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Solange die Welt dreht

„In der neurotischen, abgehetzten Europa blieb Portugal eine Ecke der Anziehung und Charme. […] Der Humanismus der Portugiesischen […] lebt in Harmonie mit ihrer christlichen Tradition und Toleranz. Im Allgemeinen zeigt die Eleganz ihrer Denk- und Ausdrucksweise – unabhängig von der sozialen Klasse – die am besten mit dem Wort „großzügig“ beschrieben werden  kann, diesen glücklichen Unterschied zu den meuternden und brutalen Gesellschaften anderen Länder.“

Alcobaça, Januar 2015

Katia Guerrero: Até ao fim

Diese portuguiesischen Könige waren ziemlich seltsame Figuren. Wie könnte es anders sein, wenn auch der erste von ihnen ungarisch war? Zum Beispiel konnten sie etwas so ungewöhnliches an der Wende des 13. und 14. Jahrhunderts, wie das Lesen, und einer von ihnen ging sogar noch weiter. Don Dinis hat schreiben gelernt, was in jener Zeit sehr gering geschätzt war. Er schrieb wunderbare Ritters- und Liebeslieder, cantigas im alten Portugiesen, er übersetzte aus anderen Sprachen, und er setzte die Gesta seines Großvaters Alfonso el Sabio, der weise König von Kastilien zusammen. Auch Alfonso war eine seltsame Figur. Vor und zusammen mit Rudolf von Habsburg war er auch König von Deutschland, und er begann den kastilischen Dialekt zu standardisieren.

Und Don Dinis Enkel, einer der Helden unserer Geschichte, Pedro, liebte. Er liebte und immer noch liebt – das Präsens ist kein Fehler, als sie bald verstehen –  eine Frau, wie niemand sonst in dieser Welt, und diese LIebe veranlasste ihn zu solchen Dingen, erhob ihn so hoch und ließ ihn so niedrig fallen, wie vielleicht keinen sonst in dieser Welt. Die wahre Geschichte dieser Liebe, als ob es ein Shakespeare-Stück wäre, zeigt gleichzeitig die Wunder, das Güte und die dunklen Tiefen des menschlichen Herzens, und ist immer noch im portugiesischen Geist, Metaphern und täglichen Sprache vorhanden.



Der Frühlingshimmel über Portugal ist wunderbar blau. Es konnte nicht anders sein im Jahre 1340, als eine neue, sorgfältig geplante dynastische Ehe zwischen Pedro, dem Kronprinzen von Portugal, und der kastilischen Prinzessin Constança vorbereitet wurde. Die erste Ehe des Kronprinzen war nicht erfolgreich. In Ermangelung eines mit Spannung erwarteten Nachfolgers schied sich Pedro von seiner Frau, der kastilischen und aragonischen Prinzess Branca. Die neue Erwählte, Prinzess Constança schien eine perfekte Partie aus allen persönlichen und politischen Aspekten.

In der Delegation war auch Inês de Castro, eine kastilische edle Hofdame, die nach zeitgenössischen Memoiren eine herrlich schöne, attraktive und nette Person war, so dass der helle blaue Himmel hatte nicht vieles zu tun, damit der Kronprinz sich mit ihr verrückt verliebte, und seine Gefühle erwidert werden seien. Die Ehe mit Constança wurde im August geschlossen. Auch Inês blieb am Hofe.

Inês de Castro. Die spanische Frau, die nach ihrem Tod herrschte, 1944. Regie Leitão de Barros. Hauptdarsteller Alicia Palacios, Antonio Vilar und María Pradera

Damals war die Einrichtung der königlichen und fürstlichen Liebhaber üblich, und in späteren Zeiten war es sogar eine Ehre, des Königs Geliebte zu sein. Es war jedoch ziemlich ungewönlich, dass zwei Menschen sich so sehr liebten, zum Erstaunen, Eifersucht, Neid und Zorn ihrer Umgebung. König Alfonso hat Inês bald aus dem Hof gejagt, aber die Beziehung des Paares wurde nie unterbrochen.

1345 wurde Ferdinand, der spätere Don Fernando geboren, und Prinzess Constança starb sehr jung, im Alter von fünfundzwanzig oder dreißig. Pedro ließ seine Geliebte zurückbringen. Er setzte sie im Kloster Santa Clara von Coimbra, und sie lebten ganz offen und glücklich zusammen. Sie hatten drei Söhne und eine Tochter. 1345 wahrscheinlich heiratete er sie in Geheim.

Alcobaça, Januar 2015

Ihr Glück konnte jedoch nicht erfüllt werden. Unzählige Variationen können darüber gelesen werden, was den Haß gegen das Paar so verstärkte, von der Stärkung des kastilischen Einflusses zum Umkippen der Thronfolgenordnung. Ich selbst denke, dass der Hass der wichtigste Bewegungskraft war: der Hof konnte die Harmonie von zwei glücklicher Menschen nicht ertragen. Dieser Haß brachte ihre Frucht. Don Alfonso nahm den – falschen – Vorwurf des Hochverrats gegen Inês an, und verurteilte sie zum Tode. Pedro, der des Ausmasses des Hasses bewusst war, aus ganz unerklärlichen Gründen nahm keine Vorsichtsmaßnahme, auch nachdem er von der Gefahr gewarnt wurde. So am 7. Januar 1355, heute vor 661 Jahre, als er an die Jagd ging, war es leicht drei „edlen“ Herren, Pêro Coelho, Álvaro Gonçalves und Diogo Lopes Pacheco, die fünfundzwanzig oder dreißig Jahre alt Inês zu entführen, und sie in Coimbra, im Garten der Lärme, in Gegenwart von Don Alfonso zu ermorden.

Eugénie Servières: Inês de Castro bittet um Gnade an den Füßen von König Alfonso, 1822


Karl Briullov: Tod von Inês de Castro, 1834


Was Pedro auf die Nachricht gefühlt haben sollte, ist von seinen späteren Taten offensichtlich. Er verursachte fast einen Bürgerkrieg gegen seinen Vater, und nur durch die Intervention des Erzbischofs von Braga versöhnte er mit dem wahrscheinlich unheilbar kranken Don Alfonso, der 1357 starb. Don Pedro bestieg den Thron, und von da an können wir in jedem seiner Taten die Rache eines Mannes erkennen, der vom Schmerzen fast den Verstand verloren hatte.

Die drei Mörder spürten die Gefahr in guter Zeit, und fliehen nach Kastilien Pedro konnte jedoch erreichen, dass 1361 der kastilische Monarch ihm zwei von ihnen, Coelho und Gonçalves ausgeliefert hat. Ein schreckliches Schicksal erwartete auf sie.

Ausschnitt aus dem Film Inês de Castro, 1944. Regie Leitão de Barros

Der König verkündete seine heimliche Ehe mit Inês, und anschließend erklärte sie Königin von Portugal. Er ließ ihre Leiche ausgraben, kleidete sie in königlichen Insignien, und ließ sie auf dem Thron sitzen.

Ausschnitt aus dem Film Inês de Castro, 1944. Regie Leitão de Barros.
In der Rolle des Don Pedro, Antonio Vilar

Die Mörder mussten vor dem Skelett erscheinen, Knie biegen, und die Hände küssen. Dan ließ sie Pedro nach Porto bringen, wo er ihre Herzen öffentlich herausrissen ließ.

Pierre-Charles Comte, Die Krönung der toten Inês de Castro, 1849

Während seiner Regierungszeit trug Pedro Sorge für sein Volk, und legte die Grundsteine für alle, was ein paar Jahre später die jahrhundertelange See- und Weltmacht Portugals darstellte. Allerdings kompensierte er den Horror mit anderen Horroren, Grausamkeiten, Verstöße gegen Recht, und Gewalt, und nach den Memoiren fand er oft Zuflucht in wilden Partys und Orgien.

Und doch am Ende seines zerstörten Lebens tat er zwei Dinge, die nicht ohne Rührung erzählt werden können. Der dritte, entgangene Mörder, Diogo Lopes Pacheco bat um Gnade. Er muss wohl von der saúdade geplagt werden, der die in Portugal lebenden verjagt, und diejenige, die weit von ihrem Heimat leben, wiederruft. Und Pedro begnadigte ihn. 1365 wurde Diogo Lopes genehmigt, nach Portugal zurückzukehren. Er lebte noch dreißig Jahre, überlebte alle Akteure dieser Geschichte. Er wird ein Diplomat im Dienst von Don Fernando sein, greift er wieder in der Ehe des Königs ein, soll er wieder auswandern, ist er wieder begnadigt, er kann wieder zurückkehren…

Grab von Inês de Castro, Alcobaça

Für den Portugiesen ist es natürlich, dass der Körper auferstehen wird. Man kann nicht ohne Rührung in den Gruften, neben den Särgen diejenige praktischen oder geliebten Alltagsgegenstände sehen, die wichtig für dem Verstorbenen waren, und die er oder sie wird mit Sicherheit bei der Auferstehung benötigen. Pedro, der im Alter von nur 47 das Ende seines irdischen Lebens erfasste, hat seine letzte Ruhestätte im Kloster von Alcobaça angewiesen, der seit 1178 im Bau fand. Er wollte gegenüber seiner Geliebten ruhen, „solange die Welt dreht“, damit bei der Auferstehung wäre Inês de Costa die erste, die er erblickt werde.




Sein Wille wurde erfüllt, und die beiden Sarkophage stehen unbeweglich gegeneinander seit 650 Jahren, als eines der wichtigsten Denkmäler des Landes, wo es seit ein tausend Jahren keinen wichtigen Krieg gab, und wo Millionen und Millionen von materiellen und geistigen Denkmäler die lebendige GEgenwart mit der lebendigen Vergangenheit verbinden. Solange die Welt dreht.

Im Januar war ich zum ersten Mal im Kloster, als ich bereits die Geschichte des Paares kennte. Die Sonne strahlte, der Himmel war unglaublich tiefblau, und es blühten die ersten Blumen.

Man feierte noch die Messe im Kloster, also mussten wir eine Stunde warten, bevor wir in der Nähe der beiden Sarkophage hinter dem Hauptaltar eingehen könnten. Alles wurde lebendig, und ich verstand und fühlte sofort, wie Pedro diese Frau liebte und immer noch liebt. Die Barriere ließen mir nicht in der Wirklichkeit, nur im Gedanken, die beiden Sarkophage zu streicheln. Sei es so: die beiden Säre werden sich öffnen, und das glückliche Paar wird sich wiedersehen, denn sie haben sich unaufhörlich geliebt – solange wie die Welt dreht…



Amalia Rodrigues: April

Sett'ispadas de dolore



Eva Lutza (Trompete, Gesang): Sett’ispadas de dolore (Sieben Schwerter des Schmerzens) (video hier). Mittelalterliche Beweinung von Maria auf Sardisch, die in den Dörfern von Sardinien auf der Karwoche noch heute gesungen wird.

Pro fizu meu ispriradu
a manos de su rigore
sett’ispadas de dolore
su coro mi han trapassadu.

Truncadu porto su coro
su pettus tengo frecciadu
de cando mi han leadu
su meu riccu tesoro
fui tant’a cua chignoro
comente mi es faltadu
sett’ispadas de dolore
su coro mi han trapassadu.

In breve ora l’han mortu
pustis chi l’han catturadu
bindig’oras estistadu
in sa rughe dae s’ortu
e bendadu l’ana mortu
cun sos colpos chi l’han dadu
sett’ispadas de dolore
su coro mi han trapassadu.

Morte no mi lesses bia
morte no tardes piusu
ca sende mortu Gesusu
no podet vivever Maria
unu fizu chi tenia
sa vida li han leadu
sett’ispadas de dolore
su coro mi han trapassadu.
Für meinen Sohn, der starb
in den Händen der Gewalt
sieben Schwerter des Schmerzens
durchbohrten mein Herz

Mein Herz ist gebrochen
mein Brust durchbohrt von Pfeilen
seitdem mein reicher Schatz
wurde von mir weggenommen
mit solcher Wut, dass ich weiß
nicht, wie er geschwunden ist
sieben Schwerter des Schmerzens
durchbohrten mein Herz

In kurzer Zeit töteten sie ihn
nachdem ihn gefangen nahmen
es dauerte fünfzehn Stunden
vom Garten bis zum Kreuz
sie banden seine Augen
so töteten sie ihn mit Schlagen
sieben Schwerter des Schmerzens
durchbohrten mein Herz

Tod, verlass mich nicht lebend
Tod, verzöger nicht mehr
weil wenn Jesus tot ist
kann Maria nicht mehr leben
vom einzigen Sohn, den ich hatte
das Leben wurde weggenommen
sieben Schwerter des Schmerzens
durchbohrten mein Herz

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Giovanni Tedesco: Fragment eines Kruzifix. Perugia oder Siena, um 1460. Berlin, Bode Museum

Das Lächeln der Madonna


In Rom, hinter der Hl. Klement-Kirche, wo die Straße steil aufwärts zur mittelalterlichen Abtei der Santi Quattro Coronati, und darüber weiter zur an der Stadtmauer stehenden Lateranbasilika führen beginnt, steht eine seltsame, verwitterte kleine Kapelle an der Ecke. Sie ist seltsam, denn sie ist offenbar Jahrhunderte älter als das Haus, zu welchem sie gesteckt wurde, aber auch wegen seiner Inschrift. Die meisten Straßenkapellen, Kreuze und Bildsäule bitten um Gebete zu einem bestimmten Zweck, und versprechen dafür eine bestimmte übernatürliche Unterstützung. Das auf die Marmortafel der kleinen Kapelle geschnitzte Gedicht, fordert jedoch den Passant nur auf, um sozusagen ohne jedes Interesse die Madonna zu grüßen.


Il sorriso di Maria
A questi luoghi allieterà
Se chi passa per la via
«Ave o Madre» a lei dirà.

Das Lächeln von Maria
wird diesen Ort durchglänzen
wenn wer auf der Straße passiert
„Ave, Mutter“ ihr sagen wird.


Giambattista Nollis Karte von 1748, unser Begleiter durch die Geschichte von Rom, zeichnet die Kapelle nicht, zumindest versieht er sie mit keiner Nummer. Es ist aber nicht unmöglich, dass sich der hervorstehende kleine Haken an der Ecke auf sie bezieht. Auf Antonio Tempestas Karte von 1593 kann mann aber die halbkreisförmige Kapelle an der Ecke deutlich erkennen, damals noch vor einem Garten oder Feld, gegenüber eines Wohnhauses, etwa auf halbem Weg zwischen der Hl. Klement und der Ss. Quattro Coronati.



Die kleine Straße trägt seit fast dreitausend Jahre den Namen via Querquengetulana, oder via dei Querceti nach dem Eichenwald, der auf Nollis Karte noch sichtbar ist. Nach Ferdinand Gregorovius monumentales achtbändiges Werk über das mittelalterliche Rom, wurde es aber seit dem frühen Mittelalter auch vicus Papissae, die Straße der Päpstin genannt, und zwar weil das Haus gegenüber zur Matrone der Familie Papa gehörte.

Erst im 11. Jahrhundert enstand eine andere Erklärung für den Namen der Straße, die dann ganz Europa in Aufregung versetzte. Der Dominikaner Jean de Mailly aus Metz erwähnt in einer Randnotiz seiner Weltchronik von 1099, dass er eine Geschichte gehört hatte, die er noch überprüfen muss. Demnach ist die Erklärung der Inschrift PPP auf einem Stein in Rom (eigentlich pecunia propria posuit, „errichtet auf eigene Kosten“), dass eine als Mann gekleidete Frau zum Papst gewählt wurde, und als sie während dem Reiten öffentlich ein Kind gebar, wurden beide vom Volk getötet, und auf ihrem Grab aufgeschrieben: Petre Pater Patrum, Papissae Prodito Partum – „Peter, Vater der Vater, enthüll die Geburt der Päpstin“. Es scheint, dass die Fremdenführer Roms bereits im 11. Jahrhundert hart für ihr Geld gearbeitet haben.

Die Story zog aber in die Skandalchronik des Mittelalters in jener Form hinein, die ihr von seinen Kollegen, dem Dominikaner und Bischof von Gniezno, Martin von Troppau im 13. Jahrhundert gegeben wurde. Martinus, offensichtlich unter der Inspiration des Namens der während seiner Amtseinführung in Rom gesehenen kleinen Straße, wollte schon auch den genauen Ort wissen, wo dieses unglaubliche Ereignis geschah, von dem vor vierhundert Jahren niemand gehört hatte.

„Post hunc Leonem Iohannes Anglicus nacione Maguntinus sedit annis 2, mensibus 7º, diebus 4, et mortuus est Rome, et cessavit papatus mense 1. Hic, ut asseritur, femina fuit, et in puellari etate Athenis ducta a quodam amasio suo in habitu virili, sic in diversis scienciis profecit, ut nullus sibi par inveniretur, adeo ut post Rome trivium legens magnos magistros discipulos et auditores haberet. Et cum in Urbe vita et sciencia magnis opinionis esset, in papam concorditer eligitur. Sed in papatu per suum familiarem impregnatur. Verum tempus partus ignorans, cum de Sancto Petro in Lateranum tenderet, angustiata inter Coliseum et sancti Clementis ecclesiam peperit, et post mortua ibidem, ut dicitur, sepulta fuit. Et quia domnus papa eandem viam semper obliquat, creditur a plerisque, quod propeter detestationem facti hoc faciat. Nec ponitur in cathalogo sanctorum pontifcum propter mulieris sexus quantum ad hoc deformitatem.“

„Nach Leo [IV., 847-855] war der in Mainz geborene Johann Anglicus Papst für zwei Jahre, sieben Monate und vier Tage. Er starb in Rom, und danach gab es Vakanz im Papsttum für ein Monat. Es wird behauptet, dass dieser Johann eine Frau war, die als Mädchen in der Kleidung eines Mannes von ihrem Liebhaber nach Athen geführt wurde. Dort wurde sie in einer Vielfalt der Wissenszweige bewandert, so dass sie keine gleiche hatte, und nachdem unterrichtete sie in Rom die freien Künste und hatte große Meister unter ihren Studenten und ihrem Publikum. Eine hohe Meinung von ihrem Leben und Lernen enstand in der Stadt, und sie wurde zum Papst gewählt. Als Papst wurde sie jedoch schwanger von einem ihrer Höflinge. Als sie die genaue Zeit, wann die Geburt zu erwarten war, nicht kannte, hat sie ein Kind in einer kleinen Gasse zwischen dem Kolosseum und der Hl. Klement-Kirche geboren, als sie in einer Prozession von Petersdom zur Lateran ging. Nach ihrem Tod wurde sie im gleichen Ort begraben. Der Papst immer vermeidet diese Straße, und es wird von vielen angenommen, dass er dies aufgrund der Abscheu dieses Ereignisses tut. Noch ist sie auf der Liste der heiligen Päpste aufgenommen, sowohl wegen ihres weiblichen Geschlechts, und wegen der Garstigkeit des Skandals.“

Die Päpstin gebärt ihr Kind auf Jacob Kallenbergs Illustration zur Boccaccios De claris mulieribus (1533), und die Päpstin (Johanna Wokalek) in Sönke Wortmanns Film Die Päpstin (2009)


Die von der Lateran, dem Pfarrhaus des römischen Pontifex zum Petersdom, der heiligsten Wallfahrtskirche von Rom führende feierliche Route hatte eigentlich drei Versionen auf dieser Strecke. Die spektakulärste, die via S. Giovanni in Laterano, die 1588 von Sixtus V. zu Via Papalis erhöht wird, war im Mittelalter unpassierbar wegen die Ruinen des Ludus Magnus, der Gladiatorenkaserne neben dem Kolosseum. Aus Mangel an dieser gab es zwei alternative Routen: die malerische via Ss. Quattro Coronati – die wir auch während unserer Tour im Caelius folgen werden –, die jedoch wegen seiner extremen Steilheit nicht zu feierlichen Märschen geeignet war; und die alte Hauptstraße, die Via Labicana, wo jetzt die Straßenbahn zwischen der Lateran und dem Kolosseum verkehrt. Die mittelalterlichen Päpste wählten natürlich die letztere, aber das Volk von Rom suchte eine rationale Erklärung dafür, warum der Papst nicht die kürzere Route folgt, wie alle anderen. Und die, die suchen, werden finden.

Die Abtei Ss. Quattro Coronati, noch einsam auf dem Hügel Caelius, vor dem Bodenspekulation und Urbanisierung des späten 19. Jahrhunderts. Nun, das war der wirklich saftige Skandal im Caelius!

Die Legende der Päpstin wurde schließlich nicht von den Katholiken, sondern von den Protestanten mit den Methoden der humanistischen Textkritik widerlegt. Onofrio Panvinio, der großer römische Historiker aus dem 16. Jahrhundert hat sie noch für authentisch angenommen, und er versuchte lediglich, seine Details zu verschönern. Der Hugenotte David Blondel hat aber ihre Falschheit am Anfang des 17. Jahrhunderts deutlich ausgewiesen, und seitdem haben auch die Päpste seine Erwähnung zensiert.

Das Volk von Rom aber weiß, was es weiß. Päpste und Wissenschaftler kommen und gehen, die vicus Papissae wurde bis Militärspital erweitert, was durch Bodenspekulation errichtet wurde, ein Wohnblock wurde an der Stelle des Gartens gebaut, aber die Kapelle ist immer noch da. Das Caelius-Viertel, das erst am Ende des 19. Jahrhunderts in die Blutbahn der Stadt aufgenommen wurde, hält noch viele alte Traditionen und Gebäuden am Leben, die in anderen Teilen der Stadt schon vergessen sind. Wegen der Unterbindung kann der Grund der Gründung nicht angegeben werden, aber jeder ist vertraut mit ihm, und ihre Restauratoren aus dem 18. Jahrhundert bitten nur um einen Gruß an die Madonna, um die schlechte Erinnerung des Orts auszutreiben.

Durch die aufgesprengten Eisentore der Kapelle von rissigen, römisch-rot gemalten Wänden hineinguckend, kann man ein Madonna-Fresko sehen, dessen Alter ist schwer zu sagen, aber vielleicht kann es zum Ende des 15. Jahrhunderts datiert werden. Ihre Gesichtszüge sind bereits verwischt worden, aber ihr Lächeln durchglänzt noch die auf dem Tor angesteckten trockenen Blumen und Votivbänder, und die reich auf dem Ziegeldach und in den Rissen des Pflasters wächsende Mittelmeerflora, das Gedächtnis des verschwundenen Eichenwaldes.


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