Polaroids von Rabati


Jacopo Miglioranzi forscht die Anthropologie der Religion in der südgeorgischen Stadt Akhaltsikhe unter den lokalen Armeniern und Georgiern. Über die jüdische Bevölkerung der Stadt hat er früher in río Wang geschrieben. Seine weiteren Aufsätze können Sie hier lesen.
„und siehe
es bewegt es bröckelt es verbreitet sich
und siehe
es bewegt es bröckelt es verbreitet sich
das eine erklärt Unabhängigkeit und geht weg
das andere schließt sich in seine Intimität ein
das dritte verkündet sich ein totaler Außenseiter“


Toleranz. Ein neues Wort. Bis vor kurzem konnte man es sehen in großen Buchstaben auf einer riesigen Werbetafel. Toleranz, dies empfing die Stadtbürger und Besucher, die in Rabati ankamen. Der älteste Viertel der Stadt Akhaltsikhe. Um den Viertel zu erreichen muss man eine große Straße überqueren, dann eine schmale Straße unter der Brücke der alten und stillgelegten Eisenbahn nehmen. Zwei Straßen. Zwei Formen der Toleranz. Auf der linken Seite, die Festung von Rabati, das Symbol der Toleranz. Touristen, Reisende, Backpackers, Grenzgänger. Junge Leute, die fotografieren und sich fotografieren lassen. Braute in Weiß gekleidet. Auf der rechten Seite, Rabati. Der Viertel. Touristen, Reisende, Backpackers, Grenzgänger. Junge Leute, die fotografieren und sich fotografieren lassen. Braute in Weiß gekleidet, weniger. Männer rauchen nervös ihre Zigaretten. Eine gelbe Marschrutka, ohne Räder, die im Sterben am Bahndamm liegt. Ich klettere zu den sterbenden Gleisen auf. Armenische Männer. Georgische Männer. Türkische Männer. Armenische Taxifahrer. Türkische Busse. Georgische Busse. Autos. Polizeistreife. Mehr Taxis. Einkaufstüten. Frauen mit Kindern. Armenische Jungen. Georgische Jungen. Armenische Mädchen. Georgische Mädchen. Russische Touristen. Polnische Touristen. Paare auf Motorrädern. Radfahrer.


Verlorene Touristen in einem verlorenen Ort. Vielleich ich auch. Vielleicht nicht. Selbstbewusste Menschen. Menschen mit sicherer Arbeit. Menschen ohne Arbeit. Angestellte, die in der Stadt sicher sind. Angestellte, die hier unsicher sind. Ein orthodoxer Priest.

Ein Führer in der Hand: „Lonely planet“. Informationen. So viele Informationen, so viele Gewissheiten. Hier, so viele Informationen, so wenige Gewissheiten. Versteckten Orten. Verpasste Hotels und Museen. Taxifahrer fahren. „Führer?“ Taxifahrer führen. Sechzig Lari. „Taxifahrer, Führer!“

„Reisen die Wanderer, reisen die Verlierer
die mehr zu den Veränderungen angepasst sind

reist der Staub, reist der Wind
reist das Quellenwasser“

Eine Station. Frauen schreien. Marschrutka. Plätze, die zugewiesen werden, schon zugewiesene Plätze. „რამდენი?“ „ლარად“. Tickets. Mündliche Verträge. Geschäfte. „Nicht deine Geschäfte.“ Geschäfte auf der Haut des Touristen. Eingeborene. Ziele. Beobachter. Beobachtete. Von wem?
Die Stadt. Der Viertel. Gleise und Stationen. Verwirrung und Verwrirrungen. Schlamm und Asphalt.


Die Stadt. Königin Tamar. Eine Kirche. „ვისოლი“, „სმარტი“, „გარფი“, „ლუკოილი“. Geruch von Benzin. Das Gerichtsgebäude. Fußgänger auf der Fußgängerübergang. Stehende Autos und LKWs. Die Polizeistation.
Schlamm und Asphalt. Gefüllte Straßen. Orthodoxe Priester. Orthodoxie. Neue und alte Orthodoxien. „Mehr als neu.“ Beton. Neuer und alter Beton. Denkmal „1941-1945“. Orthodoxie. „C.C.C.P.“ Krieg. Kriege. „Der Krieg ist kalt.“
Religiöse Konflikte. Kirchen. Neue Kirchen, blühen. Alte Kirche, wieder blühen. Altmodisch neue. Neulich alte. „Der Frieden ist warm.“
Körper, die vom Zeichen des Kreuzes verbraucht wurden. Blicke und Seele, der Heiligkeit der Kirche gespendet.

„Jerusalem, Heiliges Jerusalem,
mein Herz sehnt sich nach die Anastasis, entlang der Via Dolorosa,
zu einem Heiligen Grab, der Grab niemals war, aber heilig ist er
durch den Glauben der Gläubigen, in der Gnade des Herrn, mein Gott
mein Herr, Jesuskind, Fleisch von der jungen Jungfrau und Mutter
vor Dich verneige ich mich, Dich verehre ich
für Dich entführt mein Herz der Herr, mein Gott“

Religiöse Vorbeigehende. Vorbeigehende Mönche. Achtung! Heiligkeit. სამება, die Dreifaltigkeit. Zeit zu spenden, Momente, Sekunden. Gebete. Auch wenn es keine Zeit gibt. Auch wenn man einzukaufen eilt. Am Steuer. Spazierend.


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Gemeinschaft. Menschheit. Identität. Touristen, Reisende, Händler, Verkäufer, Straßenhändler, Ladenbesitzer, Krämer, Fahrer, Studenten, Arbeiter, Spieler, Arbeitslose, Priester, Mönche, Nonnen, Schwestern, Zeugen Jehova, Apostolische Gläubige. Journalisten und Fernsehkameras. Kameras. Autos, Lieferwagen, Lastkraftwagen. Mehr Studenten, Kehrer. Chinese, Georgier, Armenier, Juden, Russen, Türken. Mehr Georgier. Nur wenige Chinese. Viele Armenier. Juden. Rückkehre. Meskheti-Türken. Diasporas. Abfahrten. Italiener, Polen, Christen, rückkehrende. Musulmans, rückkehrende. Juden, abfahrende.

„verkrüppelter sauberer Luft und sterile Basare
Taxifahrer, nomadische Kameltreiber, Radio hören
sie wissen, wie das Wetter sein wird
im Anfang war das Wort
im Anfang war das „Pravda“
Wort und Wahrheit, Wort und Wahrheit“

CCCP – “Radio Kabul”


Jungen, Kinder, alte Männer. Gehweg. Touristbar. Zigaretten. Die gleichen Männer wie früher. „რაბათი?“ „აქედან“. Ich bin im Viertel. Ein Junge kommt aus einem Geschäft aus. Er sieht mich an. Sie sehen mich an. Travertinhäuser. Müde Häuser. Alte Häuser. Ein Mercedes. Kleider hängen. Schrott, Holz und Reifen. „Ein riesiger Erdrutsch,“ Rabati. Rabat ist. Rabati sind. Verloren. Alte Frauen, Armenier. „ԲարևՁեզ ქალბატონო, ექლესია, სად არის?“, „იქააა“, melodisch.

Georgier, Meskheti-Türken, Armenier, Juden, Türken, Russen. Einmal. Paskevitsch, Puschkin. Ein Taxi geht bei mir mit hoher Geschwindigkeit vorbei.

„es ist ein Seitenpfad, eine fluide Göttlichkeit
eine Stilkonvergenz mit dem prähistorischen Primitive
die Wirklichkeit ist die Wirklichkeit
normale Langeweile
tödliche Langeweile“

Viertel. Toleranz? „ԲարևՁեզ, სინაგოგი სადა?“ „ნახე, იქ“, „մերսի“.


Keine mehr Touristen. Keine mehr Reisende. Synagogen. Moscheen. Kirchen. Einmal. Jetzt Diasporas. Widerstände. Rückkehre und Abfahrten. Ein kleines Jerusalem?

„Besessenheiten setzen sich
auf die glänzenden Städte
von vergangenen Überfällen
von zukünftiger Shows
die einsamen Fahrte
die arroganten Wege
alle sind slecht beendet
ohne Erklärngen
ohne Jubel
in den kleinen Geschichten
der denkenden Köpfe”

Häuser. Hunde. Eine Frau mit ihrer Tochter. Sie sehen nicht mich an. Ein Fremder. „Die Wirklichkeit ist die Wirklichkeit.“
Ruinen.
Entlang der Straße. Fast niemand. Dies ist nicht die Stadt, dies ist Rabati. Der Viertel. Geschichten. Grenze. Identitäten auf dem Spiel.
Die Glocke klingelt nicht. Das Minarett singt nicht. Schweigen.

„Die Sufis drehen sich im Kreis im Raum
in der Zeit
Die Vertikale erhöhen sich, die Mönche in der Abgeschniedenheit
bewegungslos
das Niedrige und das Hohe reisen ohne Schnörkel
sie fallen schwindelig ab…
sie fallen schwindelig ab…“


Ich steige auf der, was aus der Straße geblieben ist. Die alte Synagoge. Leer. Sowjetische Vergangenheit. Leer. Ein zerstörtes Haus. Schlamm. Ein Kind am Fenster. Henne. Eine andere Synagoe. Ein Vorhängeschloss. Mehr Häuser.

„verschwindet sich die Stadt, verblasst sich der Verkehr
verblasst sich
beherrscht die Poesie: der Mond geht auf
er geht hoch
und fällt ab“

Խաչքար. Kreuze. Davidsterne. Bibelstelle. Evangelische Stelle. Alte und neue Testamente. Koranstelle. Imperialistische Stelle. Sozialistische Stelle: „l’atmosphère n’est plus la même”.
Ein Hügel. Keine Bäume. Eine alte Hütte. Eine Zeichnung: Mickey Mouse. Entstehende Grabsteine. Hohes Gras. Tote Namen. Armenier.
Ein bisschen weiter. Eine Mauer. Ein Vorhängeschloss. Entstehende Grabsteine. Tote Namen. Juden.

„Säe, säe – wenn auch weit von den Grenzen
wie die Sterne, wie die Wellen, säe.
Egal, wenn die Spatzen deine Samen verwüsten –
Gott wird anstelle von ihnen Perlen säen.“


„Sie fallen schwindelig ab…
sie fallen schwindelig ab…
sie fallen schwindelig ab…
sie fallen schwindelig ab…“


Alle Zitate in Kursivschrift, mit Ausnahme des vorletzten, das aus dem Gedicht „Säe“ des armenischen Dichters Daniel Varujan ist, sind Liede der italienischen Bands „CCCP – Fedeli alla linea“ und „C.S.I.“. Die Titel, in der Reihenfogle der Zitate, sind: CCCP, „Depressione caspica“; C.S.I. „In viaggio“; CCCP, „C.C.C.P.“; CCCP, „Guerra e Pace“; CCCP, „Paxo de Jerusalem“; CCCP, „Radio Kabul“; C.S.I. „Depressione caspica“; CCCP, „Noia“; CCCP, „B.B.B.“; CCCP, „Noia“; C.S.I., „In viaggio“; CCCP, „Campestre“; CCCP, „Inch’allah – ça va“; C.S.I., „In viaggio“.



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