Das Leben ist schön


Ruhm kam spät für Vladimir Vorobyov. Der Ingenieur von Novokuznetsk, Mitarbeiter des Westsibirischen Eisenhütten-Kombinats, der im Jahr 2011 im Alter von 70 starb, erhielt seine erste und einzige Kamera in der 1970-er Jahre. Seine in den nächsten fünfzehn Jahren gemachten Fotos wurden nie veröffentlicht, sie wurden nur auf ein paar lokalen Ausstellungen zur Schau gestellt. Es war sein Freund und Mitfotograf Vladimir Sokolayev, der aus seinem Erbe in diesem November in Novokuznetsk eine Werkausstellung organisierte, die auch die Aufmerksamkeit der Moskauer Photowelt aufweckte. Und das zu Recht.


Was zunächst berührt uns in diesen Bildern, ist die radikale Absurdität, die perfekte Unvereinbarkeit von Szenen, Objekte und Menschen, die auf den Fotos nebeneinander existierenden parallelen Wirklichkeiten. Wie die müden Kindergärtnerinnen essen und trinken in dem vom heiteren Lenin-Bild definierten Kontext. Die Frauen mit Einkaufstüten, als sie unbeholfen vor den Porträts der Stoßbrigadler stehen. Die Frau mit dem Blumenkasten unter den Lianen des Drahtleitungsdschungels, der sogar denjenigen von Mallorca abschießt.


Allerdings sind diese Bilder bewusst und explizit Dokumentarfotos. Sie sind keine visuellen Pointen, sondern anscheinend, als Erbfolger einer langen Tradition, wollen sie die Realität genau schildern. Und dies gibt auch der Absurdität sein tatsächliches Gewicht. Dass sie ist kein sorgfältig gesuchter Witz, sondern organischer und notwendiger Teil des Alltaglebens, ein wichtiger Beitrag zur Schrecklichkeit dieses Lebens.



Auf der anderen Seite, Schönheit ist auch immer vorhanden auf diesen Bildern. Eine Schönheit, Liebe und Menschlichkeit, die, wie es nicht anders sein kann, erscheint innerhalb den Rahmen der Absurdität, und die einen scharfen Kontrast mit dem Elend und Verfall bildet. Sie scheint nicht immer die stärkere zu sein. Auf einigen Bildern ist sie offenbar zu verlieren. Doch sie ist dort auf jedem, sie ist vorhanden, sie zeigt sich selbst an, sie gibt Hoffnung.






Und jetzt untersuchen Sie

Wir haben bereits auf Río Wang über die „exotischen” Orten gelesen, wohin am Ende des Zweiten Weltkriegs die völlig verzweifelte und für sein Überleben kämpfende ungarische Pfeilkreuzler-Marionettenregierung die ungarischen Soldaten schicken konnte. In den folgenden – hoffentlich mit der Zusammenarbeit unserer Leser – werden wir das letzte (?) Protokollreise der Pfeilkreuzler-Regierung enthüllen.


Der Hrvatski Slikopisni Tjednik war zwischen 1941 und 1945 die offizielle Wochenschau des Unabhängigen Kroatischen Staates. Die ersten Bilder der 166. Ausgabe präsentieren ein Treffen, wo Ante Pavelić, der Poglavnik eine Delegation in Pfeilkreuzler-Uniformen empfingt, und einen ihrer Mitglieder auch mit einem Orden auszeichnet.


Rechts, Außenminister Dr. Gábor
Kemény, ihm gegenüber vielleicht
Ante Bilić, der kroatische
Botschaftssekretär in Budapest
 

Was in dieser einfachen Protokollnachricht überraschend ist, ist dass nach der Numerierung der Wochenschau, die Veranstaltung am Ende Februar, oder eher Anfang März 1945 stattfinden musste, in einer Zeit, als die Macht des Pfeilkreuzler-Regimes praktisch zur nordwestlichsten Ecke von Ungarn begrenzt war. Wer war der Ausgezeichnete? Wie konnten sie die Reise nach Zagreb durch die beiden, unter ständigen Kämpfen und Luftangriffen leidenden Länder organisieren? Wir freuen uns auf die Antworten unserer Leser auf solche Fragen.

Leider habe ich nur eine Kopie dieser Wochenschau Nr. 166 gefunden, wo der Soundtrack der ersten 10 Minuten fehlt (in meiner Erfahrung ist dies ein ganz gemeinsames Merkmal der überlebenden kroatischen Wochenschauen). Wenn ein Kopie mit voller Soundtrack gefunden wäre, würde es diese kleine historische Rätsel lösen, aber in der Zwischenzeit – untersuchen Sie!

Der Hahn hat gekräht


Seit vielen Jahren besuchten wir das siebenbürgische Szék, wenn wir zum ersten Mal von dem jüdischen Friedhof hörten. Nach einer zehntägigen galizischen Tour, als wir in der Nacht die Karpaten überquerten und in der über dem Someschtal niedrig schwimmenden Frühmorgennebel abstiegen, sitzten wir in der Küche unserer Freunde, und erzählten über das, was wir geschehen haben. „Nun, wir haben auch einen jüdischen Friedhof”, sagte Mari voller Stolz. Vom schmalen, zwischen Häusern verkeilten Grundstück auf dem Felszeg-Hügel kann man den christlichen Friedhof auf der anderen Seite des Dorfes sehen. Einige der zehn bis fünfzehn Steine sind bereits gefallen oder abgebrochen, ihre Inschrift ist schwer zu lesen. Die Deportierten kamen niemals zurück. Und keine Erinnerung blieb an diejenige, die hier ruhen, nur vage Geschichten zirkulieren über in Kellern versteckten Schätze.




Deshalb war es überraschend, als gestern, am von der Ungarischen Jüdischen Kulturellen Vereinigung (Mazsike) organisierten Konzert des Muzsikás Ensembles im Bálint Ház Kulturellen Zentrum, wo die Musiker wechselweise ihre Geschichten darüber erzählten, wie sie von alten siebenbürgischen und moldawischen Musikern das Repertoire der einmal von ihnen gespielten jüdischen Volksmusik gesammelt haben, Mihály Sipos präsentierte ausführlich die Erinnerungen der Musiker von Szék davon, wie die Juden des Dorfes ihren eigenen Tanzsaal organisierten, und wie sie den Jüdischen Tschardasch von Szék auf die lokalen ungarischen Melodien oder auf die nach den Stil von Szék orchestrierten jüdischen Weisen tanzten, Männer und Frauen einander an den Händen nicht berührend, sondern nur die beiden Ränder des gleichen Taschentuch haltend. Das Andenken des verschwindenen Gemeinschaft blieb erhalten und jetzt wieder belebt von der Musik.








Jüdischer Tschardasch von Szék. Aufgeführt vom Muzsikás Ensemble, Mazsike / Bálint Ház, Budapest, 12. Dezember 2012


Der Faden der Geschichten ging von der im CD The Rooster Is Crowing veröffentlichten Maramuresch-Musik aus, aber glücklicherweise versuchten Mihály Sipos, Péter Éri und Dániel Hamar, vor allem diejenige von ihnen gesammelten Stücke zu aufführen, die nicht auf der CD enthalten sind. „Diese auf Kaval gespielte Musik sammelten wir in Moldau”, erzählt Dániel Hamar. „Wir spielten es auf mehreren Konzerten, bevor wir auf das Krakauer Klezmer-Festival eingeladen wurden, wo das Abschlusskonzert eine gemeinsame Aktion der renommiertesten Ensembles, wie Klezmatics, Brave Old World und dergleichen war. Wir haben nicht einmal erwarten, dort zu sein, aber wir wurden speziell im Hotel angerufen, und gebeten, zu gehen. Die Asse eifersüchtig teilten die Zeit unter sich, wer wie viele Minuten bekommt von der halben Stunde. Wenn jeder seine Zeit gegeben wurde, haben wir auch gefragt, was wir tun sollen. Was? Nun, wenn jeder sein Stück spielte, dann kommet ihr, und beginnt diese wunderbare moldauische Melodie. Dann allmählich jeder schaltet ein. Ihr könnt die gemeinsame Aufführung leiten und so lange spielen, wie ihr wollt.”









Jüdischer Tanz von Moldau


Über das Lied Ani Maamini, dessen Text der zwölfte Punkt von Maimonides Glaubensbekenntnis und auch eine Verse des Morgengebetes ist – „Ich glaube mit vollem Vertrauen das Ankommen des Messias, und obwohl er verzögert sich, warte ich jeden Tag ihn zu kommen” – werden wir später ausführlich schreiben. Das Muzsikás sammelte es in Maramuresch vom Zigeunerprimas Gheorghe Covaci, der es zum ersten Mal von den aus Auschwitz zurückkehrten Juden hörte. Dániel Hamar erzählte jetzt ihre Geschichte darüber: „Wir spielten ungarische Volksmusik mehrere Male in London und Paris, und jedes Mal saß in der ersten Reihe ein alter Herr – ein großer Physiker –, die nach jedem Konzert kam zu uns, ein paar Wörter zu reden, manchmal auf Englisch, und manchmal auf Französisch. Es war in Paris, dass wir auch einige in Maramuresch gesammelten Stücke, unter den auch Ani Maamini aufführten. Der alte Mann wieder kam und bedankte sich bei uns – auf einer klaren Ungarisch, wenn auch etwas unsicher und nach die Wörter suchend. Er erzählte, wie sie in Auschwitz, in der Nacht in den Baracken, dies Lied summend sich in den Schlaf schaukelten, und wie viel Kraft es für das Überleben gab.”








Ani Maamini


Das Konzert konnte sich natürlich nicht ohne den Titeltrack der Platte, der am meisten emblematischen ungarischen jüdischen Volksliedes Der Hahn kräht beenden, das das Publikum zusammen mit dem Muzsikás sang. Das Lied wurde von den in der gleichen Region gesammelten Szatmárer Tänze eingeführt, und das Zugabestück war das Eröffnungsstück der Platte, die chassidischen Hochzeittänze aus Maramuresch.







   





   






Der Hahn kräht, Szatmárer Tänze, und Chassidische Hochzeittänze aus Maramuresch


Die schönste Musik ist natürlich immer diejenige, die du verpasst zu aufnehmen. Kurz nach dem Beginn aufführten Mihály Sipos und Dániel Hamar am Viola und Gardon eine in Gyimes gesammelte rubato Melodie, die, wie sie sagten, auch alte jüdische und andere orientalische Motiven in die bereits archaische Musik von Gyimes einwebt. Die früheren Aufnahmen können Ihnen helfen, sich vorzustellen, was für eine Macht diese Melodie hatte, wenn ich sage, dass es das reizendste Stück des Konzerts war. Nach dem Konzert fragte ich Mihály Sipos ob es in einem ihrer Alben enthalten ist, aber leider nicht: sie spielen es nur auf Konzerten. Ich hoffe, dass ich noch Möglichkeit haben wird, es nochmals zu hören, und auch Ihnen zu präsentieren.


Echte Perle


Wenn diese kleine Ikone des Heiligen Georgs ist Ihnen vertraut, es ist kein Zufall. Ähnliche Hinterglasbilder wurden von rumänischen Familien am Siebenbürgischen Tiefland seit dem frühen 19. Jahrhundert produziert, und von den ungarischen Intellektuellen vom Besuch Siebenbürgens mit Vorliebe zu Hause gebracht/geschmuggelt. Als ich an das mit einem sanften Lächeln und mit einem leicht über den Dragon erhöhten Huf aus dem Rahmen vortretende kleine Pferd anschaue, ich kann es verstehen.

Diese Ikone kommt jedoch nicht aus Siebenbürgen, aber von dieser Seite der rumänischen Grenze. Und seine Macher sind Ungarn und Zigeuner.

Nóra L. Ritók und die Echte Perle Stiftung und Kunstschule in Berettyóújfalu haben ein wachsendes Bewusstsein in Ungarn, vor allem wegen dem von ihr geschriebenen Blog. Nóra ursprünglich plante es, eine grundlegende künstlerische Ausbildung für die sozial benachteiligten Kindern in dieser kleinen Stadt und in in den umliegenden kleinen Siedlungen zu beginnen.

Die Schule hat inzwischen eine große Anzahl von professionellen Erfolge erzielt, und die Kinder haben auch an internationalen Wettbewerben teilgenommen. Noch wichtiger als die Preise sind aber die gute Eindrücke, die sie in der Schule erwerben. Die Erfahrung der Schöpfung gewährt ihnen ein echtes Leistungsgefühl, ein verbessertes Selbstwertgefühl, eine verstärkte Selbst-Bild, und dies wird auch in ihren anderen Ergebnissen bemerkbar. Wenn es einen Weg aus der Armut gibt, denn dies ist das.



Schon bald stellte sich jedoch heraus, dass jedes echte Ergebnis nur durch eine mit der Erziehung eng verbundene soziale Arbeit, sowie durch eine komplexe Unterstützung erreicht werden kann, die erneut eine Zusammenarbeit zwischen Menschen, die lange vergessen haben, wie man zusammenarbeiten kann, anliegt.

Es ist unentbehrlich, dass alle, die an diesem Prozess teilnehmen, sowohl die Kinder, die Eltern und die Behörden, die Bedeutung dieser Bemühungen sehen, und daran glauben. Der Wiederaufbau dieses Glaubens und gemeinsames Denkens ist die schwierigste Aufgabe, die jedoch nicht verschont oder mit Spendekampagnen substituiert werden kann.

Deshalb hat die Echte Perle Stiftung unter anderen Projekten die Szuno ins Leben gerufen, die in dieser mit einer extrem hohen Arbeitslosigkeit kämpfenden Region eine Arbeit für Frauen anbietet, die sie auch zu Hause und auch mit einem niedrigen Bildungsniveau durchführen können.

Dieses auf der Zusammenarbeit von Generationen basierte Projekt bietet Arbeit für die Erwachsenen auf Grund der von den Kindern in der Schule erstellten Bilder und Zeichnungen. Die ausgewählte Kinderzeichnungen werden von den Erwachsenen in Stickereien umgewandelt, die auf den von ihnen genähten Produkten angewandt werden.

Es gab schon Fälle, wenn wir hier in Río Wang um Hilfe für die Flutopfer der Siebenbürger Szék gebeten (hier, hier und hier). Der damalige großzügige Hilfsbereitschaft unserer Leser nun ermutigt uns zu einer weiteren Anfrage. Noch in der Adventszeit schauen sie in der Szuno Webshop um, und wenn Sie es sich leisten können, kaufen Sie dort ein. Und wenn Sie mögen, was Sie dort sehen, überwachen Sie die Entwicklung des Projekts, kehren Sie regelmäßig zum Shop oder Nóras Blog zurück, weil dieses Thema hat Auswirkungen, die für uns alle wichtig sind. Ist es möglich, eine Chance von fast nichts produzieren, für diejenigen, die aufgrund ihrer geographischen, sozialen und Beschäftigungssituation in der schwierigsten Lage sind, und die guten Praktiken in verschieden Orte verwenden? Nicht nur das Schicksal von ein paar Siedlungen in schwierigen Situation, aber das Futur von uns allen hängt davon ab.

Seien Sie stille Gesellschafter in dieser Arbeit, die wichtiger ist als alles andere, was heute in Ungarn passiert.



Vergessene jüdische Dorfmusik


Unsere treue Leser werden sicherlich daran erinnern, dass vor einigen Jahren haben wir eine schlängelige musikalische Tour mit Két Sheng gemacht, wo wir die Geschichte und Parallelen des Liedes Der Hahn kräht begleiteten, von der Begegnung des ungarischen Volksliedes und der mittelalterlichen französisch-jüdischen piyut in Nagykálló durch den Messias-Nachtigall des sephardischen Liedes zum die christliche Osternacht begrüßenden Nachtigall. Und diese Tour fing mit der Aufführung von Márta Sebestyén und des Muzsikás Ensembles an, die – als wir davon früher, bei der Suche nach den osteuropäischen Wurzeln der Bella ciao berichteten –, haben diejenige alten Zigeunermusiker aufgespürt, die auf den Festen der in 1944 zerstörten chassidischen Gemeinden aufspielten, und sie haben von ihnen die Lieder dieser Gemeinden gesammelt.








Márta Sebestyén und das Muzsikás Ensemble: Der Hahn kräht (3'06"). Von der CD Der Hahn kräht. Ungarisch-jüdische Volksmusik (1992). – Die CD wurde außerhalb Ungarns unter dem Titel Máramaros: The Lost Jewish Music of Transylvania verbreitet.

Doch der Weg schlängelt sich weiter. Heute Abend erhielten wir eine Einladung für morgen, Mittwoch abend um 18 Uhr zum Bálint Ház (Budapest VI. Révay utca 16), wo unter dem Titel „Vergessene jüdische Dorfmusik – Der Hahn kräht” wird das Muzsikás Ensemble einen Vortrag über ihre Sammlungstour in Maramureș, und dann ein Konzert mit den gesammelten Liedern geben. Die Einladung ausdrücklich betont es, dass die Leser von Río Wang sind besonders willkommen. Kommen Sie mit uns. Und für diejenigen unter Ihnen, die nicht teilnehmen können, werden wir über den Abend berichten.


Das Geschenk der Weisen

Es ist nicht so sehr für die kleine, auf eine Moral ausgespitzte Geschichte, sondern für die von der österreichischen Graphikerin Lisbeth Zwerger vor dreißig Jahren gemalten, fein getönten Aquarelle, dass wir diese Weihnachtsgeschichte veröffentlichen. Der Autor der Novelle, der meist unter dem Namen O. Henry publizierende William Sydney Porter ist vielleicht dem deutschen Leser weniger bekannt, obwohl er einer der populärsten amerikanischen Erzähler des frühen 20. Jahrhunderts war.

Zu den Arbeiten von Lisbeth Zwerger werden wir bald zurückkehren.


Ein Dollar und siebenundachtzig Cent. Das war alles. Und sechzig Cent davon ja Pennies.
 

Stück für Stück ersparte Pennies, wenn man hin und wieder den Kaufmann, Gemüsemann oder Fleischer beschwatzt hatte, bis einem die Wangen brannten im stillen Vorwurf der Knauserei, die solch ein Herumfeilschen mit sich brachte.
 

Dreimal zählte Della nach. Ein Dollar und siebenundachtzig Cent. Und morgen war Weihnachten.


Da blieb einem nichts anderes, als sich auf die schäbige kleine Chaise zu werfen und zu heulen. Das tat Della. Was zu der moralischen Betrachtung reizt, das Leben bestehe aus Schluchzen, Schniefen und Lächeln, vor allem aus Schniefen.

Während die Dame des Hauses allmählich von dem ersten Zustand in den zweiten übergeht, werfen wir einen Blick auf das Heim.


Eine möblierte Wohnung für acht Dollar die Woche. Sie war nicht gerade bettelhaft zu nennen; höchstens für jene Polizisten, die speziell auf Bettler gehetzt wurden.

Unten im Hausflur war ein Briefkasten, in den nie ein Brief fiel, und ein Klingelknopf, dem keines Sterblichen Finger je ein Klingelzeichen entlocken konnte. Dazu gehörte auch eine Karte, die den Namen „Mr. James Dillingham jr.” trug.

Das „Dillingham” war in einer früheren Zeit der Wohlhabenheit, als der Eigentümer dreissig Dollar die Woche verdiente, hingepfeffert worden. Jetzt, da das Einkommen auf zwanzig Dollar zusammengeschrumpft war, wirkten die Buchstaben des „Dillingham” verschwommen, als trügen sie sich allen Ernstes mit dem Gedanken, sich zu einem bescheidenen und anspruchslosen D zusammenzuziehen. Aber wenn Mr. James Dillingham jr. nach Hause und oben in seine Wohnung kam, wurde er „Jim” gerufen und von Mrs. James Dillingham jr., die bereits als Della vorgestellt wurde, herzlich umarmt. Was alles sehr schön ist.



Della hörte auf zu weinen und fuhr mit der Puderquaste über ihre Wangen. Sie stand am Fenster und blickte trübselig hinaus auf eine graue Katze, die auf einem grauen Zaun in einem grauen Hinterhof spazierte.

Morgen war Weihnachten, und sie hatte nur einen Dollar siebenundachtzig, um für Jim ein Geschenk zu kaufen. Monatelang hatte sie jeden Penny gespart, wo sie nur konnte, und dies war das Resultat. Zwanzig Dollar die Woche reichte nicht weit. Die Ausgaben waren größer gewesen, als sie gerechnet hatte. Das ist immer so. Nur einen Dollar siebenundachtzig, um für Jim ein Geschenk zu kaufen. Für ihren Jim. So manche glückliche Stunde hatte sie damit verbracht, sich etwas Hübsches für ihn auszudenken. Etwas Schönes, Seltenes, Gediegenes – etwas, was annähernd der Ehre würdig war, Jim zu gehören.

Zwischen den Fenstern stand ein Trumeau. Vielleicht haben Sie schon einmal einen Trumeau in einer möblierten Wohnung zu acht Dollar gesehen. Ein sehr dünner und beweglicher Mensch kann, indem er sein Spiegelbild in einer raschen Folge von Längsstreifen betrachtet, eine ziemlich genaue Vorstellung von seinem Aussehen erhalten. Della war eine schlanke Person und beherrschte diese Kunst. Plötzlich wirbelte sie von dem Fenster fort und stand vor dem Spiegel. Ihre Augen glänzten und funkelten, aber ihr Gesicht hatte in zwanzig Sekunden die Farbe verloren. Flink löste sie ihr Haar und ließ es in voller Länge herabfallen.



Zwei Dinge besaßen die James Dillinghams jr., auf die sie beide unheimlich stolz waren. Das eine war Jims goldene Uhr, die seinem Vater und davor seinem Großvater gehört hatte. Das andere war Dellas Haar. Hätte die Königin von Saba in der Wohnung jenseits des Luftschachts gelebt, dann hätte Della eines Tages ihr Haar zum Trocknen aus dem Fenster gehängt, um Ihrer Majestät Juwelen und Vorzüge im Wert herabzusetzen. Wäre König Salomo der Portier gewesen und hätte all seine Schätze im Erdgeschoss aufgehäuft, Jim hätte jedesmal seine Uhr gezückt, wenn er vorbeigegangen wäre, bloß um zu sehen, wie sich der andere vor Neid den Bart raufte.

Jetzt floss also Dellas Haar wellig und glänzend an ihr herab wie ein brauner Wasserfall. Es reichte bis unter die Kniekehlen und umhüllte sie wie ein Gewand. Nervös und hastig steckte sie es wieder auf. Einen Augenblick taumelte sie und stand ganz still, während ein paar Tränen auf den abgetretenen Teppich fielen.


Die alte braune Jacke angezogen, den alten braunen Hut aufgesetzt, und mit wehenden Röcken und immer noch das helle Funkeln in den Augen, schoss sie zur Tür hinaus und lief die Treppe hinab auf die Straße.

Wo sie stehenblieb, lautete das Firmenschild Mme. Sofronie. Alle Sorten Haarersatz.



Della rannte die Treppe hinauf und versuchte atemschöpfend, sich zu sammeln.
 

Madame, groß, zu weiß und frostig, sah kaum nach „Sofronie” aus.

– Wollen Sie mein Haar kaufen?
fragte Della.

– Ich kaufe Haar
sagte Madame.  Nehmen Sie den Hut ab, damit wir es einmal ansehen können.
 

Der braune Wasserfall stürzte in Wellen herab.

– Zwanzig Dollar
  sagte Madame, mit kundiger Hand die Masse anhebend.

– Geben Sie nur schnell her
, sagte Della.

Oh, und die nächsten beiden Stunden trippelten auf rosigen Schwingen. Nehmen Sie es nicht so genau mit der zerhackten Metapher. Sie durchwühlte die Läden nach dem Geschenk für Jim. Schließlich fand sie es. Bestimmt war es für Jim und für niemand sonst gemacht. Keins gab es in den Läden, das diesem glich, und sie hatte in allen das Oberste zuunterst gekehrt. Es war eine Uhrkette aus Platin, einfach und edel im Dessin, die ihren Wert auf angemessene Weise durch das Material und nicht durch eine auf den Schein berechnete Verzierung offenbarte – wie es bei allen guten Dingen sein sollte. Sie war sogar der Uhr würdig. Kaum hatte sie die Kette erblickt, als sie auch schon wusste, dass sie Jim gehören müsse. Sie war wie er. Überlegene Ruhe und Wert – das passte auf beide.



Einundzwanzig Dollar nahm man ihr dafür ab, und mit den siebenundachtzig Cent eilte sie nach Hause. Mit dieser Kette an der Uhr konnte Jim wirklich in jeder Gesellschaft um die Zeit besorgt sein. So großartig die Uhr war, manchmal blickte er wegen des alten Lederriemchens, das er an Stelle einer Kette benutzte, nur verstohlen nach ihr. Als Della zu Hause angelangt war, wich ihr Rausch ein wenig der Vorsicht und der Vernunft. Sie holte ihre Brennschere heraus, zündete das Gas an und machte sich ans Werk, die Verheerungen auszubessern, die von Freigebigkeit in Verein mit Liebe angerichtet worden waren. Was stets eine gewaltige Aufgabe ist, liebe Freunde – eine Mammutaufgabe.

Nach vierzig Minuten war ihr Kopf dicht mit kleinen Löckchen bedeckt, mit denen sie wundervoll aussah, wie ein schwänzender Schuljunge. Lange, sorgfältig und kritisch betrachtete sie ihr Spiegelbild.

– Wenn mich Jim nicht umbringt, bevor er mich ein zweites Mal ansieht, wird er sagen, ich sehe aus wie ein Chormädel von Coney Island
meinte sie bei sich. Aber was – oh, was hätte ich denn mit einem Dollar siebenundachtzig anfangen sollen?


Um sieben war der Kaffee gekocht, und die Bratpfanne stand hinten auf der Kochmaschine, heiss und bereit, die Kotelette zu braten.
Jim verspätete sich nie. Della ließ die Uhrkette in ihrer Hand verschwinden und setzte sich auf die Tischkante nahe der Tür, durch die er immer eintrat.

Dann hörte sie seinen Schritt auf der Treppe, unten, auf den ersten Stufen, und wurde einen Augenblick blass. Sie hatte sich angewöhnt, wegen der einfachsten Alltäglichkeit stille kleine Gebete zu murmeln, und jetzt flüsterte sie

– Bitte, lieber Gott, mach, dass er mich noch hübsch findet.



Die Tür öffnete sich, Jim trat ein und schloss sie. Er sah mager und sehr feierlich aus. Armer Junge, er war erst zweiundzwanzig – und schon mit Familie belastet! Er brauchte einen neuen Mantel und hatte auch keine Handschuhe. Jim blieb an der Tür stehen, reglos wie ein Vorstehhund, der eine Wachtel ausgemacht hat Seine Augen waren auf Della geheftet, und ein Ausdruck lag in ihnen, den sie nicht zu deuten vermochte und der sie erschreckte. Es war weder Ärger noch Verwunderung, weder Missbilligung noch Abneigung, noch überhaupt eins der Gefühle, auf die sie sich gefasst gemacht hatte. Er starrte sie nur unverwandt an mit diesem eigentümlichen Gesichtsausdruck.Della rutschte langsam vom Tisch und ging zu ihm.

– Jim, Liebster
, rief sie –, sieh mich nicht so an. Ich hab' mein Haar abschneiden lassen und verkauft, weil ich Weihnachten ohne ein Geschenk für dich nicht üherlebt hätte. Es wird wieder wachsen – du nimmst es nicht tragisch, nicht wahr? Ich musste es einfach tun. Mein Haar wächst unheimlich schnell. Sag mir fröhliche Weihnachten, Jim, und lass uns glücklich sein. Du ahnst nicht, was für ein hübsches, was für ein schönes, wunderschönes Geschenk ich für dich bekommen habe.

– Du hast dein Haar abgeschnitten? – fragte Jim mühsam, als könne er selhst nach schwerster geistiger Arbeit nicht an den Punkt gelangen, diese offenkundige Tatsache zu begreifen.

– Abgeschnitten und verkauft
sagte Della. Hast du mich jetzt nicht noch ebenso lieb? Ich bin auch ohne mein Haar noch dieselbe, nicht wahr?


Jim blickte neugierig im Zimmer umher.
 Du sagst, dein Haar ist weg? bemerkte er mit nahezu idiotischem Gesichtsausdruck.

– Du brauchst nicht danach zu suchen. – sagte Della. – Ich sag' dir doch, es ist verkauft – verkauft und weg. Heute ist Heiligabend, Jungchen. Sei nett zu mir, denn es ist ja für dich weg. Vielleicht waren die Haare auf meinem Kopf gezählt
fuhr sie mit einer jähen, feierlichen Zärtlichkeit fort –, aber nie könnte jemand meine Liebe zu dir zählen. Soll ich die Kotelette aufsetzen, Jim?

Jim schien im Nu aus seiner Starrheit zu erwachen. Er umarmte seine Della.

Wir wollen inzwischen mit diskreten Forscherblicken zehn Sekunden lang eine an sich unwichtige Sache in anderer Richtung betrachten.

Acht Dollar die Woche oder eine Million im Jahr – was ist der Unterschied?

Ein Mathematiker oder ein Witzbold würden uns eine falsche Antwort geben.

Die Weisen brachten wertvolle Geschenke, aber dies war nicht darunter. Diese dunkle Behauptung soll später erläutert werden.



Jim zog ein Päckchen aus der Manteltasche und warf es auf den Tisch.

– Täusch dich nicht über mich, Dell sagte er. Du darfst nicht glauben, dass es etwas wie Haare schneiden oder stutzen oder waschen mich dahin bringen könnte, mein Mädchen weniger liebzuhaben. Aber wenn du das Päckchen auspackst, wirst du sehen, warum du mich zuerst eine Weile aus der Fassung gebracht hast.

Weiße Finger rissen hurtig an der Strippe und am Papier. Und dann ein verzückter Freudenschrei, und dann – ach! – ein schnelles weibliches Hinüberwechseln zu hysterischen Tränen und Klagen, die dem Herrn des Hauses den umgehenden Einsatz aller Trostmöglichkeiten abforderten.
Denn da lagen die Kämme – die Garnitur Kämme, die Della seit langem in einem Broadway-Schaufenster angeschmachtet hatte.

Wunderschöne Kämme, echt Schildpatt mit juwelenverzierten Rändern – gerade in der Schattierung, die zu dem schönen, verschwundenen Haar gepasst hätte. Es waren teure Kämme, das wusste sie, und ihr Herz hatte nach ihnen gebettelt und gebarmt, ohne die leiseste Hoffnung, sie je zu besitzen.

Und nun waren sie ihr eigen; aber die Flechten, die der ersehnte Schmuck hätte zieren sollen, waren fort.




Doch sie presste sie zärtlich an die Brust und war schließlich so weit, dass sie mit schwimmenden Augen und einem Lächeln aufblicken und sagen konnte:

– Mein Haar wächst so schnell, Jim!

Und dann sprang Della auf wie ein gebranntes Kätzchen und rief:
–  Oh, oh!

Jim hatte ja noch nicht sein schönes Geschenk gesehen.

Ungestüm hielt sie es ihm auf der geöffneten Hand entgegen. Das leblose, kostbare Metall schien im Abglanz ihres strahlenden, brennenden Eifers zu blitzen.

– Ist die nicht toll, Jim? Die ganze Stadt hab' ich danach abgejagt. Jetzt musst du hundertmal am Tag nachsehen, wie spät es ist. Gib mir die Uhr. Ich möchte sehen, wie sich die Kette dazu macht.

Statt zu gehorchen, ließ er sich auf die Chaiselongue fallen, legte die Hände im Nacken zusammen und lächelte.
 „Dell”, sagte er, „wir wollen unsere Weihnachtsgeschenke beiseite legen und eine Weile aufheben. Sie sind zu hübsch, um sie jetzt schon in Gebrauch zu nehmen. Ich habe die Uhr verkauft, um das Geld für die Kämme zu haben. Wie wäre es, wenn du die Kotelette braten würdest?”


Die Weisen waren, wie ihr wisst, weise Männer – wunderbar weise Männer –, die dem Kind in der Krippe Geschenke brachten. Sie haben die Kunst erfunden, Weihnachtsgeschenke zu machen. Da sie weise waren, waren natürlich auch ihre Geschenke weise und hatten vielleicht den Vorzug, umgetauscht werden zu können, falls es Dubletten gab.

Und hier habe ich euch nun schlecht und recht die ereignislose Geschichte von zwei törichten Kindern in einer möblierten Wohnung erzählt, die höchst unweise die größten Schätze ihres Hauses füreinander opferten. Doch mit einem letzten Wort sei den heutigen Weisen gesagt, dass diese beiden die weisesten aller Schenkenden waren. Von allen, die Geschenke geben und empfangen, sind sie die weisesten. Überall sind sie die weisesten. Sie sind die wahren Weisen.