen Kirchen des Csík-Tals, wie ich wird es einst erzählen, und ich habe versucht, das kurzlebige schriftliche und mündliche Gedächtnis zu sammeln. „Gehen Sie zum Onkel Gergely”, sagten sie mir. Wie peinlich war es, fünfundzwanzig Deka Kaffee zu übergeben, eine Kleinigkeit für mich, einen Schatz in Ceaușescus Rumänien. Bücher lagen herum auf dem Tisch, die Geschichten flossten von Onkel Gergely, und eine erfrischende Luftblase bedeckte diesen Nachmittag in jener schrecklichen, erstickenden Welt.

Abschiedsbrief aus Csíkmenaság. Aus der Familien-Fotosammlung-Kampagne von Menaság

Ich erzählte jenen Nachmittag vielmals. „Geh doch, der Alter hat es faustdick übergetragen”, sagte Sergei ungläubig im Restaurant Fatâl. Unsinn, Lenins Leibwächter? „Nun, er hat ein Foto vorgezogen, und zeigte, dass das ist Lenin, das ist Stalin, und siehe, das bin ich.” „Du solltest das für ein russisches Magazin schreiben, wir würden es sofort veröffentlichen”. Ich hätte es geschrieben haben, mehrmals.

Dennoch gebe ich das Wort einem Zuhörer der viel autentischer ist als ich. Das rührende kleine Buch Csíki kaláka (Gegenseitige Hilfe im Csík-Tal) von Farkas-Zoltán Hajdú, der seit 1987 in Heidelberg lebt und sich intensiv mit der Forschung der Szekler und Sachsen beschäftigt, wurde von mir im Jahre 1993 in der ungarischen Buchhandlung von Csíkszereda / Miercurea Ciuc gekauft, von Hunderten von anderen, auf schlechtem Papier mit schlechten Buchstaben gedruckten schönen Bücher, die ohne einer Spur aus dem ungarischen Verlagswesen verschwunden.


Aus Csíkmenaság zur Front gesendete Postkarte vom Ersten Weltkrieg WWI. „Halte diese Kirche in Erinnerung, und wiß, dass es in Tagen schweres Krieges gebaut wurde, ebenso wie diejenigen, die wir jetzt überleben.”

„…Das war meine erste Begegnung mit Menaság. Damals war dieses Dorf wie die andere, die wir in diesem Sommer besuchten. Ich habe nicht einmal davon gehört. Es fiel weg von der Hauptstraße, und schien nicht besser als die anderen Dörfer von Csík. Für eine lange Zeit kehrte ich nicht zurück, und dachte nicht, jemals zurückzukehren.”

Aber innerhalb von zwei oder drei Jahren hatte ich eine Gelegenheit für eine neue Begegnung. Meine, noch unsere Tochter säugende Frau brachte mich mit dem Auto nicht genau in Menaság, sondern in seine Umgebung, nach Csíkszentgyörgy, um Gergely Bors zu begegnen. Den berühmten Gergely Bors, Lenins persönlichen Leibwächter.

Es war Frühling, meine Frau war in Eile, so konnte ich den alten Mann über 90 nur zwischen zwei Säugezeiten besuchen. Wir waren allein. Er hat schon erraten, warum ich zu ihm kam, denn viele hatten schon ihn über seine russische Erinnerungen sowohl offiziell als nur wegen den Geschichten gefragt. Irgendwann hatte er auch eine Rente aus der sowjetischen Botschaft empfangen, aber jetzt brachte ihm der lahme Postbote nur die Zeitschrift Aurora mit kleineren oder längeren Unterbrechungen. In seiner mageren, trockenen, bartlosen Figur war etwas nicht-bäuerlich. Ja, er hatte die klare Offenheit der weit gereisten Menschen. Sein Haar wurde beiseite gebürstet, und er empfing mich in einem Pyjama-Jacke. Bücher lagen auf dem Küchentisch, einige von ihnen durch Bleistift dicht unterstrichen. Seine Augen funkelten aus seinem Gesicht voller Falten, und schon seine Mimik zeugte vom großen Geschichtenerzähler. Seine Geschichte war sehr ähnlich zu allen von mir früher oder später gehörten Soldatengeschichten, die alte Leute mit so viel Vorliebe in den Kneipe erzählen, während sie ein Monopol oder einen Kümmelschnaps lecken. Jede Familie hatte ihre Männer, die im Krieg gewesen waren, und ihre Geschichten wurden stolz von ihren Nachkommern über mehrere Generationen bewahrt. Diese Geschichten waren ähnlich der Urkunden, die den Ruhm der Familie für viele Jahrzehnten garantierten.


Das offizielle Dokument über den Beitrag von György Bors (Csíkmenaság) zur Statue der Nationalen Großzügigkeit, 1915

Die Erfahrungen der Armee und des Gefängnisses bleiben immer lebendig in der Erinnerung der Leute. Ihre Hauptfigur ist nicht der tapfer kämpfende Soldat, sondern vielmehr der kluge Bursche, der aus der Gefangenschaft entkommend, setzt sich auf dem Weg mit einer einzigen Schaufel, und jedes Mal, wenn er argwöhnisch gesehen wird, beginnt er die Steine am Straßenrand auszurichten. Die Straße ist in dieser Weise viel länger, aber sie führt sicherlich zu Hause. Eine bessere Geschichte reift zu Anekdote, und sie wird nicht nur durch seine „Besitzer”, sonder von jedem, der es hört, erzählt werden. Später lernte ich auch alte Männer, die sich aus irgendeinem Grund in der russischen Gefangenschaft verfeindeten, und seitdem Todfeinde blieben. Dann und dort ging es um Leben oder Tod, und die Erinnerungen, die für ein ganzes Leben zu frisch sind, erlauben keine Vergebung für den Verrat und Untreue.

Die allgemeine Meinung über die ausländischen Soldaten ist sehr interessant. In den Kriegsgeschichten ist der deutsche Soldat immer höflich, aber, obwohl er Schokolade für die Kinder vertreibt, ist sehr seltsam; der russische, obwohl er alles wegnimmt, und ist ein unwissender, wilder und sehr zerlumpter Kerl, ist dennoch gutherzig und fromm. Hat die Tatsache, dass wir auch aus dem Osten kommen, die Soldaten aus Asien sympathischer gemacht? Vielleicht unsere Unterbewusstsein registriert die gemeinsamen Wurzeln?

Nun, Gergely Bors als ein junger Mann wurde in die Armee von Franz Josef eingereiht, wie es ist der Lauf der Dinge, und in einer der ersten Schlachten durch den Russen gefangen genommen, wie es ist der Lauf der Dinge, in riesigem Nebel, in der Mitte eines dichten Waldes. Er reiste über die Hälfte Russlands als Kriegsgefangener, und wurde endlich bei einem reichen Bauern, in einem gottverlassenen Dorf abgestellt, um das Land zu kultivieren. Sie mochten „Gligor”, der das Land genauso wie sie liebte, und konnte wie kein anderer das Holz zu arbeiten. Dann, eines Tages, es war sein Hausherr an der Reihe, zur Armee zu gehen. Es war viel Weinen in der Familie, aber nur so lange, wie die alten Leute nicht eine bessere Lösung fanden. Coup de théâtre: sie schicken Gligor anstelle des Hausherres, so wird er auf diese Weise auch näher an seine Heimat, und vielleicht wird es ihm gelungen zu entkommen.


Artillerist György Bors aus Csíkmenaság (ob ein Verwandte von Gergely?). Foto aus der Ersten Weltkrieg, von einem Studio in Komárom

Der Austausch wurde – mit der Hilfe von einigen Litern Wodka – erfolgreich durchgeführt, und Gligor, der bereits eine gute Kenntnis der russischen hatte, findet sich bald am Bahnhof einer großen Stadt. Ein weiterer coup de théâtre: jemand schlägt ihm in den Rücken: – Herr Bors, was machen Sie hier? Die Person, die das fragt, ist der Holzhändler, der vor dem Krieg eine Menge guter Brettgeschäfte mit Gergelys Vater gemacht hatte. Nach dem ersten Schreck bietet ihm das vom Himmel gesandte Bekanntschaft ein gutes Geschäft, in einen neuen Dienst einzustehen. Ihre Natur ist immer noch ein Geheimnis, aber der Erfolg ist garantiert. Jetzt muß eine sehr wichtige Person am Bahnhof gewartet werden, und dafür braucht man einen schönen robusten Szekler, der keine Angst von seinem eigenen Schatten hat und seinen Verstand an Ort und Stelle hat. Die Identität der Person ist auch noch ein Geheimnis, aber Gergely Bors ist nicht zu viel daran interessiert, die Hauptsache ist, dass er eine moderne automatische Pistole und reichliche Nahrung erhält. Der im Verborgenen gewartete Fremde kommt im Verborgenen, nachts an. Ein stämmiger kleiner Mann in großen schwarzen Mantel, ein anderer von jüdischer Aussehen.

Die Ereignisse beschleunigen sich, und Gergely Bors ist auch auf Lenins Seite bei der Belagerung des Winterpalastes. Sein Herz ist im Ort, und er ist gut gepflegt. Seine Begleiter sind auch Fremde, verzweifelte Burschen.

(Ich schüttele meinen Kopf im Unglauben, er bald endeckt es. Er nimmt Fotos aus der Schublade: – Na, junger Mann, schauen Sie mal hier: das ist hier Lenin, mit Krupskaja auf seiner Seite, neben ihnen ich mit verbundenem Kopf, und zu meiner Linken, Stalin – hols der Teufel! – zusammen mit seinem Sohn…)

Von der Belagerung des Winterpalastes erinnert er nur daran, dass es tötend kalt war, und die zaristische Kadetten da drinnen wurden befohlen, die Wodkabestände des Zares zu vernichten. Sie fingen an, den Alkohol in in den Abfluß auszugießen, was bald von jemandem draußen bemerkt wurde, der feststellte, dass in den Kanälen statt Abwasser Wodka fließt… Die Folgen liegen auf der Hand… es war sehr kalt, und mit einer guten Portion Wodka war es einfacher, die blutrote Fahne der Revolution zum Sieg zu bringen. Am Ende des Kampfes nur Lenin und ein paar andere aus seiner unmittelbaren Umgebung waren nüchtern.


Ivan Alekseevich Vladimirov: Pogrom gegen den Getränkeladen, 1917

Ivan Alekseevich Vladimirov: Einnahme des Winterpalastes, 1917

Gergely Bors blieb in Lenins persönlicher Leibwächter-Einheit, begleitend ihn wie ein Schatten überall, zu öffentlichen Kundgebungen und Versammlungen. Die unangenehmste Erinnerung ist Stalin, also Dschugaschwili, wie man ihn damals nannte. Ein großer Tyrann und ein arroganter Mensch. Zusammen mit seinem Sohn vergewaltigen sie Frauen in der Straße am hellichten Tag, und sie hassen die Ausländer. Wenn betrunken, er wiederholt versucht Lenins Leben zu vernichten, damals ist er ein echtes Biest. Lenin, er ist sehr gut, ein guter alter Mensch. Er verteilt die ihm geschickten Lebensmittelpakete auch während der größten Hungersnot, und er ist bereits krank, sehr krank. Gergely Bors geht bei der ersten Gelegenheit ab, und bald ist er auf dem Gebiet der „Großen Rumänien”, in der unangenehmen, peinlichen schönen neuen Welt. Zu Hause, als wäre es nicht geschehen, nimmt ihn das Dorf reibungslos wieder auf, und er verändert sich zurück ohne ein Wort zu einem Szekler Bauer.

Vierundvierzig. Russische Soldaten, die nicht mehr seine Erinnerungen verstehen. Später, offizielle Interviews. Eine kurze Biographie und Bilder in einem Buch über die heroische Beteiligung der Rumänen in der „Großen Revolution”. Pension, und dann nur Aurora. Und damit schließt sich Gergely Bors Karriere auf der Erde ab.”


Ausstellung: Alte militärische Fotografien aus Csíkmenaság. Aus dem Bericht des Fotozeuge-Blogs