Vierhundert Tonnen geheimer Karten

Beim Herumstreifen durch Riga stoßen wir zufällig auf den Kartenladen im ehemaligen Berga Bazārs-Passage. Auf den ersten Blick wirkt er einfach wie ein guter Laden, mit einem soliden Angebot an internationalen Karten und Reiseführern.

Doch dann entdecken wir das Regal mit russischen Karten, die scheinbar detaillierte Darstellungen von nahezu nicht existierenden Welten bieten. Birobidschan, die jüdische autonome Region, Stalins „Anti-Israel“ am Amur, wo heute nur noch ein Prozent Juden lebt, aber weiterhin eine jiddische Zeitung erscheint und Jiddisch in der Grundschule Pflichtfach ist. Eine Karte, um den Ladogasee zu umfahren, wo das Erreichen dieses Ortes schwerer ist als der Mond. Ein Atlas für die Einwohner von Murmansk, das im Ersten Weltkrieg sogar Ungarn leicht erreichen konnten – man musste nur die Eisenbahn dafür bauen.

Prokudin-Gorsky: Kriegsgefangene aus der Österreich-Ungarischen Monarchie beim Bau der Murmansk-Eisenbahn („Murmelbahn“)

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Das Beste kommt jedoch erst noch. Erst an der Kasse bemerken wir die Stapel von Kartenblättern hinter dem Tresen, die vom Boden bis zur Decke reichen, und das dreisprachige Schild, das besagt, dass es sich um streng geheime topographische Karten der Sowjetarmee handelt.

Wir werfen einen Blick hinein. Ungarn ist auf vier Blättern im Maßstab 1:500.000 abgebildet, für die größeren Städte gibt es auch Blätter im Maßstab 1:25.000. In kyrillischer Schrift geschrieben, klingen die Städtenamen so, wie ich sie von alten Veteranen der Roten Armee in der ehemaligen Sowjetunion gehört habe. Aus Neugier suche ich nach dem ehemaligen sowjetischen Militärflugplatz in Mátyásföld, den ich noch aus seiner aktiven Zeit kenne, und der sich nach dem Abzug der Truppen als Stützpunkt georgischer Offiziere herausstellte. Die detaillierte Будапешт-Karte verschweigt den Flugplatz sogar vor dem eigenen Offizierskorps: an seiner Stelle sind Felder eingezeichnet.

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Der Ladenjunge, der unsere Begeisterung genießt, zeigt uns auch das detaillierte Washington-Kartenblatt mit Pentagon und Weißen Haus, auf dem jede Einrichtung nach Funktion farblich markiert ist. Es stellt sich heraus, dass die Sowjetarmee von allen interessanten Teilen der Welt ähnlich detaillierte Karten erstellte und mindestens alle zehn Jahre aktualisierte.

„Woher hatten sie dieses Material?“ frage ich unvorsichtig. Doch der Junge antwortet bereitwillig: Der Ladenbesitzer war 1992, während des Abzugs der sowjetischen Truppen aus Lettland, als Zivilangestellter dort tätig und erfuhr, dass die geheimen Karten auf Anordnung der Vorgesetzten an eine Papierfabrik zur Vernichtung abgegeben werden sollten. Er begann sofort zu verhandeln, um zumindest die interessantesten Blätter zu erwerben. Die Armee weigerte sich zunächst, eine Woche später verlangte man 14.000 Dollar für das Material. Unser Mann besorgte das Geld – „fragt nicht wie“, fügt der Junge hinzu – und ging ins Lager, um die Ware abzuholen. Die Lagerarbeiter waren jedoch zu faul, die gewünschten Blätter auszusortieren, und sagten: Nimm alles. Vierhundert Tonnen Kartenblätter wurden auf mehreren Eisenbahnwagen abtransportiert, und bis heute ist von jedem noch reichlich vorhanden. Ausgenommen San Francisco, bemerkt der Junge, weil jemand den Laden dort entdeckt und darüber berichtet hatte. Die Einheimischen kauften die Blätter auf wie Süßigkeiten, inzwischen gibt es auch von Washington nur noch wenige Exemplare.

Als letzte Szene betritt eine Gruppe von sechs bis sieben jungen Amerikanern den Laden. Sie suchen ein Kartenblatt von South Carolina, die Stadt Greenville. Als sie es bekommen, bleibt ihnen der Mund offen stehen. „Oh my God, hier ist unser Seehaus!“, schreit ein Mädchen. „Hier ist unsere Kirche!“ Sie kaufen sofort zwei Exemplare. „Sollten es nicht vier sein? Wie viele gibt es noch?“ „Weitere einundsiebzig.“

Der Gruppenleiter erklärt, dass sie in einem lettischen Pfadfinderlager helfen; die anderen sind das erste Mal dort, er schon mehrmals. „Und wie sind Sie auf diesen Laden gestoßen?“ „Ein Freund war hier und sagte, ich müsse unbedingt vorbeischauen – weil OMG, was für Material hier liegt!“

Es ist wirklich erstaunlich, bizarr und fast beklemmend, so klar zu sehen, mit welchem Eifer die Sowjetarmee – und natürlich der sie kontrollierende Staat – die Teile der Welt verzeichnete, die für sie interessant waren. Ein kleiner psychologischer Hintergrund für den heutigen unstillbaren Wissenshunger des russischen Staates.

Nur als Souvenir kaufen wir das ungarische Blatt von 1989, das Budapest enthält (ja, selbst kurz vor dem Abzug war es noch aktualisiert worden!), zusammen mit einer Fachliteratur: The Red Atlas: How the Soviet Union secretly mapped the world, 2017. Erst nach dem Verlassen des Ladens fällt mir ein, dass ich nie nachgesehen habe, wie sie die sowjetische Kaserne in Hajmáskér und das umliegende Übungsgebiet im Bakony dargestellt haben, wo ich als Panzerfahrer trainierte. Dafür muss ich noch einmal zurück.

Brauerei an der Skadarlija


Die Skadarlija, Belgrads Partystraße steigt von der Altstadt in die Vororte ab. Das untere Ende der Straße am Markt ist durch einen Brunnen in osmanischen Stil gekennzeichnet – eine Kopie des Sebilj in Sarajevo. Am oberen Ende steht eine Gedenksäule, derer langer Text die großartigen Kafanas – Cafés, Musikkneipen – auflistet, die im vergangenen Jahrhundert in der Straße standen, sowie die Namen von großen Dichtern, Malern, Musikern und anderen Intellektuellen, die die Kafanas in Belgrad und im ganzen Land berühmt gemacht haben.


Einige Kneipen sind auf andere Weise berühmt geworden. In der Nähe des oberen Teils der Skadarlija stand die 1860 gegründete Kafana namens Kod Albanije, wo die Attentäter von Franz Ferdinand in Sarajevo “ihre Pläne schmiedeten”. Nachdem wir ihrem Oeuvre in Sarajevo schon einen speziellen Bildpost gewidmet haben, begnügen wir uns hier mit einem Bild, das den Belgrader Brückenkopf zeigt. In 1939 wurde die Kafana durch die Palata Albanija ersetzt.


Nachdem die Mauern der Festung von Belgrad im frühen 19. Jahrhundert abgerissen wurden, ließen sich zuerst Zigeuner hier nieder, entlang des Bibijin-Baches, der zwischen den Mauern hinunterlief und auch die Spur der Skadarlija bestimmte. Das Zigeunerviertel, ähnlich wie das Albaicín in Granada, Rixdorf in Berlin oder Tabán in Budapest, entwickelte sich bald zu einem bohemischen Wohngebiet und mit der Zeit zu einem vorstädtischen Partyviertel, weit weg von der eisernen Faust der großstädtischen Regularien. Seine Entwicklung bekam durch die Errichtung der großen Brauerei der tschechischen Firma Bajloni im unteren Teil der Straße in 1892 einen weiteren Schwung, die die Kafanas ständig mit frischem Aleksandar-Bier versorgte.


1945 kam es zur Verschmelzung der Bajloni mit der staatlichen BiH Brauerei, die Anfang der 2000er Jahre pleite ging. Der riesige Block der Fabrik wurde kürzlich für neue Zwecke umgebaut. An der Seite der Skadarlija Straße wurde das Bohemian Hotel eröffnet, das mit seiner erhaltenen Fabrikfassade und seiner bemalten Retro-Architektur sowie mit der Verwendung industrieller Elemente in den Innenräumen und Zimmern das visuelle Erbe des Viertels aufrechtzuerhalten strebt. Und innerhalb des Fabrikblocks, in den Korridoren, Innenhöfen und Lagerhäusern entwickelte sich ein scheinbar spontaner Labyrinth kleiner Bars, der das oldschool Unterhaltungsangebot der Straße mit dem charakteristischen Ruinenkneipe-Gefühl der letzten Jahrzehnte vervollständigt.

Die vom Covid auferlegte Zwangsruhe bietet für Renovierungsarbeiten im Skadarlija-Bezirk gute Gelegenheit. Das angeblich hundert Jahre alte Kopfsteinpflaster wird neugelegt, und die Einrichtung der Ruinenkneipen überdacht. Ein Spaziergang durch den einst geschäftigen, jetzt leeren Komplex bietet ein gruseliges Urbex-Erlebnis. Es ist, als würde man unter den Rippen eines längst ausgestorbenen gigantischen Tieres mit unbekannter Anatomie umherwandern. Was würde Berlin für solch eine Szene nicht geben, die so prächtig ruiniert und gleichzeitig mit so gut überlegter Spontaneität ausgestaltet ist!



Slonovski Bal: Papazička Rečenica. Vom CD Slonovski Bal: Džumbus (2006)

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Tuschetien. Auf einem anderen Dach der Welt


Wir fahren bergauf auf dem in den Fels gehauten Weg. Wasserfälle laufen auf den senkrechten Wänden ab, sie fließen über den Weg vor uns durch, und auf dem Rand der Klippe stürzen sie unten in den schwindelerregeden Abgrund. Manchmal fahren wir bis zu den Achsen im den Weg überschwemmenden Strom. Der dünne Streifen der Straße verläuft um den Rand des Tales wie eine Niveaulinie, an der Spitze des Tales schlägt er scharf zurück und erhebt sich zum nächsten Pass. Der Stori-Fluss brüllt immer tiefer unter uns, die Gipfel des Großkaukasus sind immer steiler, und die Wolken, wie große graue Raubvögel, sinken immer tiefer über unsere Köpfe.



Du gehst wieder. Vom georgischen Volksalbum Idjassi (2005)

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Es ist Ende Juni. Der Schnee auf dem 2900 Meter hohen Abano-Pass schmilzte kürzlich ab, die Schneewände mit ihren fabigen Schichten erheben sich entlang des Weges wie Abschnitte von aderigen Mineralien. Dies ist die Wasserscheide des Kaukasus, von hier aus laufen die Flüsse nach Norden, über das Tal von Tuscheti und durch die dagestanische Grenze. Unter uns, das grüne Tuscheti-Gebirge. Vom Pass kann mann noch die schneebedeckten Kämme von Pirikita, der tschetschenischen Grenzgebirge sehen, die dann allmählich sinken sich, und erst in Tuscheti wieder spektakulär erscheinen.

Tuscheti und das Alazani-Tal an der nördlichen und südlichen Seite des Großkaukasus. Der 70 Kilometer lange unbefestigte Weg, der nur mit dem Allradantrieb oder zu Fuß passierbar ist, führt von Pshaveli durch den Abano-Pass nach Omalo. Tuscheti ist auf der kleinen Einlegkarte von Georgien rot markiert. (Vergrößern!)

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Es hat seit Tage geregnet. Kurz vor Tuscheti schlüpfte der Hang in den Fluss, und blockierte den Weg. Eine einsame Planierraupe versucht, die Schlammlawine abzuräumen, der ungleiche Kampf wird anscheinend für mehrere Tage dauern. Wir müssen ein paar hundert Meter oberhalb der noch bewegten Erde wandern, um dann dass in die aus den Dörfern von Tuscheti gesendeten Off-Road-Jeeps einzusteigen. Nur noch ein Paar einsame Klippen, einige Flussbögen unter uns, und hoch oben auf dem Berghang erscheint das erste einsame Dorf. Nach Ushguli, Xinaliq und Masouleh sind wir noch einmals auf einem der Dächer der Welt.


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Tuschetien ist die zweithöchste besiedelte Gebirgsregion Georgiens nach der nordwestlichen Swanetien, aber sie ist weitaus abgelegener. Ein einziger Weg führt hierher, derselbe siebzig Kilometer lange ungepflasterte Weg, durch den wir eben angekommen sind. Er ist nur von Anfang Juni bis Ende September befahrbar, weil der Pass im Rest des Jahres mit Schnee bedeckt ist. Zu dieser Zeit wird die Landschaft grün, und die Pflanzen beginnen eine spektakuläre Blüte, um den kurzen Sommer auszunutzen. Und zu dieser Zeit kommen auch die Einwohner Tuschetiens aus ihren Dörfern im Süden, entlang des Alazani-Flusses auf, wohin sie in den letzten Jahrzehnten heruntergezogen waren, um ihre Häuser zu reparieren, um die Pflege der Schafe und Kühe von den wenigen alten Männern, die im Winter die Tiere des ganzen Dorfes betreuen, zu übernehmen, und um den Touristen Unterkunft zu bieten, die auch in dieser archaischen Gegend Georgiens, wenn auch nicht massiv, sondern immer kühner erscheinen.



Liebeslied aus Tuschetien. Vom Album Idjassi (2005)

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Die Bewohner Tuschetiens sind meist kakhetische Georgier, die einen alten georgischen Dialekt sprechen, und die nach ihrer eigenen Tradition im 4. Jahrhundert von der Christianisierung Georgiens hier, nach Norden geflohen sind. Der andere Teil der Bevölkerung, die Bats, die eine mit Tschetschenisch und Inguschisch verwandte Sprache spricht, ist im 16. Jahrhundert von der Islamisierung der nördlichen Seite des Kaukasus hier, nach Süden geflüchtet. Heute sind beide Völker nominell orthodox-christlich, aber die erste Kirche wurde erst vor kurzem im Tal eröffnet, und die vorchristlichen animistischen religiösen Traditionen sind noch sehr lebendig. Die Grenzen der bewohnten Gebiete werden mit heiligen Ramhornsäulen bezeichnet, und um jedem Dorf gibt es umzäunte Wiesen, wo sich die Männer für Fruchtbarkeitsritualen sammeln. Im Sommer ist es Aufgabe der kleinen Kinder, die in der Nähe dieser Wiesen spielen, die Touristinnen zu warnen, nicht in die heilige Gegend einzutreten, weil die Anwesenheit von Frauen ihre Macht brechen würde.


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Die zentrale Siedlung des Tales ist Omalo, ein lockeres Ensemble von jahrhundertealten Bauernhöfen um der Fünfturmschloss von Keselo. Die Festung, die sich sehr eindrucksvoll unter dem weißen Grat der dagestanischen Grenzgebirge erhebt, widerstand sogar dem Angriff der mongolischen Armee.


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Das andere Zentrum Tuschetiens, das mittelalterliche Dorf von Dartlo, ist fünfzehn Kilometer, ungefähr eine Stunde mit Allradantrieb entfernt, zum Westen von Omalo im Tal des Pirikita Alazani Flusses. Über dem Dorf erhebt sich der 4300 Meter hohe Dartlo-Berg, auf dessen Gipfel sich die tsetschenische, dagestanische und georgische Grenze zusammentreffen, und durch dessen Pässe die dagestanischen Räuber seit Jahrhunderten in Georgien einfielen. Gegen sie wurden die Festung von Dartlo und die Wachtürme der Dorfhäuser errichtet, die eher das Stil des Feindes, die nach oben spitz zulaufenden, konisch bedeckten tschetschenischen und inguschen Wachtürme auf der nördlichen Seite des Kaukasus, als die gerade mauerten georgische Türme Swanetiens nachahmen. Neben dem Dorf, jenseits des Baches, so dass sich die Toten nicht mit den Lebenden vermischen, liegt der Friedhof, wo die Gräber nach der alten kaukasischen Brauch nur mit einfachen Natursteinen, ohne Grabschrift bezeichnet werden. Die Häuser wurden wunderschön restauriert, sogar eine feine Kneipe im alten tuschetischen Stil wurde gebaut. Die Tuschetier, obwohl sie in die Täler herunterzogen waren, und nur den Sommer hier verbringen, anscheinlich halten ihr altes Dorf für ihre eigentliche Heimat.


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Im nächsten Sommer führen wir wieder eine Gruppe nach Tuschetien und die angrenzenden georgischen Regionen. Wenn Sie mit uns kommen möchten, schreiben Sie uns an wang@studiolum.com.