Posts mit dem Label jüdisch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label jüdisch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

„Jüdische Tempel“. Denkmäler eines goldenen Zeitalters


Das Emanzipationsgesetz von 1867 – das heute vor hundertneunvierzig Jahren einstimmig vom ungarischen Parlament genehmigt wurde – eröffnete den Weg zum sozialen Aufstieg der ungarischen Juden. Gleichzeitig brachte der österreich-ungarische Kompromiss einen nie gesehenen wirtschaftlichen Aufschwung für das ganze Land mit sich. Die jüdische Bourgeoisie hatte allen Grund zu glauben, das Kanaan ist bereits hier (wie es in einem anderen Zusammenhang vom großen zeitgenössischen Dichter Sándor Petőfi gesagt wurde).

Dieses Gefühl, diese stolze und zuversichtliche Stimmung der sozialen und wirtschaftlichen Emanzipation manifestierte sich in den großen Synagogen, die am Ende des Jahrhunderts gebaut wurden. Wie Tamás Halbrohr, emeritierter Ober der Synagoge von Szabadka/Subotica zitiert die Worte ihrer Erbauer, „wir bauen nicht Synagogen, sondern jüdische Tempel“, mit den christlichen Kirchen gleichrangige sakrale Zentren, deren repräsentative Ausgestaltung und architektonische Lösungen auch an den Tempel von Jerusalem und das mit ihm verbundene goldene Zeitalter erinnern. Solche waren die Hauptsynagogen der großen Städte, Budapest, Pozsony/Preßburg/Bratislava, Nagyvárad/Großwardein/Oradea oder Szeged, deren historistischer und oft orientalistischer Stil an die Jahrtausende der jüdische Geschichte anspielt. Oder die beeindruckenden Synagogen der großen ungarischen Tiefebene, Hódmezővásárhely, und vor allem Szabadka/Subotica, die die Motive des von den Budapester Architekten entwickelten „ungarischen Jugendstils“ verwenden für den Ausdruck ihrer Identifikation mit der ungarischen Nation.


Im vergangenen Jahr besuchten wir diese prächtigen jüdischen Tempel mit dem Filmteam von Eti Peleg. An jedem Ort sprachen wir mit Kunsthistorikern, Architekten, Lokalhistorikern, den Mitgliedern der lokalen Gemeinschaften, um die Absichten der einmaligen Baumeister und Auftraggeber und den sich in den Gebäuden verkörperten Geist der Zeit wieder erwecken. Den Geist einer Zeit, die, wenn wir sie nicht mit unserer nachträglicher Weisheit, durch das Prisma der eines halbes Jahrhundert späten Tragödie sehen, kann wirklich als das goldene Zeitalter de ungarischen Judentums betrachtet werden.

Der Film ist abgeschlossen, jetzt suchen wir Distributoren. In der Zwischenzeit veröffentlichen wir die folgende kurze Zusammenfassung. Und noch einmal möchten wir Dank sagen an alle, die uns bei der Vorbereitung geholfen haben.



Die drei Synagogen des Konzentrationslagers


Bei der Veröffentlichung der „Rassengesetze“ von 1938, 9170 jüdische Ausländer aufhielten sich mit Genehmigung in Italien. Viele von ihnen lebten dort jahrzehntelang, andere flohen dorthin nach den Nürnberger Gesetzen von 1935, wegen der völligen Entrechtung – einschließlich der Ausbürgerung –, und der Judenverfolgung durch das NS-Regime. 1938 begann für sie die Odyssee auch in Italien. Ihre Route leitete meist über Genua. Viele von ihnen waren Studenten, von den besten Schulen Osteuropas, die ihre Studien in Italien beginnen und hoffentlich auch beenden wollten. Ihre persönliche Akten können noch an den Universitäten von Genua und anderer italienischen Städten gefunden werden, einschließlich ihrer Registerdaten sowie der Informationen über ihr Studien, die bestandenen Prüfungen, Noten, Thesen, die Adressen in ihrer Heimat und in Italien. Am oberen Rand von vielen Akten zeigt ein Stempel die Gehörigkeit des Studenten zur jüdischen Rasse. Die Wanderung von Universität zu Universität in der Hofnung, ihr Studium abzuschließen, machte „wandernde jüdische Studenten “ von allen.



Ihre Wanderung endete 1940, als sie alle in die Konzentrationslagern für ausländische Juden aus osteuropäischen Ländern interniert wurden. Eines davon wurde neben Ferramonti di Tarsia im süditalienischen Kalabrien aufgestellt. Das Lager wurde in einer sumpfigen Region errichtet, als eine Erweiterung der Kasernen für die Arbeiter der Firma Parrini, die die Entwässerung durchführten. Obwohl das Gebiet nicht den Anforderungen des Innenministeriums entsprach, gelang es Parrini, über seine Verbindungen eine Konzession an die Erweiterung des Lagers zu erhalte, und die ersten jüdischen Internierten als seine Arbeiter zu registrieren. Darüber hinaus gelang es ihm, die entsprechende Nahrungsversorgung für die Internierten zu erhalten.

Das Lager von Ferramonti

Das Innere einer Baracke in Ferramonti

Ferramonti war eher ein Dorf als ein Konzentrationslager, und aus mehr als einem Grund. Einige der Lagerkommandanten waren extrem humane Personen, sowie der erste von ihnen, Paolo Salvatore. Die Gefangenen, die meist hochqualifizierte Fachleute waren, verhielten sich immer in intelligenter und kooperativer Weise. Auch das großzügige und empfangene Verhalten der örtlichen Bevölkerung trug wesentlich dazu bei, ebenso wie das Dasein eines Mönchs aus dem Vatikan, der in erster Linie nicht spirituelle, sondern praktische Aufgaben leistete.

Pater Callisto Lopinot

Wegen der milden Behandlung des Lagerkommandanten Paolo Salvatore ging das Leben auf dem erträglichsten Weg im Lager. Er nie verweigerte eine Ausreisegenehmigung, wenn es notwendig war. Die Leute konnten Fotos machen und Radio hören. Man hat eine Grundschule errichtet, und Salvatore selbst nahm die Kinder regelmäßig mit dem Auto ins Dorf für ein Eis, oder fuhr sie auf seinem Motorrad um das Lager herum.

Paolo Salvatore

Das Lager hatte eine eigene Bibliothek, wo eine kleine Lokalzeitung gedruckt wurde. Sie hatten ihre eigene Bäckerei, wo auch rituelle Matze gebacken wurde, sowie eine Schneiderei, wo das Kleid der Gefangenen nach Größe zugeschnitten wurde.



Das Lager hatte sein eigenes Parlament, wohin jede Baracke einen Vertreter delegierte. Die Verträter wählten dann den „obersten Führer“, der mit den Kommandanten über die Angelegenheiten des Lagers verhandelte.

Rabbiner Pacifici im „Parlament“ von Ferramonti

Die Familien wurden nicht getrennt, und es hielte auch Hochzeiten. Einundzwanzig Kinder wurden in Ferramonti geboren.

Jüdische Hochzeit

Kinder in Ferramonti

Da sie alle Juden waren, gab es in Ferramonti so viele wie drei Synagogen. Eine Orthodoxe, eine Reformsynagoge, und eine dritte für die zionistische Betar-Organisation.

Das Innere einer der drei Synagogen

Kultur und Sport halfen, die verschiedene Gruppen zu verbinden. Es wurden Konzerte, Theateraufführungen, Lesungen, Poesiewettbewerbe veranstaltet. Viele der Gefangenen waren Künstler, für die eine besondere Baracke als Atelier aufbehalten war. Hier arbeitete zum Beispiel Michel Fingenstein, der renommierter Maler und Exlibris-Künstler. Europa-Fußballmeisterschaften fanden ebenfalls statt. Vom jugoslawisch-polnischen Fußballspiel haben wir die volle schriftliche Chronik.

Am Klavier Lav Mirski; die beiden Sänger sind Gildin Gorin und Elly Silberstein

Die Studio-Baracke. Der erste von links ist Michel Fingenstein

Fußballspiel

Trotzdem waren Hunger und Insekten auch in Ferramonti daheim, zusammen mit dem Gefühl, dass etwas Schreckliches da draußen in der Welt passiert.

Die Internierten waren Juden aus Rom, Deutschland, Österreich und Polen, Exilanten aus Osteuropa, Juden aus Libyen, Laibach und Serbien, sowie die Passagiere des Pentcho. Der letztere Flussdampfer segelte aus dem Hafen von Bratislava in der Hoffnung, Palästina zu erreichen, aber er scheiterte neben der Insel Rhodos, die damals zu Italien gehörte.

Pentcho

Zu den Bewohnern des Lagers gehörten auch jugoslawische, griechische und chinesische Partisanen.

1943, als die deutsche Armee in Italien begann sich zurückzuziehen, waren die meisten der Internierten, vor allem die Jüngsten von den benachbarten Bauern in den Wäldern und in ihren Häusern verborgen. Der Mönch schaffte es, die Deutschen davon zu überzeugen, dass eine Cholera-Epidemie im Lager wütete, und damit ihr Eindringen zu verhindern. Das Lager wurde im September 1943 von den Briten befreit, die zugleich die Auswanderung nach Palästine verboten. Viele Menschen blieben dort bis zum Ende des Krieges, bevor sie entschieden, wo ihr neues Leben zu beginnen.

Die jüdische Brigade von Ferramonti


Viele von ihnen wurden berühmt als Künstler, Schriftsteller, Gelehrte oder Athleten. Der Berliner Arzt und Psychiater Ernst Bernhard wurde ein hervorragender Student von Carl Gustav Jung in Zürich. Richard Dattner aus Polen emigrierte in die USA, wo eir ein renommierter Architekt wurde. Oscar Klein aus Österreich wurde weltberühmter Jazz-Trompeter. Der in Budapest geborene Imi Lichtenfeld wurde einer der bedeutendsten Kampfkünstler des Jahrhunderts, ein Gründer der Krav Maga Selbstverteidigungstechnik und der israelischen Armee. Der jugoslawische Arzt David Melt wurde wiederholt für den Nobelpreis für die Entdeckung des Impfstoffs gegen die Dysenterie nominiert. Alfred Weisner war der Entdecker des Algida Eis-Prozesses, und Begründer des gleichnamigen Unternehmens.

Wie habe ich diese Geschichte gefunden? Durch den Dokumentarfilm Ferramonti, il campo ʻsospeso’ (Ferramonti, das „aufgehobene“ Lager) von Christian Calabretta, der von Rai Storia an einem Sonntagnachmittag aufgeführt wurde. Ich wollte sie tiefer kennenlernen, deshalb schrieb ich an Mario Rende, der Verfasser des bei Mursia veröffentlichten Essays Ferramonti di Tarsia. Durch ihn lernte ich besser die Gruppe der „Genua-Juden“ kennen. Ich verbrachte zwei Tage im Archiv der Universität Genua, wo ich die persönlichen Akten der Studenten, insbesondere der Medizinstudenten forschte.

Eine vollständige Liste der Internierten mit den Geburtsdaten und den Bedingungen der Internierung wurde von Anna Pizzuti erstellt, und ist nun vollständig im Internet forschbar: Ebrei stranieri internati in Italia durante il periodo bellico.

Wir kennen sogar die Gesichter von vielen, dank der von der Universität von Bologna und der Munizipalität von Ferramonti am Internet zur Verfügung gestellten Dokumentation. Ich auch veröffentliche einige von ihnen, aber ich bin sicher, dass viele weitere Bilder in den Familienalben gefunden werden können, die in Europa und auf der ganzen Welt verstreut sind. Die Bildunterschriften beinhalten die Namen der Personen, die Namen ihres Vaters und Mutter, Geburtsort und -datum.

ferramonti1 ferramonti1 ferramonti1 ferramonti1 ferramonti1 ferramonti1

Auf Wunsch von Yolanda Bentham, der Tochter des 1913 in Lemberg geborenen und in Genua studierten David Ropschitz gelang es mir, mit mehreren Monaten Forschungsarbeit die Identität eines Kollegen und später Mitgefangenen und lieben Freundes ihres Vaters bestätigen.

David Ropschitz, Isaac Klein, Isacco Friedmann

Es war nicht einfach, denn die Geschichte von Isacco ist sehr verschieden von der der anderen Studenten. Er wurde 1914 in Brody geboren. 1921 kam er in Italien, wo sein Vater Leone, der im Ersten Weltkrieg gefangengenommen worden war, seine Frau und seinen Sohn nach ihm kommen ließ. In der genuesischen Festung Forte Begato, wo er seine Gefangenschaft verbrachte, fand er eine freundliche Umgebung, wo er seine Arbeit fortsetzen konnte. Brody war ein der bedeutendsten jüdischen Zentren der österreichisch-ungarischen Monarchie, die oft als „das österreichische Jerusalem“ genannt wurde, sowie ein Schlüsselpunkt des russisch-österreichischen Handels. Vor dem Krieg waren die Schneider mit 139 Werkstätten und kleinen Fabriken, die alle in jüdischen Händen waren, eine der bedeutendsten Industriezweige in der Stadt. Die Schneidergilde gehörte zu den einflussreichsten Korporationen, und besaß einen eigenen Rabbiner, der in der ganzen jüdischen Gemeinde hoch angesehen wurde.



Leones Entscheidung rettete das Leben seiner Frau Sara und des kleinen Isacco. Während der Nazi-Besetzung wurden alle jüdischen Einwohner von Brody, darunter die 16 Angehörigen von Isacco, getötet, die Mehrheit auf der Stelle, und der Rest in den Konzentrationslagern.

Der Eingang des Ghetto von Brody, 1942-1943

Juden von Brody warten auf die Deportation

Sara unternahm die große Reise durch ganz Europa. Sie war gezwungen, für eine Weile in Prag zu bleiben, weil der kleine Isacco Typhus bekam. Als sich die Familie wieder vereinigte, dämmerte ein neuer Boom für die Friedmanns.

Von links nach rechts: Isacco (Iso), seine Mutter Sara, seine kleinen Brüder Giuseppe und Sigismondo (Gigi), die bereits in Italien geboren waren; und dahinter der Vater Leone

Isacco studierte in der Liceo Cassini. Am 11. July 1939 absolvierte er die Medizinischen Fakultät, und lebte damit ein ganz anderes Leben als seine jüdischen Mitschüler, die wegen der Rassengesetze ihre Familien und ihre Heimat verlassen mussten. Aber sein sorgloses Leben endete 1940 mit der Internierung in Ferramonti.

Isacco Friedmann (links) mit einer Gruppe von in Ferramonti internierten Ärzten

Isacco kam in Ferramonti mit der ersten Gruppe an, die das Lager für die späteren Ankünfte bewohnbar machte. Er gewann das Vertrauen des Lagerkommandanten Salvatore, der ihn in das nahe gelegene Lungro versetzte, praktisch unter freien Bedingungen. Als er aber seine ärztlichen Dienste kostenlos und mit Erfolg den Einheimischen anbot, hat der örtliche Arzt ihn angezeigt, deshalb musste er ins Lager zurückkehren. Dort blieb er bis zum 30. Juli 1942. Danach wurde er nach Santo Stefano D’Aveto in der Nähe von Genua abkommandiert, wo er bis 12. November 1943 blieb. Um eine Verhaftung zu vermeiden, zog er dann sich in die Berge zurück, wo er, wie sagte, die zwei schlimmsten Jahre seines Lebens verbrachte. Nach dem Krieg hatte er eine erfolgreiche medizinische Karriere, wurde verheiratet und hatten einen Sohn, und ist er noch, im Alter von 102, ein brillanter, gebildeter und charmanter Gentleman, wie ich es erfahren habe, als wir uns persönlich trafen. Im August dieses Jahres teilten sie mit Yolanda, die aus England kam, ihre Fotos, unglaubliche Geschichten und nicht immer angenehmen Erinnerungen mit, die ein außergewöhnliches Zeugnis darüber ablegen, was in Ferramonti passiert worden war.

Inge und Isacco Friedmann (links) mit Yolanda Bentham

Auf Wunsch übersende ich gerne Kopien der Personalakten der genuesischen Studenten. Hiermit möchte ich Roberta Rabboni, Leiterin der Sekretariats der medizinischen und pharmazeutischen Fakultät Dank sagen, ohne deren Hilfsbereitschaft ich keinen Zugang zu diesem Material gehabt hätte. Und natürlich freue ich auf alle weiteren Erinnerungen oder Fotos, die ich mit den Forschern des Museums in Ferramonti teilen werde. Jeder kann zur Rekonstruktion dieser Geschichte beitragen, wer Zeuge all dieser Gewalt und Leidens war, aber auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft bewahrte. Und wer sich noch daran erinnert, dass Ferramonti im Grunde eine Geschichte der Rettung war.

Der hebräische Seemann


Pola ist eine charmante Kleinstadt auf der istrischen Halbinsel, in der tiefen Bucht der Adria. Sie hat ein römisches Amphitheater und ein Siegestor, einen mittelalterlichen Hauptplatz und ein Renaissance-Rathaus, eine venezianische Festung, eine Markthalle aus der Zeit der Monarchie, und ein permanent geschlossenes archäologisches Museum. Und vor hundert Jahren hatte sie auch einen Militärhafen.

pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola pola
Die Karte von Pola aus dem Baedeker Österreich-Ungarns von 1910. In hoher Auflösung hier. Durch einen Klick auf einen beliebigen Punkt können Sie die alten Postkarten durchblättern.

Die österreichische Marine wahlte 1859 den Hafen von Pola als ihre Hauptbasis und das Zentrum des Schiffbaus aus. So blieb es bis zum 31. Oktober 1918, dem letzten Tag des Krieges, wenn einige von D’Annunzio inspirierten italienischen Offiziere führten die spektakulärste Heldentat der italienischen Marine aus, und sprengten in die Luft im Hafen von Pola das Kriegsschiff Viribus Unitis, das Flaggschiff der Monarchie. Der einzige Schönheitsfehler des Unternehmens war, dass die Helden wussten nicht, dass der Krieg schon vorbei war, und das Schiff dem neu gegründeten südslawischen Staat übergeben geworden war, dessen vierhundert Schiffsmänner bei der Explosion starben.

Dies zeigt auch, dass die Mannschaft der Flotte immer multi-ethnisch war, wie die Monarchie selbst. Heute fühlen insbesondere die Tschechen eine Sehnsucht nach das erste und letzte Meer ihrer Geschichte – wenn wir dasjenige nicht zählen, das Shakespeare gab ihnen –, und im letzten Jahr gedachten sie mit einer großen Ausstellung und einigen Memoiren der tschechischen und mährischen Schiffsleute der Monarchie, worüber wir bald berichten werden. Nach den Statistiken erfüllten sie und die Deutschen meist technische und organisatorische Aufgaben, die Mehrheit der Kanoniere waren ungarisch, während die Matrosen meist italienisch und kroatisch. Aber wir wissen auch über russinische, polnische und rumänische Schiffsleute, und um die Jahrhundertwende dienten auch vier jüdischen Seeoffizieren in Pola. Allerdings gab es nur einen hebräischen Seemann in der Monarchie: Aurél Göndör, der populäre Komiker von Budapest.



Aurél Göndör: Héber tengerész (Der hebräische Seemann), um 1909

Tudja rólam mindenki, hogy nem vagyok merész
Leider mégis vagyok én egy héber tengerész.
Tauli * lettem, be is hívtak engemet Pólába
S ott tartottak tengerésznek ebbe a gúnyába

Refr:
Hej, mondd Lipi, hitted-e, hogy tengerész leszel
Hogy életedben a hajón szolgálatot teszel
No de sebaj, nem busulok, sorsom bár nehéz:
Én vagyok az egyedűli Jordán-tengerész.

Hogyha már a kegyetlen sors engem idetett,
Ó, Jehova, hallgasd meg az én kérésemet:
Zsidó vagyok, vitorlázom sima Adrián,
Add meg nékem, Jordán vizén legyek kapitány.

Refr, azzal az utolsó sorral:
…én vagyok az egyedűli zsidó tengerész.

Hogyha járnak dühös szelek, s minden háborog
A hajó kész ringlispíl, amely forog-forog.
Én áthajlok a korláton, s mérgem kiadom
Fájó lelkem ott kóvályog zsidó piacon (?)

Refr:
…én vagyok az egyedűli Jordán-tengerész.

Én Istenem, hogy hiányzik a hajón a nő.
Éjjel csupa tűz a testem, és a fejem fő.
A tengertől ovakodjék Izráel szent népe:
Csak álmában áll előtte Vénusz asszonyképe.

Refr:
Lipi, Lipi, ne busulj, ha letelik időm
Hazamegyek, szabad leszek, lesz is szeretőm
Szőke-barna, mindenfajta, zsidó-keresztény,
Minden leány így kiált: Lipi derék legény!
Jeder weiß dass ich nicht abenteuerlich bin,
Leider bin ich trotzdem ein hebräischer Seemann.
Ich war tauli, * also wurde ich in Pola gebracht,
und dort als Seemann in dieser Uniform gehalten.

Refrain:
Hei, Lipi, hast du jemals gedacht, ein Seemann zu sein?
dass du jemals auf einem Schiff dienen werdest?
Es mach nichts, auch wenn dein Schicksal ist schwer:
Ich bin der einzige Jordan-Seemann.

Wenn der grausame Schicksal mich einmal hier brachte,
ach, Jehova, höre meine Bitte:
Ich bin ein Jude, ich segele auf der glatten Adria,
lass mich aber einmal Kapitän auf dem Jordan sein.

Refrain, mit dem letzten Vers:
…Ich bin der einzige jüdische Seemann.

Wenn böse Winde kommen, und alles aufwirbeln,
ist das Schiff ein Karusell, das immer nur umdreht.
Ich beuge mich über das Geländer, ich gieße meinen Zorn aus,
und meine Seele irrt auf dem jüdischen Markt um.

Refrain:
…Ich bin der einzige Jordan-Seemann.

Ach mein Gott, wie vermisse ich die Frauen auf dem Schiff!
In der Nacht ist mein Körper und Kopf all Feuer.
Behüte sich das heilige Volk von Israel vom Meer
wo man sieht die schöne Venus nur in Träumen.

Refrain:
Lipi, Lipi, es macht nichts, deine Zeit wird vorbei sein
Ich gehe nach Hause, ich werde viele Liebhaber haben.
Blondinen, Brunetten, alle Art, Juden und Christen,
alle Mädchen schreien: Lipi ist ein tapferer Bursche!

Ich bin nicht ganz sicher, wie ich „Jordan-Seemann” schreiben soll. Es kann kein Volksname (”jordanische Seemann“) sowie „hebräisch“ und „jüdisch“ sein. Der Autor konnte offensichtlich nicht das jordanische Königreich im Auge haben, das erst 1946 unabhängig wurde, und mit dem er sich onehin nicht identifiziert hätte. Vielleicht stellt er sich lieber als Matrose auf dem Jordan dar, wie er es auch in seinem Gebet bittet. Dieser Hinweis zeigt die post quem des Liedes, die Jahrhundertwende, wenn sowohl der Zionismus als der Sänger ihre ersten großen Erfolgen erzielten. Und die Tatsache, dass er sein Verlangen nach christliche Frauen offen verkünden kann, zeigt auf eine traurige ante quem, die er glücklicherweise nicht erlebte. Er starb 1917, noch vor der Auflösung der österreichisch-ungarischen Pola.

Ist es vielleicht er, Aurél Göndör, am Ausgang in Pola? (Fortepan)

…und im Dienst?

Die um 1909 veröffentlichte Grammophonscheibe wurde zusammen mit vielen anderen Scheiben Auréls Göndör vom Gramofon Online digitisiert. Und jetzt das Ungarische Jüdische Museum und Archiv von Budapest feiert mit sie ihre Zentenarausstellung, die morgen, Samstag Abend um 20:155 geöffnet wird. Wir empfehlen den Besuch allen unseren Lesern. Mazel tov!


Zwangsräumung ist süß in Pitigliano


Zumindest für die Juden. Sie kamen im 16. Jahrhundert aus dem Kirchenstaat in der Maremma, im Gebiet von Sovana und Sorano. Doch das Dekret von 1619 des Cosimo II de’ Medici vertrieb sie aus ihren Häusern und zwang sie, in Pitigliano umzusiedeln. Ihre Türen wurden mit Stöcken geschlagen, als Aufforderung zum Umzug, und die Juden von Pitigliano immer noch erinnern daran mit dem mit Honig und Walnüsse, Orangenschale und Anis bereiteten Kuchen genannt sfratto, “Zwangsräumung”.


Pitigliano, die aus Tuffstein gebaute Stadt etruskischen Ursprungs ist eine der schönsten Städte Italiens. Sie liegt an der Grenze der toskanischen Maremma und Latium, und wurde “Klein-Jerusalem” wegen ihrer bedeutenden jüdischen Gemeinde genannt, die von der Mitte des 16. Jahrhunderts hier ansiedelte. Sie waren meist sephardische Juden, die die Bulle von 1555 des Papsts Paul IV in diese Ecke der Toskana geschoben hat. Das Dekret schrieb ihnen vor, nur in bestimmten Straßen zu leben, um die Kontakte mit der christlichen Bevölkerung zu verhindern – damit das Ghetto institutionalisiert wurde –, und unterscheidende Kleider zu tragen. Später wurden diese Richtlinien auch vom Cosimo II de’ Medici eingeführt, und die Juden des Großherzogtum von Toskana mussten nach Pitigliano, in die Grafschaft der Orsini umziehen. Diese waren glücklich, die wohlhabende und gebildete jüdische Gemeinde zu beherbergen, die auch mit den ihnen übertragenen, durch Malaria befallenen Feuchtgebieten zufrieden waren.

In Pitigliano passten sich die Juden wohl in die örtliche Gemeinde ein, und genossen eine Freiheit des Handels und Handwerk, die ihnen in anderen Orten nicht gewährt wurde. 1571 wurden sie berechtigt, eine Kreditbank zu öffnen, und die dort arbeitenden Juden durften keine unterscheidenden Abzeichen tragen, und hatten das Recht zur bewaffneten Selbstverteidigung. Ihre Synagoge wurde 1598 gebaut. Nach der Annexion des Gebietes ins Großherzogtum von Toskana wurde das Ghetto auch hier eingeführt, die Handelstätigkeit der Juden beschränkt, und sie waren gezwungen, das gelbe Abzeichen zu tragen. Die Kreditbank wurde geschlossen, und die Bedingungen für die Bewohner des Ghettos allmächlich verschlechterten sich. In den 17. und 18. Jahrhundert auch die Juden auf der Flucht aus Castro zogen nach Pitigliano, so dass diese blieb die einzige jüdische Gemeinde in der Maremma. Mit dem Aufkommen der Habsburger im Jahre 1765 hat die Gemeinde ihre Rechte wiedergewonnen, und sie erreichten die vollständige Integration in die örtliche christliche Gemeinde. So sehr, dass es waren die Katholiken, die die Zerstörung ihrer Häuser während der antifranzösischen Revolte Viva Maria verhinderten. Die Gemeinde erreichte ihre Höhepunkt im 19. Jahrhundert. Sie gründeten eine Schule, wo Juden und Christen gemeinsam studierten, hatten ihre eigene Bibliothek und ein Institut für die Pflege der armen Juden. Einige Schlüsselfgure des italienischen Judentums wurden in Pitigliano geboren, darunter die Servi Brüder, Gründer der Zeitschrift Vessillo Israelitico, und Rabbi Dante Lattes, Gründer des Verlages desselben Namens, der große Verdienste bei der Verbreitung der jüdischen Kultur in Italien hatte.

Die fortschreitende Normalisierung der jüdischen Gemeinde von Pitigliano war wahrscheinlich der Hauptgrund ihrer Auflösung. 1931 hatte die Gemeinde nur 70 Mitglieder statt der 400 des vorigen Jahrhunderts, und sie waren der jüdischen Gemeinde von Livorno unterstellt. Die Rassengesetze von 1938 haben sie auch nicht verschont. Heute leben nur fünf Juden in Pitigliano.

Dennoch ist der ehemalige jüdische Viertel noch intakt, und er kann besichtigt werden, einschließlich des weiblichen rituellen Bad, die das bereits von den Etruskern angewandete Heilwasser benutzte, des Weinkellers, der koscheren Schlächterei, der Bäckerei der ungesäuerten Brote, der Färbewerkstatt, der Zisterne, und nicht zuletzt der Synagoge. Sie wurde 1598 erbaut, und im 18. und 19. Jahrhundert sowie 1931 restauriert. Seine Fassade wurde im 18. Jahrhundert mit Rokokostuck verziert. Zum Zeitpunkt ihrer Schließung im Jahr 1956 wurde der Toraschrein in die Synagoge von Karmiel in Israel transferiert. Die letzte Restaurirung wurde 1995 auf die Kosten der Gemeinde von Pitigliano verrichtet, und heute hielt man wieder Gottesdienste in der Synagoge.

pitigliano pitigliano pitigliano pitigliano pitigliano pitigliano pitigliano pitigliano pitigliano pitigliano pitigliano

Das jüdische Erbe und die kleine Dauerausstellung der jüdischen Kultur werden vom „Verein Klein-Jerusalem“ verwaltet. Ein aktives Fundraising ist im Gang für die Wiederherstellung des jüdischen Friedhofs, die unterhalb dem Tuffstein der Stadt gelegen ist. Er hat etwa 280 Gräber. Ein kleiner Laden am Eingang des Ghettos bietet koschere Produkte an, einschließlich der oben genannten sfratto, die typische Süßigkeit von Pitigliano.

Sfratto, Zwangsräumung für vier Personen. Zutaten:
200 g Mehl, 100 g Zucker, eine Prise Salz, 1 dl Weisswein, 6 Esslöffel Olivenöl, 4 Gewürznelken, 150 g Honig der Maremma, Zimt, Muskatnuss, 200 g zerkleinerte Nüsse, Anissamen, Orangenschalen, Vanille, Ei.

Vorbereitung:
• Eine halbe Stunde vor der Herstellung des Teiges beginnen Sie, den Honig bei schwacher Hitze zu erwärmen.
• Geben Sie die Orangenschale, die Anissamen, die Nüsse, den Zimt und Muskatnuss dazu.
• Bereiten Sie den Teig mit dem Mehl, Olivenöl, Wein, Zucker, Vanille und Eingelb.
• Glätten Sie ihn dünn, und schneiden Sie es in etwa 25 cm lange und 6-7 cm breite Streifen.
• Füllen Sie sie mit der Mischung aus Honig usw., die sich inzwischen erkaltet hat.
• Rollen Sie die Streifen in Stöcken auf. Setzen Sie sie in den Ofen bei 170 °C für 15 Minuten.




In Sorano blieben nur wenige Spuren der jüdischen Präsenz: die via del Ghetto, die Ölmühle, die Klopfer der Türen des alten Gebäudes, das heute die Locanda Aldobrandeschi beherbergt, und der nahe gelegene ehemalige oil Getreidespeicher, vo wo man den Juden „Weizen-Darlehen“ gab. Die alte Synagoge wurde in einen Saal für kulturelle Veranstaltungen umgewandelt.