Karpatt, Pensez à demain (Denke an Morgen). Aus der CD Sur le quai (2011).
Unsere für 15-16 März geplante Reise nach Subotica/Szabadka, Serbien ist last minute nicht nur, weil aufgrund einer längeren Grippe ich konnte sie organisieren und ankündigen gerade jetzt, zehn Tage vor der Anfahrt. Aber auch, weil vielleicht dies ist der letzte Moment, dass wir das Stadtzentrum von Subotica, der Wiege der ungarischen Jugendstils noch intakt sehen, wie es während der Wohlstand der Wende des Jahrhunderts blühte, und wie es dann im Jahre 1920 von der neuen Grenze in einen Dornröschenschlaf erstarrt wurde.
Es verlautet seit einer langen Zeit, dass die Gemeinde Subotica einen großen Teil des historischen Stadtzentrums zerstören wolle, damit Einkaufszentren an ihrer Stelle zu bauen. Der Abriss wurde bereits mit dem renommierten Volkstheater auf dem Hauptplatz, zwei schönen Paläste von Ferenc J. Raichle, der Schöpfer des Jugendstils in Subotica, und vielen anderen Gebäude begonnen, deren Platz ist nun von Betonmonster besetzt, deren Bau aber wegen der Krise abgebrochen ist. Doch im Herbst 2012 hat die Gemeinde einen neuen Urbanisierungsplan vorgeschlagen, der nicht weniger als 1063 Gebäude in der historischen Innenstadt abbrechen, und damit praktisch das ganze architektonische Erbe des Jugendstils in Subotica vernichten würde.
Das war – dies wurde. Das Volkstheater auf dem Hauptplatz
Allerdings gehen wir nach Subotica nicht zu begraben, aber um das reiche architektonische Erbe einer am Jahrhundertwende sich dynamisch entwickelnden, lebendigen Stadt, sowie die Geschichte hinter diesem Erbe zu entdecken. Ausgehend vom Hauptplatz, werden wir von Haus zu Haus in dem vom Jugendstil und Eklektizismus geprägten alten Viertel der Stadt wandeln, die soziale Struktur der Stadt, die räumlichen und sozialen Beziehungen ihrer vielen ethnischen Gemeinschaften – Ungarn, Deutsche, Bunjevci, Serben, Juden – und die Entwicklung des historischen Stadtzentrums erkunden. Wir besuchen die beiden herausragenden Denkmälern, für deren Bau die aufstrebende Stadtführung mit einem guten Sinn zwei hervorragenden Jugendstil-Architekten, Dezső Jakab und Marcell Komor verpflichtet hat: die Synagoge (1908), eindeutig die schönste Synagoge in der zeitgenössischen Ungarn, und das Rathaus (1912), das auch zu den schönsten Jugendstil-Rathäuser des Landes gehörte. Wir werden die im Blog schon vorgestellte „Jugendstil in Subotica”-Ausstellung besuchen. Und schließlich werden wir den berühmten fin-de-siècle Erholungsort in Palić / Palics, die Jugendstil-Bauten entlang der Palićer See, des letzten Überbleibsel der uralten Pannonischen Meer zu besuchen.
Am 15, Freitag Morgen um 7 fahren wir mit dem Kleinbus von Budapest ab. Um 10-11 kommen wir nach Subotica an, und beginnen unsere Stadtrundfahrt. Inzwischen setzen wir uns für eine kurze Mittagspause im Jugendstil-Bau des Volkskreises oder nur in der serbischen Konditorei gegen die Synagoge, um die am wenigsten Sonnenlicht-Zeit zu verlieren. Um fünf gehen wir an die Ausstellung, dann freie Stadtbesichtigung.
Am 16, Samstag treffen wir uns auf dem Hauptplatz, der an diesem Tag ein Hochzeit-Schauplatz ist, mit wechselnder balkanischen Blechmusik und in Eleganz konkurrierende Hochzeitsgäste, und vor allem mit dem Rathaus, das an diesem Tag für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Nach dem Rathaus gehen wir in die Synagoge über, und nachdem zur Palićer See. In Palić werden wir im Seerestaurant Mittag essen, und von dort fahren wir nach Budapest zurück.
Die Teilnahmegebühr beträgt 70 Euro, die die Reise von Budapest nach Subotica und zurück, die Unterkunft mit Frühstück, und die geführte Tour beinhaltet. Einzelzimmerzuschlag: 15 Euro. Anmeldeschluss: 8. März, Freitag.
Emmanuel Fremiet (1824-1910): Gorilla entführt eine Frau, zweite Fassung, 1887 (die erste, vom Pariser Salon abgelehnte Fassung: 1858). Nantes, Musée des Beaux-Arts
Karikatur von Homer Davenport gegen den New York dominierenden „Crokerism“ (der Einfluss von Richard Croker), 1898
Illustration von Aubrey Beardsley (1894-1895) zu Poes Der Doppelmord in der Rue Morgue (1841)
Journal des Voyages, 31. Januar 1909. (Eine frühere Ausgabe von 1885 hier, und ihr Modell – eine der wichtigsten Quellen des Gorilla-Wahnsinns des 19 Jhs – hier und hier).
„Zerstört diese wütende Bestie! Trete in die amerikanische Armee ein!“ Anti-deutsches anglo-amerikanisches Kriegsplakat, 1917-1918 (Norman Lindsays australische Fassung von 1918 hier)
„Zerstört die deutsche Bestie!“ Nikolai Khaldogins Foto, Leningrad, Blokade, Dezember 1941 – Februar 1942. Das ursprüngliche Plakat hat nicht überlebt, aber seine farbige Version wurde 2011 für eine Filmaufnahme vorbereitet.
Gino Boccasile: Faschistische Propaganda-Briefmark mit einem amerikanischen Soldat, der die Venus von Milo verschleppt, und dieselbe Briefmark auf einem Umschlag in der von den Deutschen besetzten Norditalien, 1944, von hier
Ein ganz kleines Schiff ging auf dem Meer.
Es beleuchtete stark, für sich selbst, und um gefunden zu werden.
Die dünne Mondsichel und die Milchstraße blinzelten zurück.
Es setzte alle Navigations-Fähigkeiten ein.
Vielleicht seine Karten waren alt. Oder ein Fehler schlich sich in die Berechnung ein.
Manchmal als ob etwas verschob am Rand des Horizonts.
Niemand.
Wir haben mehrmals über die seltsamen Koinzidenzen geschrieben, die Spanien und Ungarn, diese zwei fines terrae des alten Europa mit geheimnisvollen Fäden verbinden. Als ein neueres Beispiel veröffentlichte die ungarische und spanische Presse in der gleichen Woche, dass dank der Krise und dem erstaunlich ähnlichen politischen Klima, aus beiden Ländern 500.000 Menschen auf der Suche nach Arbeit in Ausland gingen. Was natürlich bedeutet eine unterschiedliche Proportion in Ungarn, als in Spanien mit seiner fünfmal größer Bevölkerung.
Und es ist noch erstaunlicher, dass jene, die in den letzten hundert Jahren Spanien verließen, haben von ihrer Heimat Abschied genommen und sich im Ausland an sie erinnert mit dem Lied der ungarischen Bettler.
José Serrano, Canción húngara, von José Carreras gesungen
Das Lied ist die letzte Arie der traditionellen Zarzuela – Stück von Volkstheater – Alma de Dios, wo die ungarischen Bettler als eine bunte Nebenepisode auftauchen, um ihr Heimweh zu besingen. Vielleicht sogar der Ungar und sein Bär sungen es während ihrer Wanderung in der Dörfern der Pyrenäen. Das Stück, das in 1907 von José Serrano, der Autor der Hymne von Valencia geschrieben wurde, wurde durch dieses Lied in ganz Spanien sehr beliebt gemacht. Als Wang Wei sich daran erinnert:
In den 10er und 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, mit dem Erfolg der Zarzuela (vor allem in der Gesellschaft von Madrid, wovon die Mode im ganzen Land verbreitete) wurde dieses Lied sehr bekannt, und von allen Arten von Menschen im ganzen Land gehummt. Meine Großmutter sung es mit einem solchen Gefühl, als ob sie eine ungarische Vertriebene wäre. Ich denke, ein wichtiger Grund dafür war, dass in diesen Jahren viele Menschen aus Spanien nach Amerika ausgewanderten. Auch der Vater meiner Großmutter bewegte in dieser Zeit nach Havanna, um Arbeit zu suchen. Er kehrte nach Hause mit mehr oder weniger dem gleichen Geld, als er abfuhr, aber nach langen Jahren von Trennung von seiner Familie, und natürlich älter und enttäuschter.
Andere haben sich auch daran erinnert, dass ihre Ur-Großvater während der Arbeit auf dem Feld immer dieses Lied sung. Und es kann kein Zufall sein, dass es in den letzten Jahren eine neue Popularität gewonnen hat, von solchen Meistern durchgeführt, wie José Carreras, Alfredo Kraus und Plácido Domingo.
Canta, mendigo errante,
cantos de tu niñez,
ya que nunca tu patria
volverás a ver.
Hungría de mis amores,
patria querida,
llenan de luz tus canciones,
mi triste vida.
Vida de inquieto
y eterno andar,
que alegro solo
con mi cantar.
Canta vagabundo,
tus miserias por el mundo,
que tu canción quizá
el viento llevará
hasta la aldea
donde tu amor está.
Es caminar siempre errante
mi triste sino,
sin encontrar un descanso
en mi camino.
Ave perdida,
nunca he de hallar
un nido amante
donde cantar.
Sing, wandernder Bettler
die Lieder deiner Kindheit,
denn wirst du schon niemals
mehr deine Heimat sehen.
Ungarn, meine Liebe,
mein geliebtes Land,
deine Lieder füllen mit Licht
mein trauriges Leben.
Mein rastloses Leben
und ewige Wanderschaft,
die ich nur durch Gesang
kann aufheitern.
Besing, Vagabund,
dein Elend in der Welt,
vielleicht dein Lied
wird von dem Wind genommen
in das ferne Dorf
wo deine Liebe lebt.
Eine ewige Wanderschaft
ist mein trauriges Schicksal,
ohne eine Pause
auf dem Weg zu finden.
Ein verlorener Vogel,
ich kann niemals finden
ein liebevolles Nest,
wo zu singen.
Man sagt, das El Vacie in Sevilla die älteste noch bestehende informelle Siedlung in Europa ist. Gegründet im Jahre 1932, sie wurde nach Francos Machtübernahme aufgebläht, als die ärmsten Familien aus Sevillas Stadtteil Triana – das einzige Stadtviertel über den Fluss, wo die Zigeuner seit dem 16. Jahrhundert als Schmiede der Region gelebt haben, und auch ihre religiöse Bruderschaft aufhalten – vertrieben wurden. Sie schufen mehrere Elendviertel am Rande der Stadt, aber sicherlich das berühmteste von ihnen ist El Vacie, die jetzt vollständing vom Friedhof und dem Autobahnkreuz eingeschlossen ist.
Offiziell leben 600 Menschen in der Siedlung, aber die Realität ist mehr als das Doppelte. Es gibt keine Wasserleitung und Kanalisation, und Strom wurde auch erst vor kurzem aus der Stat ausgeleitet. Es gibt Versprechungen von der Seite der jeweiligen Politiker, beinnend mit Franco, der in den 40er Jahren zur Siedlung kam, und Verbesserungen versprach, und seit damals hat jeder Politiker vor den Wahlen so getan, aber die Verbesserungen scheinen nicht zu kommen.
Es ist nicht leicht, die Siedlung zu betreten, geschweige denn zu fotografieren. Auch dem auf Río Wang vielmals erwähnte russischen Blogger Rustem Adagamov gelung es nur auf der Intervention der lokalen Sozialarbeiter.
„Die Betonblöcke wurden von der Stadt auf dem Gelände der ehemaligen Häuser gelegt, deren Bewohner soziale Wohnungen erhielten. Tatsächlich gibt est die Gefahr, dass sie die neue Wohnung verkaufen, und in El Vacie zurücksiedeln, weil sie nicht ohne die Gemeinschaft leben können.”
Die Siedlung ist in drei Teile aufgeteilt. Die eine ist von den spanischen Zigeunern, die andere von den portugiesischen Zigeunern, die dritte von Zigeunern aus Estremadura bewohnt.
Die vierzigjährige Urbana, eine portugiesische Zigeunerin wurde vor 26 Jahren zu einem lokalen Mann verheiratet. Heute hat sie sieben Kinder und sieben Enkelkinder, die alle in der Siedlung wohnen. Sie bauteten ihr Haus selbst, es gibt keine Heizung, obwohl der Frost ist nicht ungewöhnlich im Winter in Andalusien. Ihr Mann war ein Fabrikarbeiter, und jetzt leben acht Leute von seiner Invalidenrente von 350 Euro.
Aber die Bewohner der Siedlung sind nicht vollständig auf sich selbst überlassen. Spanische Freiwilligen haben im Jahr 1998 den Kindergarten Maria Angeles angelegt, der noch aus privaten Spenden erhalten ist. Acht bezahlte Mitarbeiter und zwanzig permanente Freiwilligen arbeiten hier, und darüber hiaus werden sie regelmäßig durch einen Arzt und Psychologe besucht. Sie bemühen sich, für all die Kinder der Siedlung Sorge zu tragen, von denen die meisten bekommen nur hier warmes Essen, heißes Wasser und Bildung, und sie aus dem Kreis der Armt und Kriminalität zu retten. Die Bewohner der Siedlung sprechen mit großer Dankbarkeit über ihre Arbeit. Natürlich gibt es auch eine andere Seite der Medaille: im letzten Sommerpause brachte man in den Kindergarten ein, und sie nahmen alles, so dass es zwei Monate dauerte, bis er wieder öffnen könnte. „So ist das Leben”, sagt resigniert eine Sozialarbeiterin, „hier Gut und Böse kämpfen miteinander jeden Tag. Einer von ihnen wird schließlich gewinnen.”
Vor kurzem hat die spanische TV-Sender Cuatro einen fünfteiligen (12345) Dokumentarfilm über die Siedlung gestrahlt. Und im Jahr 2008 hat das TNT Theaterzentrum die Frauen der Siedlung überzeugt, Bernarda Albas Haus von García Lorca auf der Bühne zu setzen. Die Akteure des Dramas wurden von Giovanni Nardelli in ihrem alltäglichen Milieu fotografiert.
Ich wollte auch meine zwei Cent zum von Lloyd gestarteten Thema Meridiane hinzufügen, und jenes kleine italienische Buch über die Kunst der Sonnenuhren vorführen, das ich vor fast zwanzig Jahren in einem kleinen, abgelegenen Laden der Trastevere kaufte, wo man alle Arten von selbstgemachten Zeitmessgeräte feilbot, jede Sekunde tropfende Wasseruhren, Kerzen mit pro Stunden unterteilten Dochten, als camera obscura funktionierende Ringe mit einem Loch und mit der Aufschrift Carpe diem. Aber das Leben eilte mir entgegen.
Heute habe ich begonnen Umberto Ecos neues Buch zu übersetzen: Storia delle terre e dei luoghi leggendari – fabelhafte Länder, legendäre Orte, so lautet sein Arbeitstitel, aber das Buch fügt eine weitere Wendung dazu, was man erwarten würde. Es handelt sich nicht einfach über imaginäre Welten, wie man bei Eco, vom Baudolino bis zu Die Insel des Vorigen Tages gewöhnt ist, sondern darüber, wie die fanatischen Leser die fiktiven literarischen Orte ernsthaft nahmen, von der Antike bis Dan Browns Priorat von Sion. Und schon im ersten Kapitel über die Antike werden wir von unseren guten Freunden, den Meridianen begrüßt.
Che la terra fosse tonda lo sapeva naturalmente Tolomeo, altrimenti non avrebbe potuto dividerla in trecentosessanta gradi di meridiano, e lo sapeva Eratostene, che nel III secolo avanti Cristo aveva calcolato con una buona approssimazione la lunghezza del meridiano terrestre, considerando la diversa inclinazione del sole, a mezzogiorno del solstizio di primavera, quando si rifletteva nel fondo dei pozzi di Alessandria e di Syene, di cui si sapeva la distanza reciproca.
Natürlich Ptolemäus war auch bewusst, dass die Erde rund ist, sonst hätte er sie nicht in 360 Grade unterteilt; und es war auch dem Eratosthenes bekannt, der im dritten Jahrhundert v. Chr. die Länge des Meridians der Erde mit einer guten Annäherung berechnete, unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Einfallswinkel der Sonne zum Zeitpunkt der Frühlings-Tagundnachtgleiche, wenn sie sich am Mittag in der Tiefe der Brunnen von Alexandria und Syene, deren Abstand bekannt war, spiegelt.
Eco, der in seinen populären Alben – Die Geschichte der Schönheit, Die Geschichte der Häßlichkeit, Die unendliche Liste – Trivia mit raffinierten Problemvorschlägen verführerisch vermischt, ist einem Super-Jongleur ähnlich, der mit hundert Kugeln auf einmal spielt, und wenn er fünf davon fallen lässt, ist es kein Problem. Der Übersetzer muss aber auch die fünf verlorenen suchen und abbürsten, als ob nichts geschehen wäre. Dies ist, was ich jetzt zu tun versuche.
Wenn die Sonne sich am Mittag in der Tiefe eines Brunnens spiegelt, das bedeutet, dass sie genau senkrecht, oberhalb der gegebenen Lage steht. Wenn sie sich in der Tiefe zweier Brunnen spiegelt, dann gibt es keinen Unterschied zwischen den beiden Einfallswinkeln, so dass daraus nichts berechnet werden kann.
Die Realität ist, dass Eratosthenes, der alexandrinische Bibliothekar erfuhr es von einer aus dem südlichen Syene – dem heutigen Assuan – kommenden Karawane, dass die Sonne sich in den Brunnen der genau unter dem Wendekreis des Krebses liegenden Siedlung nur einen Tag des Jahres spiegelt, am 21 Juni, das heißt, am Tag des Sommersonnenwende. Er hat im gleichen Moment den Einfallswinkel des Sonnenlichtes in Alexandria (7°12') gemessen, und er fand, dass er ein Fünfzigstel eines Vollkreises ist, demzufolge soll die Länge des vollen Meridians Fünfzigfache der bekannten Entfernung der beiden Städten sein. Der daraus resultierende Umfang der Erde – 39.690 Km – unterscheidet sich nur unwesentlich von den heute bekannten 40 Thausend.
Die Geschichte der Messung wird wohl von einem englischsprachigen Interview mit Eratosthenes zusammengefasst, das auch ein modernes Diagramm anbietet. Aber im Interesse einer größeren Glaubwürdigkeit zitiere ich sie vom exzentrischen barocken jesuitischen Gelehrten, Athanasius Kircher selbst (Ars magna lucis et umbrae, Amsterdam 1671, 638-639), dessen Werke, wie Eco behauptet, finden sich alle (mit Ausnahme eines) in seiner persönlichen Bibliothek.
Hac solertia legimus Eratosthenem terrenae molis quantitatem indagasse; assumptis duabus urbibus Syene, & Alexandria sub eodem meridiano in planissima Aegypti regione sitis, quarum distantiam in stadijs 6183⅓ cognitam, ut prius, summo studio exploratam habebat. Quibus notis nihil aliud requirebatur, nisi ut eandem distantiâ in gradibus quoque notam haberet, quam ea, qua sequitur solertia invenit. Cùm tempore solstitij Syene urbs sub tropico ♋ immediatè sita, hora meridiana sit ἁσκιη, & umbra in seipsa sine ullo angulo cum gnomone facto consumatur: hoc tanquam cognito, Alexandriae eodem temporis momento dieque gnomonem erexit, diligenter angulum, quem gnomon cum umbra ad verticem faciebat, observando: hic enim erat, ut paulò post demonstrabimus, arcui meridiano inter assumptas urbes aequalis. Sed rem paradigmate demonstremus, etc.
Über Eratosthenes lesen wir, wie einfühlsam er die Ausbreitung der Erde gemessen hat, aufgrund zweier Städte, Syene und Alexandria, die in der flachen Region von Ägypten, unter dem gleichen Meridian lagen, und deren Abstand von 6183 und ein Drittel Stadien wurde zuvor von ihm mit größter Sorgfalt festgelegt. In Bewußtsein dessen brauchte er nichts mehr als die Abstandswinkel der beiden Städten, die er in der folgenden genialen Weise bestimmt hat. Als in Syene, die unmittelbar unter dem Wendekreis des Krebses liegt, am Tag der Sommersonnenwende ist die Stunde des Mittags ἁσκιη, ohne Schatten, das heißt, der Schatten fällt genau mit dem vertikalen Gnomon zusammen, durch Beobachtung der Abweichung des Schattens des Gnomons von der Vertikale im selben Moment in Alexandria berechnete er, wie wir es bald auszeigen, die Winkeldifferenz zwischen den beiden Städten. Aber sehen wir die Demonstration Schritt für Schritt, etc.
Aufgrund all dessen änderte sich meine Übersetzung wie folgt:
…und es war auch dem Eratosthenes bekannt, der im dritten Jahrhundert v. Chr. am Tag der Sommersonnenwende am Mittag, wenn die Sonne sich in der Tiefe des Brunnens von Syene spiegelt, hat die Länge des Meridians der Erde auf der Grundlage des in Alexandria gemessenen Einfallswinkels bestimmt, deren Abstand von Syene ihm bekannt war.
Solche Korrekturen, Dutzende pro Volumen, werden natürlich immer an den italienischen Herausgeber zurückgeschickt, der dafür immer Dank sagt, und sie nie in die neuen Ausgaben einführt. Daher, wie schon lange bekannt, liest ein gebildeter Europäer Eco nur in ungarischer Sprache.
Alter Mann (vielleicht Onkel Soma) spielt auf Drehpiano, Tahi Straße, Bezirk Angyalföld, Budapest, um 1963
Unser Post ist auf einmal hier und auf dem Heimatkunde-Blog „Plant a Tree”des Bezirkes Angyalföld von Budapest veröffentlicht.
der Leierkastenmann, der Eismann, der Drahtbinder,
Onkel Gyula, der lahme Althändler…
die wachsweiche kindliche Wahrnehmung, die solche kleine Momente hält, worüber der Erwachsene so leicht hingeht…
Wege der Leierkastenmänner in Angyalföld (die im Post erwähnten Plätze, auf die Karte des Bezirkes projiziert)
Obwohl die Pallas Große Enzyklopädie an der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts den Leierkastenmann etwas abschätzig anführt, wie einen, der mit seiner Beschwerung die Bevölkerung stört, und der große Dichter Dezső Kosztolányi im Jahre 1927 über das Verschwinden der anachronistischen Leierkastenmänner schrieb, noch in den frühen sechziger Jahren eine Reihe von Menschen wanderten entlang der Tahi Straße mit einer solchen, auf zweirädrigen Karren montierten Musikdose. Die ehemaligen Kinder, heute 60 und älter, erinnern sich immer noch glücklich an die Maschinen-Musiker der sechziger Jahre.
Für viele Kinder in Angyalföld war die Musik des Leierkastenmannes zum Sonntagsmittagessen verknüpft. Andere halfen für den Preis eines Eises, den Karren zu schieben, oder die aus den Innenhoffenstern geworfenen, in Zeitungspapier eingewickelten 50-Filler-Münzen zusammenzuklauben. Sie erinnern sich noch auch an die Lochkarten, und sie sagen, dass der Leierkastenmann hat sie nicht gekauft, aber er selbst gemacht.
Das ist aber ein interessantes Element der Geschichte, denn, wie weit wir es wissen, verwendet diese Art von Drehpiano keine Lochkarten.
Straßenmusik-Maschinen haben zwei Haupttypen: das Drehpiano, das wir auf dem Bild sehen, und die Drehorgel. Der letztere Name wird oft für beide Arten verwendet. Doch im Drehpiano werden die die Klänge hervorrufende Tasten durch einen Zylinder betrieben, worauf die Melodie durch Nägel codiert ist, ähnlich wie bei den in den Spielladen verfügbaren kleinen Musikdosen. Natürlich kann der Zylinder des Drehpianos bis zu mal größer sein, da die Länge des Musikstücks, das abgespielt werden kann, hängt vom Durchmesser ab. Im Fall des Drehpianos betätigt der Zylinder eine Klavierstruktur.
Dieser plebejische Musik-Maschine hat auch einen aristokratischen Bruder, das Pianola. Auf den ersten Blick ist es ein traditionelles Instrument, mit Klaviatur und Pedale. Dies wirklich benützt auf Lochkarten gespeicherte Codes, das eine viel feiner differenzierte Wiedergabe ermöglicht. Das Pianola war auch eine der ersten Techniken des Musikaufnahmens, die die tatsächliche Aufführung eines Pianisten aufzeichnete, damit das Ergebnis kein Maschine-Playback einer sterilen Melodie, sondern eine echte künstlerische Interpretation war. Solche Aufnahmen wurden unter anderem von Scott Joplin, Béla Bartók, oder dem jungen Artur Rubinstein gemacht.
Es ist daher ein Rätsel, wie die Lochkarten in diese Kindheitserinnerungen einsickerten. Vielleicht gab es ein weiteres Instrument in der Nachbarschaft, das auf diesem Prinzip funktionierte, aber es ist auch möglich, dass der alte Mann einfach die jungen Mädchen austricksen wollte. Wer weißt das.
Der Mann auf dem Foto könnte Onkel Soma aus dem nördlichen Bezirk Újpest sein, der in der Regel von der Polgár Kneipe in der Erzsébet Straße spielte, sagt einer der Informanten. Andere fügen dazu, dass es auch in Petneházy Straße ein Leierkastenmann lebte, der hat oft in der Gyöngyösi Straße oder im Armenviertel „Tripolisz” gespielt.
Wenn wir sorgfältig das folgende Foto aus der 1930er Jahren prüfen, taucht es auf, dass wir hier vielleicht dieselbe – nur einige Jahrzehnte jüngere – Maschine sehen. Vielleicht is auch der Mann in den beiden Bildern derselbe?
Die optimale Nutzung der vom Werkelmann (wie er im Wienerdeutsch genannt wurde) angebotenen Chances ist gezeigt in diesem fröhlicen Bild von Josef Engelhardt aus 1890.
Und wenn es das gleiche Instrument ist, dann ist es auch im folgenden Bild, aus den dreißiger Jahren? Die schlechte Qualität und die verschiedene Perspektive machen den Vergleich schwer. Die gedrehten Füße sind vielleicht von einem eingerüsteten Unterstützung verdeckt, aber ansonsten erscheinen die Instrumente ähnlich. Allerdings war der Beruf des Leierkastenmanns typischerweise ein Ein-Mann-Unternehmen, und der Mann mit dem Hut und derjenige mit der Arbeiterskappe sind vielleicht nicht identisch. Wer weiß es sicher heute?
Leierkastenmann in der dreißiger Jahren. Foto von Lajos Szabó, in: Fortélyos félelem igazgat, Móra, 1974. Nach unseren Informanten wurde es aus der benachbarten Wohnung an Attila Straße 150 aufgenommen.
Aber es gab auch andere ambulante Darsteller im Bezirk entlang der Achse der Váci Straße. Im Wohnviertel Tripolisz man erinnert sich sogar an einen singenden Bettler, der so alt war, dass seine Stimme die Fenster nicht erreichte. Dennoch erhielt er auch seine Gebühr. Und neben den Leierkastenmännern – die oft Kriegsbeschädigte oder aus anderen Gründen einer leichteren Arbeit bedürftigte waren – gab es auch eine wichtige Konkurrenz im Hofbegang: die Zigeuner. Sie waren vor allem junge Menschen, die das tägliche Übung mit dem Brotverdienen verbanden, und mit ihren Geigen herumgehend populäre Schlager oder ungarische Lieder spielten. Angyalföld war die Wiege von vielen berühmten Zigeunermusikern, wie wir es in einem späteren Post erzählen werden.
Es gab auch zwei andere alte Männer, Onkel Pista und sein Schwäger oder Bruder… vielleicht es sind sie auf dem Fotos von Iván Vydareny aus Angyalföld von der sechziger Jahren, als sie ihre Musik-Maschine in der Visegrádi und Gogol Straße schieben.
Und das Pianola, das unsere Tour in Angyalföld begleitete, taucht unerwartet wieder auf ein letztes Mal, zu verabschieden: es war in 1969 zur Verfilmung des berühmten Die Jungen von der Paulstraße von Ferenc Molnár gekauft.
“Exactly at quarter of one, after repeated futile experiments, the tense anticipation was rewarded. Into the colorless flame of a Bunsen burner upon the classroom desk there suddenly burst a flash of bright emerald; the professor’s efforts to demonstrate the fact that the compound, whereof the professor wanted to show that paints the flame green, indeed paints the flame green; say, at quarter of one, in that triumphant minute, a barrel piano resounded in a neighboring courtyard. Whereupon all earnestness and attention instantly fled. The windows were wide open, welcoming the warmth of a March day, while the wings of fresh Spring breezes wafted music into the room. It was a rollicking Magyar melody which issued in march tempo from the barrel piano. It was so utterly hilarious an air, so Viennese in spirit, that the entire class felt tempted to smile; indeed, many among those present did not restrain this urge.”
Ferenc Molnár: The Paul Street Boys, 1.
Ich kennte solche Straßenmusikanten nur aus einem Radiomärchen, aber wir liebten ihn sehr auch dort. (Aus der fast 50-minütigen Geschichte spielt der Leierkastenmann Zakariás nur einige Minuten am Anfang und am Ende.)
Jede Maus liebt Käse. Radiospiel, 1980. Zakariás: Károly Kovács – Papagei: Ferenc Háray – Tante Lidi: Józsa Hacser – Onkel Márton: László Csákányi – Soma: Endre Harkányi – Mama Szeréna: Éva Schubert – Papa Albin: Samu Balázs – Fruzsina: Hédi Váradi – Großer Katzenmagier: Gyula Bodrogi – Pepita Mäuser: Ildikó Meixner, Péter Csepeli – Im Zusammenarbeit mit dem Ensemble des Symphonieorchesters des Ungarischen Rundfunks – Musik und Leitung: Lászó Gulyás – Geschrieben und arrangiert von Gyula Urbán
Fogd meg a vízben a csillagot!
Hasztalan, úgysem tudod!
Idelent hiába vallatod,
fönt van a fényes titok.
Csillagba zárták a sorsodat,
csillag a vízben ragyog
Tükrödből nem tudhatsz meg sokat,
fönt van a fényes titok.
Fange die Sterne auf dem Wasser!
Nutzlos, das kannst du nicht
Vergeblich verhörst du sie hier:
Dort oben ist das helle Geheimnis.
Dein Schicksal wurde in den Sternen
eingeschlossen, die auf dem Wasser glänzen:
Dein Spiegel wird nicht viel erzählen:
Dort oben ists das helle Geheimnis.
Update: Dank dem Aufruf im Frühjahr 2013 der Kreisbibliothek, zwei neue Fotos von 1965 wurden aufgetaucht. Für Vollständigkeit füge ich sie hier ein.