Ein Sprachenjäger, ein Legendenjäger

Ich suchte etwas ganz anderes auf dem Regal, wenn ich meine zerfetzte Taschenausgabe von „Märchen und Legenden von Sistan”, eine kommentierte Ausgabe der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften entdeckte – und ich war überrascht zu erkennen, dass ich noch ein paar Verse der schönen russischen Übersetzung rezitieren konnte, und dass ich noch daran erinnerte, wie das Buch-Projekt geboren wurde nach der überraschenden Entdeckung einer sistanischen Legendenerzähler, der seit Jahrzehnten in einer kleinen Stadt in Turkmenistan lebte. Die Details aber waren schon unscharf, deshalb habe ich wieder dem Linguist und Dichter nachgesehen, der diese Geschichten aufgezeichnet und übersetzt hat. Einige sind kanonische Rustam-Legenden aus der Schahname, dem Buch der Könige, andere bislang unbekannte Legenden, die als historische Erzählungen erzählt wurden, und noch andere Volksmärchen, die sich in ihren eigenen Kanon fügten.

A. L. Gruenberg-Cvetinovic
(in der westlichen Transliteration auch als Aleksandr Grjunberg bekannt)
Aleksandr Gruenberg-Cvetinovic war eine fascinierende Figur, ein Iranist und ein obsessiver Feldforscher, die unzählige kleine Sprachen in den abgelegenen Bergtälern des Kaukasus und Zentralasien dokumentierte, und viele Legenden und Volksgedichte übersetzte.

Mit 22 schloss er sein Studium der iranischen Linguistik an der Universität Leningrad ab. Im Jahr 1953 begann sein Studium am Institut für Sprachwissenschaft. Seine PhD Dissertation beschäftigte sich mit der Sprache der Tat von Nord-Aserbaidschan, die in einer Reihe von semi-isolierten Bergdörfer lebten. Im Gegensatz zu den damals zahlreicher jüdischen Tat von Dagestan, ein Teil der aserbaidschanischen Tat waren Schiiten, und andere armenischen Christen. Eine Gruppe, die berühmten Kupferschmiede von Lahidsch, noch hielten sich für Nachfolger der Persen, die in den legendären Zeiten des Schahname-Königs Kai Khosrow hier übersiedelt wurden.

Kupferschmied in Lahidsch bei der Arbeit, aus einem Reisebericht von 2011

Aber das meisten exotische Abenteuer des jungen Studenten passierte im Jahr 1958, in den Bergen von Badakhshan, Tadschikistan, auf der Yeti-Expedition der Akademie der Wissenschaften, die sich schell in eine Jagd nach die Sprachen und Folklore der Badakhschan-Bergbewohner entwickelte. Obwohl die westliche Welt die post-Everest Yeti-Begeisterung in 1955-56 schon überstanden hatte, war Russland in seiner üblicher Weise ein paar Jahre zurückgeblieben. Vladimir Obrutschev, der neunzig Jahre alt Patriarch der russischen Geologie brachte eine gewisse Unterstützung für die Hypothese des in den Bergen von Pamir – „das Dach der Welt”, wie man es stolz nannte – lebenden Yeti zusammen. Kirill Stanjukovitsch, ein renommierter Geobotaniker und Science-Fiction-Schriftsteller berichtete, dass ihm die Einheimischen über einen „wilden Mann” gesprochen hatten, den sie golub-yavan oder möglicherweise gul-bayavan nannten. Und im Jahr 1958 wurde Stanjukovitsch zum Leiter einer Expedition ernannt, an der irgendwie kein Primatenforscher Teil nahm – nur zwei Iranisten.

Der Sarez-See, der vermeintliche Lebensraum des golub-yavans, nach Kirill Stanjukovitsch
Aleksandr Gruenberg schloß der Expeditionsgruppe von Anna Rozenfeld an, die auch in Sankt Petersburg geboren wurde, aber eine Generation früher, und die auch Iranistin, Dialektforscherin, Folkloristin und Übersetzerin von Volksmärchen war. Anna Rozenfeld war ein Yeti-Skeptiker, die die Yeti-Frage als eine Gelegenheit für volkskundliche Sammlung auffasste. Zur Gruppe gehörten auch zwei Mitglieder ohne iranistischen Hintergrund: die junge Journalistin Valentina Bianki, Nichte des berühmten Naturforschers und Kinderbücher-Autors Vitalij Bianki, und der 55 Jahre alt Historiker und Soziologe Boris Porschnew, damals schon Vorsitzer der Abteilung westeuropäischer Geschichte am renommierten Institut für Geschichte, aber für die Nachwelt am besten für seine Yeti-Begeisterung bekannt. Jedes Mitglied der Expedition veröffentliche seinen eigenen Bericht über die Pamir-Abenteuer, aber es waren Porschnews Bände, die sie wirklich verewigten. Stanjukovitsch hat natürlich fiktive Geschichten über den Schneemann veröffentlicht, wo am Ende war es überhaupt nicht klar (wie in den echten Märchen), wie viel er aus den Erfahrungen der Expedition schöpfte, und wie viel seine Erfindung war. Die Rozenfeld-Gruppe forschte Pamiri-Sprachen, wie Vakhan, Shugnan, Rushan und Ishkashim, aber es stellte sich auch heraus, dass einige Chitrali-Stammesangehörige aus den südlichen Hängen des Hindukusch in Badakhshan lebten, als isolierte Nachfahren von den Sklaven, die im 19 Jahrhundert durch die berüchtigten zentralasiatischen Sklavenjäger entführt wurden.

Die Badakhshan-Bergketten und Dörfer, aus einem Reisebericht von 2012


Die Aufmerksamkeit von Gruenberg wandte sich daher zu den isolierten Diasporen der ethnischen Gruppen, deren Urheimat südlich der sowjetischen Grenze lag, aber die innerhalb der Grenzen der Sowjetunion studiert werden konnten. Zwischen 1958 und 1960 endteckte und dokuentierte er die Teymuri-, Jamshidi- und Sistani-Populationen in Saraghs und Kushka, im Süden von Türkmenistan. Dann hatte er die einmalige Gelegenheit, die seltenen Sprachen der Hindukusch-Täler zu studieren, als Übersetzer des afganischen Ministeriums für Bergbau. Zwischen 1963 und 1968 führte er umfangreiche Feldforschung im entlegenen Nuristan, dem legendären Zufluchtsort der Truppen von Alexander der Große, und dokumentierte zum ersten Mal Sprachen wie Munjani, Glangali und Kati. Leider erwartete ein großer Teil seines Feldmaterials noch Verarbeitung am Zeitpunkt seines plötzlichen Todes im Jahr 1995. Ein anderes unverwirklichtes Projekt war die gemeinsame Entwicklung zusammen mit der afganischen Akademie der Wissenschaften eines Dari-basierten Alphabets für Baludschi, Kafiristani, Pamiri und Pashai.

Saraghs-Baba-Mausoleum, Türkmenistan, 1024
Das tragbare Tonbandgerät revolutionierte die volkskundliche Sammlung, und im Jahr 1975 kehrte Gruenberg in Saraghs zurück, um die epischen Geschichten seines Sistani-Informanten Ismail Jarmamedov aufzunehmen. Ismail, geboren in 1915, gehörte zur ersten Generation der in Saraghs lebenden Sistanis. Gruenbergs poetische russische Übersetzungen von Jarmamedovs Märchen stellen mein geliebtes Buch von 1981 dar. Der Rustam-Zyklus der Sistani-Legenden ist ungewöhlich, als es aus teilweise rhythmisiertem Prose besteht, mit Gedichteinlagen. Die archaische Wortschatz und die einzigartigen wiederkehrenden verbalen Formeln und Wendungen der Handlung weisen darauf, dass er eine alte mündliche epische Tradition folgt, die an der Wurzel ganz verschieden von Firdausis Schahname sein kann. Da Rustam ein legendärer Held aus Sistan ist, und da in der sistanischen Version viele Namen und Ortstnamen anders klingen, Gruenberg meinte, dass dieser Legendenzyklus geht zu einem pre-Firdausi lokalen Epos zurück.

Angeblich ein trockener akademischer Aufsatz, ist das Buch der Märchen und Legenden von Sistan so wunderbar poetisch, dass es 75.000 Druckexemplar erreichte, und gewann eine riesige Popularität. Aleksandr Gruenberg nahm auch an zahlreichen anderen Übersetzungen zentralasiatischer Volkssagen und Märchen teil, oft ausdrücklich ihre poetischen Einlagen übersetzend. Er hat mit Hunderten von wunderbaren Versen zur Übersetzung von tatischen, türkischen und pamirischen Legenden und iranischen „anonymen Märchen” beigetragen. Die folgende wörtliche Übersetzung natürlich spiegelt nichts von ihrer Schönheit, aber für einen kleinen Vorgeschmack Gruenbergs Stil, stehe hier ein kanonisches Vorwort der Schahname-Kapiteln sowie anderer epischen sistanischen Geschichten:

Голос донесся с бескрайних небес,
с синего купола дальних небес:
«Мудрый рассказчик, дервиш-острослов
не надевает на слово оков;
страстным влюбленным, тоской обуянным,
мчится оно фарсанг за фарсангом,
ловко, как заяц, и сладко, как мед...».
Шайтан приказал нам посеять табак,
куришь — погибнешь, погибнешь и так!
Курит Аббас, что в Иране царем,
пусть себе курит, да дело не в нем...
Слова — это шерсть, я же войлок валяю;
слова — молоко, я же масло сбиваю.
Ложь безграничная — вот мой рассказ.
Верблюд на блохе едет в город Шираз.
Ива и тополь, сосна и чинар
 сладких плодов не приносят нам в дар;
гранат и айва, померанец и тут
сочные щедро плоды нам дают.
Хлебом пусть станет вершина Ходжа,
в мясную шурпу Хильменд превратится.
Явился старик, чтоб шурпой подкрепиться.
«Много не съесть мне,— старик говорит.—
Стар я, устал я, и почка болит.
Съел я три сотни бараньих голов,
ножек без счета — а все же не сыт!»
Eine Stimme wurde aus dem grenzenlosen Himmel gehört,
aus der blauen Kuppel des fernen Himmels:
„Weise Geschichtenerzähler, scharfzüngiger Dervisch
stell dein Wort frei, fliege es wie du wünschst,
jage es wie en sehnsuchtsvoller Liebhaber,
viele Parasangen auf einmal ablaufend,
flink, wie ein Hase, und flüssig, wie Honig!
Teufel gab uns Tabak und lehrte seinen Genuß.
Rauchen tötet dich, aber du wirst sowieso sterben.
Abbas, Schah von Iran hat auch geraucht, aber
lass ihn sein, denn diese Geschichte ist nicht über ihn.
Worte sind Wolle – ich mache Filze davon;
Worte sind Milch – ich mache Butter davon.
Meine Geschichte ist auch unmöglichen Lügen gespinnt,
ein Kamel reitet auf einem Floh in Shiraz.
Pappel und Weide, Zypressen und Pinien
geben uns keine Frucht zu speisen;
Granatapfel und Quitte und Maulbeerbäume
gefallen allen mit ihren süßen Früchten.
Wandle der Hojja-Berg in ein Haufen Brot um,
wandle der Helmand-Fluß in Lammsuppe um!
Ein alter Mann kommt für die nahrhafte Suppe.
Ich kann nicht viel essen, so sagt der Alte,
ich bin müde und schwach, und mein Bauch tut weh,
Ich aß ganze Haufen von gekochten Lammfleisch,
ich aß dreihundert Lammköpfe,
aber ich möchte noch ein bißchen mehr.”


In den letzten Jahren hat das Hozeye Honari Musical Center in Teheran in 32 CDs eine umfassende Sammlung der lebenden Schahname- und epischen Tradition aus den verschiedenen Provinzen des Iran veröffentlicht. Wir haben nur sechs der zweiunddreißig, und die sistanische CD ist nicht unter ihnen. Hören wir stattdessen diese lokale Version des Schahnames von einem lorestanischen (Westlicher Iran, Zagros-Gebirge) Geschichtenerzähler.

Ein alter Schahname-Sänger, Iran

Last minute Subotica



Karpatt, Pensez à demain (Denke an Morgen). Aus der CD Sur le quai (2011).

Unsere für 15-16 März geplante Reise nach Subotica/Szabadka, Serbien ist last minute nicht nur, weil aufgrund einer längeren Grippe ich konnte sie organisieren und ankündigen gerade jetzt, zehn Tage vor der Anfahrt. Aber auch, weil vielleicht dies ist der letzte Moment, dass wir das Stadtzentrum von Subotica, der Wiege der ungarischen Jugendstils noch intakt sehen, wie es während der Wohlstand der Wende des Jahrhunderts blühte, und wie es dann im Jahre 1920 von der neuen Grenze in einen Dornröschenschlaf erstarrt wurde.

Es verlautet seit einer langen Zeit, dass die Gemeinde Subotica einen großen Teil des historischen Stadtzentrums zerstören wolle, damit Einkaufszentren an ihrer Stelle zu bauen. Der Abriss wurde bereits mit dem renommierten Volkstheater auf dem Hauptplatz, zwei schönen Paläste von Ferenc J. Raichle, der Schöpfer des Jugendstils in Subotica, und vielen anderen Gebäude begonnen, deren Platz ist nun von Betonmonster besetzt, deren Bau aber wegen der Krise abgebrochen ist. Doch im Herbst 2012 hat die Gemeinde einen neuen Urbanisierungsplan vorgeschlagen, der nicht weniger als 1063 Gebäude in der historischen Innenstadt abbrechen, und damit praktisch das ganze architektonische Erbe des Jugendstils in Subotica vernichten würde.

Das war – dies wurde. Das Volkstheater auf dem Hauptplatz

Unsere früheren Posts über Subotica:
• Exhibition: Art Nouveau in Subotica
• Globetrotters in and of Subotica
• The railway station of Subotica: So ugly that already disgusting
• Spaniards, Bulgarians, Turks…
• …Chinese, American Natives and Russian conspirators in Subotica
Allerdings gehen wir nach Subotica nicht zu begraben, aber um das reiche architektonische Erbe einer am Jahrhundertwende sich dynamisch entwickelnden, lebendigen Stadt, sowie die Geschichte hinter diesem Erbe zu entdecken. Ausgehend vom Hauptplatz, werden wir von Haus zu Haus in dem vom Jugendstil und Eklektizismus geprägten alten Viertel der Stadt wandeln, die soziale Struktur der Stadt, die räumlichen und sozialen Beziehungen ihrer vielen ethnischen Gemeinschaften – Ungarn, Deutsche, Bunjevci, Serben, Juden – und die Entwicklung des historischen Stadtzentrums erkunden. Wir besuchen die beiden herausragenden Denkmälern, für deren Bau die aufstrebende Stadtführung mit einem guten Sinn zwei hervorragenden Jugendstil-Architekten, Dezső Jakab und Marcell Komor verpflichtet hat: die Synagoge (1908), eindeutig die schönste Synagoge in der zeitgenössischen Ungarn, und das Rathaus (1912), das auch zu den schönsten Jugendstil-Rathäuser des Landes gehörte. Wir werden die im Blog schon vorgestellte „Jugendstil in Subotica”-Ausstellung besuchen. Und schließlich werden wir den berühmten fin-de-siècle Erholungsort in Palić / Palics, die Jugendstil-Bauten entlang der Palićer See, des letzten Überbleibsel der uralten Pannonischen Meer zu besuchen.


Am 15, Freitag Morgen um 7 fahren wir mit dem Kleinbus von Budapest ab. Um 10-11 kommen wir nach Subotica an, und beginnen unsere Stadtrundfahrt. Inzwischen setzen wir uns für eine kurze Mittagspause im Jugendstil-Bau des Volkskreises oder nur in der serbischen Konditorei gegen die Synagoge, um die am wenigsten Sonnenlicht-Zeit zu verlieren. Um fünf gehen wir an die Ausstellung, dann freie Stadtbesichtigung.

Am 16, Samstag treffen wir uns auf dem Hauptplatz, der an diesem Tag ein Hochzeit-Schauplatz ist, mit wechselnder balkanischen Blechmusik und in Eleganz konkurrierende Hochzeitsgäste, und vor allem mit dem Rathaus, das an diesem Tag für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Nach dem Rathaus gehen wir in die Synagoge über, und nachdem zur Palićer See. In Palić werden wir im Seerestaurant Mittag essen, und von dort fahren wir nach Budapest zurück.

Die Teilnahmegebühr beträgt 70 Euro, die die Reise von Budapest nach Subotica und zurück, die Unterkunft mit Frühstück, und die geführte Tour beinhaltet. Einzelzimmerzuschlag: 15 Euro. Anmeldeschluss: 8. März, Freitag.


Überblendung: Die Bestie

Emmanuel Fremiet (1824-1910): Gorilla entführt eine Frau, zweite Fassung, 1887 (die erste, vom Pariser Salon abgelehnte Fassung: 1858). Nantes, Musée des Beaux-Arts


Karikatur von Homer Davenport gegen den New York dominierenden „Crokerism“ (der Einfluss von Richard Croker), 1898

Plakat des amerikanischen Films Ravished Armenia (1919)

Illustration von Aubrey Beardsley (1894-1895) zu Poes Der Doppelmord in der Rue Morgue (1841)

Journal des Voyages, 31. Januar 1909. (Eine frühere Ausgabe von 1885 hier, und ihr Modell – eine der wichtigsten Quellen des Gorilla-Wahnsinns des 19 Jhs – hier und hier).


„Zerstört diese wütende Bestie! Trete in die amerikanische Armee ein!“ Anti-deutsches anglo-amerikanisches Kriegsplakat, 1917-1918 (Norman Lindsays australische Fassung von 1918 hier)

„Zerstört die deutsche Bestie!“ Nikolai Khaldogins Foto, Leningrad, Blokade, Dezember 1941 – Februar 1942. Das ursprüngliche Plakat hat nicht überlebt, aber seine farbige Version wurde 2011 für eine Filmaufnahme vorbereitet.

Gino Boccasile: Faschistische Propaganda-Briefmark mit einem amerikanischen Soldat, der die Venus von Milo verschleppt, und dieselbe Briefmark auf einem Umschlag in der von den Deutschen besetzten Norditalien, 1944, von hier



Lustbarkeit


an der Brücke des Jasselda, neben dem bereits erwähnten Malecz, am 3. März 1918, bei der Nachricht von Russlands Rückzug aus dem Krieg

beide Bilder können gut vergrößert werden

In einem Glas Wasser

Ein ganz kleines Schiff ging auf dem Meer.
Es beleuchtete stark, für sich selbst, und um gefunden zu werden.
Die dünne Mondsichel und die Milchstraße blinzelten zurück.
Es setzte alle Navigations-Fähigkeiten ein.
Vielleicht seine Karten waren alt. Oder ein Fehler schlich sich in die Berechnung ein.
Manchmal als ob etwas verschob am Rand des Horizonts.
Niemand.


Lied der Bettler


Wir haben mehrmals über die seltsamen Koinzidenzen geschrieben, die Spanien und Ungarn, diese zwei fines terrae des alten Europa mit geheimnisvollen Fäden verbinden. Als ein neueres Beispiel veröffentlichte die ungarische und spanische Presse in der gleichen Woche, dass dank der Krise und dem erstaunlich ähnlichen politischen Klima, aus beiden Ländern 500.000 Menschen auf der Suche nach Arbeit in Ausland gingen. Was natürlich bedeutet eine unterschiedliche Proportion in Ungarn, als in Spanien mit seiner fünfmal größer Bevölkerung.

Und es ist noch erstaunlicher, dass jene, die in den letzten hundert Jahren Spanien verließen, haben von ihrer Heimat Abschied genommen und sich im Ausland an sie erinnert mit dem Lied der ungarischen Bettler.


José Serrano, Canción húngara, von José Carreras gesungen

Das Lied ist die letzte Arie der traditionellen Zarzuela – Stück von Volkstheater – Alma de Dios, wo die ungarischen Bettler als eine bunte Nebenepisode auftauchen, um ihr Heimweh zu besingen. Vielleicht sogar der Ungar und sein Bär sungen es während ihrer Wanderung in der Dörfern der Pyrenäen. Das Stück, das in 1907 von José Serrano, der Autor der Hymne von Valencia geschrieben wurde, wurde durch dieses Lied in ganz Spanien sehr beliebt gemacht. Als Wang Wei sich daran erinnert:

In den 10er und 20er Jahren des 20. Jahrhunderts, mit dem Erfolg der Zarzuela (vor allem in der Gesellschaft von Madrid, wovon die Mode im ganzen Land verbreitete) wurde dieses Lied sehr bekannt, und von allen Arten von Menschen im ganzen Land gehummt. Meine Großmutter sung es mit einem solchen Gefühl, als ob sie eine ungarische Vertriebene wäre. Ich denke, ein wichtiger Grund dafür war, dass in diesen Jahren viele Menschen aus Spanien nach Amerika ausgewanderten. Auch der Vater meiner Großmutter bewegte in dieser Zeit nach Havanna, um Arbeit zu suchen. Er kehrte nach Hause mit mehr oder weniger dem gleichen Geld, als er abfuhr, aber nach langen Jahren von Trennung von seiner Familie, und natürlich älter und enttäuschter.

Andere haben sich auch daran erinnert, dass ihre Ur-Großvater während der Arbeit auf dem Feld immer dieses Lied sung. Und es kann kein Zufall sein, dass es in den letzten Jahren eine neue Popularität gewonnen hat, von solchen Meistern durchgeführt, wie José Carreras, Alfredo Kraus und Plácido Domingo.

Canta, mendigo errante,
cantos de tu niñez,
ya que nunca tu patria
volverás a ver.

Hungría de mis amores,
patria querida,
llenan de luz tus canciones,
mi triste vida.
Vida de inquieto
y eterno andar,
que alegro solo
con mi cantar.

Canta vagabundo,
tus miserias por el mundo,
que tu canción quizá
el viento llevará
hasta la aldea
donde tu amor está.

Es caminar siempre errante
mi triste sino,
sin encontrar un descanso
en mi camino.
Ave perdida,
nunca he de hallar
un nido amante
donde cantar.
Sing, wandernder Bettler
die Lieder deiner Kindheit,
denn wirst du schon niemals
mehr deine Heimat sehen.

Ungarn, meine Liebe,
mein geliebtes Land,
deine Lieder füllen mit Licht
mein trauriges Leben.
Mein rastloses Leben
und ewige Wanderschaft,
die ich nur durch Gesang
kann aufheitern.

Besing, Vagabund,
dein Elend in der Welt,
vielleicht dein Lied
wird von dem Wind genommen
in das ferne Dorf
wo deine Liebe lebt.

Eine ewige Wanderschaft
ist mein trauriges Schicksal,
ohne eine Pause
auf dem Weg zu finden.
Ein verlorener Vogel,
ich kann niemals finden
ein liebevolles Nest,
wo zu singen.

Zigeunerstadt


Man sagt, das El Vacie in Sevilla die älteste noch bestehende informelle Siedlung in Europa ist. Gegründet im Jahre 1932, sie wurde nach Francos Machtübernahme aufgebläht, als die ärmsten Familien aus Sevillas Stadtteil Triana – das einzige Stadtviertel über den Fluss, wo die Zigeuner seit dem 16. Jahrhundert als Schmiede der Region gelebt haben, und auch ihre religiöse Bruderschaft aufhalten – vertrieben wurden. Sie schufen mehrere Elendviertel am Rande der Stadt, aber sicherlich das berühmteste von ihnen ist El Vacie, die jetzt vollständing vom Friedhof und dem Autobahnkreuz eingeschlossen ist.


Offiziell leben 600 Menschen in der Siedlung, aber die Realität ist mehr als das Doppelte. Es gibt keine Wasserleitung und Kanalisation, und Strom wurde auch erst vor kurzem aus der Stat ausgeleitet. Es gibt Versprechungen von der Seite der jeweiligen Politiker, beinnend mit Franco, der in den 40er Jahren zur Siedlung kam, und Verbesserungen versprach, und seit damals hat jeder Politiker vor den Wahlen so getan, aber die Verbesserungen scheinen nicht zu kommen.


Es ist nicht leicht, die Siedlung zu betreten, geschweige denn zu fotografieren. Auch dem auf Río Wang vielmals erwähnte russischen Blogger Rustem Adagamov gelung es nur auf der Intervention der lokalen Sozialarbeiter.

„Die Betonblöcke wurden von der Stadt auf dem Gelände der ehemaligen Häuser gelegt, deren Bewohner soziale Wohnungen erhielten. Tatsächlich gibt est die Gefahr, dass sie die neue Wohnung verkaufen, und in El Vacie zurücksiedeln, weil sie nicht ohne die Gemeinschaft leben können.”

Die Siedlung ist in drei Teile aufgeteilt. Die eine ist von den spanischen Zigeunern, die andere von den portugiesischen Zigeunern, die dritte von Zigeunern aus Estremadura bewohnt.

Die vierzigjährige Urbana, eine portugiesische Zigeunerin wurde vor 26 Jahren zu einem lokalen Mann verheiratet. Heute hat sie sieben Kinder und sieben Enkelkinder, die alle in der Siedlung wohnen. Sie bauteten ihr Haus selbst, es gibt keine Heizung, obwohl der Frost ist nicht ungewöhnlich im Winter in Andalusien. Ihr Mann war ein Fabrikarbeiter, und jetzt leben acht Leute von seiner Invalidenrente von 350 Euro.


Aber die Bewohner der Siedlung sind nicht vollständig auf sich selbst überlassen. Spanische Freiwilligen haben im Jahr 1998 den Kindergarten Maria Angeles angelegt, der noch aus privaten Spenden erhalten ist. Acht bezahlte Mitarbeiter und zwanzig permanente Freiwilligen arbeiten hier, und darüber hiaus werden sie regelmäßig durch einen Arzt und Psychologe besucht. Sie bemühen sich, für all die Kinder der Siedlung Sorge zu tragen, von denen die meisten bekommen nur hier warmes Essen, heißes Wasser und Bildung, und sie aus dem Kreis der Armt und Kriminalität zu retten. Die Bewohner der Siedlung sprechen mit großer Dankbarkeit über ihre Arbeit. Natürlich gibt es auch eine andere Seite der Medaille: im letzten Sommerpause brachte man in den Kindergarten ein, und sie nahmen alles, so dass es zwei Monate dauerte, bis er wieder öffnen könnte. „So ist das Leben”, sagt resigniert eine Sozialarbeiterin, „hier Gut und Böse kämpfen miteinander jeden Tag. Einer von ihnen wird schließlich gewinnen.”


Vor kurzem hat die spanische TV-Sender Cuatro einen fünfteiligen (1 2 3 4 5) Dokumentarfilm über die Siedlung gestrahlt. Und im Jahr 2008 hat das TNT Theaterzentrum die Frauen der Siedlung überzeugt, Bernarda Albas Haus von García Lorca auf der Bühne zu setzen. Die Akteure des Dramas wurden von Giovanni Nardelli in ihrem alltäglichen Milieu fotografiert.



Ars magna lucis et umbrae


Ich wollte auch meine zwei Cent zum von Lloyd gestarteten Thema Meridiane hinzufügen, und jenes kleine italienische Buch über die Kunst der Sonnenuhren vorführen, das ich vor fast zwanzig Jahren in einem kleinen, abgelegenen Laden der Trastevere kaufte, wo man alle Arten von selbstgemachten Zeitmessgeräte feilbot, jede Sekunde tropfende Wasseruhren, Kerzen mit pro Stunden unterteilten Dochten, als camera obscura funktionierende Ringe mit einem Loch und mit der Aufschrift Carpe diem. Aber das Leben eilte mir entgegen.

Heute habe ich begonnen Umberto Ecos neues Buch zu übersetzen: Storia delle terre e dei luoghi leggendari – fabelhafte Länder, legendäre Orte, so lautet sein Arbeitstitel, aber das Buch fügt eine weitere Wendung dazu, was man erwarten würde. Es handelt sich nicht einfach über imaginäre Welten, wie man bei Eco, vom Baudolino bis zu Die Insel des Vorigen Tages gewöhnt ist, sondern darüber, wie die fanatischen Leser die fiktiven literarischen Orte ernsthaft nahmen, von der Antike bis Dan Browns Priorat von Sion. Und schon im ersten Kapitel über die Antike werden wir von unseren guten Freunden, den Meridianen begrüßt.

Che la terra fosse tonda lo sapeva naturalmente Tolomeo, altrimenti non avrebbe potuto dividerla in trecentosessanta gradi di meridiano, e lo sapeva Eratostene, che nel III secolo avanti Cristo aveva calcolato con una buona approssimazione la lunghezza del meridiano terrestre, considerando la diversa inclinazione del sole, a mezzogiorno del solstizio di primavera, quando si rifletteva nel fondo dei pozzi di Alessandria e di Syene, di cui si sapeva la distanza reciproca.Natürlich Ptolemäus war auch bewusst, dass die Erde rund ist, sonst hätte er sie nicht in 360 Grade unterteilt; und es war auch dem Eratosthenes bekannt, der im dritten Jahrhundert v. Chr. die Länge des Meridians der Erde mit einer guten Annäherung berechnete, unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Einfallswinkel der Sonne zum Zeitpunkt der Frühlings-Tagundnachtgleiche, wenn sie sich am Mittag in der Tiefe der Brunnen von Alexandria und Syene, deren Abstand bekannt war, spiegelt.

Eco, der in seinen populären Alben – Die Geschichte der Schönheit, Die Geschichte der Häßlichkeit, Die unendliche Liste – Trivia mit raffinierten Problemvorschlägen verführerisch vermischt, ist einem Super-Jongleur ähnlich, der mit hundert Kugeln auf einmal spielt, und wenn er fünf davon fallen lässt, ist es kein Problem. Der Übersetzer muss aber auch die fünf verlorenen suchen und abbürsten, als ob nichts geschehen wäre. Dies ist, was ich jetzt zu tun versuche.

Wenn die Sonne sich am Mittag in der Tiefe eines Brunnens spiegelt, das bedeutet, dass sie genau senkrecht, oberhalb der gegebenen Lage steht. Wenn sie sich in der Tiefe zweier Brunnen spiegelt, dann gibt es keinen Unterschied zwischen den beiden Einfallswinkeln, so dass daraus nichts berechnet werden kann.

Die Realität ist, dass Eratosthenes, der alexandrinische Bibliothekar erfuhr es von einer aus dem südlichen Syene – dem heutigen Assuan – kommenden Karawane, dass die Sonne sich in den Brunnen der genau unter dem Wendekreis des Krebses liegenden Siedlung nur einen Tag des Jahres spiegelt, am 21 Juni, das heißt, am Tag des Sommersonnenwende. Er hat im gleichen Moment den Einfallswinkel des Sonnenlichtes in Alexandria (7°12') gemessen, und er fand, dass er ein Fünfzigstel eines Vollkreises ist, demzufolge soll die Länge des vollen Meridians Fünfzigfache der bekannten Entfernung der beiden Städten sein. Der daraus resultierende Umfang der Erde – 39.690 Km – unterscheidet sich nur unwesentlich von den heute bekannten 40 Thausend.

Die Geschichte der Messung wird wohl von einem englischsprachigen Interview mit Eratosthenes zusammengefasst, das auch ein modernes Diagramm anbietet. Aber im Interesse einer größeren Glaubwürdigkeit zitiere ich sie vom exzentrischen barocken jesuitischen Gelehrten, Athanasius Kircher selbst (Ars magna lucis et umbrae, Amsterdam 1671, 638-639), dessen Werke, wie Eco behauptet, finden sich alle (mit Ausnahme eines) in seiner persönlichen Bibliothek.


Hac solertia legimus Eratosthenem terrenae molis quantitatem indagasse; assumptis duabus urbibus Syene, & Alexandria sub eodem meridiano in planissima Aegypti regione sitis, quarum distantiam in stadijs 6183⅓ cognitam, ut prius, summo studio exploratam habebat. Quibus notis nihil aliud requirebatur, nisi ut eandem distantiâ in gradibus quoque notam haberet, quam ea, qua sequitur solertia invenit. Cùm tempore solstitij Syene urbs sub tropico ♋ immediatè sita, hora meridiana sit ἁσκιη, & umbra in seipsa sine ullo angulo cum gnomone facto consumatur: hoc tanquam cognito, Alexandriae eodem temporis momento dieque gnomonem erexit, diligenter angulum, quem gnomon cum umbra ad verticem faciebat, observando: hic enim erat, ut paulò post demonstrabimus, arcui meridiano inter assumptas urbes aequalis. Sed rem paradigmate demonstremus, etc.Über Eratosthenes lesen wir, wie einfühlsam er die Ausbreitung der Erde gemessen hat, aufgrund zweier Städte, Syene und Alexandria, die in der flachen Region von Ägypten, unter dem gleichen Meridian lagen, und deren Abstand von 6183 und ein Drittel Stadien wurde zuvor von ihm mit größter Sorgfalt festgelegt. In Bewußtsein dessen brauchte er nichts mehr als die Abstandswinkel der beiden Städten, die er in der folgenden genialen Weise bestimmt hat. Als in Syene, die unmittelbar unter dem Wendekreis des Krebses liegt, am Tag der Sommersonnenwende ist die Stunde des Mittags ἁσκιη, ohne Schatten, das heißt, der Schatten fällt genau mit dem vertikalen Gnomon zusammen, durch Beobachtung der Abweichung des Schattens des Gnomons von der Vertikale im selben Moment in Alexandria berechnete er, wie wir es bald auszeigen, die Winkeldifferenz zwischen den beiden Städten. Aber sehen wir die Demonstration Schritt für Schritt, etc.

Aufgrund all dessen änderte sich meine Übersetzung wie folgt:

…und es war auch dem Eratosthenes bekannt, der im dritten Jahrhundert v. Chr. am Tag der Sommersonnenwende am Mittag, wenn die Sonne sich in der Tiefe des Brunnens von Syene spiegelt, hat die Länge des Meridians der Erde auf der Grundlage des in Alexandria gemessenen Einfallswinkels bestimmt, deren Abstand von Syene ihm bekannt war.

Solche Korrekturen, Dutzende pro Volumen, werden natürlich immer an den italienischen Herausgeber zurückgeschickt, der dafür immer Dank sagt, und sie nie in die neuen Ausgaben einführt. Daher, wie schon lange bekannt, liest ein gebildeter Europäer Eco nur in ungarischer Sprache.